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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Lustige Gedichte zum Nachdenken

Wer witzig ist, wird nicht ernst genommen. Das war schon immer die Überlebensgarantie für den Hofnarr, doch manchmal lohnt es sich schon, bei einer witzigen Bemerkung oder eben einem lustigen Gedicht etwas tiefer zu graben, darüber nachzudenken. Solcherart Gedichte sollen auf dieser Seite vorgestellt werden.

 
 

Lustig sind nur die anderen

Den Anfang macht ein Geibelinchen mit etwas Lustigem aus der Tierwelt. Ein Mensch käme natürlich nie auf den Gedanken, so etwas Dummes zu sagen:

Geibel: Der Maulwurf hört in seinem Loch ...

Dieses Gedicht im Textformat

Emanuel Geibel im Lyrik-Lädchen.

 
 

Philosophisches zum Nachdenken

Bei diesem Gedicht kommt man wirklich ins Grübeln ob der offenkundigen Weisheit, die es ausspricht, und an der mehr dran zu hängen scheint als eine lockere Pointe.

Endrikat: Der Philosoph ohne Regenschirm

Dieses Gedicht im TextformatGedicht in Anthologie

Fred Endrikat im Lyrik-Lädchen.

 
 

Gedicht über das Universum

Über das Universum nachzudenken ist normalerweise keine lustige Sache, besser ist es, man sucht das Gespräch:

Stephen Crane · 1871-1900

Ein Mann sagte zum Universum ...

Ein Mann sagte zum Universum:
„Mein Herr, ich existiere!“
„Gleichwohl“, erwiderte das Universum,
„Erzeugt die Tatsache in mir nicht
Ein Gefühl der Verpflichtung.“

Aus dem Enlischen übertragen von Hans-Peter Kraus

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Gedicht übers Lesen

An dem folgenden Gedicht fällt die völlige Abwesenheit eines Smartphones auf, obwohl die gewählte Alternative nicht ungefährlich scheint.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Wie rücksichtslos

An der Haltestelle
im Wartehäuschen
sitzt eine junge Frau
und liest ein Buch.
Ein Buch?
Sie liest ein Buch?
Leute, lasst die Glocken klingen!
Baut Boote!
Kauft Westen!
Legt Vorräte an!
Das Ende naht!
Die Wasser steigen!
Die Sintflut kommt!
Sie liest ein
BUCH!

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Gedicht über das Ich

Das Ich ist eine seltsame Sache. Angeblich immer gleich, ist es doch immer anders, so dass einem vor lauter Ich, wie im folgenden Gedicht, schon mal schwindlig werden kann.

Bianca Weißinger · geb. 1999

wie ich bin

sei wie du bist!
doch sag
wie soll ich sein
wie ich bin
wenn ich bin
wie ich bin
wenn ich vor euch spiele
ich sei nicht
wie ich bin?
wenn ich ich bin
weil ich gern
mit meinem ich
alleine bin?
ich wäre nicht ich
wenn ich wäre
wie ich bin!
ich müsste mich spielen
um zu sein
wie ich bin!

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Scheibenwelten

Einen der fundamentalen Nachteile unserer Scheibenwelten, über die wir einen großen Teil der Realität wahrnehmen, wird durch einen Blick in den Spiegel enthüllt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Entdeckung im Spiegel

So ein Badezimmerspiegel
ist ein flaches Ding,
wie ja auch Fernseher,
PC-Monitore und
Handy-Screens
flache Dinger sind.
Früher hatten Fernseher und Monitore
einen Riesenbuckel.
Aber heute:
Alles flach.
Doch im Badezimmerspiegel habe ich
eine Entdeckung gemacht:
Ich bin
dreidimensional!
Mein Kopf ist ein massives Gebilde
von der Nasenspitze bis zu den Ohrenrändern
(und wirkt durchaus gefüllt und gar nicht hohl).
Meine Schultern wölben sich im Raum.
Jede Falte meines Hemdes klüftet.
Da ist Form.
Da ist Tiefe.
Ich stehe in einem Raum mit viel Platz
vor mir, neben mir, hinter mir.
Ich kann die Leere sehen!
Und hineingreifen!
Hebe ich meine Hand,
ragt jeder Finger als dreidimensionaler Körper
in den Raum!
Das ist wirklich
ein erstaunlicher Anblick,
den ich gar nicht kenne
von all diesen flachen Dingern.
Sollten die Alten doch recht gehabt haben?
Die Welt ist gar keine Scheibe,
sie ist eine
Kugel?

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Gedicht über Zahlengläubigkeit

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hat es anscheinend eine Fixierung auf Wirtschaftszahlen gegeben, die zeigen sollen wie gut es uns geht.

Hoffmann von Fallersleben: Statistische Glückseligkeit

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Ein kurzes Gedicht über den Genuss der Freiheit

Wenn ich es recht bedenke, scheint dieses Gedicht einen sehr aktuellen Bezug zu haben. Ich muss automatisch an die Geschichte der Piraten-Partei denken.

Geibel: Freiheit ist wie ein starker Wein ...

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Ein lustiges Gedicht über Dummheit

Etwas deprimierend ist es schon, dieses Gedicht, obwohl es lustig gemeint ist. Mit etwas Nachdenken muss man leider sagen: Wo er recht hat, hat er recht.

Kopisch: Dummheit

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Lustig ist das Liebesleben

Ökonomie und Liebe sind zwei Welten, die nur mit viel gutem Willen zusammenpassen. Das weiß jede Frau und jetzt auch ein Mann.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Das Studium der Gefühle

Er hatte eine Menge Gefühle
in diese Beziehung
investiert.
Und was sprang
am Ende
für ihn heraus?

Eine bitterböse Abrechnung,
eine verheerende Bilanz,
ein Kurssturz ins Bodenlose.

Vielleicht
hätte er etwas anderes studieren sollen.

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Noch ein lustiges Gedicht über Dummheit

Ok, jetzt harte Kost. Ich bestreite, dieses Gedicht komplett verstanden zu haben. Also: Lustig sein und selbst nachdenken.

Hille: Hymnus an die Dummheit

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Die Menschheit aus Sicht eines Schmetterlings

Kein gutes Haar lässt ein Schmetterling an der Menschheit, muss jedoch erfahren, dass Meinungsfreiheit relativ ist.

Volker Teodorczyk · geb. 1953

Meinungsfreiheit

Der leuchtend bunte Schmetterling
Den neulich noch mein Vetter fing
Der konnte plötzlich sprechen

Mit dünnem Stimmchen, zauberzart
Hat er nicht mit Kritik gespart
Und Kommentaren, frechen

Der Mensch beraubt und schändet nur
Nicht nur sich selbst, auch die Natur
Wir sollten uns was schämen

Auch schon das All hat sich gefüllt
Mit Erdengütern zugemüllt
Wie wir auf sowas kämen

Und wie brutal und wie gemein
So können doch nur Menschen sein
Er wurde sehr persönlich

Der Vetter schaute fast entrückt
Hat dann den Schmetterling zerdrückt
Wie er es tut, gewöhnlich

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Der Klügere wird verjagt

Dieses Gedicht wiederum ist recht einfach zu verstehen. Die Moral wird gleich hinterher geworfen.

Gellert: Das Land der Hinkenden

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Der Glaube versetzt Planeten

An irgendetwas muss man ja glauben, und so glaubt das Ich in diesem Gedicht an einen wundersamen Planeten irgendwo im dunklen Universum. Hinweis: Jede Ähnlichkeit mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Planeten wäre rein zufällig.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Glaubensbekenntnis

Ich glaube daran,
ich glaube fest daran,
dass es irgendwo
in der Dunkelheit des Universums
einen bunten Planeten gibt.
Dieser bunte Planet wird von zwei
Muttertieren bewohnt.
Das größere umschmiegt
blau schimmernd das kleinere.
Es heißt: Mehr.
In seinem Inneren schwimmen
Milliarden über Milliarden Lebewesen.
Alle zusammen nähren sie Mutter Mehr
und Mutter Mehr nährt sie.
Das kleinere der beiden hat feste Form
und möchte wachsen.
Deshalb heißt es: Werde.
Es ist bedeckt mit grünem Flaum,
von dem sich Milliarden über Milliarden
Lebewesen nähren und alle zusammen
nähren Mutter Werde.
So weit ist der Planet dem unseren ähnlich,
doch ich glaube daran,
ich glaube fest daran,
dass es auf diesem Planeten Tiere gibt,
die auf zwei Beinen über Mutter Werde wandern.
Und weil sie aufrecht gehen, haben sie freie Sicht,
und weil sie freie Sicht haben, denken sie voraus,
und weil sie vorausdenken können
als einzige Art auf dem bunten Planeten,
sorgen sie, dass keiner anderen Art ein Leid geschieht,
dass Mutter Mehr und Mutter Werde
allzeit gesund bleiben.
Und sie nennen den Planeten, der
von allen Reisenden bewundert
blau und grün ins schwarze Universum strahlt,
nach dem größeren der beiden Muttertiere.
Sie nennen ihn: Mehr.
Daran glaube ich,
daran glaube ich ganz fest.

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Für eine nachdenkliche Minderheit

Ein Gedicht zum Nachdenken, das vielleicht auch etwas lustig daher kommt und ein Phänomen beschreibt, das weit über Nicetown hinaus verbreitet ist. Nicetown ist eigentlich überall.

Hans Retep · geb. 1956

Nichts Neues in Nicetown

Joe Friendly hat des Tages Werk vollbracht
und sich auf den Weg gemacht
zu Frau und Kind.
Vor dem Geschäft des Gemüsehändlers
begegnet ihm ein Fremder
und fragt,
ob es hier in Nicetown, in dieser netten Stadt,
auch einen Klavierstimmer hat.
Joe Friendly haut den Fremden blutig
und schreit ihm ins Gesicht.
„So etwas fragst du nicht!“
Mrs. Lovely, vom Gemüsehändler kommend,
grüßt Joe Friendly unbenommen:
„Mr. Friendly, einen schönen Tag!“
„Vielen Dank, Mrs. Lovely,
Ihnen auch einen schönen Tag.“
Sie gehen ihrer Wege und am Abend
nach einem Mahle erquickend und labend,
da meldet Radio Nicetown:
„In Grosstown wurde ein Schwarzer verhauen,
doch in unserer schönen Stadt
fand nichts Unfreundliches statt.“

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Kommentar Hans Retep:
Das Gedicht beruht auf einer eigenen unangenehmen Erfahrung. Leute, die den Eindruck machen, als ob sie immer freundlich, nett und gut wären, können sich gegenüber Außenstehenden über alle Regeln des Miteinanders hinwegsetzen und trotzdem meinen, dass sie doch immer freundlich, nett und gut seien. Das Phänomen ist weiter verbreitet als man auf Anhieb annehmen würde. Mit etwas Nachdenken kommt jeder auf Menschen, denen gegenüber man schneller ausfällig wird als gemeinhin üblich.

Hinweis: Wer zur nachdenklichen Seite der Menschheit gehört, dem muss sicher nicht das Nachdenken mit Humor verzuckert werden, obwohl ein bisschen Humor nie verkehrt ist. Für solche Menschen gibt es gleich eine ganze Kategorie mit verschiedenen Themenseiten: die Gedankengedichte.