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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über Todessehnsucht 1

Eigentlich sollte man sein Leben bis zur letzten Minute auskosten, eigentlich. Aber manchmal kommt das Gefühl auf, genug zu haben: Alles gesehen, alles erlebt, es wiederholt sich alles, die Neugier geht verloren. Und dann kann es schon sein, dass wie in den Gedichten auf dieser Seite eine Sehnsucht nach dem Ende aufkommt. Gut wäre es jedoch, die Gedichte nicht als Ermutigung zum letzten Schritt aufzufassen, sondern diesen Nullpunkt nachzuerleben, ihn zuzulassen, sich zu sagen: „Nun war ich da“, und daraus gestärkt hervor zu gehen, denn schließlich haben die Dichter nichts Anderes gemacht, sonst hätten sie die Gedichte kaum aufschreiben können.

 
 

Seelenmonolog

Dieser Monolog ist eigentlich ein Zwiegespräch mit der eigenen Seele. Originell ist die Beschreibung des traurigen Lebens in der dritten Strophe.

Blei: Trüber Abend

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Warten auf den Tod

Auch in diesem Gedicht ist Warten die letzte Option ob eines zu großen Lebensüberdrusses.

Dyrk Schreiber · geb. 1954

Auf der Parkbank

Da ihm oft Kämpfe abgerungen,
hart stets und ohne Lorbeer,
will er nur eines,
was einst klein und tief weggetaucht war,
nun aber ihm in bittrer Nähe haust,
jetzt, da die Schritte kurz
und die Gänge jungen Atem verlangen
und, oh Gott,
dieses Leben,
dieses Leben
nichts Großes gemeint haben konnte:

Sitzen bleiben,
einfach sitzen bleiben!
Bis es weiß wird -
und dann schwarz.

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Sehnsucht nach der Endstation

Was scheinbar als Zugfahrt beginnt, endet bei viel mehr. Tatsächlich scheint das Wort Eisenbahn eine ganz andere Bedeutung zu haben als umgangssprachlich üblich.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

In der Eisenbahn

Wie lange noch?
Wie lange, lange, lange noch?

Ich will nichts mehr.
Ich will nichts, will nichts, will nichts mehr.

Was soll ich noch?
Was soll ich, soll ich, soll ich noch?

Mich rührt nichts mehr.
Mich rührt nichts, rührt nichts, rührt nichts mehr.

Ich kreis nur noch.
Ich kreis nur, kreis nur, kreis nur noch.

Hier ist nichts mehr.
Hier ist nichts, ist nichts, ist nichts mehr.

Wie lange noch?

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Die fröhlichen Toten

Dieses Gedicht über Todessehnsucht erinnert in seinen Anklängen an die griechische Mythologie an Conrad Ferdinand Meyers Lethe.

Georg Stolzenberg · 1857-1941

Jahre schon schleppe ich mich durch den grauen Staub ...

Jahre schon schleppe ich mich durch den grauen Staub.

Ohne Ziel!

Über jeden Meilenstein möchte ich zusammenbrechen ...

Mir zur Seite, den Fluss hinab,
gleitet und bleibt ein Boot.

Drin sitzen, selig, meine Toten.

Der Mast
ein lebender Baum, schneit weiße Blüten in ihren Wein.
Sie spielen die Laute und lachen.
Wie sie einst gelacht!

 
 

Schnelles Ende

Wenn das Leben und man selbst nicht den eigenen Ansprüchen genügt, was dann? Die Antwort des Ichs ist das eine, die Tatsache, dass der Autor das Gedicht 1891 als Einundzwanzigjähriger veröffentlichte, das andere.

Dörmann: Rhythmen

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Kommentar:
Zu „Äser“ weiß der Duden, dass es eine der zwei Mehrzahlformen von Aas ist. Äser gilt als „umgangssprachlich und wird meist für die Bedeutungsvariante 'gemeiner, niederträchtiger Mensch' eingesetzt“. Ob das vor mehr als 100 Jahren auch so war, müsste man für eine Interpretation erst mal herausfinden.

 
 

Jung und lebensmüde

Ein Phänomen, das sich durch die Jahrhunderte zieht, ist die Lebensmüdigkeit in jungen Jahren. Hier ist ein Exemplar aus der Wendezeit vom 19. zum 20. Jahrhundert zu begutachten.

Dörmann: Obwohl ich jung

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Herz-Gedicht

Die scheinbar unendliche Beständigkeit des Herzschlags kann, wie bei einem Gedicht auf dieser Seite nicht anders zu erwarten, Anlass zu Beschwerden sein:

Maja Gschnitzer · geb. 1996

Die Pumpe

Das Herz, es pocht
In meiner Brust
Es pumpt und pumpt
Tagein, tagaus
Und gönnt sich keine Ruh’

Das Herz, es pocht
Ich lebe noch
Woher nimmt es
Nur so viel Kraft
Ich bräuchte langsam Ruh’

Das Herz, es pocht
Gefangen in
Dem Rippenknast
Genau wie ich
Gefangen, ohne Ruh’

Das Herz, es pocht
Es schlägt und schlägt
Den Brustkorb mir
Von innen wund
Es schlägt mich ohne Ruh’

Das Herz, es pocht
Verbissen wie
Maschinen sind
Es fühlt nichts mehr
Wann gibt es endlich Ruh’

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Die eine Frage

Nur eins ist sicher: der Tod. Und wenn dem so ist, ergibt sich bei wachsender Müdigkeit eine Frage – die Frage dieses Gedichts.

Svenja Volpers · geb. 1997

Wunsch nach dem Unsagbaren

Manchmal wünsch ich mir
es wäre alles vorbei
kein Geschrei mehr
keine bösen Blicke
auf meiner Haut

ich finde nie den
Schlussstrich
schaffe nichts zu
Ende
und am nächsten Tag
über-
rollt mich eine neue Welle

ich will einfach nur
liegen bleiben
an nichts denken
ausatmen
in die Dunkelheit starren
und nichts mehr fühlen

aber ich darf nicht
muss irgendwie funktionieren
und mich zusammenreißen
so lange
bis ich endlich
irgendwann
nicht mehr atmen kann

Aber sag mir,
wenn es sowieso unvermeidbar ist
warum quäle ich mich dann noch
und nehme es nicht einfach
selbst in die Hand?

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Ein Sonett über Todessehnsucht

Der Expressionist Max Herrmann-Neiße nutzt die klassische Form des Sonetts, um Hoffnungslosigkeit und Todessehnsucht zum Ausdruck zu bringen. Der Schluss ist sehr stark.

Herrmann-Neiße: Der am Leben stirbt

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Schlussstrich

Ein Gedicht über einen, der es getan hat, oder? Der Schlussstrich lässt jedoch auch eine alternative Interpretationsmöglichkeit zu.

Hans Retep · geb. 1956

Du verfluchtes Leben,
lass mich schlafen, lass mich ruhn.
Will mich sanft ergeben,
lass die andern rennen, schachern, tun.

Blut entfließt der Ader,
mir wird leicht, ich lass mich gehn.
Schluss mit Zank und Hader,
auf ein Nimmerwieder –

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Bis zum Ende und darüber hinaus

Dieses Gedicht über Todessehnsucht hält nicht beim Tod an, sondern geht noch darüber hinaus.

Susanne Swazyena · geb. 1969

Das Ende

In einer stillen, lauen Nacht
kein Mond am Firmament
der Teufel mir im Herzen lacht
die Hölle in mir brennt

Das Fegefeuer frisst mich auf
die Zeit scheint stillzusteh’n
der Tod, das ist der rechte Lauf
nicht nach dem Leben fleh’n

Der Schmerz im Herzen tut mir gut
kein Winseln und kein Klagen
ergebe mich mit allem Mut
Erlösung ohne Fragen

Vor meinen Augen läuft es ab
das Leben ohne Sinn
geh geradewegs ins Grab hinab
das wird mein Neubeginn

Die Augen blind, der Atem still
nun endlich ist’s vollbracht
ergebe mich des Teufels Will
in dieser lauen Nacht

Mein Körper, er zerfällt zu Staub
vereint mit Mutter Erde
befreit von Hass und Mitleid auch
auf dass es Licht nun werde

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Der letzte Schritt

In diesem Gedicht wird das Ich im übertragenen Sinne über den Haufen gelaufen und geht daher den letzten Schritt.

Frank Warschauer · 1892-1940

Die Flucht

Weil hier so viele Schritte sind,
in dieser Straße, in der ich aufgewachsen bin,
deswegen habe ich ein müdes Gesicht
und deswegen bin ich ein trauriger Mensch.

Weil hier so viele Schritte sind,
in dieser Straße, in der ich aufgewachsen bin,
deswegen richte ich mich so selten auf,
Armeen sind über mich hinweggestampft.

Weil hier so viele Schritte sind,
in dieser Straße, in der ich aufgewachsen bin,
deswegen hat man mich eingesperrt,
sie fanden ich hätte Wechsel gefälscht.

Weil hier so viele Schritte sind,
in dieser Straße, in der ich aufgewachsen bin,
deswegen nehme ich dich zur Hand, o Freund,
und in die Stille fliehend töte ich mich.

 
 

Sehnsucht nach den Wolken

Mehr als 100 Jahre nach Claudius findet Max Herrmann-Neiße Gefallen an der Vorstellung vom Jenseits, obwohl Wolken noch eine diesseitige Angelegenheit sind, im Paradies gibt’s bestimmt keine.

Herrmann-Neiße: Die große Sehnsucht

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Humor und Todessehnsucht?

Sehnsucht im Allgemeinen und speziell die Sehnsucht nach dem Tod ist eine ernste Sache, so ernst, dass man ihr mit Humor beikommen muss.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Eines Tages

Eines Tages werde ich aufwachen
und die Augen werden nicht verklebt,
die Nase nicht verstopft
und der Mund nicht ausgetrocknet sein,
und ich werde nicht
diese müden Schmerzen haben,
sondern frisch und munter mich
des Lebens freuen
wie eine gerade umgedrehte Eieruhr.
Eines Tages
in meiner Urne.

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Falls Sie nicht nur aus literarischem Interesse diese Seite aufgesucht haben, finden Sie hier eine Liste mit bundesweiten Beratungsangeboten bei Krisen. Zu reden, wird oft leichtfertig empfohlen, aber es wird auch ziemlich unterschätzt;-)