Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Die Zukunft der Liebe

Auch in der Zukunft wird es die Liebe geben. Wie sie aussehen wird, darüber haben sich die Autoren dieser Seite Gedanken gemacht. Besser scheint es nicht zu werden, eher noch verwirrender. Um die Zukunft der Liebeslyrik muss man sich also nicht sorgen.

 

Zukunft der Liebe heute

Wahrscheinlich ist das Szenarium dieses Liebesgedichts schon heute möglich. Mindestens aber der Schluss ist von heute;-)

Christian Albrecht May · geb. 1966

Wie durch ein Fenster

Tag und Nacht
brauche ich dich um mich
abrufbar
mit den Lippen an der Kamera

in der Straßenbahn
im Menschengewitter
der Schleier, den dein Atem erzeugt, über dem Bild
verliebt

aufgewacht in der Nacht
sehe ich
wie du schläfst
ich zoome dein Gesicht heran
und berühre mit meinem Mund
das kalte Glas
der Sehnsucht.

Wunschgefühle
in mir geboren
zu dir gesendet
ohne zu wissen
wie sie dich bewegen

es wird so leicht
zu empfinden
so schwer
echt
zu leben
zurückgezogen

auf der perfekt geputzten Bildschirmfläche
habe ich dich um mich
abrufbar
zum Abschalten.

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Liebe zu einem künstlichen Geschöpf

Gerade in der Liebe, wo Illusion und Selbsttäuschung bedeutende Rollen spielen, dürfte es nicht schwer sein, jemanden von den Gefühlen eines künstlich geschaffenen Wesens zu überzeugen.

Andreas Müller · geb. 1968

Moon

Seit Jahren schon das Gleiche.
Sie sitzt auf meinem Schoß.
Die Haut von nobler Bleiche.
Ihr Haar ist makellos.

In ihrem Kopf die Daten,
Bestimmen ihre Gunst.
Mir wurde abgeraten,
Von des Professors Kunst.

Sie kennt nicht ein Gebrechen,
Weiß, wie man sich benimmt,
Erlaubt sich niemals Schwächen.
Der Wahnsinn, er beginnt,

Denn Moon hat wohl erkannt,
Dass ich sie nicht mehr will.
Sie schaut sehr angespannt,
Hält mich fest, wartend ... still.

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Kommentar:
Die Schlusszeile ist sehr interessant. Nicht nur inhaltlich wird Spannung erzeugt, auch das Metrum wirkt unterstützend. Eigentlich müsste die letzte Zeile, wenn sie dem Muster der vorherigen folgte, das Betonungsschema xXxXxX haben. Naheliegender ist jedoch XxXXxX. Die Betonungen nehmen also überhand mit einem Hebungsprall in der Mitte. Das bremst das Lesetempo. Das Gedicht endet mit einem verlangsamten, aber kräftigen Finale.

 

Die Liebe in Zeiten der Weltraumflüge

Wenn die Entfernungen die Kommunikation schwierig machen, ist das eine harte Probe für die Liebe. Ob sie die besteht?

Christian Künne · geb. 1983

Flüge jenseits

Nun gibt es Flüge jenseits des Mars,
auf die ich gehen muss ohne dich.
Die sekundenlangen Pausen erlauben mir,
dein Gesicht zu betrachten im Holo,
mir die Berührung mit meiner Hand
an deiner Wange wirklich vorzustellen.

Nun gibt es Flüge jenseits des Jupiter,
auf die ich gehen muss in Einsamkeit.
Deine Aufzeichnungen sind voll Fröhlichkeit,
und ich schicke dir ebensolche von mir,
doch in den Augen des jeweils anderen
erkennen wir die tiefsitzende Traurigkeit.

Nun gibt es Flüge jenseits des Saturn,
auf die ich gehen muss ganz allein.
Wir geben uns im Vorfeld ernste Versprechen,
die zu halten uns nicht schwerfallen,
wartend auf den realen Augenblick,
jedes Versprechen wahrhaft einzulösen.

Nun gibt es Flüge jenseits des Uranus,
auf die ich gehen muss mit leerem Raum.
Stille verbindet uns und langes Warten,
grau und weise werden wir,
das stärkt nur unseren Entschluss
füreinander in jedem Bild.

Keine Flüge jenseits des Neptun,
auf die ich gehen muss.
Ich bleibe bei dir
und du bleibst bei mir,
Fingerspitze an Fingerspitze,
einander nah auf der Erde.

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Kommentar:
Mehr Texte von Christian Künne findet man in seinem Blog.

 

Intergalaktische Liebe

Ist Liebe zu Wesen von anderen Planeten möglich? Wenn Frauen Männer lieben können und umgekehrt, dann sollte auch das möglich sein.

Hans G. Gohlisch · geb. 1949

hals über kopf

moo x3 lachte
sie drehte ihren hals auf die 3-fache länge
"dahinten ist yin colo22; fragen wir ihn"
"34.857.588 szishmorse;
aber das ändert sich - je nach uhrzeit"

seine stimme klang etwas verrostet,
obwohl er erst 349 prickletts alt wurde

moo x3 schnallte sich auf dem periocip an
nach knapp zwei stunden stand sie vor mir
mit beiden füßen auf der erde
ich wollte sie küssen,
aber sie musste erst ihren hals wieder
zurückdrehen

ich liebte dieses wesen von humox zb7-84
und eigentlich war es ein unglück,
was uns zusammenbrachte
eine notlandung, bei der ich zufällig
in der nähe war

ihren hals hätte ich am liebsten
die ganze nacht geölt

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Vampiresques Liebesgedicht

Ein Spiel mit dem Vampir-Mythos und Zeilensprüngen im Flügelformat ist dieses Gedicht. Ob die bedichteten Wesen überhaupt Technik zur Kommunikation brauchen, ist fraglich, aber: in dubio pro poet.

Rainer Frei · geb. 1961

kurze mitteilung

am tag senden und empfangen wir
kurze mitteilungen wie diese
das umgeht den raum
zwischen hier und

dir auf halber linie zwischen dort und
mir die karpaten wir umkreisen sie
nachts schulter an schulter
in leichtem flug

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Kommentar:
Mehr Gedichte von Rainer Frei gibt’s auf seiner eigenen Website.