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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über das Leben 1

Gedichte über das Leben erlauben eine große Vielfalt an Themen und Gedanken, eigentlich enthält fast jedes Gedicht einen Aspekt des menschlichen Lebens. So ist die Spannweite der Themen hier recht groß, wobei der Schwerpunkt Gedichte sind, die das Leben als Ganzes betrachten, ergänzt um Lebensthemen, die nicht durch andere Seiten beim Lyrikmond aufgefangen werden konnten.

 
 

Das Leben nach Wilhelm Busch

Für Wilhelm Busch ist das Leben nur eine kurze Unterbrechung der Ewigkeit, in Anbetracht des durchkommerzialisierten Lebens heute würde man es wahrscheinlich eine Werbepause nennen.

Busch: Mein Lebenslauf

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Das menschliche Leben, zum Zweiten

Das Gedicht von Felix Dörmann erinnert in Stil und Machart etwas an die Lebensklagen aus dem Barock. Es ist also anscheinend nie zu spät, ein Barocker zu werden.

Dörmann: Menschenleben

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Gedicht übers Wollen

Man will so viel im Leben, aber was davon erreicht man wirklich? In diesem Gedicht über das Leben sind die Wünsche bescheiden bis zum Ende.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Ich will

Ich will leben
Ich will den Wind spüren
Und den Regen

Ich will Wege gehen
Die nirgends hinführen
Oder im Kreis

Ich will nicht nehmen
Weder Geld, noch Gut, noch Ehren
Nicht plündern, nicht gieren
Alle Schätze verschwinden
Im ewigen Eis

Ich will sein
Und jeden sein lassen nach seiner Art
Dann wäre ich nie allein
Und wenn die Zeit gekommen
Könnt ich gehen ohne Spuren
Ganz leis

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Das Leben und das Ich

Die Sache mit dem Ich ist nicht so einfach. Es ändert sich ständig und das Ich eines alten Mannes hat mit dem gewesenen Kind nichts mehr gemein. Das sieht auch die Stimme dieses Gedichts über das Leben so und verschiebt die Ichfindung ins Nimmermehr.

Ernst Lissauer · 1882-1927

Besinnung

Und plötzlich dünkst du dich uralt.
Das Leben ist dahingerauscht.
Du staunst dich an so fremdgestalt,
Als sei dir Ich mit Ich vertauscht.

Du bist’s, aus Glück und Gram gewebt,
Unlösbar du aus Fleisch und Geist!
Du bist das Kind, du hast’s gelebt,
Ob du dich selbst auch nicht mehr weißt.

Du bist es nicht. Längst starb dem Mann
Das Kind, das dumpf gebunden lag.
Er fängt mit jedem Tag sich an,
Aus Wirken baut er seinen Tag.

Du Ewigeins, du Mannigfalt!
Der stets sich fand, sich stets verlor!
Warst nie Gestalt, bist nie Gestalt,
Du stehst dir selber erst bevor.

Du glänzt dir fern, ein Luftgebild,
Schon nahst du, schon berührst du dich,
Allein es löst sich und zerquillt,
Du schreitest weiter gen das Ich.

Und all dies Wandern auf dich zu,
Und was du rastest, was du irrst, –
Der du dich nie erreichen wirst,
Bist du.

Ernst Lissauer im Lyrik-Lädchen.

 
 

Über das Leben: expressionistisch

Die expressionistische Variante der Vorgedichte liefert August Stramm mit einem „Raum-Zeit-Raum“-Refrain, wobei der Titel den Schwerpunkt eigentlich nicht beim Leben setzt.

Stramm: Urtod

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Gedicht über das Leben und das Lieben

Wie so oft im Leben, braucht es auch in diesem Gedicht einen zweiten Anlauf, um auf die richtige Lösung in Sachen Leben und Lieben zu kommen.

Dyrk Schreiber · geb. 1954

ins medaillon

groß am leben ist das lieben
groß am lieben ist das unglück
groß am unglück ist der tod
groß am tod
groß … am tod
groß … am …
groß am leben ist das lieben
groß am lieben ist das leben
groß am leben ist das leben

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Kommentar:
Dieses Gedicht ist ein Kandidat für das Gedicht des Jahres 2018.

 
 

Lebensgang und Gewitter

Ein Gedicht, das ein paar Kurven fährt, bevor es zum Thema kommt. Prompt folgt das Gewitter, und an der letzten Kurve warten die Hunde.

Nicola Quaß · geb. 1974

Gewittermusik

Von der Tiefe des Meeres wissen wir wenig.

Wir stecken in diesem Traum fest
wie in einem hängen gebliebenen Film.

Deine Augen werden,
wenn ich sie lange genug betrachte,
zum Spiegel.

Hättest du diesen Satz
bei tosendem Donner wiederholt?

Wie ist das, vorwärts zu gehen,
und die Seele hinterher?

Where is home and how to get there?

Eines Morgens spürte ich: es geht vorbei. Menschen verschwinden,
doch die Dinge gehen nicht mit.

So brach Gewittermusik lichtblau über mich ein.

Die Welt, wie sie ist, unterhalb der Wortschwelle: panisches Trommeln, wilde Kalligraphie.

Der Park weiß, wie man in ihm spazieren geht.
Wir beide, Hand in Hand, ein leichter Regen.

Hunde betreten die Straße.

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Gedicht über gelebtes Leben

Eine etwas distanzierte Haltung zum Leben wird in diesem Gedicht präsentiert: Das Leben lebt sich selbst.

Karl Röttger · 1877-1942

So lebt sich das Leben ...

So lebt sich das Leben – die vielen
Leben. Es gleitet; es schwebt.
Es lebt sich. Wie Kinder spielen.
Und wie ein Webstuhl webt.

Wie ein Fluss fließt. Und wie Lüfte
Nah – und schon ferne sind
Wie schwebende Gartendüfte
Stark – – und verweht im Wind.

So lebt sich das Leben. Wir können
Nur stumm sein und schauend stehn
Und jedem Leben gönnen
Sein Kommen und Entfliehn.

Ist alles vollendet und schwebend;
Ist ohne Absicht und Ziel;
Und alles sich selber lebend:
Wie im Abend ein Tanz der Mücken,
Ein Lied und ein Kinderspiel ...

Karl Röttger im Lyrik-Lädchen.

 
 

Die Straße des Lebens

So richtig glücklich scheint der menschliche Weg entlang der Straße des Lebens nicht zu sein, denn die Antwort auf die entscheidende Frage ist auf der Straße nicht zu finden.

Paul Zech · 1881-1946

Straße ...

Ist eine lange Straße gesponnen
Aus der Stadt, durch den Wald, in die Welt.
Wo sie beginnt, haben wir alle begonnen:
Allein auf die Kraft unserer Schritte gestellt.

Tags wandern auf Wolken die Jahre,
Nachts bleiben bei Sternen sie stehn.
Manchmal berühren uns Dichter und manchmal die Haare
Der Tierfrau im Wald bei den zärtlichen Rehn.

Die Bäche spiegeln verstörte Gesichter
Und die Häuser am Rande spiegeln uns auch.
Und wünschen wir einmal die flüchtigen Lichter
Uns näher, verschluckt sie ein eisgrauer Rauch.

Die Straße will nirgends verweilen,
Bewegung wird Schwärze und Stein,
Und wir lesen zwischen den schwarzen Zeilen
Auch unser verfluchtes Allein.

Da wandern wir mutlos die Straße im Kreise
Auf falschen Geleisen herum
Und fragen am Ende der Reise
Mit leergewanderten Augen –: Warum?

 
 

Das erstaunliche Leben

Betrachtet man das Leben durch eine annahmelose Brille, bleibt nur das Staunen und das Staunen über das Staunen, das zumindest behauptet dies erstaunliche Gedicht über das Leben.

Werfel: Ich staune

Dieses Gedicht im TextformatGedicht in Anthologie

Franz Werfel im Lyrik-Lädchen.

 
 

Das Leben der Anderen

Von außen betrachtet erscheint das Leben der Anderen wohlgeordnet und zufrieden. Da bleibt dem Außenseiter in diesem Gedicht nur eine Frage.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Betrachtungen eines Außenseiters

Sie haben Jobs,
sie haben Freunde,
sie feiern Feste,
sie verlieben sich,
sie heiraten,
sie fliegen in ferne Länder,
sie haben Hunde,
sie haben Kinder,
sie fahren große Autos
und manche
bauen gar ein Haus.
Sie leben ihr Leben,
wie man das Leben leben soll.
Wie machen die das bloß?

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Gedicht über das Leben eines Bachs?

Paul Heyse schreibt über das Leben eines Bachs und doch liegt der Verdacht nahe, dass Paul Heyse nicht über das Leben eines Bachs schreibt. Zu kompliziert? Eigentlich ganz einfach:

Heyse: Mit Sausen und Brausen ...

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Das Geschenk des Lebens

In Form und Sprache ein bisschen an Klopstock erinnernd beklagt das folgende Gedicht über das Leben, dass der Mensch nicht so recht weiß, was er mit dem Geschenk der Götter anfangen soll.

Hartleben: Gesang des Lebens

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Ein Gedicht über uns

Warum passieren so viele schreckliche Dinge auf dieser Welt? Die Erklärung ist ganz einfach, sie sind gar nicht schrecklich, sondern werden begangen nach bestem Wissen und Gewissen. So ist das Leben.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Worin wir wirklich gut sind

Man kann über uns sagen, was man will,
und es lässt sich
in Anbetracht des Zustands dieser Welt
viel Schlechtes über uns sagen,
aber eins,
das können wir:

Egal
ob wir jemanden belügen
oder Tiere industriell töten,
egal
ob wir jemanden mobben
oder ganze Völker in Not und Elend stürzen,
egal
ob wir jemanden foltern
oder einen Vernichtungskrieg führen,
am nächsten Morgen
können wir immer noch vor dem Spiegel stehen
und sagen:

Ich sehe
die Welt auf die richtige Art und Weise.
Ich tue,
was recht und billig ist.
Ich bin
ein guter Mensch.

Darin
sind wir wirklich gut.

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Gedicht über das gut eingerichtete Leben

Haben wir uns nicht ganz wunderbar ins Leben eingerichtet? Mag sein, aber das reicht nicht:

Claudia Ratering · geb. 1961

Es ist soweit

Wir haben den Säbelzahntiger
nicht besiegt, doch
seine Nachfahren sind uns heute
geliebte Haustiere.

Wir haben uns Häuser gebaut
mit künstlichen Feuerstellen,
verschließbaren Türen und
verglasten Fenstern.

Wir lieben unsere Gärten,
pflegen unsere Weinkeller.
Wir tragen Mode
und besitzen schöne Dinge.

Nun bebt die Erde
Katastrophenalarm
mit Stürmen und Fluten,
mit Feuer und Dürre.

Überrascht sehen wir auf
und blicken über die
Schulter zurück
in die Welt.

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Kommentar:
Mehr Gedichte von Claudia Ratering gibt es auf Ihrer Homepage www.claudiaratering.de.

 
 

Gedicht über eine Lebenseinstellung

Eine bittere Lebenseinstellung wird in diesem Gedicht zelebriert. Das Ich schwankt zwischen Verachtung und Gleichgültigkeit.

Valeri Brjussow · 1873-1924

Verachtung

Verachtung zu mir selbst und zu der ganzen Erde
ist meine einzige und bittere Gebärde.
Wie hätte ich geliebt! ... – Nun suche ich nicht mehr ...,
denn jeder Traum ist falsch und jeder Wunsch ist leer ...
Ob mir die Wahrheit einst ihr Antlitz ganz enthüllt,
ob einst mein Name klingt, ob einst bekannt mein Bild,
ob viele Jahre noch ein Gott mir Leben gibt,
ob die, die mich erfüllt, mich wirklich wiederliebt, –
mir ist das alles gleich und ferner Schatten Spiel.
Das Leben kenne ich, doch nicht des Lebens Ziel.
Ich treibe wie ein Blatt, das in den Strom gefallen ...
Verachtung fühle ich, zu mir, zur Welt, zu allen ...

Aus dem Russischen übertragen von Karl Roellinghoff

 
 

Selbstfindung zum Geburtstag

Wenn niemand anderes es tut, dann schreibt man sich halt selbst ein Geburtstagsgedicht und lässt seinen Gedanken über das Leben freien Lauf.

Isabelle von der Trave · geb. 1962

Geburtstag

Mich zu ehren entzünde ich eine Wunderkerze
mich zu ehren begründe ich eine neue Welt
für mich zerhaue ich den Knoten
für mich erbaue ich ein Schloss

Mir zu gefallen plage ich mich
mir zu gefallen klage ich an
mich zu beweisen schau ich in den Spiegel
mich zu beweisen bau ich die Mauer
und steige darüber
und feige zurück

Zum Wohlfühlen kleide ich mich
mein Ich zu spüren, leide ich gerne

Mich zu loben schmerzen die Wunden
mich zu loben scherzen die Schönen
und zeigen sich stolz
und neigen das Haupt

Mir zu Ehren sprüht eine Wunderkerze
mir zu Ehren glüht ein Funke Hoffnung
für mich haut das Schwert
für mich klaut der Traum
mir zu gefallen leidet die Welt
mir zu gefallen neidet der Tor

Mich zu finden sterbe ich täglich
mich zu finden werde ich stündlich.

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Gedicht über Zukunftsängste

Eine besondere menschliche Spezies nimmt Gustav Falke aufs Korn: die ewigen Pessimisten.

Falke: Die Sorglichen

Dieses Gedicht im TextformatGedicht in Anthologie