Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Moderne Liebesgedichte

Die Liebe ist ein uraltes Thema in der Lyrik. Von daher habe ich als modern alles eingestuft, das von den üblichen Wegen abweicht, entweder formal oder inhaltlich. Sie finden hier Liebesgedichte, die ohne Metrum und Reim auskommen oder das Thema Liebe sprachlich etwas quer anfassen, also etwa ab Expressionismus.

 

Ein modernes Liebesgedicht von Rilke

Rilke ist allein schon aufgrund seiner Sprache ein moderner Dichter. In diesem Liebesgedicht experimentiert er mit einem umarmenden Reim bei fünfzeiligen Strophen.

Rilke: Bei dir ist es traut ...

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Noch ein Liebesgedicht von Rilke

Die Bildersprache dieses Liebesgedichtes ist nahe dran an konventionellen Bildern, aber eben nur nah dran. Rilke findet immer seinen eigenen Dreh.

Rilke: Leise hör ich dich rufen ...

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Ein Sonett als modernes Liebesgedicht

Ein klassisches Sonett mit modernem Inhalt ist dieses Gedicht aus der expressionistischen Epoche.

Blass: An Gladys

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Ein klassisch-modernes Liebesgedicht

Der Inhalt ist traditionell, die Art der Aufbereitung hochmodern. Eigentlich kaum zu glauben, dass dieses Liebesgedicht bereits 1899 veröffentlicht wurde. 1970 wäre viel passender.

Georg Stolzenberg · 1857-1941

Berauschend über die Terrasse duftet der Jasmin ...

Berauschend über die Terrasse duftet der Jasmin;
Nachtfalter streifen unser Haar.

Noch immer reden wir durch die silberne Dämmerung.

Nach Verborgenem, Niegesagtem
tasten unsere Worte.

Durch schwarze Ranken
sehn wir,
wie der Fluss glitzernd über den Mond strömt.

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Expressionistisches Liebesgedicht

Dieses Liebeslied dürfte schwer singbar sein, denn hier wird alles an Konvention über Bord geworfen: Metrum und Reim sind verschütt. Der Reihungsstil ist hingegen eindeutig expressionistisch.

Lichtenstein: Liebeslied

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Ein modernes Liebesgedicht von Ringelnatz

Ich möchte diesen Gedicht nicht interpretieren müssen. Es fängt stark und witzig an, dann wird es schwierig, den Zusammenhängen zu folgen, was zweifellos modern ist, wie auch die souveräne Ignorierung fester Metren und Strophenformen. Das einzig Altmodische an diesem Liebesgedicht ist der Reim, und wenn Sie mich fragen, hat Ringelnatz das Gedicht nur geschrieben, weil er unbedingt lieb auf Sieb reimen wollte.

Ringelnatz: Ich habe dich so lieb

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Ein Liebesgedicht à la Tucholsky

Ein bisschen melancholisch sind die Morgengedanken eines Liebenden in diesem Gedicht. Außerdem erfährt man, dass die Uhr am Morgen im halbwachen Zustand „pick-pack“ klingt und nicht „tick-tack“.

Tucholsky: Sie schläft

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Bitte nicht lächeln!

Ein etwas verqueres Liebesgedicht ist das folgende, aber ich nehme an, es ist als Kompliment gedacht.

Hans Retep · geb. 1956

Ich bitte um Gnade

Du lässt die Kranken gesunden,
die Armen machst du reich
mit deinem Lächeln.

Du wandelst den Winter zum Frühling
und jedes Tief in ein Hoch
mit deinem Lächeln.

Du bringst die Waffen zum Schweigen
und Frieden in alle Welt
mit deinem Lächeln.

Die Titanic wär nie gesunken,
du hättest geschmolzen das Eis
mit deinem Lächeln.

Du gibst der Menschheit viel Gutes,
beglückst ein jedes Land,
nur ich, ich bitte um Gnade,
du bringst mich um den Verstand
mit deinem Lächeln.

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Bildersprache in einem modernen Liebesgedicht

Dieses moderne Liebesgedicht ist noch mal ein Ausflug in den Expressionismus mit seiner ganz eigenen Bebilderung einer Liebe.

Lotz: Wir fanden Glanz

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Vergänglichkeit der Liebe

Das sind sicher die ungewöhnlichsten vierzeiligen Strophen, die je in einem Liebesgedicht verwendet wurden, aber was man nicht alles für die Liebe tut.

Karl Schloß · 1876-1944

Sie schob leise den Riegel

Sie schob leise den Riegel
(O Kind, was tust du?)
Sie schob leise den Riegel
und gab mir den Zauberspiegel.

Darinnen stand geschrieben
(O Kind, was tust du?)
Darinnen stand geschrieben,
Wir müssten uns ewig lieben.

Ich musste sie an mich ziehen
(O Kind, was tust du?)
Ich musste sie an mich ziehen,
Und ich sah alle Mauern fliehen,

Und ich sah ein Schwert in den Lüften
(O Kind, was tust du?)
Und ich sah ein Schwert in den Lüften
Und den Mond weinen auf unseren Grüften.

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Frohe Liebe

Auch hier bedient sich der Dichter einfacher und bekannter Bestandteile eines Gedichtes wie Wiederholung und Reim, um daraus ein sehr eigenartiges Liebesgedicht zu formen.

Karl Schloß · 1876-1944

Warum sind wir so froh?

Warum sind wir so froh?
Wir wissen es nicht,
Wir wissen es nicht,
Wir sehen die Türme im Abendlicht –

Die Gebirge auch,
Die Gebirge auch,
Ziehen wie ein süßer träger Rauch.

Und alle die Wiesen, die schlafen gehn,
Und alle die Wiesen, die golden stehn,
Oh, wir wissen es nicht,
Wir wissen es nicht,
Warum wir so froh in die Wiesen sehn ...

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Gedicht über ein Wort

Den Weg vom Gefühl zum Wort beschreibt Karl-Heinz Rittsche in diesem modernen Liebesgedicht.

Karl-Heinz Ritsche · geb. 1956

Empfindung des Wortes „Ja“

Es besann sich ein
Gefühl
Es begann im Herz ein
Gewühl
Es besann sich ein
Gedanke
Es begann im Kopf

Nur ein, nur ein – Wort – entfernt.

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Liebe im Alter

Eine merkwürdige Mischung von altmodisch und modern bietet dieses Gedicht, doch spiegelt es damit das Verhältnis zwischen dem ewig junge Gefühl der Liebe und dem Alter wider.

Malte Kerber · geb. 1936

Bäume ausreißen

Nun kann ich für die Liebste mein
keine Bäume mehr ausreißen.
Aber mich bücken
eine Blume pflücken,
das kann ich noch.
Diese ihr schenken,
oft an sie denken,
das vergess’ ich nicht.

Den Walzer allerdings
links herum ihn zu tanzen,
will mir nicht mehr gelingen.
Ich kann’s nicht zwingen.

Aber in Gedanken ohne zu wanken,
tanz ich unter den alten Bäumen,
tanz ich im späten Herbst mit ihr,
tanz ich uns den Frühling herbei.

Brauch ich keine Bäume auszureißen!

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Eine alte Geschichte

Da kann ein Liebesgedicht noch so modern sein, die Probleme sind ganz die alten. Wenigstens auf das ist Verlass.

Petra Gellinger · 1960-2016

Trau mich nicht

Ich liebe dich
Ich will es dir sagen
und trau mich nicht

Ich nehme das Handy
Ich tippe – Ich liebe dich
und schicke nichts ab

Ich schreibe auf Papier
Ich liebe dich
und schmeiße es weg

Ich schreibe eine E-Mail
Ich liebe dich
und lösche sie

Ich trau mich nicht
Ich trau mich nicht
FEIGLING!

Das Handy klingelt
Du bist dran
Ich bin dran

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Kommentar:
Weitere Gedichte von Petra Gellinger: www.pia-goch.de.

 

Ein modernes Liebesgedicht zwischen Hoffen und Bangen

Daran hat sich auch in der Moderne nichts geändert: Das Gefühl des Ungenügens in Anbetracht großer Gefühle zehrt an den Nerven zwischen Hoffen und Bangen.

Dyrk Schreiber · geb. 1954

Ich bin verflucht so ungelenk

Ich bin verflucht so ungelenk
Zögerlich

Mich dir zu geben
Mein Schämen eingedenk
Ist nicht mal eben
Etwas Alltägliches

Doch Nichtalltägliches
Ist stets mein Streben
Mein Hoffen eingedenk
Dir mitzugeben

Zögerlich
Ich bin verflucht so ungelenk

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Grundkurs in Sachen Liebe

Über Türen, Fenster und Liebe referiert der Dichter in diesem modernen Liebesgedicht, was auch dringend Not tut, weil die Lösung nicht jedermanns Intuition entspricht.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Eine wunderliche Sache

Ist das nicht eine wunderliche Sache?
Obwohl die Türen alle
verschlossen,
geht doch die Liebe fort.

Was ist zu tun?

Setz dich ans Fenster
und warte.
Sie wird sich zeigen.
Und wenn sie kommt,
öffne die Türen alle,
so wird sie bleiben.

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Ein Gedicht über Liebe und Besitz

Die Lehre aus dem folgenden Liebesgedicht ist, dass man besser nicht allzu tief über solche Dinge wie Liebe und Besitz nachdenkt, es könnte zerklärend wirken.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Liebeszerklärung

Du bist
mein.
Ich besitze dich.
Was ich besitze,
besitzt mich.

Ich bin
dein.
Du besitzt mich.
Was du besitzt,
besitzt dich.

        zu besitzen
        heißt
        zu verlieren
        heißt
        zu gewinnen

        nicht
        zu besitzen
        heißt
        zu gewinnen
        heißt
        zu verlieren

Du bist …
mein?
dein?
wessen?
niemandes?
Bist du?
Ich?
Nicht?

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Die Liebe und das Herz

Das Herz als Sitz der Liebesgefühle wird in diesem Liebesgedicht auf moderne Weise missinterpretiert. Die Personifikation des Herzens schlägt ins Groteske um.

Bulcke: Das zertretene Herz

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Liebesimpressionen

Modern ist dieses Gedicht, keine Frage. Ein bisschen widerspenstig im Zugriff, fragmentarisch im Inhalt, aber nichtsdestotrotz ein Liebesgedicht mit Happy End.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Ein Blick sagt mehr

Sommerhimmel, keine
Wolken, Strahlen, deine
Augen, Lächeln, Wärme,
Bäume, Vögel, Schwärme
fliegen auf, auf!

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