Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen, schreiben und interpretieren

Berühmte Gedichte

Auf dieser Seite sind zwanzig der berühmtesten deutschen Gedichte versammelt. Die Zusammenstellung beruht auf dem Buch von Hans Braam, der Die berühmtesten deutschen Gedichte auf Grundlage von 200 Anthologien aus über dreihundert Jahren ermittelt hat. Die Sammlung der berühmten Gedichte spannt einen Bogen vom 15. bis ins 20. Jahrhundert. Ab dem Barock sollte jede Etappe der Lyrikgeschichte möglichst vertreten sein, so weit dies mit gemeinfreien Gedichten abbildbar war.

 
 

Das berühmteste deutsche Gedicht

Das berühmteste deutsche Gedicht ist nicht von Goethe, sondern überraschenderweise von Matthias Claudius, den vieler seiner Zeitgenossen (einschließlich Goethe) nicht besonders geschätzt haben. So kann man sich täuschen.

Claudius: Abendlied

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Abendlied

Klang und Ruhm
Warum ist das Abendlied das berühmteste deutsche Gedicht? In früheren Zeiten mag der Predigtcharakter, das Gedicht als Dokument des Glaubens eine große Rolle gespielt haben. Heute kann man auf die Strophen vier bis sechs gut verzichten und hat immer noch ein Gedicht, das verdammt gut klingt. Woran liegt das?

Ich glaube, das liegt in erster Linie an der ersten Strophe. Die geht klanglich wunderbar ins Ohr und liefert dazu noch Kopfkino mit schönen Abendbildern. Ein großer Teil der klanglichen Wirkung beruht darauf, dass Matthias Claudius gegen eines der ungeschriebenen Gesetze der Lyrik verstoßen hat: Verwende innerhalb einer Strophe nie den gleichen Vokal in der betonten Silbe des Reims. Claudius nutzt immer das a in Variationen: kurz, lang, Diphthong, aber immer der gleiche Laut. Auch der zweite Teil der Strophe ist innerhalb der Verse sehr a-lastig. Doch es funktioniert! Grund dürfte sein, dass das a den angenehmsten Klang aller Vokale hat. Wenn man bei der Wortwahl umsichtig ist, dann steht einem Wohlklang nichts mehr im Wege.

Ein weiterer Klangtrick ist die ausgiebige Verwendung von Alliterationen, also gleicher Laut am Anfang einer gehobenen Silbe. Beispiele: Himmel – hell, schwarz – schweiget – steiget (gesprochen schteiget!), Wald – Wiesen – weiße – wunderbar.

Wichtig ist aber auch – sonst wäre das Gedicht nicht immer noch derart bekannt –, dass der Dichter danach variiert. In der zweiten Strophe erscheint nur noch ein a-Reim und „Welt“ sowie „stille“ nehmen nur im ersten Vers den Klang der Vorstrophe auf, danach geht das Gedicht eigene Wege.

Man sieht, etwas sündigen (also gegen Regeln verstoßen) kann sich durchaus lohnen. Zum Abendlied gibt’s auch eine eigene Seite mit vielen Vorgängern und Nachfolgern. Ausführliche Interpretationen bieten der Lyrikmond und das Poetische Stacheltier.

 
 

Zweites berühmtes Gedicht

Dieses Gedicht aus dem 15. Jahrhundert ist seltsam anrührend. Zugleich fragt man sich, inwieweit der Text symbolisch gemeint sein könnte.

Unbekannt: Es ist ein Schnee gefallen ...

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Drittes berühmtes Gedicht

Eines der berühmtesten Barockgedichte ist dieser Gryphius. Als Sonett gestaltet, setzt er ein Lieblingsthema der damaligen Zeit um: die Vergänglichkeit.

Gryphius: Es ist alles eitel

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Es ist alles eitel

Barocke Eitelkeit
Es hat im Barock sicher Leute gegeben, die eitel waren, so wie zu allen anderen Zeiten auch. Von sich selbst eingenommen zu sein, diese Art Eitelkeit ist in Es ist alles eitel von Andreas Gryphius jedoch nicht gemeint. Tatsächlich wird das genaue Gegenteil angesprochen: Die Nichtigkeit oder vornehmer gesagt Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Und wie es sich für jene Zeit gehört, ist die Bibel nicht weit, der Glaube involviert. Es gibt einige Bibelstellen, die in der Luther-Übersetzung das Wort „eitel“ nutzen. Hier dürfte Salomos Prediger-Buch die Vorlage gewesen sein, wo es heißt: „Es ist alles ganz eitel … Was hat der Mensch für Gewinn von aller seiner Mühe …?“

Im Gedicht wird dies in Variationen wiederholt: „Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein … Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden“. Gryphius nutzt dabei das Versmaß des Alexandriners, ein sechshebiger Jambus (Senkung-Hebung im Wechsel), der in der deutschen Dichtung mit einer Zäsur nach der dritten Hebung ausgestattet ist. Oft genug wurde diese Zäsur dazu genutzt, antithetisch zu argumentieren. Erst bei der Schlussfolgerung in Vers neun läuft der Satz durch: „Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.“

Am Ende des Gedichts rückt der Dichter mit dem heraus, was wirklich wichtig ist: die Ewigkeit. Gott wird zwar nicht erwähnt, aber das war damals selbstverständlich, dass Ewigkeit nur bei Gott zu finden ist. Tatsächlich ist der Schluss etwas vorwurfsvoll, wenn auch niemand direkt angesprochen wird. Schon zu jener Zeit muss es Tendenzen gegeben haben, die Religion nicht allzu ernst zu nehmen, lieber im Hier und Jetzt zu leben, und die Lebenserwartung war damals ja beträchtlich kürzer, als sich auf die Versprechen der Prediger zu verlassen.

Eine ausführliche Analyse und Interpretation liefert der Lyrikmond hier.

 
 

Viertes berühmtes Gedicht

Äußerst aktuell kommt dieses bekannte Gedichte daher. Viel hat sich in der Politik der letzten vierhundert Jahre anscheinend nicht geändert.

Logau: Heutige Welt-Kunst

Dieses Gedicht im Textformat

Lesetipp:
Bei Bedarf gibt es hier auch politische Gedichte, die ein paar Jahrhunderte aktueller sind.

 
 

Fünftes berühmtes Gedicht

Wer heute einen Kirschbaum in Blüte sieht, sieht einen Kirschbaum in Blüte. In der Vergangenheit sah man den Herrn, wie dieses Gedicht zeigt.

Brockes: Kirschblüte bei der Nacht

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Sechstes berühmtes Gedicht

Klopstock ist wohl eher unter den Gelehrten berühmt. Er ist Begründer der freien Rhythmen, die ohne Reim und mit ganz eigenem Metrum auskommen.

Klopstock: Die frühen Gräber

Dieses Gedicht im Textformat

Lesetipp:
Von der anderen Seite gesehen: Gedichte jenseits des Lebens.

 
 

Siebtes berühmtes Gedicht

Es gibt von keinem Dichter mehr berühmte Gedichte als von Goethe. Zwei der berühmtesten aller berühmten Goethe-Gedichte folgen hier.

Goethe: Wandrers Nachtlied

Dieses Gedicht im Textformat

Kommentar:
Hans-Dieter Gelfert (Wie interpretiert man ein Gedicht?, Reclam 1990, S. 42) beschreibt Wandrers Nachtlied als Musterbeispiel für ein Symbol, d.h. als ein Bild, das eine äußere Darstellung bietet, aber gleichzeitig innere Vorgänge abbildet. Gelfert zitiert Goethes Definition eines Symbols: „Es ist die Sache, ohne die Sache zu sein, und doch die Sache; ein im geistigen Spiegel zusammengezogenes Bild, und doch mit dem Gegenstand identisch.“ Man könnte auch sagen, es ist, was es ist und ist doch etwas Anderes, aber wenn man nicht bemerkt, dass es auch etwas Anderes ist, bleibt es immer noch das, was es ist.

 
 

Achtes berühmtes Gedicht

Eine der berühmtesten Balladen der deutschen Lyrik ist der Erlkönig: Starker Anfang, starker Schluss.

Goethe: Erlkönig

Dieses Gedicht im Textformat

Lesetipp:
Etwas aktuellere Gedichte zum Verhältnis Vater und Sohn.

 
 

Neuntes berühmtes Gedicht

Hölderlin verzichtet in diesem Gedicht wie Klopstock auf Reime, nutzt aber ein antikes Odenmaß. Letztlich hat sich das reimfreie Gedicht in Deutschland jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgesetzt.

Hölderlin: Lebenslauf

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Zehntes berühmtes Gedicht

Der berühmteste Romantiker dürfte wohl Eichendorff sein. Ein typischer Fall von Romantik ist der Rückzug in die Natur vor dem geschäftigen Treiben der Menschen.

Eichendorff: Abschied

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Elftes berühmtes Gedicht

Allein unter Männern ist dieses Frauengedicht. Warum das so ist, erklärt das Gedicht auch.

Droste-Hülshoff: Am Turme

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Zwölftes berühmtes Gedicht

Berühmter noch als dieses Gedicht selbst sind die ersten beiden Zeilen, die gerne zitiert werden, wenn mal wieder Unverständliches in Deutschland geschieht.

Heine: Nachtgedanken

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Dreizehntes berühmtes Gedicht

Auch hier ist der Anfang bekannter als der Rest, und ganz unbekannt scheint die Schlussstrophe zu sein, die ironisch die Luft aus dem Gedicht lässt.

Heine: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...

 
 

Vierzehntes berühmtes Gedicht

Beeindruckend ist, wie Mörike in diesem Gedicht ein großes Thema am Schluss auf einen winzigen Augenblick reduziert.

Mörike: Denk es, o Seele!

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Fünfzehntes berühmtes Gedicht

Stadt am grauen Meer mit fünf Buchstaben. Das wäre die Kreuzworträtselversion dieses berühmten Gedichtes über Husum.

Storm: Die Stadt

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Sechzehntes berühmtes Gedicht

Fontane hat einige Balladen gedichtet, die immer noch bekannt sind. Hier ist eine der berühmtesten:

Fontane: John Maynard

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Siebzehntes berühmtes Gedicht

Das ist ja ein Ding könnte man über dieses berühmte Gedicht sagen, denn um viel mehr scheint es nicht zu gehen als um ein Ding.

Meyer: Der römische Brunnen

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Achtzehntes berühmtes Gedicht

Nietzsche hat nicht nur in der Philosophie seine Spuren hinterlassen, auch manch ein Gedicht kann sich das Etikett „Berühmt“ ankleben.

Nietzsche: Vereinsamt

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Vereinsamt

 
 

Neunzehntes berühmtes Gedicht

Hugo von Hofmansthal hat nicht viele Gedichte geschrieben, aber gilt neben Rilke als einer der herausragenden Dichter seiner Zeit.

Hofmannsthal: Ballade des äußeren Lebens

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Ballade des äußeren Lebens

 
 

Zwanzigstes berühmtes Gedicht

Und hier gibt sich der Expressionismus die Ehre mit einem der bekanntesten Gedichte dieser Richtung.

Hoddis: Weltende

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Weltende

Lyrik-Schreibkurs als Buch