Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Liebe im Internet

Die schöne, neue Welt der Liebe im Internet hat durchaus ihre Tücken. Manches Herz geht verloren und wird nicht wiedergefunden, „false friends“ lauern überall. Aber die Sehnsucht ist groß, alles ist so einfach im Netz, und manchmal gibt es doch ein Happy End. Und wenn nicht, springt zumindest ein Gedicht über die Liebe im Internet dabei heraus.

 

Liebe über alle Kanäle

Nur keine Zeit verschwenden, ist das Motto dieses Liebesgedichts, und es wird über alle Kanäle gefunkt, weil es „gefunkt“ hat.

Yvonne B. Menzel · geb. 1982

Nachricht

Per SMS: „Ich liebe dich!
Denk an die Mail, vergiss mich nicht!
Werd’ nachher noch bei Facebook sein,
D’rum schreib dort in die Pinnwand rein!“

Damit mein Schatz nicht warten muss,
Send ich ihm schnell noch einen Kuss,
Dafür drück ich zwei Knöpfe nur,
An der Mobilphone-Tastatur.

Nun lauf ich gleich zum Rechner hin –
Ein Klick, ein Passwort und schon drin –
Der Desktop zeigt ein Bild von dir,
So bist du jederzeit bei mir.

Die Maus berührt sanft dein Gesicht,
Ich hoffe doch, das stört dich nicht,
Jetzt hat der Browser dich versteckt,
Mal kurzerhand dein Bild verdeckt.

Das ist ok, das muss so sein,
Komm’ anders nicht ins Postfach rein.
Die Mail ist auch recht schnell verfasst,
Noch checken, ob auch alles passt.

Ok, sieht gut aus, geht so raus,
Und schon ist sie bei dir zu Haus.
Die zweite Mail gleich hinterher,
Wie gerne ich jetzt bei dir wär’.

Nun schreib ich dir noch an die Wand,
„Die Mail, mein Schatz, ist schon versandt“.
Mach jetzt den Browser wieder zu –
Und auf dem Desktop nur noch du!

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Buzzword-Liebe

Eine wahre Netzwortflut bietet die Dichterin in diesem Liebesgedicht. Ob die Zusammenhänge immer Sinn ergeben, sei dahingestellt, aber das ist bei der Liebe ja nicht anders.

Daniela Herbst · geb. 1979

LoveMedia

Ich habe dich schon geliked,
bevor ich deinen Account kannte.
Seit ich dir endgültig followe,
heißt mein Hashtag #Love.

Ich poste mein Herz hinaus,
in jeder Statusmeldung.
Du bist der eine Tweet,
der mich zum Zwitschern bringt.

Dein Name ist mein Keyword –
für mich klingt er optimiert.
Poste mit mir unser Leben.
Meine Timeline gehört nur dir.

Ich schreie es in die Community
und teile es mit allen Usern.
Ich schreibe es in die Clouds.
Ich tagge und blogge und verlinke es.

Dein Webprofil ist meine App.
Mit dir fürchte ich keinen Shitstorm.
Du machst mich erst vernetzt.
Nie wieder will ich offline sein.

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Kommentar:
Mehr Lesenswertes von Daniela Herbst gibt’s bei Buchherbst.

 

Verschneite Liebe

Die Vervielfachung des Ichs im Netz macht die Liebe nicht einfacher, obwohl auch im richtigen Leben ein Ich nicht überall dasselbe ist. Der Unterschied: Daten.

Michael Köhler · geb. 1959

DatenSchnee

So Viele sein,
geteilt,
vervielfacht,
in die Welt hinaus verstreut.

Ein Ich
sehnt sich nach dir,
nach deiner Nähe.

Doch.

Um ein Wir
zu sein,
müsste Ich
mich erst
wieder finden,

in einer Welt,
in der Menschen
DatenSchatten sind.

Wie Schnee,
der überall verteilt liegt
und
nicht mehr
schmelzen darf.

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Kommentar:
Wer des Badischen mächtig ist, findet bei www.mundartautor.de mehr Gedichte von Michael Köhler.

 

Ein Liebeskummer-Sonett

Eine alte Form für neue Liebe bietet der Dichter hier auf, denn der Kummer ist eine alte Nummer.

Michael Seiterle · geb. 1977

Liebeskummer 1.0

ich hab mich virtuell in dich verguckt
dein digitales bild hat mich berührt
dein pixel-ich hat meine links verführt
bin gleich gefollowed – hab dich facegebooked

ich wühlte klick für klick mich in dein leben
hab deine online-signatur gewittert
hab alles über dich und mich getwittert
mein neuer status wär so gern: vergeben

natürlich hab ich dich sofort geliked
und endlich hat dein daumen hochgezeigt
ich träumt von analog-erotik schon

dann hast du mich auf einmal weggeklickt
den cache gelöscht – mich in den korb geschickt –
für kummer gibt es kein emoticon!

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Kommentar:
Mehr Gedichte von Michael Seiterle bietet Main-Reim.

 

Gedicht über Online-Liebe und -Tanz

Online tanzen? Nur mit Worten, doch die reichen, damit Liebe erwächst. Eins der Gedichte, das fast ohne Reime, aber mit mit durchdachtem, unauffälligen Metrumeinsatz Rhythmus erzeugt.

Heide Floor · geb. 1943

Netzgeflüster

so lang schon
seit du mich
und ich dich
zum Tanz gebeten
zum Tanz der Wörter
die eilen
von mir zu dir
und dir zu mir
die knistern und streiten
schwärmen und lärmen
die zaubern und zündeln
auf Wegen für die mir
die Worte fehlen
füllen sie sich
mit Liebe und Zeit

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Kommentar:
Mehr Lesestoff von Heide Floor bietet ihre Website.

 

Die Schattenseite der Online-Liebe

Im Internet ist es nicht anders als im richtigen Liebesleben. Man will an das Gute im Anderen glauben. Doch im Netz ist es wesentlich einfacher, eine falsche Fassade aufzubauen, wie das folgende Gedicht zeigt.

Franziska Ott · geb. 1999

Verliebt in meine Lügen

Ich kenne deinen Tagesplan
Doch ich vernahm noch nie deine Stimme
Ich kenne dein Aussehen
Doch ich stand dir noch nie gegenüber

Ich liebe dich
Doch ich ging noch nie Hand in Hand mit dir

Du findest mich mutig
Doch ich rettete kein kleines Mädchen
Du findest mich klug
Doch ich studierte nicht Medizin
Du findest mich sportlich
Doch ich gewann keinen Pokal
Du findest mich hübsch
Doch ich gleiche nicht dem Bild meiner Schwester

Plötzlich
Die Nachricht
Wollen wir uns endlich sehen?
Morgen?

Ich habe einen Arzttermin

Ich schreibe nicht
Ich habe dich angelogen
Ich schreibe nicht
Du bist verliebt in meine Lügen

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Ist Online-Liebe peinlich?

So ganz angekommen im Alltag scheint die Online-Liebe noch nicht zu sein. Die Anbahnung einer Partnerschaft übers Netz gilt weniger als die üblichen Wege. Doch egal, auf welchem Weg die Liebe zustandekam, „es ist, was es ist“, wie mal ein bekannter Dichter schrieb.

Svenja Bramfeld · geb. 1995

Was sollen denn die Leute denken?

Wenn ich von unsrem Wir berichte
Und wie dies Wir damals begann
Dann mag kaum einer die Geschichte
Weil niemand sie verstehen kann

Wir trafen uns nicht im Theater
Nicht schmökernd in der Bücherei
Nicht beim Herrn Tierarzt mit dem Kater
Und nicht beim Tanzen in den Mai

Wir kannten uns nicht seit der Lehre
Und auch nicht über Freundeskreise
In anonymer Atmosphäre
Traf man sich auf moderne Weise

Ein Doppelklick, schon war’s geschehen
Der erste Satz schoss durch den Äther
Und Du, davon war auszugehen,
Antwortetest mir nicht viel später

Für oberflächlich wird gehalten
Wer virtuell das Glück will finden
Doch auch im Netz kann Wohlverhalten
Mitunter uns an andre binden

Ein Mann, ein Weib und ein Termin
So kam’s, dass wir uns trafen
Du kamst von weit, fast aus Berlin
Und durftest bei mir schlafen

Ein Mann, ein Weib und rote Reben
Bei Regenduft und Kerzenschein
Ein Wort, ein Blick und zartes Beben
So kitschig darf nur Liebe sein

Bald kehrten wir dem Netz den Rücken
Denn unser Fisch war ja gefangen
Noch heute denk’ ich mit Entzücken
An rotgefärbte Grübchenwangen

An Feuereifer in den Tasten
An flaue Wärme in der Brust
An Augen, die durch Zeilen hasten
An ungehemmte Pointenlust

Wenn ich von unsrem Wir berichte
Und wie dies Wir damals entstand
Dann bin ich stolz auf die Geschichte
Weil ich sie nur mit dir erfand

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Kommentar:
Mehr Texte von Svenja Bramfeld hält ihr Blog parat.

 

Liebesgedicht über eine Achterbahnfahrt

Das folgende Gedicht hat seltsame Eigenarten. Der unpoetische Telegrammstil und der ständig gleiche Verlauf der Strophen, lassen es gleichzeitig monoton und hektisch erscheinen, so ganz und gar nicht wie ein ambitioniertes Liebesgedicht. Aber genau das kommentiert, was in dem Gedicht passiert.

Annabelle Kahmann · geb. 1997

#Liebe

Freundschaftsanfrage akzeptiert
Er hat dir eine Nachricht geschrieben
Beziehungsstatus: in einer Beziehung
Freunde: „Wow wünsche euch Glück!“
„Freue mich so für dich Kleine!“
#ichbinsoverknallt=D!

Chatverlauf checken
Er hat mir gute Nacht gewünscht!
Zuletzt online: gestern um 21:13
Beziehungsstatus: Verlobt
Freunde: „Glückwunsch!“
„So früh schon? Viel Spaß!“
#ichbinmirsicherdasseresist^^!

Bildschirm mit den Augen fressen
Warum schreibt er mir nicht?
Zuletzt online: heute um 6:14
Beziehungsstatus: Es ist kompliziert
Freunde: „Oh was ist los?“
„Ist der Idiot dir fremdgegangen?“
#Bestimmthatereineandere:´(

Tage später eine neue Nachricht
„Hey was geht so? Läuft bei dir? xD“
Beziehungsstatus: in einer Beziehung
Freunde: „Wow wünsche euch Glück!“
„Freue mich so für dich Kleine!“
#ichbinjasooohappy=D!

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Schweigen statt Liebe

So viele Kommunikationskanäle stehen offen in dieser Zeit. Das macht ein Schweigen noch bitterer, wie dieses Gedicht demonstriert.

Kathrin Tschorn · geb. 1982

Kommunikationslos

Sehnsüchtig
Wartend auf deine Antwort
Komme mir vor
Wie dummes Mädchen
Das dir hinterherrennt
Dein kleines Profilfoto
Anbetet
Feuerheißer Erstkontakt
Zerfällt in mürbe Warterei
Zäh wie Kaugummi
Bittersüßer Zeitvertreib
Analyse geschriebener Worte
Ohne Resultat
Versuchter Selbstbetrug
Ist mir egal
Ob du schreibst
Unter Vorwand auf WhatsApp
Zuletzt online am um
Vergebliche Rechtfertigung
Deiner Abwesenheit
Über Tage und Wochen
Bis ich weiß:
Du bist gegangen
Ohne ein Wort

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Kommentar:
Was Kathrin Tschorn sonst so schreibt, lässt sich auf ihrer Homepage nachlesen.

 

Schein und Sein in der Partnerbörse

Ein gutes Gedächtnis für Gesichter braucht, wer sich in Partnerbörsen tummelt, denn Fotos lügen mehr als 1000 Worte.

Dorothea Pointner · geb. 1969

Profil

Der ist sicher gut bei Kasse
mit dem coolen Domizil.
Der ist wirklich Monegasse
und wie sagenhaft sein Stil.

Und ich seh’ uns in Arkaden
auf den schönsten Schlössern steh’n,
Himmelsbilder echter Jade
über meinen Bildschirm geh’n.

Doch dann denk ich mir, naja,
Hobbys hat er etwas fade.
Heißt er wirklich Martin-Paul?
Setz dich mal in seine Lage,
spar’ dir dieses Rumgemecker.
Schreiben tut er ja ganz klasse.
Fotos hat er drinnen – wow!
Aber ist das nicht der Bäcker
von der Reinprechtsdorfer Straße?

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Süchtiges Liebesgedicht

Im Prinzip zeigt sich in diesem Gedicht eine Konsumenteinstellung: immer auf der Suche nach neuen Reizen. Das Haltbarkeitsdatum einer Partnerbörsen-Liebe bekommt einen ähnlichen Zeithorizont wie Joghurt.

Jürgen Lorenzen · geb. 1959

Süchtige Suche

Single bin ich
suche die Frau
für ein zweisames Leben.
Baue im Cyber für Geld
stets auch mit Bild
ein Profil.
Partner-Börsen
gibt es die Menge.
Obwohl nicht mehr Frischling
nun silbriger Kranz
sind Damen mir immer noch hold.
Manchmal wird es ein Date
mit Rotwein und allerlei Kerzen;
mein Herz schwebt auf Wolken
Hoffnung
noch zärtlich
erblüht ...
Doch oftmals
nach wenigen Wochen
sitzt der ewige Jäger
einsam vorm Bildschirm
klickt
Traumwandler wieder
die Maus.

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Liebe und Naivität

Wenn man’s recht bedenkt, gehört ein Schuss Naivität zur Liebe dazu. Zu lieben und geliebt zu werden, dieses Wunder darf man nicht mit Grübeleien versauen, sondern muss es ganz naiv annehmen. Dann ist nichts unmöglich. Und gerade das ist der Haken, wie das folgende Liebesgedicht zeigt.

Henrike Brüggeboes · geb. 1998

Unmöglich

Ich warte – mal wieder.
Online – die ganze Zeit,
doch du antwortest nicht.
So gern würde ich dich sehen,
in den Armen halten,
nie wieder gehen lassen.
Doch du bist nicht hier.
Verbringst deine Zeit
lieber mit Anderen.

Ich will dich besuchen,
zu dir fahren.
Doch du meinst,
das wäre unmöglich.
Wir sollten erstmal skypen.
Ein guter Anfang.
Doch dann seh ich dich.
Nein, nicht dich,
sondern dein wahres Ich.

Ich habe gedacht,
du liebst mich.
Bist ehrlich,
ich dachte,
das ist unmöglich.
Ich soll verstehen.
Dich soll ich verstehen.
Nichts ist unmöglich,
das war das Letzte,
was du sagtest.

Es ist unmöglich!
Du hast mich belogen,
so viele Monate.
Dass so etwas passiert,
habe ich nicht
erwartet.

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Mehr Gedichte von Henrike Brüggebos bietet ihr Blog Wordkunst am Regenbogenende.