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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Traurige Gedichte 1

Traurig, aber schön sind die Gedichte auf dieser Seite. So wie der Herbst ein dankbares Thema für außergewöhnliche Naturgedichte ist, so sind traurige Anlässe ein guter Nährboden für besondere Gedichte. Dabei muss nicht unbedingt der Tod Anlass sein, auch im Leben gibt es genug Situationen, die einen Dichter traurig stimmen können, und wer zu tief über das Leben sinniert, kann gar nicht anders als auf traurige Gedanken kommen.

 
 

Ein trauriges Gedicht von Rilke

Ein eingesperrtes Tier ist der Anlass für dieses berühmte, doch traurige Gedicht. Wer es vor dem Kassenhäuschen eines Zoos vorträgt, wird wahrscheinlich abgeführt.

Rilke: Der Panther

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Der Panther

 
 

Depression im Gedicht

Selbst die Idee, dass es auch anders geht, rettet das lyrische Ich in diesem Gedicht nicht vor dem Versinken in Traurigkeit. Im Gegenteil: Der Kontrast verstärkt den Schwarzton.

Arno Holz · 1863-1929

Eintönig ...

Eintönig
rieseln um mich die grauen Tage. Eintönig sinken auf mich die schwarzen Nächte.

Eintönig
spinnt sich um mich
mein
totes, leeres, taubes
Dasein.

In
dunkele Träume
heult
der Wind;
schwere, dumpfe,
hohl
auffallende
Tropfen, durch die Regenrinne,
zählen die Zeit
ab.

Irgendwo scheint jetzt ... Sonne! Irgendwo
hofft,
lockt und lacht,
lenzblau,
Jugendlust! Schaffensdrang! Werdelust!

Irgendwo
springsprüht, blinkblüht,
herzjauchzt
Glück!

Ich werde nie wieder die Läden aufstoßen! Ich werde nie wieder
Firn-,
Himmels- und Sternenäther
atmen!

Ich
werde ... nie ... wieder
genesen!

In
meinen ... Blumen
fault
Finsternis!

Gedicht in Anthologie

 
 

Trauriger Morgen

Eine triste Stimmung am Morgen in zwei kurzen Strophen schildert dieses Gedicht, das sich dabei erlaubt das Metrum zu wechseln: vom Trochäus (Xx) zum Jambus (xX).

Ernst Lissauer · 1882-1927

Gram

In der Ecke,
Über dem verhängten Fenster an der Decke,
Wächst ein weißer Streifen Morgenlichts.

Es freue sich, wer gerne lebt!
Vom Tag, der jetzt anhebt,
Erhoff’ ich nichts.

 
 

Die Traurigkeit des Lebens

Kurt Walter Goldschmidt schildert die fast unüberwindbare Isolierung des Einzelnen in diesem traurigen Gedicht. Da das Gedicht mindestens 70 Jahre auf dem Buckel hat, ist die Frage: Hat all der Fortschritt seitdem Verbesserung gebracht?

Kurt Walter Goldschmidt · 1877-1942

Mauern

Wir gehen aneinander vorüber,
Jeder in sich und sein Schicksal gebannt –
Wir schicken Gruß und Gebärde hinüber
und leben jeder in anderem Land ...
Aber hinter Wällen und Mauern,
Die sich unsichtbar zwischen uns baun,
Lebt der einsamen Seelen Trauern
Und der verwirrten Geschöpfe Graun.
Suchender Sehnsucht trübe Funken
Schwirren über den Mauerrand –
Aber schon hat sie die Nacht getrunken,
Ehe das Licht zum Ziele fand ...
Und von der nächtlichen Schwermut Fächeln,
Von der Wehmut des jähen Verwehns
Bleibt nur der wissenden Seele Lächeln
Über den kurzen Trug des Verstehns. –
Alles wähnt, im andern zu leben –
Wenige küssen im Dunkeln sich sacht,
Wenn die Mauern klingend erbeben –
Doch über allen brütet die Nacht. –

Gedicht in Anthologie

 
 

Traurige Nächte

Eigentlich sind die Nächte zum Schlafen da, aber wenn man wach liegt – oder „verwacht“, wie der Dichter schreibt – und grübelt, kann das Ergebnis nicht besonders erfrischend sein.

Julius Havemann · 1866-1932

In der Nacht

Oft in der Nacht,
wenn der Mond auf mein Kissen scheint,
lehnt es sich sacht
mir ans Ohr und weint.
Und ich kann mich nicht rühren und kann nicht fragen:
Was kommst du mir klagen?

Oft in der Nacht
lieg’ ich in Stummheit und dunklem Bluten
tief verwacht
in meines Herzens roten Fluten
und ist in den Weiten nicht eine Hand,
die mich zöge an ein festes Land.

Oft in der Nacht
starr’ ich hinauf in das ewige Schweigen
und sehe die Macht
der Götter entthront ins Dunkel steigen;
und aus Nichts beginn’ ich in Lieben und Lügen
die Welt zu fügen.

 
 

Mangel an Liebe

Ein ganzes Bündel an Traurigkeit bietet das folgende Gedicht: Einsamkeit, Depression, Sehnsucht und den Wunsch nach einem Ende.

Camill Hoffmann · 1879-1944

Der Ungeliebte

Eingegraben in seinen Kummer
Dem kranken Tier gleich im Höhlengrund,
Das Herz voll Angst, die Augen ohne Schlummer,
Zählt der Ungeliebte die Zeit, Stund um Stund.

Der Tage sieben vergehen, Bettler mit unnützen Händen,
Der Nächte sieben, schwarz wie ein Krähenzug.
Tränen der Einsamkeit fließen von den Wänden.
Auf dem Tische säuert der Wein im Krug.

Eisblumen wachsen von seinem Hauch an den Scheiben,
Der Winter ist seines Herzens einzige Jahreszeit,
Wenn Frost die Bäume zerbricht und Schneewolken treiben,
Wenn vor dem Fenster der Schnee sich häuft wie Berge von Leid.

Der Ungeliebte späht, wie die Wolkenschatten sich ändern.
Ihn lockt es lang nicht mehr mitzuziehn,
Die Sonne friert über allen Meeren und Ländern.
Nirgendwo grünt die gute Heimat für ihn.

Er sucht im Herzen den Tau einst trostreicher Wiesen.
Verschollen weht ein Duften vorbei.
Die Mutter liebte nicht Rosen, sie liebte diesen
Hauch von Salbei.

Kein Heimweh brennt seine Brust, kein Stern versengt seine Schläfe.
Verlangen zerfleischt ihn, der reißende Bär,
Ach, dass ihn einmal ein Menschenaug träfe!
Ach, dass ein Augenstern über ihm wär!

Der Aschenregen schwarzer Verzweiflung verdunkelt das Zimmer,
Der Ungeliebte stürzt in die Knie und fleht,
Er fleht um ein Lächeln, den einzigen gnädigen Schimmer
Des Menschengesichts, das ewig durch seine Träume weht.

Er weiß, das Leben währt lang, und endlos das Alter,
Und Trübsal nährt gut den Docht des schwankenden Lebenslichts.
Wann dämmert endlich der Tag, an dem der einsame Falter
Der Seele entflattert ins Nichts?

 
 

Trauriges Herz

Ein im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen gehendes trauriges Gedicht ist das folgende.

Samira Schogofa · geb. 1958

Versehrtes Herz

So viele Tränen hab’ ich aufgesammelt,
so viele Bitten hab’ ich leis gestammelt,
so viele Träume insgeheim erstarben,
so tiefes Sehnen schlug so tiefe Narben.
Mein weißes Herz, so ganz zerschunden,
birgt immer wieder neue Wunden.
Ein neuer Tag, ein neuer Schmerz
für mein verstört versehrtes Herz.

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Weltschmerzgedicht

Das deutsche Wort Weltschmerz ist auf der Welt schon ein bisschen herum gekommen und hat sich in andere Sprache eingenistet. In diesem Gedicht ist zumindest etwas Licht am Ende des Tunnels eingebaut.

Samira Schogofa · geb. 1958

Weltschmerz

Ich,
weinende Welt
unter totem Laub.
Die Nacht verendet
im kalten Morgenwind.
Dann versickern die Tränen,
und alles erfindet sich neu.

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Ganz unten

Wie das ist, ganz unten anzukommen, davon versucht dieses Gedicht zu erzählen.

Susanne Staudinger · geb. 1967

Das Mädchen mit den langen gelben Stiefeln

Das Mädchen in den langen gelben Stiefeln,
das auch im Regen auf der Straße steht,
es kennt vom Leben nur die tiefsten Tiefen
und ahnt, dass es ihm nie mehr anders geht.

Gezwungen, seinen Körper zu verkaufen,
wird es verprügelt, wenn es sich mal wehrt.
Allzeit verfügbar, muss es immer laufen,
und leisten, was auch immer Mann begehrt.

Der Trip nach Rom war eine böse Falle.
Der nette Freund entpuppte sich als Vieh.
Die Orte heißen Dresden, Weimar, Halle.
Bei Tage sah das Mädchen sie noch nie.

In aller Frühe wird es eingesammelt
und weiter in die nächste Stadt kutschiert.
Dann im Akkord auf jede Art gerammelt,
bis es den Sinn für Raum und Zeit verliert.

Kein Mitmensch ist bis heute eingeschritten.
Man tut so, als ob es sich gern verschenkt.
Die Mutter glaubt, es würde babysitten,
wenn sie beim Beten an ihr Mädchen denkt.

Im Romadorf gab‘s nicht mal Wasserleitung.
Ums Klo im Hof im Winter Schneesturm blies.
Als Tischtuch diente eine alte Zeitung.
Und doch, heut wär‘s das reinste Paradies.

Das Mädchen in den langen gelben Stiefeln,
das auch im Regen auf der Straße steht,
es kennt vom Leben nur die tiefsten Tiefen
und ahnt, dass es ihm nie mehr anders geht.

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Trauriges Gedicht von einem Vergessenen

Das ist ja das ganz gemeine Schicksal: Vergessen zu werden. Trauriger ist nur, wenn es schon zu Lebzeiten passiert. Und noch trauriger ist das:

Weissmann: Ballade vom Namenlosen

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Resignation

Dieses Gedicht ist sozusagen todtraurig, denn Gewinner sind anscheinend immer nur die Anderen.

Jakob Haringer · 1898-1948

Tot

Ist alles eins,
Was liegt daran,
Der hat Glück,
Der seinen Wahn.
Was liegt daran!
Ist alles eins,
Der fand sein Glück!
Und ich fand keins.

 
 

Noch ein Gedicht über Resignation

Dieses Gedicht singt das alte Lied von der völligen Vergeblichkeit des Lebens. Man könnte das auch Jammern auf hohem Niveau nennen.

Jakob Haringer · 1898-1948

Verbittert

Was man tut, man tut’s bloß aus Verzweiflung,
Wie man’s macht, man macht doch alles falsch!
Wie man lebt, das ist schon mehr wie Sterben –
Und es kostet mehr als bloß den Hals.
Keine Lust glänzt mehr mit weißen Fahnen,
Keine Freude, die Erinnern schickt,
Und wir haben nichts als unsere Namen,
Und ein Schicksal, das uns niederdrückt.
Es wär besser, wir wärn nie geboren!
Blieben Traum von einer armen Magd –
Unsre Bitten fanden keinen Himmel,
Doch ein Teufel uns zuschanden jagt.
Ach man lebt schon jenseits dieser Erde,
Und es kostet mehr als bloß den Hals –
Was man tut, man tut’s bloß aus Verzweiflung ...
Wie man’s macht, man macht doch alles falsch – –

 
 

Ein trauriger Anblick

Wenn man alles tut, was man kann, und es trotzdem nicht reicht, bleibt nur ein trauriger Anblick übrig.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Ihr roter Regenschirm ...

Ihr roter Regenschirm
hängt noch immer am Kleiderständer.
Wie oft hab ich ihn ausgeliehen!

„Dann müssen Sie wiederkommen“,
hat sie lächelnd gesagt.
„Das ist gut fürs Geschäft.“
Ja, sie hatte den Bogen raus,
wie man mit den Gästen umgeht.

Die Fenster der Pizzeria
sind lange nicht geputzt worden.
Von dem vergilbten Zettel an der Tür
hat sich ein Klebestreifen gelöst.
„Provisionsfrei zu vermieten“.
Auch das
scheint nichts zu nützen.

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Ein Kind, das traurig macht

Dieses Gedicht fängt hoffnungsvoll an, es entwickelt Phantasien, doch am Schluss steht das traurige Scheitern, das Versickern einer Liebe.

Guido Zernatto · 1903-1943

Das Kind

Als wir das Kind scheu in den ersten Nächten wünschten,
Fiel es uns ein, dass es unsterblich sei.
Ein Strom verfließend in unsagbare Weiten,
Botschaft, ausgeschickt in alle Zeiten:
Es waren zwei, die liebten sich! Es waren zwei.

Ich sah den Mond still übers Tal hinschweben
Und sprach zu ihr: „Sieh dort den Mond!
Er wird die Wiege unsres Kinds bescheinen,
In seinem Licht wird es die erste Nacht durchweinen.“
Sie lachte leis. „Du siehst den Mond!“

Sie hörte auf das Gehn der Uhr im Zimmer
Und sprach zu mir: „Hörst du die Uhr?
Sie wird mir meine schweren Stunden messen,
Auf keinen Augenblick wird sie vergessen!“
Ich lachte leicht leis. „Du hörst die Uhr!“

Wir wollten unsre Liebe lebend haben,
Wir dachten uns schon Kinderlieder aus!
Sie hub schon an, das Wäschezeug zu nähen,
Wir mussten oft uns in die Augen sehen
Und wussten schon: So sieht es aus!

Der Winter ist zu zeitig angekommen,
Der Mond scheint noch, die Uhr tickt noch durchs Haus:
Wir aber haben viel zu tun. Es ist viel kälter.
Wir gehen langsamer. Wir sind viel älter:
Wir lachen nicht. – Das Kind blieb aus.

 
 

Ein trauriges Gebet als Gedicht

Kurze Zeilen in einem Gedicht können Tempo erzeugen oder das Lesen eines Gedicht langsam und stockend machen. In diesem traurigen Gedicht ist Letzteres der Fall, was auch durch den gesprochenen Akzent zum Ausdruck kommt.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Gebet fernab jeglicher Heimat

Lieber Gott,
Ich weiß,
Du bist
Bei mir,
In mir
In Tisch,
In Stuhl,
In Bett,
In Blume am Fenster,
Überall.
Lieber Gott,
Ich weiß,
Meine Frau,
Meine Kinder
Sind
Bei dir.
Verzeih,
lieber Gott,
Ich wünschte
Sie bei mir!

Ich weiß,
Du hast nicht gemacht
Alkohol.
Mensch hat gemacht
Alkohol.
Du hast nur gemacht
Mensch.
Und Mensch
Macht Technik, Auto,
Und fährt mit Auto
Und Alkohol
Und …

Gott!
Warum so?
Warum so ist Mensch gemacht?
Warum
Tun wir uns Schlechtes?
Warum
Tun wir uns Böses?
Immer immer wieder.
Wir haben Kopf
Zum Denken.
Wir haben Herz
Zum Fühlen.
Und doch:
Wir lernen nicht.
Warum,
lieber Gott,
wir lernen nicht?
Ist Fehler?
Wie kann Fehler sein?
Du bist in uns.
Du bist!
Oder?

Lieber Gott,
Ich versteh nicht.
Ich weiß,
Ich darf nicht
Wünschen, aber …
Weißt Du?
Ich kann nicht mehr.
Ich wünschte,
Bitte verzeih,
lieber Gott,
Mich tot.
Amen.

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Wenn es dunkel wird

Seine ganze traurige Wirkung entfaltet dieses Gedicht, wenn man weiß, dass es Max Herrmann-Neiße im Exil geschrieben hat. Es bekommt dann eine größere Perspektive, die nicht nur auf ein Einzelschicksal beschränkt ist.

Herrmann-Neiße: Ein Licht geht nach dem andern aus

Dieses Gedicht im TextformatGedicht in Anthologie

Hinweis: Mehr Trauriges gibt es bei den Trauer- und Abschiedsgedichten.