Unterm Lyrikmond

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Eichendorff: Mondnacht

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Interpretation: Mondnacht

Warum muss man ein so schönes Gedicht in einer Interpretation sezieren? Weil es der Lehrer sagt? Das ist kein guter Grund. Besser wäre, dass man vielleicht den Text noch besser versteht, er dadurch noch schöner wird. Warum ist es überhaupt ein schönes Gedicht, das selbst heute noch Menschen anspricht? Ich denke, ein Grund wird sein, dass das Gedicht keine Ansprüche stellt. Es ist kurz, es ist einfach und lädt zum Träumen ein: Eine helle, warme Nacht, in der man mit sich und Welt eins ist, seine Gedanken schweifen lässt und sich vielleicht vorstellt, nur die Arme ausbreiten zu müssen, um über der Landschaft zu schweben. Doch der Reihe nach:

Formalien:
Mit bloßem Auge erkennbar haben wir hier drei Viererpacks als Strophen. Auch das Metrum macht wenig Probleme: abwechselnd Senkung und Hebung ist ein Jambus mit drei Hebungen pro Vers. In der letzten Strophe gibt es eine Abweichung zu Beginn der zweiten Zeile, komme ich drauf zurück.

Was auch relativ schnell ins Auge fällt: Mit den Reimen stimmt etwas nicht. Vers zwei und vier jeder Strophe reimen tadellos auf der letzten Silbe, ergibt im Amtsgermanismus eine männliche Kadenz, weil mit einer Hebung abgeschlossen wird. Aber die Zeilen eins und drei gehen nicht immer auf. Felder zu Wälder ist ok; spannte zu Lande ist nördlich des Mains unrein und Eichendorff war nicht oft südlich des Mains; Himmel zu Schimmer lässt sich nur als anklingender Reim verkaufen, weil immerhin die Vokale passen, eine sogenannte Assonanz. Frage: Warum macht der von Eichendorff das mal so, mal so?

Wenn ich „Er hat’s nicht besser hingekriegt“ mal ausschließe, gibt es eine bis drei Antworten darauf. Die Standardantwort ist, dass Eichendorff sich bei der Mondnacht an das Volkslied anlehnte. Typisch dafür sind vierzeilige Strophen mit drei bis vier Hebungen pro Vers im Jambusformat und Kreuzreim (abab) oder eben nur ein Reim pro Strophe bei den Zeilen zwei und vier. Unregelmäßigkeiten im Metrum und beim Reimen gelten im Volkslied als erlaubt, und so hat man die Sache völlig zufriedenstellend erklärt, zumindest lehrkörperseits.

Die zweite Antwort geht in eine ähnliche Richtung, ist eher eine Ergänzung: Selbst wenn man den Volksliedanklang etwas in den Hintergrund rückt, haben die Romantiker, zu denen Eichendorff zweifellos zählte, sich Freiheiten im Gedichtaufbau erlaubt und etwas experimentiert. Also hat sich der Dichter die genannten Freiheiten herausgenommen, ganz einfach weil er konnte. Sie stören nicht den sprachlichen Fluss des Gedichtes und Ausnahmen von der Regel zu entdecken, die klaglos funktionieren, macht auch einen großen Dichter aus.

Und dann wäre noch Variante drei, die etwas gewagt ist, aber den Vorteil hat, dass sie die Abweichungen funktional erklärt: Eichendorff wollte das Unregelmäßige, um ein bisschen Bodenhaftung in die Höhenflüge des Gedichtes zu bekommen. Die unsauberen Reime lassen etwas Brüchigkeit in der perfekten Traumwelt zu, der Leser wird nicht völlig in diese Welt entlassen, wie ja auch der Seelenflug am Schluss des Gedichtes für das lyrische Ich nur Vorstellung bleibt. Aber wie gesagt: Mit Antwort eins ist man auf der sicheren Seite.

Inhaltliche Struktur:
Kennzeichnend für das Gedicht ist der Bogen, der zwischen den ersten und letzten beiden Versen gespannt wird. Der erste Vers beginnt in der Vorstellung (Konjunktiv: als hätt’) der Stimme des Textes am Himmel und endet dort wieder gleichfalls nur als Phantasie (als flöge), nur ist jetzt der Himmel ein jenseitiger (nach Haus). Der zweite und vorletzte Vers sind verbunden durch die Stille. Hinzu kommt als inhaltliches Strukturelement eine Wellenbewegung. Vom Himmel auf die Erde in Strophe eins, von den Feldern in den Sternenhimmel in Strophe zwei und dann in Strophe drei von der Beobachterposition – vielleicht auf einer Anhöhe – wieder ganz hoch hinaus. Ebenso bewegt sich die geschilderte Szenerie von der Phantasie zur realen Welt wieder zurück zur Phantasie.

Inhaltliche Interpretation:
Der Titel Mondnacht und das, was im Gedicht geschildert wird, lässt an einen Vollmond denken. Zu Beginn ist die Stimme des Gedichtes noch unpersönlich, erst in der Schlussstrophe wird ein lyrisches Ich durch „meine Seele“ eingeführt. Himmel und Erde in der ersten Strophe werden zwar personifiziert, aber so recht überzeugend ist die Personifikation nicht, Kuss und Traum sind eher Gefühlsbilder, die eine entrückte Stimmung wiedergeben.

Die zweite Strophe wird konkret. Es werden Einzelheiten geschildert, die für die angesprochene Stimmung mitverantwortlich sind. In den betonten Silben dominiert zum Schluss hin der warme, offene a-Laut. Mit „wogten sacht“ und „rauschten leis“ wird ganz sanft Leben in der Landschaft angedeutet. Es ist keine Nacht der Totenstille. Der kausale Zusammenhang „so sternklar war die Nacht" mit den Bewegungen und Geräuschen aus den Versen davor mutet erst etwas seltsam an. Eine einfache Erklärung ist, dass eine sternklare Vollmondnacht erstens überhaupt sichtbar macht, was die lyrische Stimme zu sehen scheint, und zweitens tragen in einer klaren Nacht Geräusche weiter, so dass der Beobachter auch weiter entfernt von dem Beobachteten sein kann und trotzdem noch ein leises Rauschen hört.

Die dritte Strophe führt den Leser nun ganz nach innen: „meine Seele“. Im zweiten Vers kommt es zu einer Akzentverschiebung: Die Betonung liegt nicht, wie es sich für einen Jambus gehörte, auf der zweiten Silbe sondern auf der ersten: „weit“. Das metrische Schema ist hier XxxXxX. Durch die abweichende Betonung wird das „weit“ stark ausgedehnt. Das lyrische Ich umarmt sozusagen die ganze Welt. Und mit diesem Gefühl von Einssein mit der Welt, auf diesem Höhepunkt der Liebe zum Leben möchte es nun am liebsten nach Hause zurückkehren, was für einen gläubigen Menschen wie Eichendorff ganz klar der Himmel ist.

Fazit:
Vielleicht muss man das Gedicht tatsächlich nicht interpretieren. Vielleicht ist seine Stärke gerade, dass der Leser die Mondnacht gefühlsmäßig erfassen kann, also dass es ein Gedicht ist, das seine Bedeutung wortlos übermittelt, und das sind die besten Gedichte überhaupt.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Herr Larbig versucht sich an einer konsequenten linearen Interpretation, also Zeile für Zeile und kommentiert dieses Interpretationsansatz gleichzeitig.