Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Praxislexikon Lyrik

Enjambement

Das Enjambement (Zeilensprung oder sogar Strophensprung) ist die Fortführung einer syntaktischen Einheit (Haupt- oder Nebensatz) über das Zeilenende hinaus.

Enjambement in der Praxis

Das Enjambement ist prinzipiell zwiespältig: „Es stellt ein Ende und zugleich einen Übergang dar, einen Bruch und zugleich einen Zusammenhang“ [Kurz 1999: 26]. Am deutlichsten zeigt sich das am morphologischen Enjambement, dem Zeilensprung mitten im Wort:

Neujahrsmorgen
eine Krähe hum-
pelt über die Straße
(Hans-Peter Kraus: Neujahrsmorgen ...)

Der Bindestrich verlangt das Weiterlesen und in einem Prosatext würde er auch glatt überlesen, doch im Gedicht fordert das Versende eine Pause, so dass zumindest kurzfristig der Lesefluss ins Stocken kommt. So ergibt sich der Idealfall, dass Wortsinn und Rhythmusstörung sich gegenseitig verstärken.

Fürs Schreiben und Interpretieren von Gedichten ist es wichtig zu erkennen, ob das Enjambement eher zum Fließen oder zum Stocken tendiert. Dafür muss man sich den Satzbau, die Kadenzen und die Betonungen anschauen.

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.
(Conrad Ferdinand Meyer: Zwei Segel)

Dies ist ein einfaches Beispiel für fließende Enjambements: Der Satzbau verlangt außer bei Vers drei eine Fortsetzung über die Zeilengrenze hinweg. Die weiblichen Kadenzen (Senkungsende) sorgen für „weiche“ Übergänge. Die Hauptbetonung liegt immer bei der ersten Hebung des Verses, so dass die abfallende Betonung den Text vorwärts treibt.

Von den drei Kriterien, die über Fließen oder Stocken entscheiden, ist die Kadenz das schwächste. Zwar kann man als Daumenregel sagen, dass weibliche Kadenzen tendenziell das Fließen des Enjambements erleichtern, während männliche (Hebungsende) eher stockend wirken, doch wird diese Tendenz regelmäßig von den Forderungen des Satzbaus und der tatsächliche Betonung überstimmt:

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.
(Georg Heym: Der Gott der Stadt)

Das Gedicht hat ausschließlich männliche Kadenzen. Die beiden Enjambements in Vers zwei und drei verhalten sich jedoch unterschiedlich. Das Verb jagen braucht ein Objekt, also treibt der Satzbau voran. Zudem wird „Feuer“ stärker betont als „jagt“, die Betonung fällt ab. Dadurch ergibt sich ein fließendes Enjambement.

In Vers drei sind diese beiden Bedingungen nicht gegeben. Der Satz könnte nach „braust“ zu Ende sein. Da aber kein Satzzeichen erscheint, wird trotzdem die Erwartung aufgebaut, dass der Satz weitergeht, aber: „braust“ wird stärker betont als „Glut-“. Dadurch wirkt das Enjambement stockend.

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
(Eduard Mörike: Er ist’s)

In diesem Beispiel lassen die von „Frühling“ aus abfallende Betonung sowie der Satzbau das Enjambement trotz Hebungsende fließen. Da aber auch die erste Silbe des Folgeverses eine Hebung ist, ergibt sich ein Hebungsprall über die Versgrenze hinweg mit dem Effekt, dass das erste Wort nach dem Enjambement eine besondere Betonung und Wichtigkeit erhält. Diese Möglichkeit des Heraushebens des ersten Wortes in dem Enjambement folgenden Vers sollte man immer im Auge haben.

Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.
(Ludwig Uhland: Der gute Kamerad)

Hier „unterliegt“ in Vers vier eine weibliche Kadenz  dem Satzbau, der keine Fortsetzung erfordert und der Tatsache, dass „Seite“ als einziges Substantiv des Verses am stärksten betont wird. Das Enjambement wirkt trotz weiblicher Kadenz stockend. Das Trennende zwischen dem lyrischen Ich und dem Kameraden wird bereits hier rhythmisch angedeutet.

Zusammenfassung: Wie ein Enjambement rhythmisch wirkt, hängt von drei Komponenten ab: dem Satzbau, der Kadenz und der Betonungsverteilung. Letztere ist eine subjektive Einschätzung. Sie lässt also Interpretationsspielraum zu, ob die stockende oder fließende Tendenz des Enjambements überwiegt. Was sich daraus inhaltlich interpretieren lässt, ist wie so oft vom ganzen textlichen Umfeld abhängig. In jedem Fall ist das Enjambement ein formales Mittel, dem man beim Schreiben und Interpretieren besondere Aufmerksamkeit schenken sollte.

Verwendete Literatur:
Gerhard Kurz (1999): Macharten. Über Rhythmus, Reim, Stil und Vieldeutigkeiten, Göttingen: Vandenheck & Ruprecht

Nächster Artikel: Füllungsfreiheit
Praxislexikon Lyrik: Alle Begriffe von A-Z
Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016