Liebe mit und ohne Technik
Die moderne Kommunikationstechnik bietet der Liebe neue Chancen, die Beziehung zu intensivieren. Doch Dichter wären keine Dichter, wenn sie nicht auch ein bisschen den alten Zeiten hinterhertrauern würden, als man noch Liebesbriefe mit der Hand schrieb.
Liebe gestern und heute
Ein Gedichtvergleich zwischen gestern und heute in Sachen Liebe, der zugunsten von gestern ausfällt. Kein Wunder, denn früher war bekanntlich alles lieber.
Perdita Klimeck · geb. 1961
lieb(los)
erst gestern noch
hast du mit deinen worten
für mich papier getränkt -
tintenblau
und deine roten rosen
after-shave umhüllt
hab ich aufs fensterbrett gestellt
bin den zeigern aller uhren
dieser welt gefolgt
bis zum wiedersehen -
herzzerissen
heut weiß ich nicht mehr
wie man sehnsucht schreibt
hab nur geklickte worte -
tastaturverschluckt
und diesen virtuellen blumenstrauß
im anhang deiner mail
der noch in einem jahr
von liebe spricht
so wie der kalte kuss
der via skype berührt -
geruchsfreimonoton
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Lesetipp:
Mehr Gedichte und anderes von Perdita Klimeck finden Sie beim Gemeinschaftsprojekt Wortgefecht.
Liebe, 7. Tag
Einen interessanten Vorschlag macht diesen Gedicht: mal einen Tag ohne Worte, ohne Technik, doch mit Liebe.
Renate Maria Riehemann · geb. 1955
Spiel der Stille
Es ist unser Spiel:
Am siebten Tag
sei jedes Wort
zu viel.
An diesem Tag
ist Zukunft OFF
und Liebe macht
wer mag.
Ist Technik OUT
und Fühlen IN,
wächst langsam und
wird laut.
Gespielter Wille:
Die Liebe lebt
in unserer Welt
der Stille.
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Technik verbindet
Eins der wenigen Liebesgedichte, das vorbehaltlos das Positive der Technik hervorhebt: auch fern ist man sich nah.
Elisabeth Seel · geb. 1996
Ein kleines Wunder
Als ich noch deinen Atem spürte,
ganz heiß und nah
und ich nicht einmal wusste,
welch’ Atem meiner war.
Ganz nah, so nah.
Ein Augenblick nur Eins;
ein Augenblick nur Wir!
Doch jetzt ist dein Atem fern,
ganz fern, fast weg,
weil zwischen uns die Meere liegen.
Doch will ich deinen Atem
spüren, möcht’ spüren.
Ein Augenblick nur Dich;
ein Augenblick nur Uns!
Einsamkeiten weilen ewig nicht,
auch sie verenden
und durch ein kleines Wunder,
nennen wir es Technik,
kann ich noch deinen Atem hören,
vernehme deine Stimme,
erscheint dein Bild vor meinen Augen.
Und ich erinner’ mich,
wie dein Atem hauchte,
dass unser Wir nicht
Augenblicke hält,
unser Wir
hält Ewigkeiten.
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Algorithmen vs. Herz
Dieses Gedicht zeigt der Technik die Grenzen auf. Egal, was die schlauen Algorithmen berechnen, das Herz weiß es – besser.
Julia Mungg · geb. 1991
Mein Herz weiß es
Keine Chance
berechnet im Internet
Liebe für immer
mein Herz weiß es
Keine gleichen Likes
verewigt in sozialen Netzwerken
Bissiger Ton in der Kommunikation
mahnt die Chat-App
Keine Nachricht im Mai
verzeichnet der Mail-Account
Sie passen nicht zusammen
analysiert das Social Media
Liebe für immer
mein Herz weiß es
Sie mag die Romanze
das Verführerische
berichtet der Bookstore
Er das neue Game
die große Action
extrahiert der Onlinehandel
Grundverschieden
analysiert die Suchmaschinen-History
Liebe für immer
mein Herz weiß es
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Liebeskummergedicht
Schon allein für die „strombetriebnen Freunde“ hat das Gedicht einen Platz auf dieser Seite verdient, auch wenn sie nur eine Rolle als „schöne Leiche“ spielen.
Xenia D. Cosmann · geb. 1946
Mittwoch mit Liebeskummer
Ich hatte meine Armbanduhr vergessen,
Es war vielleicht der dritte Tag,
Ich brauchte meine Stunden nicht zu messen,
Mein Leben rinnt: ein Schmerz, ein Schlag.
Ich hatte alle strombetriebnen Freunde
Mit ein paar Tastendrucken kaltgestellt.
Vor meinem Fenster gingen fremde Leute,
Beim Pförtner hat ein kleiner Hund gebellt.
Die Wolken zogen wirr und rot nach Westen.
Der erste Stern war heller als mein Licht.
Denn Tränen schirmt die Dunkelheit am besten,
Und tote Augen küsst man nicht.
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Ein Liebesgedicht von Anfang bis Ende
Von Gefühlen in Bildern, Worten und Gesten berichtet dieses Liebesgedicht, um mit einem Augenblick zu enden.
Rea Revekka Poulharidou · geb. 1967
ich <3 dich
wir schicken einander emoticons
weil wir uns fürchten
vor den worten
wir schreiben einander worte
weil wir uns fürchten
vor dem sprechen
wir sprechen miteinander
weil wir uns fürchten
vor der berührung
wir berühren einander
weil wir uns vor
nichts mehr
fürchten
als in unseren augen
von der endlichkeit
des wir
zu lesen
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Liebe zwischen Papier und Tastatur
So ist das in den modernen Zeiten: Man hat sich derart ans Klickidiklack der Tastatur gewöhnt, dass der Aufwand einen Liebesbrief zu schreiben zu groß erscheint. Aber dieses Gedicht liefert zumindest eine Ausrede.
Michael Köhler · geb. 1959
Gerne würde ich dir schreiben ...
Gerne würde ich dir schreiben,
mein Herz.
Auf Papier,
welches nach Sommer riecht.
Und mit dicker Tinte,
die schwarz und schwer,
mein Fühlen
fließen lässt.
Ihm Form gibt.
Mal mit festem Strich,
mal mit zartem Vibrieren
der Feder.
Doch,
da sind die Tasten
der Maschine,
dunkel und glatt.
Die es so einfach machen,
belanglos abzuschweifen.
Die Worte verändern.
Gerne würde ich dir schreiben,
auf Sommerpapier,
auf blassen Winterseiten,
auf welken Herbstblättern
auf glatten Frühlingsbögen,
wenn ich doch nur
genügend Zeit hätte ...
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Lesetipp:
Mehr Gedichte von Michael Köhler hat der Mundartautor.

