Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen, schreiben und interpretieren

Lustige Geburtstagsgedichte

Es gibt Leute, die lieben es, Geburtstag zu haben: die Aufmerksamkeit, die Geschenke, die Feier. Für solche sind lustige Geburtstagsgedichte genau richtig. Aber dann gibt es auch welche, die hassen es, Geburtstag zu haben: die Aufmerksamkeit, die Geschenke, die Feier. Für solche sind lustige Geburtstagsgedichte genau richtig. Kurz gesagt: Lustige Geburtstagsgedichte passen immer und überall, man muss nur die richtige Art des Humors erwischen. Und dass hier keiner glaube, dies wären die einzigen lustigen Geburtstagsgedichte auf der gesamten Website. Natürlich wird auch auf den anderen Geburtstagsgedichteseiten gnadenlos humorisiert.

 
 

Gratulation von Amts wegen

Dieser Service ist ein Gedicht: Hier gratuliert das Amt in sonetter Form dem Geburtstagskind. Wie lustig.

Hans Retep · geb. 1956

Amtliche Benachrichtigung

Liebe Dame oder lieber Herr,
mit Bedauern wurde festgestellt,
dass Ihr Alter heut ein Plus erhält,
nehmen Sie es bitte nicht zu schwer.

Dieses Plus (es fällt gemäßigt aus)
fügt dem Alter nur ein Jahr hinzu.
Vorsichtshalber bleiben Sie zu Haus,
geben auf sich acht und halten Ruh.

Nähert sich der Tür ein Gratulant
mit verpackter Gabe in der Hand,
rufen Sie sofort die Polizei.

Kommt die erste Hundertschaft in Sicht,
leistet jeder gern und rasch Verzicht,
und der Spuk ist bald vorbei.

Urheberrechtshinweis

Ein Geburtstagssonett
Die Sonettform als Geburtstagsgedicht wie in Amtliche Benachrichtigung erscheint etwas ungewöhnlich. Diese Form ist eigentlich etwas vornehmeren Inhalten vorbehalten, obwohl: Liebesgedichte gehen auch als Sonett, warum also nicht ein Gedicht zum Geburtstag?

Das wichtigste formale Kennzeichen eines Sonetts sind ihre Strophen: zwei vierzeilige und zwei dreizeilige. In der klassischen Form enthielten die Vierzeiler einen umarmenden Reim und noch klassischer wurden die Reimendungen in den Quartetten wiederholt, also: abba abba. Für die Dreizeiler galt schon immer mehr Freiheit, da war jedes Schema mit drei Reimen möglich. In der amtlichen Benachrichtigung wurde das Schweifreimschema gewählt, also Paarreim-Schweifreim, Paarreim-Schweifreim.

Beim Metrum hat man sich lange Zeit auf den fünfhebigen Jambus gestützt, im Barock galt sogar ein sechshebiger Jambus (Alexandriner) als Norm. Dieses Geburtstagsgedicht beschränkt sich auf vier Hebungen und nutzt als Versfuß den Trochäus. Nimmt man noch hinzu, dass in der zweiten Strophe vom umarmenden Reim zum Kreuzreim gewechselt wird, was selbst ohne die Sonettform ungewöhnlich wäre, kann man sagen, dieses Sonett ist etwas schräg gebaut, aber das Gedicht an sich hat ja eine leichte Schräge. Also passt scho’.

Bleibt die Frage: Auch wenn dies nur ein lustiges Geburtstagsgedicht sein soll, darf man sich an so einem klassischen Format dafür vergreifen? Jawoll, man darf. Spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts geht so ziemlich alles als Sonett, was vierzehn Verse in zwei Quartetten und zwei Trios hat. Der berühmteste Dichter, der Sonette in allen möglichen Spielarten verfasst hat, auch ungereimt, heißt Rainer Maria Rilke. Tatsächlich hat er sogar ein witziges Gedicht in der Sonettform geschrieben: Der König. Und damit wäre die Sache von höchster Stelle amtlich besiegelt.

 
 

Ein lustiges Geburtstagsgedicht zu einem großen Geschenk

Wenn man zum Geburtstag wie in diesem Gedicht die Weltherrschaft geschenkt bekommt, kann das ja lustig werden.

Hans Retep · geb. 1956

Ich schenk dir was

Ich weiß nicht, was soll ich dir schenken,
da du schon so viel hast.
Ich weiß nur, ich will dich nicht kränken,
zu gern bin ich dein Gast.

Und wie ich vertieft in Gedanken,
da kommt mir die Idee!
Du musst dich auch gar nicht bedanken,
weil ich die Freude seh.

Ich schenk dir den blauen Planeten
für ganze fünfzig Jahr.
Die Welt begrüßt dich mit Feten,
klingt das nicht wunderbar?

Nun magst du die Menschheit regieren,
so wie es dir gefällt.
Kein Mensch darf dir Wünsche negieren,
denn deine Macht, die zählt.

Du kannst jetzt die Lage verbessern,
wird Zeit, dass sich was tut.
Nur Vorsicht vor Männern mit Messern,
die meinen es nicht gut.

Zum Schluss eine Pflicht, die geblieben:
Der Text ist nicht von mir.
Ich hätt’ ihn zwar selbst gern geschrieben,
doch wollt’ nichts aufs Papier.

Ich hoffe, es wird mir verziehen,
das schrieb der Dichter noch,
der Anfang ist Heine entliehen,
er half mir aus dem Loch.

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Dichterwirren
Wie im Gedicht vermerkt, ist der Anfang von Ich schenk dir was geliehen bei Heine, der einen der berühmtesten Gedichtanfänge überhaupt geschrieben hat: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten … Heine nutzte den seltenen Versfuß Amphibrachys in der ersten Zeile, der eine Hebung in der Mitte zweier Senkungen hat. Baut man ihn mehrfach nebeneinander, kann sich ein leicht leiernder Klang ergeben. Doch Heine hat das Versmaß eines dreihebigen Amphibrachys nicht aufrechterhalten, er verwendete einen freieren Versbau mit drei Hebungen, bei dem die Senkungen unregelmäßig verteilt wurden.

Im Geburtstagsgedicht wechselt das Amphibrachys-Versmaß mit einem jambischen Dreiheber, was ein bisschen ein Stop-and-go erzeugt. Diese Metrumklimperei ist aber nicht der Hauptzweck des Gedichts. Auch das „Geschenk“ zum Geburtstag ist mangels Ernsthaftigkeit nicht wirklich der Sinn dieses Gedichts. Sinn und Zweck ist, Verwirrung über das Ich zu stiften.

Bei Geburtstagsgedichten, in denen ein Ich erscheint, ist es so, dass der Dichter dieses Ich genutzt hat und es demjenigen leiht, der das Gedicht übergibt. Das geht hier fünf Strophen lang gut, dann wird offenbart, dass das schenkende Ich dieses Gedicht gar nicht geschrieben hat. Es kann in der vorletzten Strophe aber auch nicht das Ich des Dichters sein, denn er hat das Gedicht ja geschrieben. Es muss also dem überreichenden, aber nichtschreibenden Ich zugeordnet werden.

Das ist verwirrend genug, aber wer hat eigentlich den zweiten Vers der letzten Strophe verfasst? Er kann nicht vom Dichter stammen, hier müsste also wieder derjenige einspringen, der das Gedicht verwendet, aber er hat das Gedicht ja nicht wirklich geschrieben. Also wer ist dieses Ich und wie lautet der zweite Vers im Original? Fragen über Fragen. Wer soll da durchblicken? Geburtstagsgedichte waren auch schon mal einfacher.

 
 

Geburtstagsgedicht für die älteren Semester

Etwas kompliziert ausgedrückt, aber durchaus aufmunternd soll dieses Geburtstagsgedicht sein für Leute, die schon nach unten gucken.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Du beginnst dich alt zu fühlen

Du stehst mit einem Bein
im Grab,
mit dem anderen
auf einem Hochhaus.
Die Lage ist kompliziert,
aber nicht ernst.
Stoße dich vom Hochhaus ab
in den Himmel.
Mit etwas Glück
musst du nicht lang allein fliegen
und erwischst die Schwanzflosse
eines Flugzeugs, das dich irgendwo hinbringt,
wo du noch nicht warst.
Es gibt schließlich genug
Orte zu entdecken,
wo du noch nicht warst,
zu Wasser,
zu Lande
und in deinem Kopf.

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Verwünschter Glückwunsch

Eindeutig lampenfiebergeschädigt ist die Ausführung des folgenden Glückwunsches zum Geburtstag, aber lustig is’ scho’.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Babylonischer Glückwunsch

Glückliche Wunschherzen!
Nein.
Herzliche Wunschglücke!
Auch nicht.
Wünschliche Glücksherzen!
Ja, verdammt.
Herzliche Glückwünsche!
Ja!
Zum Beglückstag!
Nein!
Zum Verherztag!
Auch nicht.
Zum Gewünschtag!
Verdammt!
Zum Geburtstag!
Jawoll!
Zum Geburtstag herzliche … äh …

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Gesundheit zum Geburtstag

Das wird mit der zunehmenden Zahl an Jahren immer wichtiger am Geburtstag: die Gesundheit. Hier ist allerdings eher die geistige gemeint.

Hans Retep · geb. 1956

Genesungswunsch zum Geburtstag

Es wird dein Herz an diesem Tag erbeben,
wenn alle Freunde sich vor dir erheben,
zu preisen hoch und breit dein ganzes Wesen.
Nun mögest du davon recht schnell genesen.

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Beste Wünsche zum Geburtstag

Hier die schlechte Nachricht für alle Gratulanten der wohlwollende Art. Die besten Wünsche sind auch nicht immer willkommen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Viele, viele Jahre

Zum Sechzigsten
wünschte man dir
viele, viele Jahre.
Zum Siebzigsten
wünschte man dir
viele, viele Jahre.
Zum Achtzigsten sagst du:
Haltet bloß die Klappe.

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Lustiges Händeschütteln

Nur für Männer scheint dieses Geburtstagsgedicht geeignet, denn welche Frau hat Pranken?

Hans Retep · geb. 1956

Vom Prankenschütteln

Ja dieser Geburtstag,
wo jeder dich gern mag,
ist eindeutig der Tag,
an dem deine Pranken
vom Schütteln und Danken
sich spürbar verschlanken.
So sei frohen Mutes,
der Tag hat sein Gutes,
und fragst du, wer tut es,
ist dies nicht zu loben,
ich kann es kaum globen,
es steht doch da oben!

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Kommentar Hans Retep:
Wenn man genau hinhört, reimen sich die ersten drei Verse des Gedichts nicht, da ab der betonten vorletzten Silbe keine Gleichheit der Laute besteht (-burtstag, gern mag, der Tag), siehe auch Richtig reimen. Vers zwei und drei würden immerhin noch als Halbreim (Assonanz) durchgehen, weil zumindest die Vokale gleich sind. Natürlich würde das keinem auffallen und ich werde den Teufel tun, das irgendwem mitzuteilen. Da genieße ich es lieber ganz heimlich, Klang gefunden zu haben, der ohne Reim auskommt, was ungefähr so gut ist wie ein Geburtstag ohne Gratulanten.

 
 

Ein mitfühlendes Gedicht für Geburtstagshasser

Na ja, mitfühlend? Ich würde eher sagen, da macht sich jemand lustig. Und was hat der Dichter zu seiner Verteidigung zu sagen?

Hans Retep · geb. 1956

Was hast du?

(zu lesen wie Sinatra „My way“ singt)

Der Tag begann
wie’n dicker Bär,
dein Körper schlapp,
der Kopf recht schwer,
du dachtest noch
schön warm im Bett,
nicht aufzustehn,
das wäre nett,
doch dann drang durch
ein tiefer Schlag,
du wünschtest dir
sofort den Sarg,
das End ist nah,
so klagtest du,
ich hab Gebuuurtstag!

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Kommentar Hans Retep:
Ich kann Geburtstage nicht ausstehen. Reicht das als Verteidigung? Aber ich schreibe gerne Gedichte und hier passte das Thema Geburtstag so schön zur Melodie von „My way“. Für die jüngeren Leser: Rappen geht auch.

 
 

Ein lustiges Geburtstagsgedicht von Wilhelm Busch

Klar, wo Humor gefragt ist, da darf Wilhelm Busch nicht fehlen, auch nicht am Geburtstag. Hier macht er klar Schiff beim Wunscherfüllungsgeschenk.

Busch: Niemals

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Noch ein lustiges Geburtstagsgedicht von Wilhelm Busch

Das Gedicht hat den Schönheitsfehler, dass es eigentlich auf den Namenstag gemünzt ist, der in früheren Zeiten noch einen größeren Stellenwert hatte als der Geburtstag. Man denke sich „zu ihrem Namenstag“ als „zu ihrem großen Tag“ und schon wird der Geburtstag lustig.

Busch: Die erste alte Tante sprach ...

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Ein waches Geschenk

Die Geschenkerei ist schon eine kopfzerbrechende Sache. Lustig wird’s, wenn man den Hang dazu hat, Dinge zu verkomplizieren, wie das folgende Geburtstagsgedicht zeigt.

Ringelnatz: Zu einem Geschenk

Dieses Gedicht im Textformat

 
 

Ein Schlagreimgedicht

In diesem witzigen Gedicht demonstriert Heinrich Seidel die Kunst des Schlagreims, wie man diese Doppelreime nennt.

Seidel: Begnüge dich, Liebste!

Dieses Gedicht im Textformat

Hinweis: Es gibt eine Kategorie Komische Gedichte beim Lyrikmond. Vielleicht lässt sich auch von dort das eine oder andere lustige Gedicht mit einem Geburtstagsglückwunsch verbinden.

Link: Nette Geburtstagsgedichte beim Poetischen Stacheltier