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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Walther von der Vogelweide

Der berühmteste Minnesänger war (und ist) Walther von der Vogelweide (um 1170 – ca. 1230). Die hier im Folgenden dargebotene Chronologie und einordnende Kommentierung der Lieder Walthers suggeriert zwar eine plausible historische Biographie; es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass es sich letzten Endes um eine fiktionale Konstruktion handelt.
Die Rechte für die Adaptionen und Anmerkungen zu den Texten liegen wie bei den anderen Mittelalterseiten bei Dieter Effertz.

Lyrikbücher im Lyrik-Lädchen beim Lyrikmond

 
 

Die Reinmar-Fehde

Walther begann seine Karriere am Wiener Hof, nicht weil er schon so berühmt war, sondern weil ihn bestimmte Kreise (er selbst spricht einmal von „guten Leuten“) dort haben wollten, als Gegengewicht zu dem offiziellen Hofsänger Reinmar von Hagenau. Reinmar († vor 1210) war Elsässer und dürfte die französische Hoflyrik gut gekannt haben, wobei er sich allerdings bemüht, dem deutschen Geschmack möglichst entgegen zu kommen; Walther dagegen war Donauländer.

Reinmar besang in vielen Liedern seine Liebe zu einer (wahrscheinlich verheirateten) adeligen Dame. Sehr viele am Wiener Hof nahmen ihm das aber nicht ab, Reinmar beklagt sich:

Ungefüeger schimpf bestêt mich alle tage:
si jehent daz ich ze vil gerede von ir
und diu liebe sî ein lüge diech von ir sage.
(Lachmann 1964: 197.9-11)

Eräuterungen: – bestêt (von bestân/bestên); hier etwa: verfolgt; – jehent (von jehen): „sagen“; – diech: die ich (Zusammenziehung/Kontraktion)

Reinmar war damals gerade mit seinem Lied „Ich wirbe umb allez ...“ aufgetreten:

Hagenau: Ich wirbe umb allez ...

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Kommentar:
Worterläuterungen

 
 

Walther kontert mit einem Lied, zu dem in der Handschrift ausdrücklich bemerkt ist, es sei in dem Ton (Melodie) von „Ich wirbe umb allez daz ein man …“ zu singen. Höhepunkt seines Liedes ist ausgerechnet eine Frauenstrophe, was einen klaren Verstoß gegen die poetischen Normen der Lieder im Stil der französischen fin'amor darstellt.

Vogelweide: Ich bin ein wîp dâ her gewesen ...

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Kommentar:
Worterläuterungen

 
 

Im folgenden Lied wird deutlich, dass Walther es sich durch den persiflierenden Angriff auf Reinmar mit der Dame verdorben hatte, schließlich hat er sie (in der Frauenstrophe) gewissermaßen benutzt, um Reinmar zu attackieren. Zur Reue bewegt ihn dies aber freilich nicht.

Vogelweide: Ich sanc hie vor den frowen  ...

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Kommentar:
Man beachte die differenzierende Verwendung von frowen (Vers 1) bzw. wîp (Vers 12). Walther stellt dem asymmetrischen Minnedienstverhältnis der Hohen Minne ein Liebesverhältnis auf Augenhöhe gegenüber.
Worterläuterungen

 
 

So bissig der vorherige Text auch erscheinen mag, Walther kann noch einen Zahn zulegen. In einigen seiner Lieder bezichtigt er darüber hinaus die Hohe Minne bloß Panegyrik (hier: Lob der Herrschaften) zu sein, so auch im Folgenden.

Vogelweide: Lange swîgen des hât ich gedâht ...

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Kommentar:
Auch in diesem Gedicht lenkt Walter die Aufmerksamkeit auf das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von Herrschaft und Dichter (vgl. Vers 4 und 16).
Worterläuterungen

Nun hatte Walther überzogen: Er musste den Wiener Hof verlassen.
Fortsetzung folgt ...