Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Die Liebe in technischen Zeiten

Der erste Lyrikmond-Wettbewerb „Die Liebe in technischen Zeiten“ fand von Februar bis Mai 2015 statt. Aus fast 500 eingesandten Gedichten wurden die folgenden zehn als Preisträger ermittelt. Für die ersten drei Plätze gab es Geldpreise, die Plätze vier bis zehn wurden mit Buchpaketen bedacht. Wie die Gedichte dieser Seite zeigen, war die Herangehensweise, um Liebe und Technik zu verbinden, sehr unterschiedlich. Die Themen Internet und Handy dominierten im Wettbewerb, unter den ersten zehn Plätzen ist das Themenspektrum jedoch wesentlich breiter gefächert. Die Form der Liebesgedichte war im Prinzip offen, so dass sowohl Reimgedichte als auch freie Verse bei den Preisen berücksichtigt wurden.

Die Liebe in technischen Zeiten - 1. Preis

330 Dichterinnen und Dichter haben sich Gedanken gemacht, wie man Liebe und Technik zu einem preiswürdigen Gedicht verbinden kann, und dieses Liebesgedicht macht das leicht und locker ganz nebenbei. Die Technik, wie ein lernender Kühlschrank, gehört einfach dazu und die Stärke der Emotionen, die bei der Liebe im Spiel sind, wird angedeutet, nicht ausgesprochen: Die Entschlossenheit („enthaupten“), die kleinen Verrücktheiten („Herzchen zeichnen“), das quasi religiöse Gefühl („Paradies“). Das I-Tüpfelchen ist: „dein rundes Gesicht“. Ließe man das Adjektiv weg, das sicher nicht von jedem als liebevolles Kompliment verstanden wird, stünde der Schluss etwas leblos da. So ist dieses Gedicht eines, das man mehrmals lesen kann und das dabei immer mehr gewinnt.

Marianne Glaßer · geb. 1968

Ankunft

Ich trage deinen Wohnungsschlüssel an einer Kette.
Man müsste mich enthaupten, um ihn mir zu nehmen.

    Deine Nachbarn lieben mich
    mehr als meine Eltern.

Deine Katze hast du meinen Namen gelehrt
und deinen Kühlschrank, wie er für mich zu sorgen hat.

    Unter blühenden Apfelbäumen
    habe ich nicht das Paradies gefunden,

aber in den Staub unter deinem Bett
lassen sich Herzchen zeichnen,

bis auf dem Bildschirm dein rundes Gesicht erscheint
und die Worte: Bin gleich da.

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Kommentar:
Mehr von und über Marianne Glaßer gibt’s bei www.marianne-glasser.de.

Die Liebe in technischen Zeiten - 2. Preis

Dieses Gedicht ist sicher kein modernes, auch wenn man die Zeile „Doppelpunkt, Strich, Klammer zu“ in einem Liebesgedicht klassischer Prägung eher selten zu lesen bekommt. Honoriert wurden hier die Artistik, mit der die Smiley-Welt der Online-Kommunikation eingebunden wurde, und die Darstellung der sich steigernden Hysterie, die durch griffbereite Emotions-Bildchen gefördert wird. Der Mut zu zwei Smiley-Tonbeugungen (es muss dort gegen den natürlichen Sprachgebauch die letzte Silbe betont werden) in Strophe zwei und der Schlussstrophe, die jeweils inhaltlich passen, rundet das Bild eines gelungenen Reimgedichts ab.

Bettina Lichtner · geb. 1964

Nur mit Smiley

Doppelpunkt, Strich, Klammer zu.
Smiley lacht. Text: „Liebster, du,
habe nochmal nachgedacht
über unsre letzte Nacht ...“

Fragezeichen. Kuss-Smiley.
Text: „War komisch irgendwie.
Fühlte sich nicht richtig an.“
(Grübel-Smiley hintendran).

„Deine Lippen waren kalt.
(Bibber-Smiley ) Dein ‚bis bald’
heute morgen klang so hohl
(Smiley winkt). Ein Lebewohl?“

Doppelpunkt, Strich, Klammer auf.
(Smiley schaut betrübt). „Ich lauf
dir bestimmt nicht hinterher,
wenn du sagst, es bringt nichts mehr ...“

Dreimal Tränen-Smiley. „Ach,
mach ich dich denn nicht mehr schwach?“
Fragezeichen (sieben Stück).
„War ich nicht dein größtes Glück?“

Smileys’ Kopf wird rot und platzt.
Text: "Wer hat nun was verpatzt?
Gibst du etwa mir die Schuld?“
Smiley schreit vor Ungeduld.

Smiley pustet Herz auf Herz.
„Machst du etwa einen Scherz?
Liebst du mich nun oder nicht?“
Smiley jetzt mit Bitt-Gesicht.

„Schreib mir doch mal: liebst du mich?“
Text des Partners: „Sicherlich.
Letzte Nacht ....“ (ein Smiley-Schaf)
„braucht' ich einfach meinen Schlaf.“

Doppelpunkt, Strich, Klammer zu.
„Oh ich drück dich, Liebster du.“
Kuss- und Herz- und Glücks-Smileys.
„Lieb dich, lieb dich, love you. Tschüss ...“

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Kommentar:
Mehr Gedichte von Bettina Lichtner finden Sie in ihrem Lyrik-Blog.

Die Liebe in technischen Zeiten - 3. Preis

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Gedicht in freien Versen, ist tatsächlich streng reguliert im Metrum. Die jeweils erste Zeile ist ein Adonisvers mit dem Hebungsschema XxxXx, die jeweils zweite nutzt zweihebig den Amphibrachys (xXx). Das passt einerseits zum thematisierten Vergehen der Zeit, zur Monotonie einer Ehe, ist andrerseits aber auch spannungsaufbauend. Die Unpersönlichkeit des Schlusses wiederum lässt ihn als mehrdeutig erscheinen, wie ja auch der Titel sich letztlich als zweideutig entpuppt. Das Gedicht verbindet auf souveräne Weise die Möglichkeiten aus traditioneller und moderner Lyrik.

Matthias Schwincke · geb. 1961

Vorspiel

19 Uhr 20
Elisabeth chattet.

19 Uhr 30
Ich decke den Tisch.

19 Uhr 40
Wir reden ganz offen.

19 Uhr 50
Elisabeth wütet.

20 Uhr 15
Ich mache den Abwasch.

20 Uhr 30
Das Endspiel beginnt.

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Kommentar:
Mehr Texte von Matthias Schwincke finden Sie in seinem Nordwest-Tunesien-Blog.

Das Thema Fernsehen als Liebestöter hat sicher auch dazu beigetragen, dieses Gedicht aufs Treppchen zu schieben. Beim Lyrikmond gibt’s nämlich noch viel mehr unfreundliche Gedichte übers Fernsehen.

Liebesgedichte auf dem geteilten 4. bis 10. Platz

Die folgenden Gedichte sind ohne wertende Reihenfolge platziert. Alle stehen auf dem gleichen „Treppchen“. Im ersten Gedicht wird der Versuch unternommen, technische Ausdrücke für ein Liebesgedicht fruchtbar zu machen. Der Schluss trotzt der Technik mit einem starken Statement.

Annika Rings · geb. 1981

Elementarteilchen

Ein Higgs-Boson siehst du
im Rauschen der Teilchen
im Rauschen der Bäume
findest du nichts.

Variable Gefühle
in Endlosschleifen
für Quantensprünge
fehlt uns Energie.

Deine Worte sind
mechanische Wellen
Sinusschwingungen
Interferenzen

du kannst sie vermessen
fouriertransformieren -
für mich bleiben sie
eine Sinfonie.

Liebe ist binär
objektorientiert
sie spricht jedoch
keine deiner vielen Sprachen.

Nur wenige Lichtjahre
trennen uns beide
doch so viel Zeit
habe ich nicht.

In deiner Gleichung
bin ich nur
ein Elementarteilchen
doch ich bin.

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Kommentar:
Mehr Gedichte und andere Texte von Annika Rings finden Sie auf ihrer Homepage.

Ein weiteres Gedicht auf Platz 4 bis 10

Die Sehnsucht nach Handschriftlichem statt ordentlichen, tastaturisierten Buchstaben wurde im Wettbewerb mehrfach thematisiert (siehe Liebe mit und ohne Technik). In diesem Liebesgedicht gelingt das sehr einfühlsam.

Alexandra Grüttner-Wilke · geb. 1983

E-Mail

Alle Spuren deiner Hand
sind ausgelöscht
in schwarzen, artigen Buchstaben
gut erzogen zur Lesbarkeit
Ich aber will rätseln über dem gestrichenen Wort
und mit den Fingern
deine Linien nachziehen
als ließe sich ahnen
wie es sich geht
auf deinem Weg

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Noch ein Gedicht auf Platz 4 bis 10

Einen Rückgriff auf den Frankenstein-Mythos mit modernen Mitteln („Kernfusion“) bietet dieses Gedicht. Es setzt damit einen Kontrapunkt zur virtuellen, körperlosen Liebe.

Patrick Schlegel · geb. 1993

Prometheus 2.0

Sitzend einen Mensch mir forme,
Ganz nach meinem Ebenbild,
Schaffe ich hier das Abnorme,
Denn ihr all mein Streben gilt.

Kabelstränge will ich führen,
Weben unter ihre Haut.
Jede Regung soll sie spüren,
Liegend hier als meine Braut.

Eingebaut sind Reaktoren,
Liefern ihr durch Kernfusion
Energie an Prozessoren
Zu erwecken die Vision.

Lautes Krachen, grelle Blitze,
Funkensprung beim ersten Test!
Es befreit sich wilde Hitze,
Krallt sich dort im Fleische fest!

Sinnlos walten rohe Kräfte,
Dämm sie mit der Kühlung ein,
Dass die kalten Stickstoffsäfte
Zähmen jene Schöpfung mein!

Es durchzuckt den Leib ein Beben,
Silberaugen sehn mich an,
Eva ist erwacht zum Leben
Und blickt auf zu ihrem Mann.

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Schon wieder ein Gedicht auf Platz 4 bis 10

Gegensätze ziehen sich an, sagt man. Dieses Liebesgedicht lässt alte und neue Zeit sprachlich aufeinanderprallen. Es scheint jedoch mehr ums Aus- als ums Anziehen zu gehen.

Miya Jehle · geb. 1965

An die Geliebte

Teuerste Leonor,
       Hi Leo,
gedenke der geheimen Stunden,
       warst supergeil!
träume Dir wieder beizuwohnen
       Will dich, heute
Geliebte, am einsamen Ort
       im Fahrstuhl
um Mitternacht in der Laube
       nach Dienstschluss
bringe ich Dir zum Zeichen ein Ständchen
       whatsappe, wenn die Luft rein ist

Dein sich nach Dir verzehrender
       LG

                       Theo

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Und noch ein Gedicht auf Platz 4 bis 10

Das Gelungene an diesem Gedicht ist, dass das lyrische Ich über sich redet, indem es über eine Frau redet. Und was es da sagt, lässt eine tiefe Sehnsucht erahnen.

Axel Schöpp · geb. 1969

Das Telefonat

Auf dem Balkon gegenüber meiner Wohnung
steht eine Frau. Diese Frau telefoniert.
In Wirklichkeit tut sie nur so. Glaube ich.

Andererseits wäre es Wahnsinn
mit jemanden zu telefonieren, den es nicht gibt.
Wieso sollte man das tun?
Man müsste ja total einsam sein und
jeden Kontakt zu den Menschen verloren haben.
Irgendwo auf der Welt gibt es jemanden,
der einen liebt. Glaube ich.
Aber es ist immer nur sie, die spricht.
Dabei gießt sie Geranien,
die alle gleich rosa sind.
Solange sie mich nicht
anruft, sehe ich keinen Grund,
die Sache weiter zu verfolgen.

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Und wieder ein Gedicht auf Platz 4 bis 10

Die Kombination Liebe und SMS, oft im Wettbewerb thematisiert (Handy-Liebesgedichte), ist fast schon ein alter Hut, der durch schlagartige Nähe in diesem Gedicht gelüftet wird.

Elke Wandersee · geb. 1986

Zeichen unserer Liebe

ICH LIEBE DICH
12 Zeichen
Geliefert mit banalem Piepen,
wirft es meine Welt um,
wird gespeichert,
und unzählige Nächte betrachtet,
jedem gezeigt
und tausendfach geküsst.
Der Beginn meines Lebens
mit Dir.


ES IST AUS
8 Zeichen
Angekündigt durch banales Piepen,
wirft es meine Welt um,
der Ton,
wie Hohn in meinen Ohren,
kündet vom Ende des Uns,
wird angestarrt,
lässt mich zerbrochen
und ohne Erklärung zurück.


ICH HASSE DICH
12 Zeichen
Geschrien mit unbändiger Wut,
in dein Gesicht,
angekündigt durch einen Knall,
platziert auf deiner Wange,
unmittelbar und direkt,
Angesicht zu Angesicht,
ungnädig donnert meine Stimme:
Du Feigling!

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Und das letzte Gedichte auf Platz 4 bis 10

„Liebe in Zeiten der Technik“ wird in diesem Liebesgedicht sehr wörtlich genommen, denn die Liebe spielt sich innerhalb der Technik ab. Das Gedicht nutzt die Fähigkeit von Reimen, zumindest während der Lesezeit etwas als „wahr“ erscheinen zu lassen. Form und Inhalt spiegeln einander: Ein altes Konzept (Reimverse/Liebe) wird in einer technische Umgebung umgesetzt.

Volker Teodorczyk · geb. 1953

Datenliebe

Ein kleines scheues Bit
Im großen Datenfluss
Kam plötzlich nicht mehr mit
Verpasste glatt den Bus

Ins Rechnerhauptsystem
Mit Ausgang hin zum LAN
Und saß dann unbequem
Am Rand der Leiterbahn

Den Aufsprung glatt versäumt
Auf einen Datenstrom
Es hat verliebt geträumt
Von einem Speicher-ROM

Dem kleinen Bit war’s kalt
Es fühlte sich allein
Es wollte wieder bald
Ein Speicherplätzchen sein

Dann wurde es bemerkt
Dass da ein Zeichen fehlt
Die Suche schnell verstärkt
Und alle abgezählt

Das Bit nimmt wieder brav
Im Datenbus nun Platz
Und träumt dann bei Bedarf
Von seinem Speicherschatz

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