Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Wintergedichte 1

Obwohl die karge, kalte Jahreszeit nicht gerade ein Freudenfest ist, können doch einige Dichter dem Winter auch Positives abgewinnen. Aber das ist ja auch ihr Job: Hinter die Dinge schauen, neue Perspektiven zeigen. Wem es zu wenig Schnee bei den Gedichten zum Winter hat, möge ein Auge auf die Seite Gedichte über Schnee werfen.

 

Ein Wintergedicht von Rilke

Ein Gedicht über einen langen, stillen Winterabend. Wie lang dieser Abend ist, kann man unschwer am Ausspinnen des zweiten Reims in der zweiten Strophe erkennen.

Rilke: Der Abend kommt von weit gegangen ...

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Winterbild

Ein Bild von einem Winter schildert Karl Röttger in diesem Gedicht. Die ersten beiden Strophen erinnern etwas an Rilke, der auch eine Vorliebe für fortgesetzte Vergleiche hatte.

Karl Röttger · 1877-1942

Nun sind die Gärten und die weißen Villen ...

Nun sind die Gärten und die weißen Villen
Ganz dicht im Schnee, wie Märchen, die erstarrten,
Wie aller Welt entrückt, und wie im stillen
Versunkensein in Schlaf und leisem Warten.

Die Rasenplätze sind wie Marmorfliesen
– Die nie ein Fuß betreten wird in Ewigkeit –
Drauf stehn die Tannen schlank empor wie dunkle Riesen
Wie Dinge stehn außer Geschehn und außer aller Zeit.

Die Gitterstäbe stehen Hand in Hand
Steil starr und leblos um die Gärten her.
Und Winterwehen haucht im Märchenland,
Fröstelt dich an und mach dein Denken schwer.

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Ein Gedicht über Spatzen im Winter

Christian Morgenstern erinnert in seinem Gedicht zum Winter daran, dass dies die Kuscheljahreszeit ist.

Morgenstern: Die drei Spatzen

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Ein stürmisches Wintergedicht

Der Winter gilt noch immer als die Sturmjahreszeit in Deutschland, obwohl aufgrund der Klimaveränderungen auch die anderen Jahreszeiten stürmisch im Kommen sind.

Emanuel Mireau · geb. 1974

Sturm!

Sturm! Sturm! Blase, Sturm, blase!
Lass Gewalten mich spüren,
lass die Natur mich führen,
blase, Sturm, blase!

Die Bäume biegen sich
von deiner Faust gepackt,
gehorchen deinem Takt
und überleben doch.

Auch ich lass mich treiben,
will nirgendwo bleiben,
nicht denken, nur fühlen,
lass Wind mich zerwühlen.

Sturm! Sturm! Deine Kraft wird stärker!
Krachend geht durch den Baum ein Beben,
stürzend, entwurzelt verfällt sein Leben,
doch wir andern trotzen dem kalten Berserker.

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Kurzes Wintergedicht

Fast schon Haikukürze erreicht dieses Gedicht über einen Augenblick in einer Winternacht.

Paul Ernst · 1866-1933

Winter ...

Winter. Schnee.
Der Mond zwischen den nackten Zweigen.
Auf dem Schnee die Schatten der Zweige.
Verkrochene Häuserchen.

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Gang durch den Winter

Hier ist jemand unterwegs bei winterlichen Witterungsverhältnissen. Es wird Abend und ... der Leser wird überrascht.

Rolf Wolfgang Martens · 1868-1928

Durch die schmutzige, brechende Schneekruste ...

Durch die schmutzige, brechende Schneekruste
patsche ich über die aufgeweichten Felder.

Um meine Schläfen
bläst frisch der Wind.

Durstig
sauge ich ihn auf.

Weiter!

Ehe nicht dort der letzte Orangestreifen erlischt,
ehe es nicht ganz dunkel ist,
gehe ich nicht nach Haus.

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Wintermonolog

Im Winter ergibt sich viel seltener die Gelegenheit für einen Plausch über’n Gartenzaun. Die Gelegenheit beim Schopfe ergreifend, fällt dieser Plausch monologisch-poetisch aus.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Als die alte Dame mitten im Winter ein Gedicht über den Zaun rief

Das finde ich ja
Rührend!
Dass Sie die Vögel füttern,
Obwohl Sie nichts davon haben!
Und ihrer Frau geht’s gut?
Nicht so dolle, was?
Mein Mann ist ja schon lange …
(Und der Rest war Prosa.)

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Kommentar Hans-Peter Kraus:
Tatsächlich ist der größte Teil dieses Textes unterwegs von mir aufgeschnappt worden. Und auch wenn der Winter die Szenerie bestimmt, die eigentliche Frage, die das Gedicht stellt, ist: Bin ich ein Gedicht? Ich habe versucht den Begriff Gedicht im Lyriklexikon näher zu definieren. Demnach wäre es eins. Bleibt die Frage, ob das wirklich sein muss, ob es Wert hat, wenn man aufgeschnappte Gesprächsfetzen in ein Gedicht umformt.

 

Wintertristesse

Die Tristesse der kalten Jahreszeit wird in diesem Wintergedicht eindrucksvoll durch Wiederholungen in Variationen und das im doppelten Sinne eintönige Reimschema dargestellt.

Dyrk Schreiber · geb. 1954

Kalt

Dunkle Tage trübe sind,
kühlen für den Frost die Gärten ab.
Einsam fragt sich leis' ein Kind,
wo die bunten Blätter sind.

Trübe Tage dunkel sind,
tasten sonnenblass die Felder ab.
Ob der Teich zu Eis gerinnt,
fragt am Ufer sich ein Kind.

Dunkle Tage trübe sind,
kühlen für den Frost die Felder ab.
Überall beißt hart der Wind,
bis der Teich zu Eis gerinnt.

Trübe Tage dunkel sind,
tasten sonnenblass die Gärten ab.
Blätter weiß gefroren sind,
überall beißt hart der Wind.

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Kurze Wintertage

Noch ein verrückter Dichter: Er lobt in seinem Gedicht, was alle anderen verfluchen – die kurzen, dunklen Wintertage.

Heinrich Wilhelm Vierordt · 1855-1945

Am Morgen will es nicht werden Tag ...

Am Morgen will es nicht werden Tag,
Verschlafen tönt der Glocken Schlag;
Die Menschen schelten es: böse Zeit! –
Ich liebe die Winterheimlichkeit!
Durchschimmert sie nicht der Weihnachtsstern,
Die goldene, liebliche Sage?
Ich habe die Tage, die Tage so gern,
Die kurzen, die dunklen Tage.

In der Dämmerung, die auf die Stube ruht,
Kommt das Mädchen und facht im Ofen die Glut;
Es knistern die Funken, es prasselt das Scheit,
Und sie lächelt: Die Dächer sind alle verschneit.
Sie weiß von ihrem träumenden Herrn,
Dass dies ihm wohl behage. –
Ich habe die Tage, die Tage so gern,
Die kurzen, die dunklen Tage.

Am zögernden Mittag wat’ ich hinaus,
Da kommen sie mir entgegen drauß’
Und fragen mit wunderlichem Gesicht:
Was, du bist hier und im Süden nicht? –
Ei, soll mir durchfrieren das Herz bis zum Kern
Bei Frost und Reiseplage? ...
Ich habe die Tage, die Tage so gern,
Die kurzen, die dunklen Tage.

Am Abend zündet man frühe das Licht,
Da wandelt das Leben sich in ein Gedicht,
Bei gemütlicher, traulicher Lampe Schein
Man schleiert und spinnt in Gedanken sich ein.
Die Flocken umglittern die Straßenlatern’
Wie Bienen in weißem Gejage. –
Ich habe die Tage, die Tage so gern,
Die kurzen, die dunklen Tage.

Da sitzt und da spinnt man am wärmenden Herd
Und denkt an die Zeit, die nicht wiederkehrt,
An die Knabenzeit, an die Jugendzeit,
An die Lieben, im Kirchhof eingeschneit;
Mir liegt sie winterduftig und fern
Die Zeit der Rosen im Hage –
Ich habe die Tage, die Tage so gern,
Die kurzen, die dunklen Tage.

Sie gemahnen an Grab und an Grabesruh’,
Die Augen sinken mir schläfrig zu,
Mich überkommt eine Müdigkeit,
Zu süßem, ewigem Schlummer bereit.
Umwirbelt mich, Flocken, Stern an Stern,
Begrabt mich mit lautloser Klage –
Ich habe die Tage, die Tage so gern,
Die kurzen, die dunklen Tage.

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Kommentar:
Beachtenswert ist das Reimschema dieses Wintergedichts. Die achtzeiligen Strophen beginnen mit zwei Paarreimen und setzen dann mit Kreuzreimen fort (aabbcdcd). Aufgrund des Refrains der letzten beiden Verse müssen diese Kreuzreime in jeder Strophe lautlich wiederholt werden. Der Dichter brauchte also eine Menge Reime auf -ern und -age. Nun würde man annehmen, dass zumindest die Paarreime dann sehr variationsreich gestaltet sein müssen. Doch auch hier erlaubt sich der Dichter Wiederholungen, die ein Band schlingen von der ersten Strophe mit „Zeit“ und „Winterheimlichkeit“ zur vorletzten „Jugendzeit“, „eingeschneit“, und auch Knabenzeit“ als Binnereim, und zur letzten, in der der Tod thematisiert wird („Müdigkeit“, „bereit“).

 

Philosophisches Wintergedicht

In die Nähe des daoistischen „wu wei“ (Nicht-Tun) gerät der Dichter in diesem Wintergedicht. Man könnte allerdings auch die Biedermeierkarte zücken.

Max Hoffmann · 1858-1921

Winterabend

Die Lampe brennt, im Ofen glüht das Feuer,
Im Kessel summt das Wasser für den Tee,
Dort winkt ein gutes Buch, mir lieb und teuer,
Und warm ist’s hier, liegt draußen auch der Schnee.

Fern ist des Lebens lautes Toben, Hasten,
Gedämpft nur hört man’s wie ein grollend Meer.
Hier ist ein Eiland zum geruh’gen Rasten,
Und keine wilde Welle dringt hierher.

Da mühen sie sich ab im wüsten Reigen,
Es ist ein Lärm, der bis zum Himmel dringt,
Und doch ist stets das Ziel die Ruh’, das Schweigen,
Die große Stille, die den Frieden bringt.

Was soll das bange, ruhelose Streben,
Das nie uns zu uns selber kommen lässt?
Das Beste gibt uns doch das stille Leben
Im süßen Heim, im eignen trauten Nest.

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Das Ende des Winters

Eine Ahnung von Frühling verbreitet dieses Wintergedicht. Der Dichter erschnuppert etwas, das neuen Lebensmut nach einem harten Winter bringt.

Stephan Milow · 1836-1912

Dämmergrau die weite Runde ...

Dämmergrau die weite Runde,
Stille rings, kein Leben wach,
Nur im öden Waldesgrunde
Rieselt halb erstarrt ein Bach.

Zuckend liegt danieder alles,
Blattlos zittern Baum und Strauch,
Doch inmitten des Zerfalls
Welch ein wundersamer Hauch!

War es nicht dasselbe Schauern,
Als der Herbst umflort das Land?
War es nicht dasselbe Trauern,
Als ich damals brütend stand?

Was nur webt da, nicht zu sagen,
Über all dem Todesgraun,
Dass mein Herz aus seinen Klagen
Plötzlich aufpocht voll Vertrauen?

Ja, das ist in all dem Beben
Schon die Ahnung, die da spricht:
Diesen Schauern folgt das Leben,
Dieser Dämmerung das Licht.

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Kommentar:
In der vorletzten Strophe schreibt Stephan Milow „was nur webt da“. Das Verb „weben“ hatte früher auch die Bedeutung wehen, wimmeln oder bewegen. Es gab die stehende Wendung „lebt und webt“, die dem heutigen "kreucht und fleucht“ entspricht. Im Gedicht dürfte am ehesten wehen oder ein unbestimmtes sich rühren gemeint sein.