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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Kurze Gedichte zum Nachdenken 1

Die kurzen Gedichte auf dieser Seite kommen nicht über etwa acht Zeilen hinaus. Gerade in der größtmöglichen Verknappung lässt sich manch ein Knalleffekt unterbringen, der zum Nachdenken anregt. Kurze Gedichte zum Nachdenken von Klassikern wie Goethe und Hölderlin bietet die folgende Seite.

 
 

Ein nachdenklicher Zweizeiler

Und hier ein Plädoyer für schweigende Biologielehrer. Aber vielleicht steckt hinter diesem Spruch auch mehr, müsste man mal drüber nachdenken.

Hugo von Hofmannsthal · 1874-1929

Erkenntnis

Wüsst ich genau, wie dies Blatt aus seinem Zweige herauskam,
Schwieg ich auf ewige Zeit still: denn ich wüsste genug.

 
 

Noch ein nachdenklicher Zweizeiler

Auf kürzest mögliche Weise wird mitgeteilt, dass mancher Treffer nicht mehr heilt.

Hugo von Hofmannsthal · 1874-1929

Worte

Manche Worte gibt’s, die treffen wie Keulen. Doch manche
Schluckst du wie Angeln und schwimmst weiter und weißt es noch nicht.

 
 

Kurze Anweisung zur Menschheitsliebe

Ein kurzes Gedicht über die Menschheit, die als Ganzes gesehen nicht viel Liebe verdient hat.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Der Nanking-Auschwitz-Express

Es gibt nur eine Möglichkeit die Menschheit zu lieben:
Geh ihr aus dem Weg,
lies keine Geschichtsbücher
und schmeiß endlich den verdammten Fernseher raus.

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Auschwitz ist sicher jedem bekannt, Nanking wohl weniger. Mir fiel einmal das Buch Die Vergewaltigung von Nanking in die Hände, das die Massaker japanischer Soldaten an Zivilisten im Jahr 1937 schilderte. Mehr als Durchblättern hab ich nicht geschafft, zu grausam war das, was dort geschildert wurde. Die Rede ist von 200.000 getöteten Menschen, wohlgemerkt in einer besetzten, nicht in einer umkämpften Stadt. Die Art der Tötungen kann man nur bestialisch nennen, obwohl menschlich eigentlich die richtige Bezeichnung wäre. Andere Tiere machen so etwas nicht. In einer kurzen John Rabe-Biographie sind Tagebuchausschnitte über die Geschehnisse in Nanking enthalten.

 
 

Kürzestes Gedicht zum Nachdenken

Das folgende Gedicht ist wirklich etwas kurz geraten. Dafür lässt es umso mehr Platz zum Nachdenken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Kurzes, reimloses Gedicht von unbestimmbarem Metrum über das Ich


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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Kleine Interpretationshilfe:
„Das Ich ist unrettbar." [Ernst Mach] Es ist nur ein Name. Es ist nur eine Illusion. Es ist ein Behelf, den wir praktisch brauchen, um unsere Vorstellungen zu ordnen. Es gibt nichts als Verbindungen von Farben, Tönen, Wärmen, Drücken, Räumen, Zeiten, und an diese Verknüpfungen sind Stimmungen, Gefühle und Willen gebunden. ... Die Vernunft hat die alten Götter umgestürzt und unsere Erde entthront. Nun droht sie, auch uns zu vernichten. Da werden wir erkennen, dass das Element unseres Lebens nicht die Wahrheit ist, sondern die Illusion. Für mich gilt, nicht was wahr ist, sondern was ich brauche, und so geht die Sonne dennoch auf, die Erde ist wirklich und Ich bin Ich.
(Herrmann Bahr, Dialog vom Tragischen, S. 96ff)

 
 

Gedicht über das Denken

Dieses Gedicht will anstiften zum Denken über das Denken, das Ich und das Nicht-Denken. Die Zusammenhänge sind vielleicht gar nicht so, wie man intuitiv meint.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Wenn du denkst ...

Wenn du denkst,
denkst du,
dass du deine Gedanken denkst.
In Wahrheit denken
deine Gedanken dich.
Wer bist du,
wenn du nicht denkst?

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Nachdenken über Sprache

Eigentlich ist Sprache blind. Mit Ausnahme von lautmalenden Wörtern gibt es keinen Zusammenhang zwischen den Buchstabenzusammensetzungen und ihrer Bedeutung. Doch wenn man dieses Gedicht lautlich analysiert und versucht ganze Sätze aus den Versen zu bilden, ergeben sich Zusammenhänge, über die man nachdenken könnte.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Kurze Geschichte des Universums

geboren
gelebt
gestorben
vergessen

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Vorfreude

Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude, doch macht es etwas nachdenklich, worauf sich das lyrische Ich in diesem Gedicht freut.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Vorschau

In einer Million Jahre,
wenn es schon lange keine Menschen mehr gibt,
wird dieser Planet seine Blütezeit erleben.
Unkraut,
dieses phantastische Unkraut
wird die Wüsten aus Sand und Beton besiegen,
und die Erde
wird der Grüne Planet genannt.
Darauf freue ich mich.

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Eine Frage zum Nachdenken

Eine interessante Frage stellt das nächste Gedicht. Der Titel allerdings ist eine Irreführung, er lügt sozusagen, um die Wahrheit zu sagen.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Science Fiction

Du sitzt
auf einem sterbenden Planeten
in einem sterbenden Sonnensystem
in einer sterbenden Galaxis
in einem sterbenden Universum
fest.
Findest du einen Grund,
aufzustehen?

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Haarfeines zum Nachdenken

Kleine Ursachen können gewaltige Wirkungen haben. Würde man stets daran denken, wäre Leben fast nicht möglich. So muss ein sehr kurzes Gedicht reichen, sich mal wieder bewusst zu werden, wie sehr man von haarfeinen Details abhängig ist, um die Sache dann – zu vergessen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Riss

Ein Riss haarfein.
An jenem Tag
dachte niemand ans Sterben.

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Die andere Perspektive

Hier wird die Ich-Perspektive aufgebrochen und eine Perspektive angeboten, die erschreckend oder erhebend ist, denn selbst wenn man nichts zu sein scheint, ist man mehr als man meint.

Morgenstern: Aus stillen Fenstern

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Ein kurzer Dialog zum Nachdenken

Dieses Gedicht mag nicht sehr tiefsinnig sein, aber die Art, wie der Dichter etwas zu Bewusstsein bringt, ist bemerkenswert.

Stephen Crane · 1871-1900

Ich sah einen Mann den Horizont verfolgen ...

Ich sah einen Mann den Horizont verfolgen;
Herum und herum im Kreis rasten sie.
Mich beunruhigte dies;
Ich sprach zu dem Mann:
„Es ist vergeblich,
Sie können niemals“ –

„Sie lügen“, rief er
Und rannte weiter.

Übertragen aus dem Englischen von Hans-Peter Kraus

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Kommentar von Hans-Peter Kraus zur Übertragung:
Das Original findet sich bei archive.org als Ausschnitt aus dem Buch The Black Riders and Other Lines. „accosted“ aus Zeile vier, das wörtlich „ansprechen“ heißt, habe ich anders übertragen, weil „Ich sprach den Mann an“ einen für mein Empfinden nicht zum sprachlichen Niveau des Textes passenden Binnenreim erzeugt hätte. Das „I said“ in der fünften Zeile wurde damit überflüssig, zumal die sich verjüngende Struktur des Textes durch „sagte ich“ wesentlich gestört worden wäre.

 
 

Gedankenmahlzeit

Beim folgenden Gedicht besteht sicher Ironieverdacht, doch gegen wen richtet sich die Ironie? Und was sagt der Text, wenn man ihn ganz unironisch liest? Mit scheint, dies ist ein kurzes Gedicht zum Nachdenken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Mittagsmahl

Ich aß eine Scheibe
trockenen Brotes
und trank dazu
eine Handvoll Leitungswasser,
und ich war froh;
froh, in einem Land zu leben,
das seine Bewohner jederzeit
mit solch Köstlichkeiten
versorgen kann.

UrheberrechtshinweisGedicht in Anthologie

 
 

Ein langes, kurzes Gedicht zum Nachdenken

Es ist ein wenig in die Länge gezogen, aber der Wortbestand ist der eines kurzen Gedichts. Worum geht’s? Um Partner, die zusammenpassen:

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Partner

Der Himmel
Die Sonne

Der Regen
Die Erde

Der Mond
Die Nacht

Der Mensch
Die Natur

Das Auto

Das Auto

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Der schreckliche Titel

Eine der meistgefürchteten Formulierungen bei einem Gedicht wurde hier als Titel verwendet. Was hat sich der Autor nur dabei gedacht? Ah, noch eine.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Interpretieren Sie dieses Gedicht

Jeder Mensch
ist
      ein Mensch.

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