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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Wahnsinn im Gedicht

Dies ist Teil 2 der Gedichte aus dem fünften Lyrikmond-Wettbewerb mit der Themenvorgabe „wahn-sinnig: Wahn ist Sinn, Sinn ist Wahn. Der ganz normale Wahn-Sinn im Leben eines Erdbewohners.“ (Teil 1 siehe hier). Auf dieser Seite werden jene Gedichte präsentiert, die eher zum Wahn als zum Sinn neigen. Seien Sie daher vorsichtig beim Lesen. Es ist nicht einwandfrei erwiesen, dass Wahn nicht ansteckend sein kann. Obwohl: Ich glöbe das nicht. Da könnte ja jeder kommen und seine Kahlheit beantragen. Wo kämen wir da weg? Nein, so steht das nicht, ich kenne meine Linke! Nieder mit allen Kautieren! Grölliliiiiiii, GröllilaaaaaaaXXXXX Meine sehr geehrten Damen und Herren, aufgrund einer akuten Pixelverstörung muss diese Übertragung leider abgebrochen werden. Versuchen Sie es bitte zu einem späteren Zeitpunkt wieder. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Lyrikbücher im Lyrik-Lädchen beim Lyrikmond

 
 

Der Wahn der Zeit

Es gibt ja Leute, die glauben, dass die Zeit existiert, obwohl sie noch niemand jemals mit Sonnenbrille und Bikini gesehen hat. Und manch einer möchte trotzdem zu ihr reisen. Klarer Fall von Wahnsinn:

Hartmut Witte · geb. 1965

Der Zeitreisende

Schnell schließt er die Tür,
schiebt die Dose mit Murmeln davor:
Alarmanlage!
Im Dämmerlicht eilt er
durch den mit Plunder gefluteten Flur
zur Küche.
Nimmt den Rucksack ab,
leert den Inhalt auf den Tisch:
Ein altes Handy, Feuerzeug, leer,
Kronenkorken, Draht und Cellophan,
Dosen aus Alu und Blech.

Bauteile für seine Zeitmaschine.

Da steht sie in voller Pracht vor dem Fenster:
Ein Stuhl vom Sperrmüll geklaubt,
ein Ventilator ist die Zeitturbine,
Latten und Stangen und Schrauben und Kabel,
alles sorgfältig durchkonstruiert.

Ein Gähnen dringt aus seinem Mund,
doch trotz der Müdigkeit
setzen seine zitternden Hände
noch Teile an die Maschine.
Zufrieden betrachtet er sein Werk,
das ihn zurückbringen soll.

Auf dem Tisch liegt ein Brief:
Sozialamt steht drauf.
Er überfliegt ihn,
legt ihn beiseite.
Im Kühlschrank ist Schnaps,
er stürzt ein Glas
hinunter in seine
trockene Seele.
Zieht sich aus,
legt sich hin
und fällt in einen Schlaf
ohne Träume.

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Keiner ist verrückt

Wenn alle der Meinung sind, dass keiner verrückt ist, dann muss das so sein, sonst wären ja alle verrückt, oder?

Zoe Hagen · geb. 1994

Ich bin nicht verrückt ...

Ich bin nicht verrückt.
Das weiß ich,
das weiß die Stimme in meinem Kopf - an guten Tagen.
An schlechten sind es zwei,
aber die wissen das auch.
Das weiß meine Mutter,
die weiß alles über mich,
das weiß mein Therapeut,
Korrektur - wusste er.
Jetzt ist er tot, da kann man nichts mehr wissen,
aber kurz bevor er starb, da hat er gesagt,
ich nehme alles zurück,
Sie sind nicht verrückt.
Und ich hab ja gesagt,
und die Stimmen in meinem Kopf auch.
Jetzt sind es drei.
Sie haben ein Baby bekommen.

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Gespalten

Immerhin: Hier macht jemand Fortschritte und denkt, er ist zwei, verwirft den Gedanken aber wieder. Wenn er die Bakterien gezählt hätte, die in ihm hausen, wäre er der Sache näher gekommen.

Felix Weidenholzer · geb. 2001

Zweisamkeit

die sinnlosigkeit lehrt uns
dass wir uns vom sinn lösen müssen

Ich bin zwei.
Im einen Moment liebe ich mich bedingungslos,
im anderen reiße ich mir mein Herz aus der Brust.
Metaphorisch natürlich.
Statistisch gesehen sicher nichts Außergewöhnliches.
Und die Leute sagen:
„’s Leben geht weiter.“
„Geht’s scheißen.“
Sagt in mir ein Zweiter.

Der Andere ist wie ein Tier, ein Viech
und steht der Mond hoch
und pocht nur Tinte durchs Herz,
dann bellt’s in mir.
Es reißt und fetzt,
und so sehr ich auch dagegen drücke,
öffnet er den Zwinger
und Gnade vor Gott,
wenn da sonst noch wer ist.
Dann heißt’s nicht mehr Orchidee und Malachit
in meinem Kopf,
sondern Blut und Knochen
und Feuer und Schwert.

Ich habe versucht, ihn zu verscheuchen.
Saß eine Woche lang im Sturm, ohne Essen und Schlaf.
Meditierte auf glühenden Kohlen.
Schlug und schlug ihn immer wieder.
Und traf doch nur mich.

Ich habe versucht, ihn zu verstehen.
Bin auf die grauesten Berge gewandert, sprach mit den bärtigsten Eremiten.
Studierte monatelang die Weisheiten des Windes.
Flehte die ältesten der Sterne an mich zu leiten.
Und begriff weniger.

Ich habe versucht, ihn zu töten.
Doch er ließ es nicht zu,
da wir beide gestorben wären.

Für lange Zeit hoffte ich,
dass er mal geht und nicht mehr kommt,
doch nun verstehe ich,
dass ich vergessen wollte,
dass er mein einziger Freund ist.

Denn am Ende des Tages,
tanzen wir gemeinsam durch die Nacht,
heulen Hand in Hand den Mond an,
fauchen im Einklang.

Wir sind das Gift,
das die Welt heilen wird.
Wir sind die Farben,
dieser grauen Zeit.
Wir sind das Ende,
mit dem ein Anfang beginnt.

Ich bin nicht zwei.
Wir sind eins.

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Kommentar:
Mehr von und über Felix Weidenholzer: contentmaschine.github.io/

 
 

Ein Wahnsinnsmoment

Dieser Moment hat einiges an wahnsinnigem Momentum, bevor monumentale Ruhe einkehrt

Timo Herget · geb. 1987

Ein Moment

Ein Moment und dunkler Nebel kriecht durch die kleinste Ritze.
Ein Moment und mein Atem geht schwer.

Mit schweißnassen Händen versuche ich Tücher in die Lücken zu drücken.
Mit weißstarren Händen kratze ich über die Tapete.
Mit heißwirren Händen taste ich nach dem Licht.

Obwohl ich den Schalter finde und draufHAUE, wird es immer dunkler.
Obwohl ich meine Augen aufREISSE, wird es immer dunkler.
Obwohl der Raum schon schwarz IST, wird es immer dunkler.
Obwohl ich mich wie WAHNSINNIG widersetze:

Dunkler Nebel kriecht durch die kleinste Ritze.

Ich sitze da und mache nichts.
Ich sitze da und mache dir Sorgen.

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Spiegelwahn

So ein Blick in den Spiegel ist nicht ungefährlich. Spiegel haben die Angewohnheit, einem die Wahnheit ins Gesicht zu sagen.

Sandra Niggemann · geb. 1975

Wahn

Spiegelbild, schau
Schau genau hin
Wo ist der Sinn

Ich spür’ genau
Ich kenne dich
Und du kennst mich

Augen ganz klein
Sehen nicht gut
Ränder wie Blut

Blick tanzt allein
Auf, ab, hin, her
Fängt keiner mehr

Ohrengedröhn
Stimmen im Chor
Flüstern was vor

Hässlich und schön
Schrill, polyphon
Sirrender Ton

Hals kreischt und brüllt
Haut schmerzt und juckt
Hand krampft und zuckt

Kraftvoll und wild
Sieh das Gesicht
Schatten und Licht

Größe und Not
Alles wird rot
Tot

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Kommentar:
Mehr von und über die Dichterin: sandraniggemann.de

 
 

Verparkt

Kurz zur Erläuterung: Ein Park ist ein Stück sorgsam gepflegter Pflanzennatur innerhalb einer Stadt, oft mit einem kleinen Spielplatz versehen. Nicht zu verwechseln mit einem Parkplatz, denn dort gibt’s keine Schaukel.

Achim Amme · geb. 1949

Irre im Park

Sie trippeln zum Zaun
und sehn drüber weg.
Es gibt nichts zum Schaun!
Sie spielen Versteck
und merken es nicht.

Nur einer schaukelt.

Zu offen die Münder
und schiefen Blicks –
gealterte Kinder,
mit sichtbaren Ticks,
voll irrem Vertraun:
So stehn sie am Zaun.

Nur einer schaukelt.

Er schaukelt und wippt
fernab, wie er schaukelt
und dennoch nicht kippt,
als schwebte er schon
auf, auf – und davon ...

Und keiner schaukelt.

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Kommentar:
Mehr von und über Achim Anne: www.achim-amme.de

 
 

Schachwahn

Die Lehre aus diesem Gedicht ist recht einfach: Spiele niemals mit einer Mücke Schach, sie könnte ein Elefant sein.

Gesche Mirjam Beyer · geb. 1990

Nach Schachmatt

Im Haus
starre ich die Wand an starre
diesen Blutfleck an
die zerquetschte Mücke und frage mich
ob beim letzten Mal
ich nicht genau in diesem Zimmer gewesen bin und genau diesen Fleck angestarrt und ob nicht davor – da war ich fast eingeschlafen – die Mücke ganz nah an meinem Ohr gesummt
und ob ihr Flügel nicht meinen Hals gekitzelt und ob ich sie dann nicht eigenhändig
erschlagen hatte
bei meinem letzten Besuch den hatte ich schon fast vergessen
und jetzt da ich so die Wand anstarre diesen Fleck diese Mücke die ich eigenhändig erschlagen habe
frage ich mich
ob ich denn jemals
woanders gewesen bin

mir wurde gesagt dass ein kranker Fuchs ums Haus streift und wir die Türen geschlossen halten
und auch die Fenster nicht öffnen sollen in der Nacht weil dann die Hornissen kommen
und manchmal huschen Schatten über die Wand und ich denke, dass sie von einem verirrten Vogel stammen aber den Vogel
habe ich nie gesehen

und ich versuche dich zu erreichen wenn es nachts in den Heizungsrohren pocht aber
deine Stimme ist nur ein Rauschen das in langen Gängen
verklingt
und der marmorne Boden
ist schwarzweiß gekachelt wie ein endloses Schachbrett und wir spielen
tagein tagaus
das Spiel
geht weiter
nach Schachmatt

und
ich schneide mich
an Erinnerungsscherben
die ich aufsammeln will in der Nacht
wenn Mückenflügel meinen Hals kitzeln und es pocht
in den Heizungsrohren deine Stimme
ein Rauschen in langen Gängen und ich starre die Wand an starre
diesen Blutfleck an und frage mich
ob

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Einmal Universum und zurück

Gott spielen ist nicht ungefährlich, wie das folgende Gedicht zeigt. In einem lichten Augenblick sollte man besser eine Brandschutzversicherung abschließen.

Luka Romero · geb. 1986

lucidum intervallum

ich stieg in den alten sack
und schloss hinter mir zu.
die kälte einer schwarzen nacht
hieß mich aus flinken händen
mir einen kosmos reiben.
bald entfachte sich die glut
zu einem gierigen feuer
das bunte explosionen
ruhmvoll sterbender sterne gebar.

erschrocken gleich dem belsazar
vernahm ich lust'ger zeichen tanz
emsig sich zur formel fügen.
und als das lichtspiel ich verstand
heurekate mein stummes staunen
ins gähnend leere nichts.

meine augen fingen feuer
und die hohen brauen tropften
auf meine spitzen lippen.
kühl erschien mir was mich dreist
mit flammenkraft verzehrte.
als nach tagen sie mich fanden
brannte sich nur heiße asche
ohne zeugen meines fluges
ins schreiende parkett.

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Regelungswahn

So ist das in Deutschland: Alles muss geregelt werden. Das geht auch „unter zwei“, wie folgendes Gedicht eindrucksvoll beweist.

Michael Honrodt · geb. 1950

Regelwerkvereinbarung

Er leide
unter spätgotischen Zuckreflexen und
Refluxus

Das macht nichts
raune ich
Hauptsache
DIE REFUGIEN SIND PARALLEL ANVISIERT UND DAS SCHATTENBOXEN VERBRAUCHT NICHT SO VIEL STROM

No problem
sagte er und wir gaben uns die Hand drauf

Aber Pampelmusen
ausgerechnet paragrafierte Pampelmusen müsse er für sich persönlich in Frage stellen

Das macht nichts
raune ich
Hauptsache
DIE PUDELMÜTZEN DER KAULQUAPPEN VERSCHWINDEN SPURLOS UND ZWAR STANTE PEDE

No problem
sagte er und dass mit Refluxus auf dem Zweiten Bildungsweg schlecht Kirschen essen sei

Das macht nichts
raune ich
Hauptsache
WEDER DER BARBIER VON SEVILLA NOCH PRAXITELES OCTOPUS BEKOMMEN WIND VON DER SACHE

No problem
sagten wir und gaben uns die Hand drauf

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Was fürs Herz

Nach so viel Wahnsinn wird es Zeit, mal was fürs Herz zu bieten. Denn Herzen sind bekanntlich über alle Maßen vernünftig – solange sie nicht fliegen.

Sarah Raich · geb. 1979

Der Flug

Horch!
Der Flügelschlag deines Herzens!

Es scharrt
an den knöchernen Toren
der Brust,
bricht und reißt
die Rippen entzwei.

Sie glaubten,
es halten zu können,
mit dem Versprechen
von Sommerkirschen
und einem Sonnenstrahl.

Schau!
Ein letzter Fetzen Haut
flattert fort
mit dem Staub.
Die Wimpern verklebt
von Mark und von Fleisch.
Weine nicht, mein Kind.

Sieh!
Wie es fliegt!
Vom Sturm umarmt,
eine Möwe im Spiel.

Dein Blut, es wird trocknen.
Weine nicht, mein Kind!
Wer braucht denn Rippen,
wenn er ein Herz hat,
das fliegt.

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Tierisch

Menschen können einem tierisch auf die Nerven gehen. Warum also nicht gleich konsequent sein?

Azan Garo · geb. 1988

TIER SEIN

I
Ich will ein Tier will ein Tier
Sein im Wahnwitz ewiger Bitternisse
Will ich ein Tier will ich ein Tier sein
Die Normen des Menschen sollen mir gleich sein
Ich will pissen vögeln fressen furzen wo ich will
Allzeitüberallbereit sollen Weiber mir zu Willen sein
Ich will die Gebärden der Taubstummen nachahmen
Lachen mit ihnen spielen tanzend will ich ein Tier sein
Die Eiterbeulen der Kranken meine Kraftquellen lecken
Meine Zähne in den Rost der Stoßstangen schlagen
Das Blut der Motoren saufen Leitplanken zermalmen
Teer von den Straßen kratzen will ich mich wütend
An den Gräueltaten ungeheurer Menschmaschinen mästen
Damit die ihren Geist aufgeben ich will ein Tier sein
Den Schwachen Krüppeln helfen kraftvoll aufzuwachen
Ich will ein Tier sein will ein Tier sein will ein
Halleluja Halleluja Halleluja grunz grunz grunz.

II
Doch wie üblich kratzt sich was dazwischen
Menschenaffen rasen durch den Wald
Der eine macht den anderen kalt sie
Twittern Hässlichkeiten in die Menge
Kreischen kriegerisch Exzesse
Wählen mörderische Todesspiele
Will ich ein Tier sein will ich Tier sein
Muss ich dem irren Volk entwischen
Zu spät die wilde Meute brüllt im Chor.

DA ist der Durchgeknallte der Besessene
Der vom Wahn vom Sinn Verlassene
Der will ein Tier sein
Der mag uns nicht
Los fangt ihn ein!

Da muss ich pissen
Da muss ich pissen
Da muss ich pissen.

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Kommentar:
Mehr von und über den Dichter: azgaro.wordpress.com

 
 

Im Café

Im Café sitzen ist gefährlich. Denn ein Café ist ein kommunikativer Ort. Was ist, wenn einer nicht nur sein Herz öffnet?

Thomas Fillinger · geb. 1968

Vogel

Ein letztes Licht
über vergilbten Sonnenschirmen
abgelegener Straßencafés
und im Schatten
Gestrauchelte, Heimatlose
und ein leises Flüstern:
Stadtatem.

Fahlschwarz
zähmt jemand eine Zeitung,
ein anderer starrt milchäugig
sein Glas zugrunde,
Erinnerung schwelgt aus
Satellitenschüsseln,
der Abend flirrt.

Einer
nimmt Platz, grinst stumpf
aus Stahlaugen, murmelt:
Jede hat einen.
Jede.

Der
öffnet seinen Bauch, erbricht
Rasierklingen Kondome
Metallspäne, zischelt:
Wer folgen will,
folge.

Abseitig führt er uns
ans andere Ende der Stadt,
wo unter verwitterten Autowracks,
zersplitterten Neonröhren,
zerfransten Blechdosen
ein Vogel im eigenen Blut
mit gebrochenen Augen
von der drohenden Nacht
erzählt.

Der
wälzt sich im Blut,
bricht dem Vogel die Flügel,
beißt in den Kopf,
raunzt:
Hab ich gefunden.
Hier.
Was ist das für ein Ort?

Niemalsstadt,
antworte ich
und steige
in den
nächsten
Abwasserkanal,
um seinen
Geruch
zu
vergessen.

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