Gedichte des Barock
„Barocke Lyrik ist mit wenigen Ausnahmen unheilbar rhetorisch.“ (Max Wehrli, Deutsche Barocklyrik, Basel/Stuttgart 1962, S. 203) Die Kenntnis der antiken Rhetorik war für die Dichter des Barock selbstverständlich und so dichteten sie „gebundene Reden“, also Reden mit Metrum und Reim. Der Ansatz beim Schreiben von Gedichten war wesentlich technischer, deshalb gab es damals auch einige Anleitungen, wie „jeder“ (Gebildete) Gedichte schreiben lernen konnte.
Martin Opitz legte in seinem Buch von der Deutschen Poeterey 1624 den Grundstein für die Behandlung des Metrums in deutscher Sprache, indem er die natürliche Betonung der Silben zum Maßstab erklärte. Die Art und Weise, wie Gedichte in Sprache gegossen wurden, basierte auf den Vorgaben der Rhetorik. Zunächst wurden Argumente gesucht und angeordnet und sie dann sprachlich ausgeschmückt.
Dabei störte auch nicht, dass Dichter immer wieder dieselben Themen wie zum Beispiel die Vergänglichkeit (Eitelkeit) bearbeiteten. Ziel war es, „die bekannten Inhalte in belehrender, erfreuender oder bewegender Weise immer wieder zu formulieren, den Leser auf ihre exemplarische Gültigkeit hinzuweisen und ihn zu überzeugen …“ (Joachim Dyck, Ticht-Kunst, Verlag Dr. Max Gehlen 1966, S.112) Gedichte waren nicht Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, sondern der Dichter trug seinen Teil dazu bei, die Grundsätze der Gesellschaft zu verfestigen.
Die Dichterinnen und Dichter des Barock nutzten Gedichte also nicht, um ihre persönlichen Empfindungen oder Erlebnisse zu verarbeiten. Das war eine Sache des 18. Jahrhunderts, als die barocken Gedichte schon nicht mehr hoch im Kurs standen. Liest man Gedichte des Barock unter den hier genannten Gesichtspunkten, wird die Art und Weise ihrer Machart wesentlich verständlicher, die Abgrenzung zu den folgenden Epochen deutlicher.
Die Welt des Barock
Dieses Gedicht ist ein Musterbeispiel barocker Dichtkunst. Mit großem rhetorischen Aufwand wird beschworen, was alle wissen: Das Leben mag so nicht solle sein, aber das Leben danach reißt es wieder raus. Man muss halt nur dran glauben.

Barocke Rhetorik
Selbst wenn man sonst nichts von Rhetorik weiß, den Begriff „rhetorische Frage“, die keine Antwort erwartet, hat man schon mal gehört. Im Barockgedicht Die Welt gibt es zu Anfang gleich die doppelte Ausführung verstärkt um die Wiederholung „Was ist die Welt ...“. Und dann folgt ein wahres Feuerwerk an Metaphern.
Neu ist der Aufbau – erst rhetorische Frage, dann Metaphern – nicht. Auch Andreas Gryphius beginnt Menschliches Elende auf diese Weise. Selbst die asyndetonische Reihung nach der rhetorischen Frage, also das Trommelfeuer von Sätzen (in diesem Fall verblosen) ohne verbindende Konjunktionen wie „und“ bzw. „oder“ wird von beiden Barockdichtern genutzt. Josua Stegmann treibt in Kurze Reimen von der Eitelkeit des menschlichen Lebens das Asyndeton noch wesentlich weiter. Man könnte das eine Überwältigungsstrategie nennen, wobei man im Barock eigentlich niemanden überzeugen musste von der Grundthese des Gedichts, das war allgemeines Gedankengut.
Interessant ist der Kniff, dass der Dichter im zweiten Teil ganz auf die aufdringliche Anapher „Ein“ und auch auf gleichartige Satzbauten verzichtet. Die Leserinnen und Leser sollen sich entspannen, bevor ihnen, oder richtiger gesagt ihrer Seele, die Lösung allen Übels präsentiert wird.
Rein klanglich ist diese Auflösung eine Art Echo des Gedichtanfangs. In Vers drei und vier dominiert die Alliteration mit „sch“, in der viert- und drittletzten Zeile taucht dieser Laut am Wortanfang wieder auf bei „Streich“ und „schwere“. Das doppelte „W“ von „Welt“ der ersten beiden Zeilen findet sein Echo in „wirst“ und etwas schwächer in „Ewigkeit“. Zudem ist der Abschlussreim „Last“, „umfasst“ eine Assonanz zu „Pracht“ und „Nacht“ vom Gedichtanfang. Bei aller rhetorisch Gewalt vergisst ein Dichter des Barock nie, den Klang eines Gedichts zu bedienen. Gelernt ist gelernt.
Kirchenlied
Dieses Gedicht hat es sogar in Gesangbücher geschafft und ist deshalb unter die Kirchenlieder einzuordnen. Heute erscheinen diese Hilferufe an Gott in Anbetracht der Menschheitsgeschichte etwas naiv.

Der Dreißigjährige Krieg
Man könnte das Gedicht In Kriegs- und Verfolgungsgefahr als Bittgebet in lyrischer Form bezeichnen. Gott wird angerufen, die Gläubigen zu schützen vor den Gefahren für Leib und Seele durch den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Die Ironie ist gleich zweifach: Einmal fand dieser Krieg auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation statt, doch besonders heilig benahmen sich die Kriegsparteien wahrlich nicht. Zudem war der Auslöser religiöser Natur, die kriegerisch Streitenden nach Katholiken und Protestanten getrennt. Nun sollte ausgerechnet der Gott, der die Menschen entzweite, für Schutz sorgen.
Die tatsächliche Brutalität des Dreißigjährigen Krieges und seine Folgen für die Zivilbevölkerung werden in dem Gedicht von Johann Heermann nur sehr abstrakt beschrieben. Da ist von „Not“ die Rede, von „Unrecht“ oder den Plagen von „Teufel, Höll und Welt“. Andere Gedichte aus jener Zeit sind wesentlich konkreter, z. B. Tränen des Vaterlandes, Anno 1636 oder Grabschrifft Marianæ Gryphiæ seines Brudern Pauli Töchterlein von Andreas Gryphius.
Für eine poetische Zurückhaltung in Gedichten über den Dreißigjährigen Krieg gab es eigentlich keinen Anlass. Die städtische Bevölkerung schrumpfte während des Krieges um etwa fünfundzwanzig Prozent, die ländliche um vierzig Prozent. Stadtmauern schützten besser als Gebete. Insgesamt geht man von einem Bevölkerungsverlust von sechs Millionen aus (Vorkriegsstand: etwa sechzehn Millionen). Dabei fielen die meisten Menschen nicht militärischen Massakern zum Opfer, obwohl es solche auch gab (etwa die „Magdeburger Hochzeit“ mit über 20.000 Toten), oft genug waren es Seuchen und Hunger, die Armeen als tödliche Waffen mitbrachten. Dieses Ausmaß an Tod und Gewalt überforderte die Dichtkunst, wie es auch heute noch den menschlichen Verstand überfordert.
Epigramm
Eine griechisch-römische Tradition, die im Barock gepflegt wurde, ist das Epigramm oder Sinngedicht. Herr von Logau veröffentlichte Stücker 3000 davon.

Das Epigramm
Ursprünglich stammte das Epigramm aus dem antiken Griechenland. Seine Karriere begann als Inschrift an Statuen oder Bauwerken. Mit der Zeit machte es sich als Kurzgedicht selbständig. Die klassische Form war das ungereimte, zweizeilige Distichon.
Den größten Einfluss auf das deutsche Epigramm im Barock hatte jedoch der Römer Martial (erstes Jahrhundert), dessen Kurzgedichte sich vor allem durch eine Schlusspointe auszeichneten. Später hat vor allem Herder versucht, das Epigramm wieder auf die griechischen Wurzeln zurückzuführen, als es eher leise, besinnliche Töne hatte, also mehr Weisheit statt Witz.
Für Dichterinnen und Dichter des Barock war das Epigramm die reinste Erholung. Statt des siebenhundertzwanzigsten Sonetts über die Vergeblichkeit allen menschlichen Daseins machte man Witze über das Menschliche, allzu Menschliche. Das ging bis zur Schlüpfrigkeit oder zu einem bösen Grabsteinspruch. Opfer des Witzes wurde alles auf zwei Beinen, ob Mann, ob Frau, ob Arzt, Anwalt oder Pfarrer. Die Kürze des Epigramms war nicht verbindlich festgelegt, also ging alles vom Zwei- bis zum Achtzeiler und sogar manchmal darüber hinaus. Und selbst der in Sonetten bis zum Abwinken geprobte Alexandriner war hier als Versmaß keine Pflicht.
Es gab im Barock auch das Epigramm, das eher als Vermittler von Lebensweisheiten diente, wie etwa bei Angelus Silesius, dem schlesische Engel (Johannes Scheffler), der, wie konnte es anders sein, sich der epigrammatischen Kurzform in erster Linie bediente zur Verkündung der christlichen Heilsbotschaft. Doch ansonsten herrschte im Epigramm das pralle Leben.
Weitere Epigramme aus dem Barock gibt es beim Lyrikmond unter den berühmten Kurzgedichten. Das Poetische Stacheltier hat noch mal eine ganze Sonderseite zum Thema Epigramm von Martial über den Barock bis ins 20. Jahrhundert.
Philosophie-Epigramm
In diesem Epigramm wird Descartes’ berühmter Satz „Ich denke, also bin ich“ (cogito ergo sum) auf die Schippe genommen.

Lesetipp:
Etwas ernsthafter sind die philosophischen Gedichte beim Lyrikmond.
Lehrspruch
Hier ist mal von der Eitelkeit ohne Bezug auf die Vergänglichkeit die Rede. Allerdings „romantisiert“ Silesius die Rose, denn natürlich will sie gesehen werden: von Hummeln und Bienen.
Angelus Silesius · 1624-1677
Die Ros’ ist ohn warum ...
Die Ros’ ist ohn warum, sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.
Linkadresse zu diesem Gedicht: www.lyrikmond.de/gedichte-thema-4-135.php#331
Gelegenheit macht Gedichte
Gelegenheitsgedichte zu festlichen Anlässen von der Geburt bis zum Todesfall wurden im Barock viel geübt. Hier bietet laut der (weggelassenen) Widmung die Hochzeit eines Herrn Michels und einer Frau Rothhausen die Gelegenheit für ein Gedicht.

So ein Nebenbei-Gedicht
Der bereits in der Einleitung erwähnte Herr Opitz beklagte sich bitterlich über die Sucht nach Gelegenheitsgedichten im Barock: „Es wird kein Buch, keine Hochzeit, kein Begräbnis ohne uns gemacht; und gleichsam als niemand könnte alleine sterben, gehen unsere Gedichte zugleich mit ihnen unter.“
Aber wer wollte den Dichtern das verdenken? Denn dies war wahrscheinlich eine gute Möglichkeit, ein bisschen Geld zu verdienen. Aus Buchverkäufen dürfte auch damals kein Staat bzw. Haushalt zu machen gewesen sein.
Und dann muss man sehen, was für einen Aufwand Simon Dach bei Brauttanz betreibt. Erst mal: 66 Verse! Heutzutage ist man bereits nach etwa acht Zeilen vollkommen zufrieden. Wer viel Ehrgeiz hat, spendiert ein vierzehnzeiliges Sonett. Nicht nur die Masse an Versen ist erschlagend, auch die Bauweise hat es wörtlich in sich:
Die Strophen sind elfzeilig! Keine schnell gemachten vierzeiligen Leierverse, sondern aufwändig gebaut. Jede Strophe ist nochmals inhaltlich unterteilt in einen fünf- und einen sechszeiligen Abschnitt. Damit es wirklich nicht zu leicht wird, ist das Reimschema möglichst kompliziert. Der fünfzeilige Abschnitt folgt dem Schema aabab, und der sechszeilige ccdeed. Und das wird konsequent sechs Strophen lang durchgehalten!
Schaut man sich dann noch das Metrum dieses Gedichts an, wird einem schwindlig. Die Verse sind sehr kurz, was gerade bei Reimen seine besonderen Schwierigkeiten hat. Aber dann gibt es einen Wechsel von zwei- zu dreihebigen Versen, der ebenfalls konsequent durch alle Strophen verfolgt wird: Zeile eins und zwei zweihebig, drei bis fünf dreihebig, Zeile sechs und sieben sowie neun und zehn zweihebig und acht und elf dreihebig. Beim Metrum serviert Simon Dach schließlich den etwas schwierigeren Trochäus. Natürlich, denn so ein Nebenbei-Gedicht ist die beste Gelegenheit zu glänzen.
Das große Thema Eitelkeit
In unendlichen Variationen haben sich die Barockdichter an der Eitelkeit im Sinne der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens abgearbeitet. Die Art der Reihung von Bildern wie in diesem Gedicht nennt sich als rhetorische Figur Asyndeton.

Kommentar:
Berühmtestes Beispiel für die Thematisierung der Eitelkeit ist zweifellos Es ist alles eitel von Andreas Gryphius.
Liebe und Tod
Carpe diem, nutze den Tag, das ist das Motto vieler barocker Gedichte, besonders wenn es um die Liebe geht. Der Tod war schließlich ein ständiger Gast im Leben der damaligen Zeit. Und so will auch dieser Dichter die Liebste vom (Liebes-) Leben überzeugen.

Lesetipp:
Das Thema Liebe und Tod hat eine eigene Seite beim Lyrikmond mit weiteren Gedichten aus dem Barock, aber auch aus anderen Epochen.
Loblied auf Jesus
Die christliche Religion war zur Zeit des Barock die gesellschaftliche Grundlage und Andreas Gryphius einer der bekanntesten christlichen Redner in Versen. Wie er das Thema der Geburt Jesu anpackt, lässt kaum Raum für weihnachtliche Gefühlsduselei.

Die barocke Nacht
In barocker Manier werden in diesem Gedicht die Finsterheiten der Nacht ausgemalt, die in der Romantik eine völlige Umwertung erfahren hat. Bemerkenswert ist, dass sich das Gedicht fast ausschließlich auf den Daktylus (Xxx) stützt. Dieser war von Martin Opitz gar nicht vorgesehen für die „deutsche Poeterey“.

Ewigkeit der Kunst
Die Ewigkeit war eigentlich dem christlichen Jenseits vorbehalten, doch Philipp von Zesen erkennt auch in der Kunst eine Möglichkeit, dem kurzen irdischen Dasein ein Schnippchen zu schlagen.

Lesetipp:
Mehr zum Thema Unsterblichkeit bei Dichtern.
Barockes Trauergedicht
Bei diesem Gedicht muss wieder die asyndetische Reihung herhalten, um die Trauerrede in Versen rhetorisch aufzublasen. Das Kunststück, alle Begriff am Schluss zu Versen zusammenfassen, ist eine Demonstration des eigenen dichterischen Könnens und daher, wenn man das Gedicht als Trauergedicht ernst nimmt, aus heutiger Sicht eigentlich fehl am Platze.

Lesetipp:
Auch Trauergedichte werden noch heute geschrieben.
Barockes Rätselgedicht
Eine andere barocke Spielerei war das Rätselgedicht, in diesem Fall in einer eindeutig doppeldeutigen Variante.
Gottfried Finckelthaus · 1614-1648
Der Frauen bin ich lieb ...
Der Frauen bin ich lieb, die trägt mich stets bei sich:
Bin steif, bin rund und lang, und wenn sie brauchet mich,
So fasst sie meinen Kopf und steckt mich so hinein:
Komm ich denn gar zu tief, so mach ich Weh und Pein.
(Lösung: ledanhäN eiD)
Linkadresse zu diesem Gedicht: www.lyrikmond.de/gedichte-thema-4-135.php#1111
Lesetipp:
Frauen und Humor? Gibt’s heute noch als Lustige Gedichte über Frauen.
Die ständische Gesellschaft im Barock
Typisches Merkmal einer ständischen Gesellschaft ist ihre geringe Durchlässigkeit für Aufsteiger. In diesem spätbarocken Gedicht macht das Ich daraus eine Tugend.

Über den barocken Adel
Barock und Bankrott fallen unter das Stichwort Assonanz, gleiche Vokale, unterschiedliche Konsonanten. Was hat das mit diesem barocken Gedicht zu tun? Mal schauen:

Lesetipp:
Gesellschaftskritik im Gedicht ist auch vier Jahrhunderte später immer noch ein Thema.
Schäferlyrik
Die Schäferlyrik war eine Möglichkeit abseits rhetorischer und gesellschaftlicher Zwänge volkstümlich zu dichten.

Landluft macht rhythmisch
Das Schwelgen in Klängen statt sittenstrenger Sonette ist eine Eigenart der Nürnberger Schule. Neben Binnenreimen wird in diesem Gedicht vom klangvollen Amphibrachys als Versfuß Gebrauch gemacht.

Ausblick
Ausgerechnet Andreas Gryphius wirft um des Themas willen die barocke Konvention des Sonetts über Bord, die sechshebige Jamben (Alexandriner) als Versmaß vorschrieb. Würde man das Gedicht sprachlich etwas modernisieren und die ersten beiden Strophen zum größten Teil in Ein-Wort-Verse verwandeln, hätte man ein expressionistisches Gedicht!

Eine etwas spitzige Präsentation von Gedichten des Barock liefert das Poetische Stacheltier.

