Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Frühlingsgedichte 1

Wenn die Natur aus ihrem Winterschlaf erwacht, dann blühen auch Dichterhirne wieder auf. So ist es nicht verwunderlich, dass der Frühling ein paar Gedichte-Klassiker aufzuweisen hat, die auf Seite 2 des Frühlingsthemas präsentiert werden. Auf dieser Seite werden neuere Versuche, den Frühling poetisch zu erfassen, gezeigt, von bekannten, aber auch unbekannten Dichtern. Denn ein bisschen Überraschung muss gerade im Frühling schon sein.

 

Ein Gedicht zum Vorfrühling

Ein sehr stimmungsvolles Gedicht zum Vorfrühling hat Hugo von Hoffmannsthal geschrieben.

Hofmannsthal: Vorfrühling

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Vorfrühling

 

Noch ein Gedicht zum Vorfrühling

Ein Expressionist erweist in diesem Gedicht dem Frühling seine Referenz in klassischen Kreuzreimen, aber ungewöhnlich langen Versen.

Stadler: Vorfrühling

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Die ersten Frühlingsklänge

In diesem Gedicht wird der Frühling hörbar gemacht durch den atmosphärischen Umschwung, der stattfindet, wenn es beginnt zu tauen.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Ein neuer Klang

Ein neuer Klang
liegt in der Luft,
als ob die Welt
mit einem Male
heller wäre.

Wir gehn hinaus.
Es tropft und klopft;
im kahlen Strauch
übt eine Amsel
leise ihre Lieder.

Kein Zweifel:
Die Luft, gestimmt
von Sonnenstrahlen,
erweckt versteckt
ein Reich voll Farben.

Nun höre Winter,
deine Zeit ist um.
Der Frühling kommt,
der Frühling kommt
mit allen seinen Gaben.

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Amsel-Frühling

Wenn Amseln wie in diesem Gedicht den Frühling verkünden, hat das anscheinend merkwürdige Auswirkungen auf den Menschen: Er beginnt ein Nest zu bauen.

Dauthendey: Die Amseln haben Sonne getrunken ...

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Der Frühling kommt!

Tier-, Mensch- und Schneewelt sehen den Frühling aus ihrer jeweiligen Perspektive, doch in einem sind sie sich einig: Er kommt!

Hans Retep · geb. 1956

Der erste Frühling

Die Vögel spüren’s in den Schnabelspitzen,
da sie im Sonnenschein auf Wipfeln sitzen.
Sie zwitschern, trillern, rufen es hinunter:
Der Frühling, Frühling, Frühling kommt!

Der Mensch verdrängt sogleich des Winters Grauen,
die ersten Blicke suchen scheu nach Frauen,
jetzt fließen Säfte endlich wieder munter:
Der Frühling, Frühling, Frühling kommt!

Nur einer ist tatsächlich unzufrieden.
Dem Schneemann scheint sein End zu früh beschieden,
und unter seiner Rübennase brummt er:
Der Frühling, Frühling, Frühling kommt.

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Gedicht über einen Frühlingsmorgen

Morgens im Frühling ist die Welt noch in Ordnung, so könnte man das folgende Gedicht zusammenfassen.

Peter Baum · 1869-1916

Morgen

Der Frühlings-Frühhauch durch das Fenster kam
Und strich mir kosend über Brust und Lider.
Ich schrak empor. – Da lief’s wie süße Scham
Durch meine starren, halberwachten Glieder.

Ich schrak empor und schaute in den Glanz,
Sah schlanke Halme im Gebet sich strecken,
Sah fern in seinem Knospenkranz
Sich einen Baum in goldne Gluten recken.

Da überrauschte mich die junge Kraft,
Und neu genesen grüßte ich die Erde,
Die Lenz um Lenz mit frischem Schöpfungssaft
Aus kalten Toden quillt ein jauchzend: „Werde!“

Die zwischen Sturm und Streit und Angst und Leid
Viel Keime reift und goldne Lieder spendet,
Das wühlend winterliche Herzeleid
Zu ihrer warmen Schönheit Frieden wendet.

Ich sprang empor – und jauchzte in das Licht. –
Da gab ein Klingen Antwort allerwegen. –
Die Strahlenströme troffen vom Gesicht;
Die Arme warf ich hoch, dem Tag entgegen!

 

Erste Frühlingsimpressionen

Arno Holz lässt sich vom Frühling überraschen und gießt diese Überraschung in sehr freie Verse.

Arno Holz · 1863-1929

Mitten auf dem Platz, wo die Kinder lärmen ...

Mitten auf dem Platz, wo die Kinder lärmen,
vor der strohumwickelten Sandsteinflora,
die Beete drum dick mit Tannenreisern bedeckt, bespießt mit scheußlichen Ölpapierkapuzen,
– Was ist? ... Wieso? ... Ich weiß es nicht! –
bleibe ich stehn.

Jungens,
die sich um eine Murmel zanken;
quer
über dem
zwischen zwei Lehmkiesstreifen kreisrund laufenden Steinchenweg
ein
irgendwie rätselhaft „sich selbst“ überlassener,
leise steilaufschütternder,
blankblau spiegelnder Bahnwagen,
aus dessen weißen, schwellenden, zipfelzitterigen Häkelspitzenkissen
ein lallendes, krahlendes, quäkendes Etwas
mit kleinen, dicklich ungeschickten, milchzart grübchenfeisten Grapschhändchen
nach einem schwebend festgeknüpften,
schwanken,
lustigst knallrotschaukelnden Luftballon ampelt;
ein mich seltsamst,
verschmitzt, quietschvergnügt aus großen, hellen, strahlenden Sternaugen
kokett anlächelndes,
halbflügges, balletteusenhaft aufgeputztes
Mädelchen,
das
mit wehenden Röcken, ruckenden Schultern und
offenen,
flatternden, fliegenden
Haaren
Reifen springt!

Herr Gott ... Frühling!

Die
Luft so weich,
die hohen, grauen, häßlichst balkonüberklatschten Häuser rings,
fast
schimmernd,
schleierdunstig, silberschillerig,
glänzen,
das betäubend, tschilpend, ohrenzerreißend schrillende Spatzenpaar,
aus allen Bäumen, aus allen Sträuchern,
um alle Bänke,
wie
verrückt!

Und
... nichts ... nichts ... nichts ...
habe ich ... gesehn!

Aus allen Spitzen, aus allen Zweigen, aus
allen Büschen
brechen ja schon ... die Knospen!

 

Frühlingsanfang

Mit einer Reihe von Schnappschüssen hat der Dichter diesen Frühlingsanfang eingefangen. Man kann auch mit Versen fotografieren!

Georg Stolzenberg · 1857-1941

Erster Frühlingssonntagsmorgen ...

Erster Frühlingssonntagsmorgen
auf der Straße!

An der Ecke
der zerlumpte, versoffne Kerl
hält zwischen den gelben Zähnen eine Blume.

Kindermädel mit blanken Backen;
auf ihrem Arm
strampelnde Schneeglöckchen.

Über dem Bürgersteig,
durch Himmel und Hölle aus Kreidestrichen
segelt der Onkel mit der Kuchendüte:
ans Knopfloch geknotet
einen blauen und einen roten Ballon.

Er lächelt.

Läuft immer schneller!

 

Ein Frühlingsgedicht von Rilke

Auch Rilke hat den Frühling in einem Sonett auf seine ganz eigene Art und Weise besungen. Für die Formulierung „Die Erde ist wie ein Kind, das Gedichte weiß“ müsste es eigentlich einen Sonderpreis geben.

Rilke: Frühling ist wiedergekommen ...

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Der Frühling aus Knospensicht

Andere Perspektiven einzunehmen, das gehört zum üblichen Dichter-Repertoire. In diesem Frühlingsgedicht hat sich der Dichter besonders klein gemacht.

Albert Geiger · 1866-1915

Lied der Knospen

Ach, dass die dunkeln Nächte,
die feuchten Nächte kämen,
die süßen, dunkeln, feuchten Nächte
von uns die Hüllen nähmen!

Allabendlich kommt eine Jungfrau,
uns sorglich zu begießen,
aus ihrem Kännlein des Wassers Perlen
zitternd über uns zu fließen.

Ihr schönes, weißes Antlitz
steht über uns mit Verlangen,
ob von den vielen, vielen Knospen
noch keine aufgegangen?

Ach, dass die dunkeln Nächte,
die feuchten Nächte kämen,
die süßen, dunkeln, feuchten Nächte
von uns die Hüllen nähmen! ...

 

Barocker Frühling

Ein barockes Imitat liefert Arno Holz ab, und wie bei jedem Imitat gibt es eine Abweichung vom Original. Das Silbenschema geht eher Richtung Lied der Romantik, als dass es den ausschweifenden barocken Alexandriner-Versen folgt.

Holz: Er klagt / daß der Frühling so kortz blüht

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Hinweis: Mehr Frühling? Es gibt eine weitere Seite mit kurzen Frühlingsgedichten und aus den Jahresgedichten könnten die Themen März-Gedichte, April-Gedichte und Mai-Gedichte interessant sein.