Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Herbstgedichte

Dichter wären keine Dichter, wenn sie nicht auch im Sterben und Vergehen das Schöne sehen könnten. So stimmt zwar manch einen der Herbst etwas melancholisch, aber es überwiegt doch in den Gedichten ein Gefühl für die Schönheit, mit der sich die Natur verabschiedet.

 

Der schwere Herbst

„Schwere“ – das ist, was dem Dichter hier zum Herbst einfällt und er in Variationen beschreibt. Und doch ist die Lösung am Schluss ganz leicht.

Karl Röttger · 1877-1942

Dies ist der Herbst ...

„Dies ist der Herbst“: wenn sich die Fülle in die nackte Leere
Hinüber neigt.
Dies ist der Herbst: die bunte, volle Schwere
Der Schönheit in den Parks und Gärten schweigt –

Dies ist die Totenstille der Erfüllung.
Im blauverhangnen Land liegt ein Schein,
An weißen Wänden, an Veranden glüht der Wein,
In einen Garten tritt ein Mädchen ein
Und atmet kaum. –
Die Stille der Erfüllung

Liegt wie ein Rausch bunt, feierlich und schwer,
Groß wie ein Staunen überm Land, und matt
(Ganz ohne Laut) fällt Blatt um Blatt
In Kies, in Sand, welkenden Rasen, der
Nicht mehr geschoren wird. – Herbstdürfte hauchen
Süß in die Luft; verschwimmen, schwinden, kehren
Zu dir zurück; und sind mit ihrer schweren
Dunkelnden Schönheit um dich. Alle Dinge tauchen

Sich in die weiche Flut des stillen Glanzes.
Dies ist der Herbst: Die Fülle steht und schweigt. –
In roter Abendsonne, die sich neigt,
Löst sich die Schwere dieses Tages leicht in das Schweben eines Mückentanzes.

 

Herbstgesang

Dieses Herbstgedicht singt das Lied von Abschied, Sammlung und Erinnerung.

Eugen Gottlob Winkler · 1912-1936

Herbstlicher Chor

Macht am Tag noch rasch das Rechte,
brecht das feierliche Brot!
Bald besitzen euch die Nächte,
und ihr ahnt im Land den Tod.

Wohl dem Manne, der die Schlüssel
aus der Väter Hausrat hat,
dem die Liebe gibt die Schlüssel
zur geteilten Ruhestatt.

Finsternis vereint die Räume,
heimwärts kehrten Schiff und Reiter.
Uns verbleibt am Herd zu säumen
von der Kraft gesparter Scheiter.

Sommers standen die Gestirne
in den südlichen Figuren.
Auf dem Boden Mais und Birne
deuten noch des Himmels Spuren.

Flüchtiges dauernd die Frucht behält –
Besitzet innig wie sie die Welt!

 

Herbstgefühle

Emanuel Geibel lässt den Leser in diesem Gedicht zum Herbst eine Berg- und Talfahrt der Gefühle erleben.

Geibel: Ich sah den Wald sich färben

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Die Botschaft des Herbstes

Lenau malt ein Herbstbild vom kahl werdenden, stillen Wald, um am Schluss dann das Positive darin zu erblicken.

Lenau: Rings ein Verstummen, ein Entfärben ...

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Ein Herbstgedicht von Gottfried Keller

Sehr kontemplativ kommt Kellers Beitrag zum Herbst daher. Er landet bei seinem Herbstgedicht schließlich bei der Vergänglichkeit.

Keller: Stiller Augenblick

Dieses Gedicht im TextformatZur Interpretation des Gedichts Stiller Augenblick

 

Herbstliche Entdeckung

Arno Holz ist ein Dichter, der genau hinguckt, der sehr detailliert beschreibt, was der Leser sehen soll. Und in diesem Gedicht hat er dabei eine herbstliche Entdeckung gemacht.

Holz: In welken Kronen

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Kommentar:
Die zentrierte Darstellung des Gedichts entspricht dem Original. Holz war der Meinung, dass bei seinen extrem unterschiedlich langen Zeilen das Auge bei dieser Schreibweise besser geführt würde, als wenn es vom Ende einer Langzeile wieder ganz nach links springen müsste.

 

Erinnerungen im Herbst

Nicht nur die Blätter sind im Herbst gefärbt, sondern auch die Erinnerungen an glückliche Zeiten in diesem Herbstgedicht.

Georg Stolzenberg · 1857-1941

Nun ist es Herbst ...

Nun ist es Herbst.
Ich wandre durch das Sterben
und fühle wie ich selber sterbe.

Schwarze Blumen starren am Weg,
welke Blätter fallen auf mein Haupt.

Du schöne Zeit,
mein altes Glück,
komm,
tröste mich wieder.

Durchsonne mich!

Wenn sie vor Fremden heimlich mir die Hand berührte,
Seligkeit mich lähmte ...

Ach, jener Tag, an dem ich einst geweint
vor Liebe ...

Nicht weiter!

Kalt schneidet der Wind
mitten durch mein Herz.

 

Expressionistisches Herbstgedicht

Die finsteren Ecken der Großstadt waren ein beliebtes Thema bei den Expressionisten. Der Herbst fügt diesem Thema wahrlich keine sonnigen Seiten hinzu.

Kanehl: Herbstmorgen

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Herbst des Lebens

Die dritte Strophe wendet das Gedicht Richtung Herbst. Doch dieser Herbst scheint eher symbolischer Natur.

Karl Röttger · 1877-1942

Ich soll mein Herz nun lösen ...

Ich soll mein Herz nun lösen
Von allem blinden und bösen
Wollen, Wünschen und Wahn.

Von allem schmerzlichen Weinen,
Von allem verworrenen Meinen,
Von allem, was mir weh getan.

Im Herbstlicht muss ich stehen
Und in das Leuchten sehen –
Herz trink dich sonnensatt. – –

Nun heb ich meine Hände,
Nun kommt zum müden Ende
Ein Schicksal – und sinkt wie ein welkes Blatt.

 

Gedicht über eine Herbstreise

Fallende Blätter, klar, da sind schon viele Gedichte drüber geschrieben worden, dieses hier ist ein wenig anders, auch wenn das Resultat dasselbe ist.

Hannelore Furch · geb. 1946

Tödliches Fernweh

Ein Herbstblatt tanzte hin und her
und war im hohen Bogen
in Richtung Süd gezogen
und liebte diese Route sehr.

Es traf den wilden Hagelmann,
der trieb das Blatt nach Norden
und plante, es zu morden,
doch kam ihm das Erbarmen an,

er setzt' allein die Route fort.
Das Blatt mit tiefer Wunde
genoss die Ruhestunde
und ging erholt von diesem Ort

erneut im Sturm auf Reise,
zerfledderte im Fliegen
und kam im Matsch zu liegen
und starb auf diese Weise.

Urheberrechtshinweis

Kommentar:
Mehr Gedichte von Hannelore Furch bietet ihre eigene Website: www.hannelore-furch.de

 

Mensch und Natur im Herbst

Der Mensch als Teil der „sinkenden“ Natur des Herbstes ist das Thema dieses Gedichts.

Franz Werfel · 1890-1945

Herbstlied

Es sinkt der Tag, es sinkt das Jahr, es sinkt der Mann.

    Dicht drängen sich die festen
    Äpfel auf muskelkrummen Ästen.
Die Straße abwärts schaukelt ein Gespann.
    Die Pferde nicken leicht umwolkt.
    Über des Hügels Hüfte kolkt
    Ein Volk windzechender Krähn.
Das saatgeheime Grillenheer,
Des Sommers Saite, schwirrt nicht mehr.
    Ein schwerer Ruf, den keiner kennt,
Waldher schwingt auf aus heiligem Instrument.
    Durch mich auch geht, was ich nicht weiß,
Ein wortverborgenes Trostgeheiß:
    Dass ich im Herbst begriffen in,
Wie Vogel, Baum, verschwankendes Gespann,
Atmend nicht ausgeschlossen bin.

Es sinkt der Tag, das Jahr, der Mann.

 

Modernes Herbstgedicht

Zwar metrisch strukturiert, aber ohne Reime kommt dieses Herbstgedicht aus, das zumindest am Schluss etwas Licht in den düsteren Herbst bringt.

Dyrk Schreiber · geb. 1954

Herbstgang

Schwarz der Himmel
kühler wirft die Stürme
in die Nacht der Bäume,
wann nimmer sie ein Helfen
finden und knackend laut
entblättert werden.

Feuchte Augen
träumen neu der Blätter
Färben auf dem Pflaster,
weil sie herab ihr Leuchten
lassen und schmutzig-braun
zerrieben werden.

Fein der Nebel
klamm umhüllt Laternen
weit entlang die Steige,
die ohne Mensch sich einsam
fühlen und matt und grau
beleuchtet werden.

Urheberrechtshinweis

 

Herbstgang

In diesem Gedicht ist der Wunsch eindeutig: Wenn schon gehen, dann bitte im goldenen Herbst.

Lienhard: Nicht will ich darum beten ...

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Herbstvögel

Die Betrachtung eines Vogelschwarms, der sich im Herbst über dem Fluss sammelt, scheint, wenn man dem nächsten Gedicht glauben darf, zu viel für einen einzelnen Menschen zu sein.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Herbstabend am Fluss

Über mir
teilt sich ein riesiger Schwarm
krächzender Krähen in zwei
Schwärme, die einen Bogen fliegen,
sich über der Flusswiese vereinen
und gemeinsam als wogende Masse
über dem nahegelegenen Waldstück kurven.
Von dort
zieht der ganze riesige Schwarm
unzähliger Krähen in einem Bogen
auf mich zu,
um sich über mir
erneut
in zwei Schwärme aufzuteilen,
die sich nach vollendetem Kreis
wieder zu einem hin- und herwogenden
schwarzen Reigen vereinen.

Ich kann nicht mehr hinschauen.
Ich bin nur ein Mensch.

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