Kurze Liebesgedichte
Die Kunst des Gedichts ist die Verdichtung, was kann also kunstvoller sein als kurze Liebesgedichte? Selbst die alten Meister, die noch seitenlange Gedichte schrieben, haben bei dem Thema aller Themen kurz und knapp gedichtet. So finden sich in dieser Sammlung kurzer Liebesgedichte einige bekannte Namen.
Liebesschwur
Ein einziges Wort ändert alles, ändert nicht – das ist der Schwur in diesem kurzen Liebesgedicht.
Hans Retep · geb. 1956
Nur ein Wort
Sage nur ein Wort,
und ich bleibe für immer an deiner Seite.
Sage nur ein Wort,
und du musst mich niemals wiedersehen.
Was du auch sagst,
ändert nichts an meinem Sinn,
denn ich werde dich lieben,
bis ich nicht mehr bin.
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Gedicht übers Einssein
In passenderweise recht verschlungenen Versen thematisiert dieses kurze Gedicht das Einssein in der Liebe.
Georgi Kratochwil · geb. 1979
Eins
Deine Blicke
sind meine Blicke
sind dein Lächeln
ist mein Lächeln
ist deine Umarmung
ist meine Umarmung
ist deine Lippen
auf meinen Lippen
sind wir
sind eins.
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Ein kurzes Liebesgedicht zum Vergessen
Vergessen ist nicht so leicht, wenn man liebt. In diesem kurzen Gedicht versucht es das lyrische Ich trotzdem zusammen mit einem Verbündeten.
Emily Dickinson · 1830-1886
Herz, vergessen wir ihn ...
Herz, vergessen wir ihn!
Du und ich, heut nacht!
Du vergisst seine Wärme,
Ich das Licht, das er gebracht.
Bist du so weit, sag’s mir,
Dass mein Denken verdunkelt sich;
Schnell! Solange du trödelst,
Erinner ich mich!
(Aus dem Englischen übertragen von Hans-Peter Kraus)
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Übersetzung und Liebe
Auch wenn Übersetzungsprobleme gereimter Gedichte nicht Ihr Thema sind, haben Übersetzung und Liebe eines gemeinsam: Täuschen gehört zum Handwerk. Die Wahrheit zu sagen, ist in der Liebe genauso wenig ratsam wie der Versuch, ein gereimtes Gedicht eins zu eins zu übertragen. Da ginge viel vom Zauber verloren.
Erfreulicherweise macht es Emily Dickinson in ihrem kurzen Liebesgedicht Herz! Vergessen wir ihn! … (Heart, we will forget him!) nicht allzu schwierig. Sie ist eine moderne Dichterin, das heißt sie hält sich nicht sklavisch an die Regeln klassisch gereimter Gedichte, so dass auch der Übersetzer Spielräume hat. Trotzdem ist ein Vers wie „You and I, tonight!“ ein Geschenk, denn „Du und ich, heut nacht!“ ist nicht nur eine silbengenaue Übersetzung, auch die Reimsilbe hat fast den gleichen Vokal und ist relativ einfach zu reimen. Thank you, Ms. Dickinson!
Aber es nicht alles rosa Himmel in der Übersetzung. Emily Dickinson platzierte dreimal „forget“ in die erste Strophe. Bei solchen Abweichungen vom guten Stil muss man ganz heftig von Absicht ausgehen, doch für ein drittes „vergessen“ war im letzten Vers kein Platz, der hatte eh schon Überlänge, um den Reim einzubauen.
Dafür hat die zweite Zeile in der zweiten Strophe eine d-Alliteration, die im Original nicht vorhanden ist. Da lautet die Kette That-thoughts-dim. Hier tröstet sich der Übersetzer damit, wäre das Gedicht ein deutsches Original, hätte die Dichterin vermutlich diese Möglichkeit genutzt.
Und schließlich ging eine besondere Gestaltung im Original zugunsten des Reims verloren: Die erste und die letzte Zeile enden jeweils auf „him“. Reime zu übertragen, ist wirklich fast immer eine Täuschung.
Weitere übersetzte Gedichte von Emily Dickinson beim Lyrikmond finden Sie hier. Darunter ist auch ihr bekanntestes: „Hoffnung“ ist das Ding mit Federn.
Der richtige Tag
Da hat der Dichter wohl auf den Kalender geguckt, sein Horoskop befragt und den Mondstand begutachtet, als er zu dem Schluss kam: Dies ist der Tag ... für eine Liebeserklärung.
Hans Retep · geb. 1956
Dies ist der Tag ...
Dies ist der Tag,
An dem ich Dir sag,
Wie sehr ich Dich mag
Und ich nicht übertriebe,
Wenn ich dir sagte, ich liebe –
Nur Dich.
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Der berühmte Blick
Liebe auf den ersten Blick gibt es wirklich, sagt der Dichter und macht eine Gewinn-Verlust-Rechnung auf.
Hans-Peter Kraus · geb. 1965
auf den ersten
ein blick von dir
meine mauern fallen
ein blick von dir
meine waffen schmelzen
ein blick von dir
ich bin verloren
doch gewinne
eine neue welt
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Fernliebesgedicht
Liebe aus der Ferne ist das Thema dieses kurzen Liebesgedichts, wobei die Entfernung eher unfreiwillig erscheint, aber dafür etwas romantisiert wird.
Emanuel Mireau · geb. 1974
Zwischen dir und mir
Ich fürchte die Nähe, die ich mir wünsche,
Ich fürchte die Liebe, die ich begehr.
Ich liebe die Ferne, die verwünschte:
Zwischen dir und mir ein goldnes Meer.
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Romantische Ferne
Die Liebe ist eine Sache zwischen einem Ich und einem Du. In diesem kurzen Liebesgedicht Zwischen dir und mir gibt es fünf „ich“, zwei „mir“ und nur ein einziges „dir“. Trotzdem hat wohl niemand den Verdacht, dass es sich um einen Egotrip in Sachen Liebe handelt. Die Sache ist wesentlich komplizierter: Das Ich fürchtet, was es sich wünscht.
Dazu passt, dass die Mehrheit der Bezüge auf das Ich unbetont bleiben, vor allem auffällig durch die Wiederholung am Anfang der ersten drei Zeilen, wo die erste Hebung in den Verben „fürchte“ und „liebe“ auftritt. Auch sind die „ich“ in den ersten beiden Zeilen, die dann als Hebung auftreten, nicht besonders kräftig, sie müssen hinter den Schussverben „wünsche“ „begehr“ zurückstehen. Im Prinzip findet zwischen den Verben zu Beginn und am Ende der ersten beiden Zeilen ein Kampf um die wichtigste Betonung statt, so wie das Ich mit seiner Furcht vor Nähe und Liebe kämpft. Und als in Vers drei endlich zum Ausdruck kommt, was das Ich liebt, „die Ferne“, scheitert der Reim. Die Lautgleichheit ist durch das zusätzliche t nicht mehr gegeben.
Der letzte Vers des Gedichts hebt sich von den vorigen deutlich ab. Am offensichtlichsten dadurch, dass die romantische Metapher vom goldenen Meer genutzt wird. Diese unterscheidet sich auch lautlich. Die drei Verse davor waren lautlich eng gestaltet. Sehr viel i/ü mit ein bisschen e/ä untergemischt. Die Einkapselung des Ichs kam auch klanglich zum Tragen. Doch die gewünschte Romantik enthält nun ein o. Das erscheint selbst lautlich nicht als Befreiung, denn das o ist, wenn man auf die Mundbewegung achtet, geschlossener als i und e. Was in diesem Gedicht komplett fehlt: der offene Laut a. Auch dies kann man wieder symbolisch sehen. Das Ich fürchtet, sich einem Gegenüber zu öffnen. Lieber flüchtet es sich in eine romantisch verklärte Ferne.
Ein kurzes Liebesgedicht als Dankeschön
Für himmlischen Beistand bedankt sich hier ein verliebter Erdenmensch, der sich im Paradies wähnt.
Hans Retep · geb. 1956
Dank für einen Engel
Ich dank dem lieben Gott, selbst wenn es ihn nicht gibt,
dass einen Engel er auf unsre Erde ließ.
Ich weiß, das klingt verrückt, doch bin ich so verliebt;
wo wir zusammen sind, blüht auf ein Paradies.
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Liebesgebrauchsgedicht
Was es nicht braucht und was es braucht, ist Thema dieses kurzen Liebesgedichts inklusive existentialistischem Ende.
Hans Retep · geb. 1956
Ich brauche keine Sprüche ...
Ich brauche keine Sprüche,
ich brauche kein Gedicht,
ich brauch nur deine Blicke
und weiß:
Ohne dich, da bin ich nicht.
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Liebesschwur
Gibt es nach diesem Schwur noch Neinsagerinnen? Wenn ja, dann bitte alle Liebe weiträumig umfahren.
Georgi Kratochwil · geb. 1979
Schwur
Ich kämpfe
mit den gierigen Bestien des Geldes,
mit dem fauchenden Drachen der Zeit,
keine Plage ist mir zu groß,
kein Weg ist mir zu weit
für dich,
nur für dich,
immer für dich
bis
in alle Ewigkeit.
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Ich-und-du-Liebesgedicht
Wenn sich ein Ich und ein Du zusammengetan haben, dann fällt es schon ziemlich auf, falls eines davon fehlt.
Maike Suter · geb. 1966
Fehlen
Nach unsrem Streit
wollte ich heute Nacht
allein sein.
Nun lieg ich hier.
Aus den Kissen steigt dein
ft,
und eine mpfe Ahnung kriecht
rchs nkel:
Ich bin so
mm.
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Kommentar:
Mehr zur Dichterin auf ihrer eigenen Website.
Liebessturm
Innerhalb von acht Versen wird die Wehmut in diesem Gedicht von der Liebe verweht.
Werner Tiltz · geb. 1944
Du und ich
Wehmut hat mich eingebunden
in ein Denken fern von mir.
Sehnsucht hat mich fortgezogen -
traf auf dich und blieb bei dir.
Seligkeit umschließt uns beide,
löscht der Sehnsucht Wehmut aus.
In uns tobt der Liebe Freude
heftig wie ein Sturmgebraus!
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Alltagsliebe
Manchmal braucht die Liebe nicht viele Worte und so fällt auch dieses Liebesgedicht recht kurz aus.
Pauline Gümpel · geb. 1997
Alltag
Und feierlich
wollten wir ein bisschen
Zukunft zum Abendbrot essen.
Aber dann kamen
die Augen und die Herzen
und aßen uns.
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Ein Liebesgedicht über ein Lachen
Obwohl es ums Lachen geht, ist dieses kurze Liebesgedicht nicht lustig, sondern sehr schön.

Zweisamkeit
In diesem kurzen Liebesgedicht hört das Universum auf zu existieren und übrig bleiben nur zwei, die eins sind.

Kussgedicht
Wenn jemand bei einem Kuss Sterne sieht und unwissenschaftliche Betrachtungen über die Geliebte anstellt, kann man davon ausgehen, dass der Kuss ein Wirkungstreffer war.
Jakob Haringer · 1898-1948
Weißt du’s?
Als deine Sterne über mir erstrahlten
Und du mich küsstest, mich verlassnes Kind –
Verrieten mir die Sterne uns zu Häupten,
Dass ihre Heimat deine Augen sind!
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Gedicht über eine warme Liebe
Ein eigenartiges Bild einer Liebe präsentiert Leo Sternberg in diesem kurzen Gedicht, obwohl der Zusammenhang zwischen Feuer und Liebe als Thema durchaus geläufig ist.
Leo Sternberg · 1876-1937
Der Ofen
Zwei Räume. In der gemeinsamen Wand
flackert ein Ofen in rotem Brand.
In einem Raum du, in andern ich.
Jeder tut seine Arbeit, jeder still für sich.
Singend verbreitet der Ofen Ruh,
Teilt jedem die gleiche Wärme zu –
Von dort, von hier in dieselbe Glut
ganz spät ein Träumen, der Tag war gut ...
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Jung und alt in der Liebe
Nach Art der Dichter geht in diesem Gedicht einiges durcheinander und ergibt trotzdem Sinn. Man könnte auch sagen: So ist die Liebe.

Ein Dich-Mich-Liebesgedicht
„Immer nur dich“ scheint das Lebensmotto dieses Ichs zu sein, denn ohne dieses „Dich“ scheint ihm sein „Mich“ undenkbar. Klingt verrückt? Na ja, Liebe eben.
Reinhard Goering · 1887-1936
Dich zu suchen ...
Dich zu suchen – kam ich auf die Erde.
Dich zu finden – öffnet mir den Himmel.
Dich zu halten – muss ich erst noch werden.
Dich zu haben – neidet mir dein Gott.
Mich zu suchen – such ich dich auf Erden.
Mich zu finden – fand ich deine Himmel.
Mich zu halten – hoff ich, wenn ich werde.
Mich zu haben – niemals ohne dich.
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Liebe als Befreiung
Als einen Akt der Befreiung schildert das nächste kurze Liebesgedicht den Beginn einer Liebe.
Ernst Lissauer · 1882-1927
Du hast’s vollbracht
Du hast’s vollbracht,
Verwandelt ward ich über Nacht,
Du streiftest mich mit leichtem Zauberzweige.
Lag ich nicht gestern felsicht zugeschlossen,
Der ich heut, steil emporgegossen,
Ein Springbrunn, schäume, leuchte, steige?
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Das Glück der Liebe
Das Lauschen in die Stille am Abend gilt in diesem kurzen Gedicht als Glücksmoment einer Zweisamkeit.
Walter Calé · 1881-1904
Das Glück ist dieses ...
Das Glück ist dieses: Beieinander ruhen,
schweigsam als wie gebettet in den Abend,
und Horchen ist es auf den Ton,
den meine Seele nächtlich deiner singt.
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Liebe am Abend
In diesem Liebesgedicht wird das gleiche Thema vom gleichen Dichter in verlängerte Kürze etwas anders bearbeitet.

Gärtner-Liebe
Gärtner denken eben immer nur an das Eine: Blumen gießen. In diesem kurzen Liebesgedicht wird dies kunstvoll mit der seelischen Befindlichkeit der Geliebten verknüpft.
Friedrich Wilhelm Wagner · 1892-1931
Du sollst dich nicht mehr grämen ...
Du sollst dich nicht mehr grämen, ich will
Dir lauter liebe Blicke geben.
Darin soll deine Seele still
Wie eine Blume leben.
Ich will ihr treuer Gärtner sein,
Viele süße Worte über sie gießen,
Die sollen wie leiser Regen sein
Und kühlend auf ihr zerfließen.
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Kurze Liebesbeschwörung
Hier ist einer ganz sicher, was die Liebste angeht. So sicher, dass es nur weniger Worte bedarf, um diese Liebe zu beschwören.

Kurzes Gedicht zu Liebe und Glück
Wenn man sein Glück nicht fassen kann, bietet dieses kurze Liebesgedicht eine einfache Erklärung: Alles Gute kommt von oben.

Ein Liebeslied ohne Gesang
Ganz ohne Reim und festes Metrum kommt dieses Liebesgedicht aus, es verfehlt trotzdem seine Wirkung nicht.

Ein Liebesgedicht übers Näherkommen
Bis auf das veraltete Schreibutensil schildert dieses Kurzgedicht eine Erfahrung einer Fernliebe, die auch heute noch gültig sein kann.

Kurze Erläuterung der Liebe
Was jeder weiß, auf eine Art auszusprechen, die das Ganze wie eine Neuigkeit erscheinen lässt, das ist die Kunst des Dichtens, hier demonstriert von Marie Ebner-Eschenbach in einem kurzen Liebesgedicht.



