Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Liebe in technischer Sprache

Griff man im 19. Jahrhundert bevorzugt zu Bildern aus der natürlichen Umwelt, um Gefühle zu beschreiben, liegt es nahe, im 21. Jahrhundert zu den sprachlichen Mitteln der Technik zu greifen, wie die Liebesgedichte dieser Seite demonstrieren. Auch wenn Technik gemeinhin als gefühllos gilt, kann man den Gedichten hier kaum Gefühllosigkeit nachsagen, ganz im Gegenteil.

 

Liebevolles Navigationsgerät

Lang ist es her, dass Elvis sang „I wanna be your teddy bear“. Heute sind die Ansprüche schon etwas technischer, wie das erste Liebesgedicht zeigt.

Dörte Müller · geb. 1967

Ich möchte dein Navi sein

Ich möchte dein Navi sein,
das mit beruhigender Stimme auf dich einredet,
wenn du nicht mehr weiter weißt.

Ich möchte dein Navi sein,
das alles, was falsch lief, neu berechnet.

Ich möchte dein Navi sein,
das dich leitet
und dich wieder einfängt,
wenn du vom Weg abgekommen bist.

Ich möchte dein Navi sein,
das dich immer sicher ans Ziel bringt.

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Die Mathematik der Liebe

Dass Liebe etwas mit Geometrie zu tun hat, wird vielleicht keine von dieser Mathematik-Abart geplagten Schüler trösten, aber es ergibt immerhin ein Liebesgedicht in technischer Sprache.

Armin Zastrow · geb. 1952

höhere mathematik

ich habe keine ahnung
von mathematik

aber wenn ich
deine kreise sehe
dann wäre ich gern
tangente oder
kugelflächenfunktion
über deinem körper
umkreis und inkreis
zugleich im dreieck
den winkel zwischen
den schenkeln
vermessen
in gründlicher
kurvendiskussion
tiefpunkte wendepunkte
und hochpunkte
stetig differenzierbar
holomorph will ich sein
über der komplexen ebene
deines leibes

es stimmt nicht
dass sich parallelen
erst im unendlichen
schneiden

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Liebe wissenschaftlich

Ganz im wissenschaftlichen Slang geht das folgende Liebesgedicht auf. Wer den nicht versteht, der kann sich damit trösten, dass die Liebe an sich ein unverständliches Phänomen ist. PS: Den Schluss bitte vorsichtig lesen, da steckt Explosives drin.

Johann Roch · geb. 1992

Syntax-Error

Ich habe deinen Augapfel vermessen,
Umfang deiner Pupillen, Symmetrie des Philtrums und den Winkel
deiner Wimpern, schwarz.
Die Flucht deines Kinns, deiner Wangen in alle Tabellen eingetragen.
Hinter deinem Gesicht die Fibonacci-Quadrate, die Schablone von Pascal’schen
Dreiecken rechnen dein Profil mit Fehlermeldung.

Verhältnis deiner Brust zur Taille zum siebten Komma, und von deinem Hals
die ersten beiden Ableitungen, von den Beinen auch.
In ein Quadrat lege ich dich, in einen Kreis, und probe in Simulationen
Abweichungen zu dir.

Stufenlos vergrößert liegt deine Haut auf flackernden Schirmen,
während dein Genom nach und nach von meinen Rechnern ausgezählt wird.
Den zehnten Maßstab lege ich an deine Lippen, Bildschirme schmecken nicht.
Ein Gradnetz auf deine Oberfläche projiziert, nur wo läuft der Nullmeridian,
und welchen Zerrungskoeffizienten haben deine Brüste?

Deine Pheromone habe ich nach-synthetisiert, aber nichts riecht nach dir.
Dein Teint ist Lichtgemisch aus 27 distinkten Farben, in der Sonne siehst du anders aus.
Du sprichst mit durchschnittlich 43,2 dB. Und obwohl die Eigenfrequenz meiner Rippenbögen deutlich unter der deiner Stimme liegt, kitzeln sie, wenn du lachst.
Puls im Mittel bei 82, wenn wir uns sehen und
ich weiß, wie dein Echo im Sonar klingt und erkenne deine Reflexion auf dem Radar,
mein Nachbild von dir riecht nach Löwenzahn.

Ich habe dich vermessen,
zwischen Tag und Tag, und wüsten Träumen in abgedunkelten Laboren
suche ich, wie du mich ganz kausalgekettet soundso machst:
ein halbes Gramm TNT-Äquivalent,
endotherm in meinem linken Herzvorhofkolben.

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Kommentar:
Einen Steckbrief zu Johann Roch bietet das Wortwerk Erlangen.

 

Musikalisches Liebesgedicht

Die Tempoangaben aus der klassischen Musik garnieren hier eine überschäumende Gefühlswelt in technisch-geometrischer Sprache.

Johann Reißer · geb. 1979

Transitraum

Das Du-Werden der Welt in der Ausfaltung deines Blicks -

Eine flüsternde Springflut, Metamorphose des Raums
Ein Schiffbruch der Regelsysteme presto assai
Eine Ausspannung von Weite adagio con moto

Oder soll man besser sagen Explodieren der Gegenwart
Zerpulvern konvergierender Vektoren -
Es kalibrieren sich die Koordinaten um

Es vollzieht sich eine Wurzelwerdung im kreisenden
Ordinatensystem ein tanzender Stern
Es vertaut sich der Augen Blick an Schwimmankern

Dass er nachgeht in den Knien
Den Knöcheln sich fortschreibt accelerando
Und fortträgt des Schrecklichen Anfang

Auf Fluchtlinien deines Körpers
Hervortretend im Überflug wuchernder Summen
Von Tiefen und Übergängen von Gegenwarten

Welche sich formen in schäumenden Wogen
An Klippen und Buchten und mich fesseln
In den Bannkreis deines Windauges

Kristallisierend in Zeitentwüchsen sostenuto
Sich verdichtend in Überschreitungen stringendo
Aufbrechend in den Raum und weiter

Über jeden beschriebenen Weg hinaus da capo

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Kommentar:
Mehr Lesenswertes von Johann Reißer finden Sie auf seiner Homepage.

 

Altes Spiel

Da das, was in diesem Liebesgedicht beschrieben wird, ein altes Spiel ist, bekommt es als Metapher auch nur eine alte Technik zugeschrieben.

Rüdiger Butter · geb. 07.05.1963

Telegrafie

unsere finger
telegrafieren
auf der
haut
des anderen
kleine
liebesgedichte
bis der wecker
den streifen
zum reißen
bringt

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Liebesgedicht zum Auftauen

Seinen Reiz bezieht das folgende Liebesgedicht weniger aus dem technischen Bild, als aus dem, was sich der Leser zum zweiten Teil denken kann. Denn wessen Atemzüge bei welcher Gelegenheit gemeint sind, bleibt offen.

Martina Sens · geb. 1964

Schmelze

so lange
im Gefrierfach
gelebt

kein Wunder
wenn jeder Atemzug
mich schmilzt

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Kommentar:
Mehr zur Autorin: www.martina-sens.net

 

Liebe und Schweigen

Eigentlich ist dieses Liebesgedicht sehr naturverbunden. Um so gewalttätiger bricht die Technik in den Text ein.

Sigune Schnabel · geb. 1981

Aufschub

Noch können wir
das Wort wegschweigen
mit den Lippen

verbergen
uns im Atem der Wiese
nach Süden fühlen

im Schatten von Kampfflugzeugen
das Heu einfahren
für den Winter

wenn Gedanken das Licht löschen
beieinander liegen
auf dem weich
geschwiegenen Grund

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