Berühmte kurze Gedichte
Diese Seite präsentiert berühmte kurze Gedichte vom Barock bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die Auswahl wurde zusammengestellt auf Basis von Hans Braams Anthologie Die berühmtesten deutschen Gedichte. Als Gradmesser für die Kürze habe ich nicht die Zeilenzahl, sondern die Zahl der Hebungen genommen und die Grenze sehr strikt bei 30 Hebungen gesetzt. Also: Langsam lesen, die Gedichte gehen schnell vorbei.
Berühmtes Kurzgedicht aus dem Barock
Den Anfang macht ein Weisheitsspruch, auch Epigramm genannt, im barocküblichen Alexandrinerstil.
Angelus Silesius · 1624-1677
Zufall und Wesen
Mensch, werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.
Linkadresse zu diesem Gedicht: www.lyrikmond.de/gedichte-thema-4-171.php#1701
Lesetipp:
Drei Jahrhunderte später hat dieses Gedicht einen Expressionisten zu einem weiteren inspiriert: Der Spruch.
Noch ein berühmtes Kurzgedicht aus dem Barock
Die pädagogische Absicht des Rosen-Gedichts ist offensichtlich, ob das biologisch hinkommt, wage ich zu bezweifeln.
Angelus Silesius · 1624-1677
Die Ros’ ist ohn warum ...
Die Ros’ ist ohn warum, sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.
Linkadresse zu diesem Gedicht: www.lyrikmond.de/gedichte-thema-4-171.php#331
Ein berühmtes Gedichtpaar
Dieses und das folgende kurze Gedicht gehören eindeutig zusammen. Matthias Claudius hat sie im sechsten Teil seiner gesammelten Werke hintereinander präsentiert und seine Anordnung der Texte war eine sehr bewusste.

Die Verbindung
Es gibt einen ganzen Roman über die Verbindung von Matthias Claudius und dem Tod: Freund Hain – die einzig wahre Geschichte seiner Freundschaft mit dem Dichter Matthias Claudius. Erzählt von ihm selbst.
Der elend lange Titel ist eine Anspielung auf die Art wie Titel zu Matthias Claudius Lebzeiten gestaltet wurden. Sie mussten damals wohl die Funktion miterledigen, die heutzutage ein Klappentext hat: Inhalt anreißen, Interesse wecken. Freund Hain ist eine norddeutsche Bezeichnung für den Tod als Person.
In dem Roman zerbricht die Freundschaft zwischen dem Tod und Matthias Claudius an Glaubensfragen, denn Freund Hain weiß nichts von Gott, für ihn ist der Glaube eine Sache der Menschen. Das ist im Roman für den tiefgläubigen Matthias Claudius aufgrund eines Schicksalsschlags (der Tod „raubte“ ihm den zweiten Sohn) nicht tolerierbar. Es war und ist zu allen Zeiten immer schwierig gewesen, den gütigen Gott mit all den schlimmen Lebenserfahrungen zu vereinbaren, und dann weiß der Tod von nichts?
Schließlich kommt es zur Versöhnung und Matthias Claudius schreibt die beiden Kurzgedichte Der Tod und Die Liebe für Freund Hain und übergibt sie ihm am Ende des 43. Kapitels. Im Roman sagt Matthias Claudius, dass diese beiden Gedichte in Wahrheit nur ein einziges sind. In Anbetracht der unterschiedlichen metrischen Gestaltung könnte man das bezweifeln, aber das sollte auch nur zum Ausdruck bringen, wie eng sie zusammengehören.
Diese Verbindung zeigt sich am Schluss der beiden Gedichte, der jeweils das Verb „schlägt“ enthält. Während es bei dem Gedicht über den Tod den Schlusspunkt bildet, heißt es in dem Gedicht über die Liebe „Und schlägt sie ewiglich“. Die Liebe geht über den Tod hinaus, so wie im Roman die Freundschaft zwischen Matthias Claudius und Freund Hain schließlich über die unausweichlichen Todesfälle hinausging.
Ein berühmtes Gedichtpaar, zweiter Teil
Wer sich ein bisschen mit dem Metrum auskennt, wird erkennen, dass jedes der beiden Gedichte sein eigenes hat. Dort der „dunkle“ Trochäus, hier bei der Liebe der „helle“ Jambus.

Lesetipp:
Mehr Kurze Gedichte über die Liebe.
Berühmte kurze Gedichte von Goethe 3
Ein bisschen lebensmüde kommt dieses kurze Gedicht daher, verständlich, denn sein Bruder ist wesentlich berühmter.

Das berühmteste deutsche Kurzgedicht
Dies ist das mit Abstand berühmteste kurze Gedicht der deutschen Sprache. Eigentlich etwas erstaunlich, weil es doch sehr unregelmäßig gebaut und dadurch nicht so liedhaft eingängig ist wie andere Gedichte.

Öffentliches Gedicht
Lange bevor es Internet gab, existierten schon Möglichkeiten, jenseits der gedruckten Kanäle Gedichte zu veröffentlichen. Der Herr von Goethe hat zum Beispiel das Gedicht Wandrers Nachtlied auf die Holzwand einer Berghütte geschrieben, was immer noch besser ist, als eines in den Putz einer Gefängniszelle zu ritzen. Ob er einen dran gekriegt hat für Sachbeschädigung, ist nicht bekannt. Bekannt ist jedoch der Tag der Tat: Es geschah am 06.09.1780.
Obwohl das Gedicht derart bekannt wurde, hat sich sein Dichter geschlagene 35 Jahre Zeit gelassen, den Text in einem Buch zu veröffentlichen. Das lag nicht daran, dass er nichts von seinem Gedicht hielt. Goethe hat ein halbes Jahr vor seinem Tod im August 1831 die Berghütte noch mal besucht und las den Text mit Tränen in den Augen. Laut seinem Begleiter sprach er: „Ja, warte nur, balde ruhest du auch.“
Damit ist von fachkundiger Stelle bestätigt, dass es in diesem Gedicht um den Tod geht. Goethe nutzte dafür jedoch eine sehr lebendige Form: das Madrigal. Ein relativ kurzes, strophenloses Gedicht, bei dem es nicht wirklich Regeln gibt. Normalerweise reimen sich einige Verse, es ist den Schreibenden jedoch unbenommen, reimlose Verse einzubauen. Auch beim Metrum gibt es keine Vorgaben, es muss nicht einheitlich sein wie sonst bei gereimten Gedichten.
Wer meint: Das kann ja jeder, ist auf dem Holzweg und wird die Berghütte wahrscheinlich nie erreichen. Das Problem beim Madrigal ist, dass man die Form genau passend für den Inhalt selbst finden muss. Das schafft nur, wer sich einige Zeit ziemlich strikt an Regeln gehalten hat. Daher kommt in dem Gedichte-Schreibkurs beim Lyrikmond das Kapitel zum Madrigal relativ spät. Trotzdem muss man kein Goethe sein, um ein Madrigal zu schreiben, Ringelnatz hat das ebenfalls gemacht, und statt einer Berghütte reicht eine einfache Holztafel.
Berühmte kurze Gedichte von Goethe 1
Auch Goethe war sich nicht zu fein, mal ein kürzeres Gedicht zu verfassen. Obwohl die 12 Zeilen bei einem Gedicht vielleicht nicht mehr als kurz erscheinen, hat doch jede nur zwei Hebungen, so dass dieses Gedicht noch in die gewählte Definition von Kürze passt.

Berühmte kurze Gedichte von Goethe 2
Auch hier verwendet Goethe nur zwei Hebungen pro Vers. Der dreisilbige Amphibrachys lässt die Zeilen dennoch nicht stakkatohaft kurz, sondern sehr rhythmisch erscheinen. Der erwähnte Äolus ist der griechische Windgott.

Ein berühmtes kurzes Gedicht von Heine
Das wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn ein Heine nicht bei den berühmten kurzen Gedicht mitgemischt hätte. Hier mit einem netten kleinen Liebesgedicht:

Ein liebliches Gedicht
Ich glaube, Heine wäre nicht sauer, wenn man sein kurzes Gedicht Leise zieht durch mein Gemüt … als keine große Lyrik bezeichnete. Es ist eher eine kurze, gefühlige Momentaufnahme. Trotzdem: Wenn man sich die Reime am Ende der Verse anhört, dann findet man keine reinen Töne.
Da reimen die Vokale i und ü in den Versen eins, drei, fünf und sieben, was allerdings auch in klassischen Gedichten akzeptiert wird. Der Reimklang von -äute zu -eite in Vers zwei und vier ist schon verdächtiger, doch selbst da könnte man noch ein Ohr zudrücken, nur: „Haus“ und „schaust“ geht gar nicht. Hier ist ein t zu viel, ein Reim verlangt nun mal Lautgleichheit.
Bleibt die Frage: Warum ist dieses Gedicht trotz der reimlichen Unsauberkeiten so populär geblieben? Man könnte sagen, der leicht unsaubere Reimklang ist näher dran am Sprachgebrauch, volkstümlich wäre das Stichwort. Oder man schaut ins Innere des Gedichts. Und dann entdeckt man Klang über Klang.
Da gibt es den (leicht unreinen) Binnenreim zieht-Gemüt, da werden Gleichklänge am Beginn betonter Silben geboten, als Alliteration bekannt: Leise, Liebliches, Geläute und dann die ganze Kling-Reihe, die sich mit „kleines“ verbindet. Bei den wiederholten Anfängen mit „Kling(e)“ klebt man noch das Stichwort Anapher dran. Und dann Vers fünf, Sensation: der reine Binnenreim hinaus-Haus. Weitere Alliterationen folgen: Wo-Wenn, sprießen-schaust, und schließlich eine zweisilbige Assonanz (gleiche Vokalstruktur) am Schluss: „Sag, ich“ und „lass sie“.
Heine hat sich bei diesem kurzen Gedicht nicht auf das Äußerliche, den Endreim, verlassen, um lieblichen Klang zu erzeugen, sondern auf innere Werte geachtet, es klingt und klangt in allen Versen. Das Gedicht ist somit ein klangliches Abbild von dem, was im Inneren passiert, wenn man verliebt ist. Das könnte ein Grund sein für seine Popularität.
Ein lustiges Kurzgedicht von Heine
Und nur mit Heine hat es auch der Humor in die heiligen Hallen der berühmten Kurzgedichte geschafft. So ein Reim wie „sehre“ auf „Meere“ musste einfach belohnt werden.

Ein ernstes kurzes Gedicht von Heine
Die Klage über das verlorene Vaterland entspringt der Biographie Heines, der einen großen Teil seines Lebens in Frankreich verbrachte und dessen Bücher in deutschen Ländern zeitweise verboten waren.

Berühmte kurze Gedichte von Mörike 1
Vielleicht etwas überraschend taucht der nicht ganz so bekannte Eduard Mörike auf dieser Seite mehrfach auf. Zu Anfang sein berühmtes Septembergedicht:

Berühmte kurze Gedichte von Mörike 2
Bei diesem kurzen Gedicht scheint mir doch die Botschaft mehr als die sprachliche Kunstfertigkeit zum Ruhme des Gedichts beigetragen zu haben.

Berühmte kurze Gedichte von Mörike 3
Wer sich bei diesem Gedicht vielleicht bloßgestellt fühlt, weil er weder das sagenhafte Land Orplid noch die Göttin Weyla kennt, kann beruhigt sein. Das ist keine Bildungslücke in Bezug auf die Antike, sondern beide sind eine Erfindung Mörikes.

Die Segel streichen
Zum Schluss streichen die berühmten Kurzgedichte die Segel mit der klanglichen Demonstration zweihebiger Amphibrachen:

Das berühmteste Kurzgedicht der Romantik
Vom Spätromantiker Eichendorff stammt dieses die romantische Sichtweise der Welt beschreibende Kurzgedicht.



