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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Abendlied

Wenn man der Auswertung von Hans Braam in seinem Buch Die berühmtesten deutschen Gedichte glauben darf, dann ist Das Abendlied von Matthias Claudius das berühmteste deutsche Gedicht, da es in den letzten zwei Jahrhunderten am häufigsten in Anthologien veröffentlicht wurde. Auf dieser Seite erscheinen neben dem Claudius-Gedicht einige Vorgänger, u.a. das Gedicht von Paul Gerhardt, das eine Textvorlage für Matthias Claudius war, und einige Nachfolger, die in Kenntnis des Claudius-Abendlieds ihre eigenen Abendlieder veröffentlichten. Im Prinzip ist das Abendlied schon so etwas wie eine eigene Gattung geworden analog zu Wiegenliedern.

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Das Claudius-Abendlied

Dass dieses Lied ein volkstümlicher Klassiker werden könnte, hat Johann Gottfried Herder als erstes erkannt und den Text 1779 in sein Buch „Volkslieder nebst untermischten anderen Stücken“ als eines der wenigen zeitgenössischen Stücke aufgenommen.

Claudius: Abendlied

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Der bekannte Vorgänger

Paul Gerhardts Gedicht hat tiefe Spuren im Abendlied von Matthias Claudius hinterlassen. Das beginnt mit der dritten Strophe, deren erster Teil dem Beginn des Claudius-Gedichtes entspricht. Strophe sechs und neun bilden die Grundlage für die beiden Schlussstrophen beim Abendlied von Matthias Claudius. Ich denke, obwohl hier einiges abgeschaut wurde, ist die Claudius-Version zurecht die bekanntere.

Gerhardt: Nun ruhen alle Wälder

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Ein Kirchenlied

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Matthias Claudius auch dieses Abendlied gekannt hat, da es in einem evangelischen Gesangbuch aufgenommen wurde. Der zweite Teil der ersten Strophe ist dem gleichen Abschnitt bei Claudius ähnlich.

Klaj: Abendlied

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Ähnlichkeit der Form

Interessant an diesem Abendlied ist, dass es formal dem von Claudius sehr ähnlich erscheint: Sechszeilige Strophen mit Schweifreim, jambisches Versmaß (xX), aber das Tempo ist wesentlich höher.

Gellert: Abendlied

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Das Abendlied als Sonett

In die von Gryphius viel genutzte Sonettform ist das Abendlied hier getaucht. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass Matthias Claudius überhaupt je ein Sonett verfasst hat. Von daher scheint Gryphius auf ihn keinen großen Eindruck gemacht zu haben.

Gryphius: Abend

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In Anlehnung an das Claudius-Abendlied

Hier beginnt die Reihe der Nachfolger. „Die hellen Sterne prangen“ dürfte eine bewusste Anspielung auf das Claudius-Abendlied sein. Ansonsten hat dieses Gedicht die gleiche inhaltliche Struktur: Es wird Abend, die Gedanken gehen zu Gott und am Schluss legt man sich nieder und empfiehlt sich dem Herrn.

Arndt: Abendlied

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Abendlied mit Refrain

Dieses Abendlied setzt sich deutlich von Claudius ab durch die Nutzung eines Refrains, der sich in den letzten beiden Versen jeder Strophe wiederholt.

Kinkel: Ein geistlich Abendlied

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Abendlied zum Mitsingen

Dies ist nun ein „echtes“ Abendlied, das gleich mit Noten veröffentlicht wurde. So richtig echt ist es allerdings auch nicht, weil der Autor es als Volkslied „vom Niederrhein“ ausgab.

Zuccalmaglio: Abendlied (Kein schöner Land in dieser Zeit ...)

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Kommentar:
Mehr zum Hintergrund der Veröffentlichung dieses Abendlieds findet sich beim historisch-kritischen Liederlexikon. Das Original mit Noten hat Google eingescannt.

 
 

Abendlied zum Mitsingen 2

Dieses Abendlied ist wirklich zum Mitsingen gedacht, es stammt aus einem Buch mit Kinderliedern. Wie bei den Abendlieder üblich, kommt trotzdem am Schluss die Wende zum Herrn bzw. zum Tod statt zum Schlaf.

Hoffmann von Fallersleben: Abendlied

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Kommentar:
Mit Noten gibt es den Text beim Liederprojekt.

 
 

Abendlied mit anderer Perspektive

Die Perspektive des Fremden oder Heimatlosen, der sich nicht im eigenen Haus auf die Nachtruhe vorbereiten kann, wandelt in diesem Gedicht das Thema des Abendliedes ab.

Schmidt von Lübeck: Des Fremdlings Abendlied

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Indisches Abendlied

Inspiriert von einem Text aus dem indischen Rig-Veda ist das folgende Abendlied.

Bruno Wille · 1860-1928

Der Abendgott

(Aus dem Rig-Veda)
Es breitet seine Hand und reckt die Arme weit –
Und alles, was da lebt und webt, ist folgsam ihm:
Auf sein Geheiß begeben sich zur Ruh die Wellen,
Und schläfrig geht des Windes Flügelschlag.

Wie heiß der Tag mit seinen Rennern fuhr,
Jetzt spannt der Abendgott sie aus. Nun, Wilder, halt!
Er zähmt den Flug des Falken, der auf Schlangen stieß.
Er winkt, da schwebt herbei die Löserin: die Fee des Traums.

Ermüdet rollt die Weberin ihr Werk zusammen,
Der Künstler hält im Bilden inne.
Doch sieh, der Gott hat sich erhoben – er allein hat keine Rast.
Muss ja die Zeiten voneinander scheiden: Tag und Nacht.

Wo Menschen wohnen, rings verbreitet da und dort,
Ist nun entglommen in der Dämmerung des Herdes Glut.
Und eine Mutter legt dem Sohne leckern Imbiss vor,
Da ihm des Essens Lust erregt der Abendgott.

Wer auf Erwerb gezogen, lenkt nach Haus den Schritt,
Und jedes Wanderers Herz träumt sich in Sehnsucht heim.
Auch du – getrost lass liegen, was du halb getan!
So will es, der im Sternenzelt die Ordnung gab.

Das Fischlein, sonst so munter, findet Unterschlupf,
Wenn’s dunkel wird, in einem Wasserloch.
Was aus dem Ei gekrochen, sucht sein Nest, den Stall die Herde,
Und jedes Tier die Stätte, die ihm wies der Abendgott.

 
 

Abendlied eines Romantikers

Auch wenn dieses Gedicht nicht als Abendlied betitelt ist, steht es doch deutlich in der Claudius-Tradition, was spätestens in der dritten Strophen offenbar wird.

Eichendorff: In der Nacht

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Sommerliches Abendlied

Auf dem See im Boot bekommt das Ich in diesem Abendlied entspannte mütterliche Gefühle.

Ernst Preczang · 1870-1949

Sommernacht

Sitze hier, im Schilf verborgen,
Still in meinem kleinen Boot;
Längst verblich der letzte schmale
Purpurstreifen Abendrot.

Ihre sternbetupften Flügel
Spannt die Nacht weit um mich her,
Und des Tages grelle Töne
Quälen mich nicht mehr.

Alles ist so still geworden,
Was am Tage sich gemüht;
Drüben nur, vom dunklen Kahne
Tönt ein schwermutvolles Lied.

All mein Denken, all mein Wollen
Löst sich aus den Fesseln sacht
Und verschmilzt mit dieser vollen,
Großen, sternenhellen Nacht.

Und ich fühle, wie du mich,
Mütterliche Erde, tränkst,
Wie du meine Sinne wieder
Hin zu deinen Quellen lenkst.

Wunderherrlich großes Schweigen!
– Ach, das Wort ist taub und blind! –
Lass mich ruh’n an deinen Brüsten
Selig, wie die Kinder sind.

 
 

Nochmal das Abendlied als Sonett

Obwohl das Sonett ursprünglich eine italienische Liedform war, wird es hierzulande nicht unbedingt mit liedhaften Gedichten in Verbindung gebracht. Dieses Sonett lässt in jedem Fall einiges von dem Claudius-Abendlied thematisch anklingen.

Johannes Linke · 1900-1945

Mondnacht

Im Schimmer des halben Mondes verblasst
Orions strenge Rufergestalt.
Voll müden Rauschens atmet der Wald
Unter des Silberlichts fremder Last.

Entschwunden, verweht ist die laute Hast,
Die sich am Tage dunkel geballt.
Nur eine singende Glocke hallt
Still wie Gebet in der Menschen Rast.

Jegliches Leid, jeder Schmerz ist verwahrt
Tief in der uralten Kammer: dem Schlaf,
Der heimatlichsten im Hause der Nacht.

Einzig des Traumes Flügel entfacht
Leise die Welt. Und wo er sie traf,
Schwingt er und kündet von ewiger Fahrt.

 
 

Abendlied im Kurzform

Sozusagen im Schnelldurchlauf behandelt dieses Gedicht die Abendliedthemenstruktur. Drei Vierzeiler, das ist alles, was geblieben ist. Auch daran kann die Beschleunigung des Lebens über die Jahrhunderte ermessen.

Sturm: Abendlied

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Anti-Abend-Lied

Man sollte vielleicht kein Abendlied schreiben, wenn man die Dämmerung nicht mag. Hier hat’s einer versucht und endet mit der Fackel in der Hand.

Ernst Preczang · 1870-1949

Dämmerung

Mir will die Dämmerung nicht behagen,
Die sich um Turm und Giebel spinnt
Und wie ein lautlos irres Klagen
Grau in die Abendlüfte rinnt;
Die schleichend wie auf leisen Sohlen
Scheu niederklettert von dem Dach
Und wie ein Diebsgesicht verstohlen
Grinst nebelatmend ins Gemach.

Im Zwielicht schimmern Bild und Wände,
Verwischt sind Linie und Figur;
Großmutter faltet still die Hände
Und blinzelt mit den Augen nur.
Die Uhr tickt wie ein Wurm am Schreine,
Und der Kanarienvogel zirpt –
Es ist, als ob im fahlen Scheine
Die Hoffnung und das Leben stirbt.

Der tote Tag ist wie versunken,
Von tück’scher Hand dahingequält;
Im Ofen nur ein matter Funken,
Der um verkohlte Scheite schwelt;
Er lässt die Schatten wie Gespenster
Auf Spiegel tanzen, Tür und Wand –
Großvater sitzt und nickt am Fenster,
Die neue Zeitung in der Hand.

Er hatte sich hindurchgelesen,
Als sei zum Zensor er bestellt,
Dann murrte er ob dieser bösen.
Verderbten Zeit: „O schlimme Welt!
O schlimme Welt, o schlimme Leute!“
Er seufzte tief ob solcher Pein:
„Die Welt ist mir ein Rätsel heute.“
So schlief er in dem Lehnstuhl ein ...

Mir ist, als ob an allen Wänden
Ein magrer Knochenfinger hackt,
Als ob ein Feind mit dürren Händen
Die liederfrohe Kehle packt.
Als säh’ ein Netz ich niedersinken,
Das sich um Leib und Seele spinnt,
Als müsste ich im Dunst ertrinken,
Der trübe von den Dächern rinnt.

Nein! Nur die Dämmerung nicht, die fahle,
Die lähmend feige Nebelmacht –
Tag sei es, Tag! Die Sonne strahle!
Und Sterne zünde uns die Nacht!
Großmutter mag die Hände falten,
Großvater träume sanft und leicht –
Wir aber woll’n die Fackel halten,
Wenn um das Haus die Dämmrung schleicht!