Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Handy-Liebesgedichte

Das Handy, heute meist als Smartphone, spielt eine große Rolle in der Liebe, es stellt immer und überall Nähe her. Allerdings kann es auch entfernen, wenn man zusammen ist. Die Liebesgedichte dieser Seite versuchen die Chancen und Risiken von Handys in der Liebe zumeist in modernen, freien Versen darzustellen.

 

Liebe im Abseits

Lügen haben kurze Texte, sagt ein altes Sprichwort, und so ist die SMS geradezu prädestiniert dafür, ein offenes Wort zu vermeiden, wie das erste Liebesgedicht zeigt.

Timo Brandt · geb. 1992

Abseitsgedicht

Ich schrieb, wir könnten uns heute noch sehen,
      du schriebst zurück, du hättest da noch was
zu erledigen, in der Stadt, hättest ziemlich viel     zu tun.

Ich habe einen Witz gemacht und du schriebst „Haha“,
      ich habe dich gesehen, (du weißt es ja nicht)
wie du es ernst und gründlich eingetippt hast,

      bevor du in die U-Bahn nach Hause stiegst.

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Kommentar:
Mehr Gedichte von Timo Brandt gibt es in seinem Debutlyrikband Enterhilfe fürs Universum.

 

Eingefrorene Liebe

Täglich SMS schreiben und telefonieren, das ist ja ganz schön, wenn man liebt, aber in diesem Liebesgedicht ist es nicht genug.

Svea-Magdalena Lehmann · geb. 1997

Die Person, die ich liebe

Ich vermisse dich.
Vermisse dich so sehr.
Aber wir schreiben doch, Liebes,
wir schreiben jeden Tag.
Hast du geschrieben.
Wir haben inzwischen
mehr Nachrichten gesendet
als Worte gewechselt.

Ich vermisse den Klang deiner Stimme.
Vermisse ihn so sehr.
Aber wir telefonieren doch, Liebes,
du kannst jederzeit anrufen.
Hast du gesagt, als ich dich angerufen habe.
Wir haben inzwischen
zu oft Ich liebe dich gesagt,
ohne uns dabei in die Augen zu schauen.

Ich höre die verzerrte Stimme,
die durch den Lautsprecher
direkt in mein Ohr hallt.
Ich sehe deine unbeweglichen Augen,
dein eingefrorenes Lächeln
auf den Fotos, die ich von dir habe.
Und ich frage mich, wie die Person,
die ich liebe, wirklich aussieht.

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Nie wieder ohne

Ein flammendes Plädoyer fürs stete Zusammensein per Handy hält hier die Stimme des Gedichts bis

Roland Reichart-Mückstein · geb. 1982

Funkloch

Nie wieder einsam! Nie wieder
seine Stimme / seine Kurznachrichten /
seine Emoji vermissen müssen!
Nie wieder
diese Leere im Ich, dieses zehrende,
er-förmige Loch, den Umriss
seiner Abwesenheit spüren! Nie
wieder sich verzehren nach ihm und bemerken,
wie ich ohne ihn bin: weniger
als mit. Nie wieder
Einsamkeit. Nie wieder Wieder-
sehen. Immer
Herz an Herz / Ohr an Freisprechgerät /
Finger an Touchscreen. Immer gemeinsam.
Nie

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Kommentar:
Mehr Texte von Roland Reichart-Mückstein hat sein Stückwerk-Blog.

 

Liebesgedicht mit einem Fingerstreich

Liebe auf den ersten Klick ist schon wieder passé, jetzt heißt es: lieben und geliebt werden per Fingerstreich – oder eben nicht.

Nicole Hanisch · geb. 1990

Schnelle Liebe

Du bist online,
doch bist es nicht.
Du hast es gelesen,
doch antwortest nicht.
Du schreibst,
doch schickst es nicht.

Ich wollte erst ein Treffen,
dann zwei, dann drei,
ein Bett, ein Frühstück
und dann?

Drei Worte
per Datenstrom.
Und du,
du antwortest nicht.

Mit einem Fingerstreich
löschst du mich aus.
Mit einem Fingerstreich
ersetzt du mich.
Mit einem Fingerstreich
suche ich weiter.

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Liebesgedicht als SMS

Eigentlich haben Gedichte gefälligst Verse zu haben, doch hier beruft sich der Dichter auf technische Zwänge, um das Gedicht in Prosaform schreiben zu dürfen. Immerhin bieten die Reime Orientierung.

Frank Giesenberg · geb. 1964

Short message(s)

Hi Yvonne, bin kreideblass und die Hände sind schweißnass. Meine Pumpe geht wie irr und im Kopf ist mir ganz wirr. Willst du, wollte ich dich fragen, mit mir ge

hn? Magst duʼs mir sagen? Gib mir 160 Zeichen, konnte ich dein Herz erreichen. Jonas

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Handy-Liebesgedicht

Technik zum Liebhaben demonstriert der Dichter im folgenden Gedicht, das trotz des Titels in traditionellen Reimen gekleidet ist.

Volker Teodorczyk · geb. 1953

Moderne Beziehung

Ein flaches Kästchen, schwarz lackiert
Das Vorderteil glänzt prächtig
Sie streicht es schnell, ganz ungeniert
Und manchmal auch bedächtig

Dann spricht sie in ein kleines Feld
Am Rande der Umrahmung
Wie zärtlich sie den Kasten hält
Ganz nah an der Umarmung

Aus einem unscheinbaren Schacht
Ertönen Liebesschwüre
Erstaunlich, was es mit ihr macht
Beziehungskuvertüre

Dann endet dieses Tête-à-Tête
Das körperlose Schmusen
Sie drückt das kleine Sprachgerät
Ganz fest an ihren Busen

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Liebe Handy Ende

Sich selbst etwas einzugestehen, das ist nicht leicht, schon gar nicht in der Liebe. Doch wenn das Handy mehr Aufmerksamkeit bekommt als man selbst, dann wird es Zeit für ein Eingeständnis.

Jenny Winter · geb. 1999

Brechen

Lächerlich
Einfach zuzusehen, wie deine Hände die Worte eintippen, die du mir nicht einmal
Zu sagen versuchtest

Ungewohnt
Zu merken, dass du dich weniger nach mir sehnst
Als nach dem flimmernden Bildschirm,
„Display“ genannt

Gibt es eigentlich mehr oder weniger
Diese Furcht vor der Veränderung?
Die unsere Zukunft bestimmt und uns vorher nicht fragt,
Was wir eigentlich dazu meinen

Und das ist dann die Antwort
Sie blinkt auf, wie ein Komet im Weltraum und brennt durch die atmosphärische Luftreibung
Sie zeigt uns die Realität, in der wir leben
Und die Fantasie, durch die wir blühen
Doch eigentlich ist sie virtuell und nicht wahrnehmbar!
Trotzdem sehe ich sie

D a s  w a r  e i n m a l.

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