Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Mond-Gedichte

Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass eine Website, die Lyrikmond heißt, auch Gedichte zum Mond anbietet. Das fiel dem Betreiber dieser Website nach über einem Jahr des Bestehens auch auf. Schnellmerker! Zu allem Überfluss fehlt das bekannteste Gedicht über den Mond in dieser Sammlung. Doch dafür gibt es eine gute Ausrede: Das Abendlied von Matthias Claudius hat seine eigene Sonder-Extra-Spezial-Seite.

 

Ein Mondgedicht zum Einschlafen

Die kindliche Seite des Mondes wird in diesem Gedicht gezeigt, und der Dichter ist sicher nicht beleidigt, wenn man sagt: Das Gedicht ist zum Einschlafen schön.

Hans Retep · geb. 1956

Mondweise

Seid leise, leise, leise,
der Mond singt gleich die Weise
von einer guten Nacht,
die er euch mitgebracht:

„Im Strahlenlicht der Sonne
ist Schlafen keine Wonne,
nur stille Dunkelheit
bringt wohlig Schlafenszeit.

Ich male in der Ferne
für all die Kinder Sterne
mit Gold ans Himmelszelt
so wie es euch gefällt.

In meinem sanften Scheine
schläft niemand hier alleine;
von meinem Licht bewacht,
wird kusch’lig diese Nacht.

Nun legt euch lieb zur Ruh,
macht beide Augen zu,
und folgt der Schäfchen Reise
ganz leise, leise, leise.“

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Der Mond als Erzieher

Was harmlos als Mondgedicht für Kinder beginnt, wird zum erzieherischen Lehrexemplar über die rechte Lebensweise.

Hoffmann von Fallersleben: Der Mond

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Der Mond als gutes Beispiel

Eine kurze Lektion im Über-den-Dingen-stehen erteilt Herder in diesem Mondgedicht.

Herder: Der Mond

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Der Mond und die Liebe

In diesem Gedicht wird der Mond als Verbündeter in Liebesdingen genutzt, wobei am Schluss gilt: Der Mond hat seine Pflicht getan, der Mond kann gehen.

Glaßbrenner: An den Mond

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Der Gedankenfreund

Der Mond als Partner, um sich zu besinnen und zu erinnern, so stellt ihn Klopstock in diesem Gedicht dar.

Klopstock: Die frühen Gräber

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Ein freirhythmisches Mondgedicht

Ganz in der Tradition Klopstocks ist das folgende Mondgedicht verfasst. Kein Wort verrät seine Herkunft aus der heutigen Zeit, was bei diesem Thema ja auch passt, denn der Mond ist „eine ganz alte Geschichte“.

Wolfgang Rinn · geb. 1936

Wandelgänger

Nächtlicher Bruder,
reichst mir die Hand,
du treuer Geselle
in unentwegter Wiederkehr.

Dein fahles Licht
lässt Schatten länger werden
als ihr Gegenstand,
einsamer Wandelgänger,
der in weitem Himmelsbogen
seine Bahnen zieht,
und niemand weiß,
wie lange schon.

In stetem Aufwärtssteigen
wächst in Himmelshöhen du,
bis prächtig strahlt
dein Antlitz uns
in vollem Leuchten,
für Augenblicke wie
ein Herrscher dunkler Nächte.

Doch führt hinab
in sanftem Flusse dann
in dunkle Tiefen deine Bahn,
wo alles seinen Ursprung hat,
und kehrt aufs Neue wieder,
wenn sich der Tag geendet.

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Kommentar:
Wolfgang Rinn hat bereits einige Lyrikbände veröffentlicht, eine Liste gibt’s bei Amazon.

 

Von Goethe zu Göttin

Goethe ist mit den Göttern per Du. Hier plaudert er ein wenig mit der römischen Mondgöttin Luna, schiebt ihr aber am Schluss einen griechischen Liebhaber unter, was nicht unbedingt die feine Art ist.

Goethe: An Luna

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Der segelnde Mond

Wie eine Träumerei liest sich das folgende Mondgedicht. Die Frage ist: Steckt mehr dahinter? Warum heißt es „der junge Mond“? Warum enden alle Strophen auf „-hin“? Das wären Ansatzpunkte, um sich eingehender mit dem Gedicht zu beschäftigen, aber vielleicht reicht manch einem auch die Träumerei.

Adam Kuckhoff · 1887-1943

Der junge Mond

Mit schmal gehisstem Segel,
das immer weißer schimmert,
geht dort der blanke Schwimmer,
der junge Mond dahin.

Die Sonne ist im Bogen
vor ihm hinabgezogen.
Zu ihrer roten Küste
kielnachwärts zieht’s ihn hin.

Opalenmatter Himmel,
in blau und lila Tinten,
Gebirge ihm zu Füßen –
so segelt er dahin.

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Modernes Mondgedicht

Das folgende Gedicht ist eine Travestie, also die „Übersetzung“ eines Inhalts in eine andere Form, um einen komischen Effekt zu erzielen. Hier ist Eichendorffs Mondnacht das Opfer, dessen Inhalte zum Teil übernommen und in moderne Formen gezwängt wurden.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

scheinmond

war
himmel & erde
in aller stille
ein taxikuss der
traumgestalt blühte
bluttote blüten
zwischen feldern der
ähre zogen wälder
nachtwärts durch die
sterne flogen seelenspanner
flügelschwebend über
stadt & land
nach hause
nach hause
ist

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Die Modernität des Gedichts ist zugegebenermaßen nur äußerlich und parodistisch. Ich habe einfach typische Merkmale sich modern gebender Gedichte aufgegriffen: Kleinschreibung, fehlende Interpunktion, „&“ ersetzt „und“, grammatikalische Verbiegungen, Wortneuschöpfungen und die unvermeidlichen Brutal-Enjambements nach Artikeln. Also mache ich mich eigentlich nicht über die Mondnacht lustig, sondern über den modernen Schein an Bedeutung und Schwere.

 

Kein Gedicht über den Mond

Im folgenden Gedicht geht es um einen inneren Mond, den Schickele im Herzen verortet und nicht um den, der am Himmel steht. Aber so sind die Dichter: Bringen alles durcheinander und nennen es Kunst.

Schickele: Mondaufgang

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Gedicht über einen doppelte Vollmond

Eine wiederaufgerufene Mondnacht ist Thema dieses Gedichts, doch da es damals noch keine Handys mit Videofunktion gab, musste die eigene Phantasie aushelfen.

Falke: Nach Jahren

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Was der Mond macht

Der Mond soll für allerlei Seltsamkeiten verantwortlich sein, die Mensch und Tier in Vollmondnächten veranstalten. In diesem Mondgedicht wird einer dieser Legenden erzählt.

Guido Zernatto · 1903-1943

Mondnachtlegende

Sei es, dass der Rossknecht den Strick schlecht verklängte,
dass sich leichter der Halfter vom Kopf streifen ließ,
oder war’s, dass das Mondlicht den Rapphengst bedrängte
und ihn wild durch die Stalltür ins Nächtliche stieß.

Er bäumte sich frei zwischen Himmel und Erde
wie ein Sturmwind zum Mond und den Sternen empor.
Und ein Urtrieb ward wach, als mit dieser Gebärde
sein Gezähmtsein sich groß an die Wildnis verlor.

Da hob ihm das Blut seine Hufen zum Rasen,
er floh wie ein Gott übers Ackerland hin.
Schon rührte sein Huf kaum an Scholle und Wasen,
er ward groß, er ward frei, er ward wie am Beginn.

Von den Steinen, auf denen die Hufeisen krachten,
sprangen Funken auf und ihr hallender Ton
machte, dass auf den Bäumen die Vögel erwachten
und erschreckt und mit Schreien gegen Himmel entflohn.

Aber Himmel und Erde verweilten in Schweigen.
Nichts verriet, dass sich heut Unsagbares begab.
Der Mond ließ nicht ab, still und eisig zu steigen,
von den Sternen fiel mild das Nachtlicht herab.

Dann aber erwachte der Knecht durch ein Stöhnen
des Viehs, dass sich wund an den Stallketten riss.
Er hob sich halb auf und verspürte ein Föhnen,
das lau durch die Tür zur Liegerstatt blies.

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Neues vom Mond

Dass der Mond wissenschaftlich betrachtet keinen besonders einladenden Eindruck macht, kann einen Dichter nicht erschüttern, wie das folgende Mondgedicht zeigt.

Siegfried Stöbesand · geb. 1954

neue sachlichkeit

habe den mond betrachtet
und dann das:
der mond hat gar kein gesicht
er soll nur aus staub, sand und stein bestehen
krater und geröll
wüstenlandschaften
die winde halten sich in grenzen
und an wasser mangelt es

lass mir meinen mond
in der nacht
wenn über der großstadt oben weit
und prächtig hell scheinend
das märchengesicht
das traumgesicht
in die scheibe geritzt
ein friedliches bild

so kühl und so warm
so ernst und so heiter
so bedenklich und so gelassen
wenn mir nicht wohl ist
wenn mir der kopf zerspringt
wenn mir die lust vergeht
dann mag ich keine sachlichkeit
dann mag ich nur

staunen und mir erträumen
das gesicht das milde gesagt so lieblich ist

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