Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Kurze Sommergedichte

Der Sommer steht im Ruf, eh immer zu kurz zu sein. Also macht man aus der Not ein Gedicht und gönnt ihm nicht mehr als acht Verse oder eine Textlänge, die in etwa acht Zeilen mittlerer Länge entspricht. Solcher Art Kurzgedichte zum Sommer sind auf dieser Seite versammelt.

 

Gedicht über einen Sommermorgen

Dieses Sommergedicht könnte auch eine Fotografie sein. Ich denke, schwarz-weiß, etwas körnig, aus großer Entfernung aufgenommen, würde gut passen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Still leben

Grauer Sommermorgen.
Vier Menschen
stehen auf der Brücke
an der Bushaltestelle.
Von der Straße abgewandt
betrachten sie
den stillen Fluss.

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Sommerstimmung

In diesem kurzen Sommergedicht entsteht eine Stimmung, die die Seele schweben lässt.

Allmers: Feldeinsamkeit

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Ein kurzes Fontane-Sommergedicht

Theodor Fontane fängt in seinem Gedicht eine typische Hochsommerstimmung ein, wenn sich wirklich nichts mehr rührt und es selbst zu heiß zum Denken ist.

Fontane: Mittag

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Gedicht. Sommer. Mittag.

Wenn Leerzeilen Pausen im Gedicht bedeuten, dann gibt es hier mehr Pausen als Gedicht, was wiederum zur sommerlichen Mittagsträgheit passt.

Rolf Wolfgang Martens · 1868-1928

Mittagsstille ...

Mittagsstille.

Grell prallt die Sonne auf den Wasserspiegel.

Unterm Erlengebüsch sitz ich und angle.

Durchs Schilf
jagen sich im Zickzack
zwei blaue Seejungfern.

Ich starre auf meinen Schwimmer.

Die Augen fallen mir zu.

Hinter mir,
in den Tannen
pfeift ein Regenvogel.

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Sommergedanken

So ein Schäfer hat anscheinend viel Zeit, um sich im Sommer seine Schafe auf der Weide zu begucken, und kommt dabei auf den einen oder aber meistens auf den anderen Gedanken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Schäfergedankchen

Ich finde,
Schafe,
die auf der Weide stehen,
ihr Gras wiederkäuen und
wiederkäuen,
gucken,
wenn sie einen Menschen sehen,
ein wenig zu
arrogant
aus der Wäsche,
die bald
aus ihrer Wolle
gewebt wird.

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Sommergeister

Wenn man den flotten, alten Mann und die Geister wegließe, hätte man eine typische Sommerstimmung, allerdings auch recht wenig Text. So reicht es immerhin zu einem kurzen Sommergedicht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Geister

Sommer.

Stiller Samstagnachmittag.

Ein alter Mann
geht schnellen Schritts
vom Friedhof fort.

Über die Friedhofsmauer
schauen ihm die Geister
etwas enttäuscht
nach.

Doch dann
sagt einer was
und sie lächeln wieder.

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Kurzes Sommerregengedicht

Ein verregneter Sommer kann ganz schön lang werden, dafür ist dieses Sommergedicht recht kurz geworden. Bebildert gibt es das Gedicht bei Gruß an dich.

Hans Retep · geb. 1956

Sommerregenlied

Ja bringt der Sommer nur noch Regen?
Ich hätt viel lieber Sonnenschein.
Die Pfützen stehn auf allen Wegen,
ja bringt der Sommer nur noch Regen?
Das Grünzeug hält’s wohl für ’nen Segen,
doch ich, ich möcht am liebsten schrein:
Ja bringt der Sommer nur noch Regen?
Ich hätt viel lieber Sonnenschein!

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Kommentar Hans Retep:
Dichtungsprotokoll:
In einer Liebesgedichtesammlung finde ich ein Gedicht von Friedrich von Hagedorn mit einer seltsamen Versstruktur. Ich weiß, sie hat einen Namen, aber ich komm nicht drauf. Internet angeworfen, und siehe da: Wikipedia nutzt genau dieses Hagedorn-Gedicht als Beispiel für ein Triolett. In diesem Achtzeiler werden die beiden ersten Verse am Schluss wiederholt und der erste Vers taucht als vierter noch mal auf. Dadurch wird der angetäuschte Kreuzreim zu abaaabab verunstaltet. Ein Trioreim schiebt sich durch die Wiederholung des ersten Verses als Nummer vier dazwischen.
Wikipedia glaubt auch zu wissen: Das Triolett „eignet sich besonders für das Tändelnde und Naive.“ Naiv bin ich selber, also: Blick aus dem Fenster und los geht’s. Die ersten beiden Verse stellen sich ein, womit dann nur noch Vers drei, fünf und sechs fehlen. Beim dritten hakt es schon und auch die ersten beiden sind auf den zweiten Blick etwas schlapp. Ich lasse das Gedicht liegen, mache etwas Anderes. Eine halbe Stunde später meldet der Kopf an alle angeschlossenen Stationen: Es geht weiter von vorn.
Tatsächlich haben die ersten beiden Verse nun mehr Pep und der Rest kommt nach und nach. Ich überlege, ob ich nicht einige „Ausstanzungen“ vermeiden soll, z.B. im zweiten Vers: Ich hätte lieber Sonnenschein. Doch das ist keine Verbesserung. Korrekt ist in diesem Fall nicht gut genug.
Fehlt noch der Titel. Der fünfte Kandidat geht schließlich durchs Ziel. Bleibt noch die Frage: Wie halte ich es mit den Auslassungszeichen? Auch da möchte ich dem Charakter der Rede Rechnung tragen, indem ich so wenige wie möglich setze. Die starke Orientierung an der Umgangssprache soll gar nicht erst den Verdacht aufkommen lassen, dass hier eine alte Form reaktiviert wurde. Stattdessen soll die Form so wirken, als ob sie sich ganz zwanglos aus dem Inhalt ergeben hätte.
Zum Schluss noch das Wichtigste, etwas, das man nie beim Schreiben von Gedichten fürs Internet vergessen darf: Bevor ich den Text online stelle, schlaf ich eine Nacht drüber.

Nacht drüber geschlafen. Mir ist noch eine Variation auf den fünften Vers eingefallen: Das Grünzeug sieht es wohl als Segen. Aber ich meine zu „Grünzeug“ passt „Slang“ am besten. Also bleibt es dabei; Gedicht kann online gehen.

 

Sommerliche Nebenwirkungen

Unkraut jäten und Rasen mähen sind zweifellos die Lieblingsbeschäftigungen von Gartenbesitzern, sonst würden sie es ja nicht so häufig tun, oder? Doch wie alles im Leben hat auch hier das Übermaß Nebenwirkungen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

An alle Gartenbesitzer

Unkraut jäten und Rasen mähen
verstößt gegen die Berufsehre
von Kaninchen, Schafen und Pferden.
Verpasst Ihnen demnächst
ein Kaninchen schafsäugig einen Pferdekuss,
bitte keine Beschwerden.

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Sommererntegedicht

An die Ernte denkt das lyrische Ich beim Sommer und hat dabei einen ganz speziellen Wunsch an die oberste Geschäftsleitung

Ernst Lissauer · 1882-1927

Bitte um Frucht

Nicht für mich, dass Trauben hangen,
Nicht für mich, dass Korn ersteht,
Ich pflanze nicht, um zu empfangen.
Ich trage in mir als Gebet
Das Wort des Roggens und der Rebe,
Das wie ein Düften aufwärts weht:
      Gib mir, dass ich gebe!

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Kommentar:
Die Bauweise dieses Sommergedicht ist sehr interessant: Die ersten beiden und der letzte Vers sind trochäisch, also erst Hebung, dann Senkung, die mittleren sind jambisch, also erst Senkung, dann Hebung. Noch interessanter ist, dass die ersten drei Verse jeweils eine Zäsur in der Mitte haben, wahrend der vierte mittels Zeilensprung (Enjambement) sozusagen über sich hinauswächst, was sehr schön zum Thema des Wachsens und Gedeihens im Sommer passt.

 

Kurzes Gedicht zum Sommerende

Das Ende des Sommers wird mit diesem bekannten Sommerbild von Friedrich Hebbel gewürdigt.

Hebbel: Sommerbild

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Hausbau und Sommer

In diesem kurzen Sommergedicht geht es nicht um Schwachstellen beim sparsamen Hausbau, die von der Sommerhitze offenbart werden, sondern um einen Geiz anderer Art.

Hans Retep · geb. 1956

Sommerliche Botschaft

Wer weit entfernt
vom Gehsteig baut sein Haus,
der sendet eine Botschaft aus.
Sie sagt:
Seht, ich bin reich.
Ihr seid mir alle gleich.
Und wenn die Sonne früh am Morgen brennt,
dann schützt euch mit den Händen,
denn mein Haus wird
euch keinen Schatten spenden.

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Kurzer Sommerrückblick

Kurz und pointiert gibt dieses Gedicht einen Rückblick auf den letzten Sommer und ist jederzeit wiederverwertbar als Rückblick auf diesen Sommer, den nächsten, den übernächsten usw.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Letzten Sommer

Blüten und Blüten und Blüten und Blüten
blüh-

te-
ten.

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