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Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte aus dem Leben 1

Es müssen nicht immer die großen Themen der Menschheit sein, die in einem Gedicht verarbeitet werden. Oft reicht es, sich umzuschauen, das Leben um einen herum bietet genug Gelegenheiten für Gedichte. Diese Gelegenheiten beim Schopfe zu packen, das haben die Dichter dieser Seite unternommen.

 
 

Gedicht aus dem Handy-Zeitalter

In Zeiten des Handys hört man viel, versteht aber nicht immer alles, was nicht am Denkvermögen, sondern an der sprachlichen Vielfalt einer Großstadt liegt. Zum Glück ist für alles Wichtige Deutsch immer noch die geeignete Sprache.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Die Ehrenrettung der deutschen Sprache

Als Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs
sind wir es gewohnt
– zumal im Zeitalter tragbarer Fernsprechgeräte –
die Unterhaltungen anderer Fahrgäste mitzuhören.
Nicht,
dass wir es darauf anlegten,
manch einer bevorzugt gar,
sich durch Kopfhörermusik abzuschotten,
doch leider
beherrschen junge Menschen oftmals nicht
den rechten Ton
für das Gespräch in der Öffentlichkeit,
und die Älteren hören nicht mehr so gut,
weshalb sie dem Drang nachgeben,
lauter zu kommunizieren.
Die Internationalität unserer Großstadt
ist ein Vorteil.
Wir hören zwar mit,
doch verstehen nicht,
welche Banalitäten Fremdsprachige von sich geben,
insbesondere wenn das oft gebrauchte Türkisch
zur Anwendung kommt.
Eine gewisse Befriedigung verschafft es uns,
wenn junge Türken immer wieder deutsche Wendungen
in ihrer Rede verwenden müssen,
sobald die Sprache auf Schule und Beruf kommt.
Andrerseits hören wir es ungern,
wenn türkische Mütter das Deutsche nur verwenden,
um ihren Kleinkindern Befehle wie
„Lass das!“
oder
„Schluss!“
zu erteilen.
Denken wir doch an unsere Sprache
lieber als an eine des poetischen Zauberworts
als an die des Kommandotons.
Zweifellos hätte der junge Türke,
der in der Straßenbahn, die Richtung Hauptbahnhof fuhr,
telefonierte,
keine Probleme gehabt,
sich auf einem Kasernenhof verständlich zu machen.
Obwohl er völlig unaufgeregt in sein
sogenanntes Handy
sprach,
hörte man ihn durch den ganzen Wagen.
Seine Lautstärke war enervierend.
Da half es auch nicht,
dass er sich ausschließlich des Türkischen bediente.
Natürlich sagte niemand etwas.
Zum Glück sagte niemand etwas,
denn sonst hätten wir nicht gehört,
wie er sagte:
„Ich liebe dich.“

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Gedicht über eine Begegnung

Man könnte dieses Gedicht als eines über zwei komische Vögel bezeichnen, doch der eine ist kein Vogel und der andere nicht komisch.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Begegnung

In der Hecke leises
Zwitschern.
Durch eine Lücke
seh ich, sieht mich
ein Rotkehlchen.

Still
bedenken wir
unseren nächsten Zug.

Das Rotkehlchen hüpft
außer Sicht
und zwitschert fort.

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Ohne Worte

Die Sehnsucht nach einem Leben ohne den üblichen Wortlärm kommt im folgenden Gedicht zum Ausdruck.

Beate Münchenbach · geb. 1971

Stumme Gespräche

Stumme Gespräche
Mit Zeichen statt Klang
Blicke
Lächeln
Lippenspiel

Stumme Gespräche
In Trubel und Lärm
Gesten
Minen
Augenschein

Das gellende Kreischen zerschneidet die Luft
Der Sohn und die Mutter in giftigem Streit
Im Eck grölt das Mädchen am Telefon
Die Brandung aus Stimmen ertränkt mein Gehör

Zwei Menschen verbunden in stummem Sein
Geborgen im Raum ihrer eigenen Welt
Ich würde gern hören den tonlosen Ton
Hab Sehnsucht nach stillem Verstehn

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Gedicht aus dem modernen Leben

Auf der Höhe der Zeit unterm kahlen Strauch ist dieses Gedicht, das sich mit einem allgegenwärtigen Thema beschäftigt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Smartphone unter einem kahlen Strauch

Eine alte, übergewichtige Dame ging
mit ihrem Hund durch einen Park und sah
auf ihrem Smartphone eine junge Frau, die
mit ihrem Hund durch einen Park ging
und auf ihrem Smartphone sah,
wie ein junger, gutaussehender Mann mit
seinem Hund durch einen Park ging,
der auf seinem Smartphone sah,
dass drei junge Männer
eine alte Dame
im Park
überfielen.
Sie töteten den Hund,
prügelten aus der Alten die Bankcodes heraus,
erschossen sie
und flüchteten.

Das Smartphone der alten, übergewichtigen Dame lag
unter einem kahlen Strauch und
zeigte ganz groß
ein Smartphone unter einem kahlen Strauch,
das ganz groß
ein Smartphone unter einem kahlen Strauch,
das ganz groß
ein Smartphone unter einem kahlen Strauch
zeigte.
Smartphones sind Verräter.

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Kommentar:
Die Idee zu diesem Gedicht entstand, als ich jemanden in einem Park seinen Hund ausführen sah, während er auf einem Tablet anscheinend einen Film guckte. Zumindest hörte sich das nach einer Filmhandlung an. Der Schluss machte etwas Probleme. Erst hatte ich einen Dreizeiler, der erklärte, warum die Täter das Smartphone nicht mitgenommen hatten, dann hatte ich keinen Schluss und nun gibt es einen Schlusssatz, der hoffentlich in seiner Unmittelbarkeit etwas überraschend kommt und offen für verschiedene Deutungen sein soll.

 
 

Ein Regengedicht, dem etwas fehlt

Das Gedicht schildert eine Situation. Warum tut es das? Weil etwas nicht stimmt in dem Bild, das das Gedicht zeigt. Ob diese Unstimmigkeit etwas zu bedeuten hat, muss jeder Leser selbst entscheiden. Dem einen mag dieses Gedicht aus dem Leben etwas sagen, dem anderen nicht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Ein älteres Paar

Zwei Gesangbücher
in der linken Hand des Mannes, der
den aufgespannten Regenschirm hält.
Die Frau hat sich bei ihm eingehakt,
und so gehen sie,
doch es regnet nicht.

UrheberrechtshinweisGedicht in Anthologie

 
 

Gedicht aus dem Leben von Tauben?

Ein ganz und gar triviales Gedicht aus dem Leben zweier Tauben. Es enthält keinerlei Symbolik, verschlüsselte Botschaften oder dunkle Andeutungen, aber es ist auf keinen Fall ein Gedicht aus dem Leben zweier Tauben.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Zwei Tauben auf der Straße

Eine Taube jagt
eine Taube
ein Stück
die Straße
hinab.
Ein Auto kommt.
Die Tauben fliegen
fort.

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Das antike Griechenland in Ballerinas

Wer genau hinschaut, wer ganz genau im Leben hinschaut, der entdeckt die alten Griechen sogar in Ballerinas. Zum Beweis folgendes Gedicht:

Chandal Nasser · geb. 1958

Mythologisch

junge Frau strumpflos
in Ballerinas

weiße gesittete Beine
wie zum Leben
erwachte griechische Säulen

aus beiden Fersen
schauen Pflasterstreifen
zwei Millimeter heraus

Achilles hin oder her
Menschenhaut ist verwundbar

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Erkenntnis

Manchmal kann man etwas über sich selbst lernen, indem man andere Menschen beobachtet.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Am Teich

Das alte russische Ehepaar
steht schon seit einer halben Stunde
am Teich
und schaut den Entenküken zu,

so wie ich.

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Damit es nicht kracht

Eine alltägliche Szene aus dem zwischenmenschlichen Leben wird zu einem gelehrten Rat genutzt, der weitere Schäden verhindern soll.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Eine Stange Schweigen

Sie gehen nebeneinander.
Er geht links.
Sie geht rechts.
Er guckt nach links.
Sie guckt nach rechts.
Sein Blick spaltet Köpfe.
Ihr Blick zerreißt Leiber.
Zwischen sich
eine eisige Stange Schweigen.

So eine eisige Stange Schweigen
kann ganz schön laut knallen,
wenn sie gebrochen wird.
Umherfliegende Stücke
können zu Verletzungen führen.
Deshalb:
Die Stange schmelzen, nicht brechen.

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Aus dem Landleben

Das wahrlich aufregende Leben auf dem Lande schildert das folgende Gedicht.

Thomas Glatz · geb. 1970

Oberostendorf

Im Feld kauert ein Landwirt und erschlägt einen Flurschädling
Mit der hohlen Hand.
Ein kleiner Bach macht zagpläppernd Geräusche.
Ein Hahn ruft zur Zubettgehzeit wie andernorts der Muezzin.
Eine Wetterfahne knattert.
Ein roter alter
Eimer steht am Wegesrand.
Mehr gibt es nicht zu sagen.
Erst wieder übernächstes Jahr.
Da wird der Obst- und Gartenbauverein
runde 100 Jahre alt.

UrheberrechtshinweisGedicht in Anthologie

 
 

Noch mehr Landleben im Gedicht

Eine Szene vom Lande, die einen gewissen Symbolcharakter nicht verbergen kann.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Auf dem Lande

Rinder drängeln am Futtertrog
unterm Werbeschild
für Steinbergs
Hofladen.

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Wo man Liebe findet

Liebe findet man im Alltag an den dafür unverdächtigsten Orten, man muss nur genau hinschauen, wie dieses Gedicht zeigt.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Liebe

Drei Grauhaarige sitzen
am Zeitungstisch der Bibliothek.
Zwei lesen die lokalen Blätter,
einer schläft, den Kopf auf die Arme gelegt,
die Hände zu Fäusten geballt.
Auf den Fingern seiner rechten Hand
ist jeweils ein Buchstabe tätowiert:
L | O | V | E

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Gedicht über einen Blick zurück

Ein Gedicht über eine alltägliche Begegnung: eine Frau, die das Leben arg mitgenommen hat, begegnet zwei Müttern. Was wird passieren?

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Stehen geblieben

Gestützt auf den Krückstock
ist sie mühsam zwei Schritte gegangen
und dann stehen geblieben.
Sich am Zaun festhaltend
schaut sie den beiden Müttern
mit ihren Kinderwagen
hinterher –
und lächelt
verzehrt.

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Ein Gedicht über Regelmäßigkeit

Klingt das nicht sehr viel versprechend: ein Gedicht über Regelmäßigkeit? Nun, richtig ins Leben hineingegriffen, kann man da durchaus etwas draus machen:

Franziska Schöning · geb. 1990

In dieser hektischen Zeit ...

In dieser hektischen Zeit
Kann man ja
Über jede Konstante im Leben froh sein

Bei mir ist das zum Beispiel
Wöchentlich
Die E-Mail von der GMX Vorteilswelt

Hoffentlich melden sich meine Kinder
Später auch so regelmäßig

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Menschliche Begegnung

Mitleiden, mitfühlen mit einem Verlorenen demonstriert dieses Gedicht, aber der letzte Schritt bleibt – wie auch so oft im richtigen Leben – aus.

Friedrich Kayßler · 1874-1945

Der Mensch

An der Straßenecke seh ich dich stehn
mit glühenden Wangen
unter deinem schweißgetränkten Hut.
Auf deinen Füßen trittst du rastlos hin und her,
dein Auge irrt.
Ich bin an dir vorübergegangen,
ich habe dich niemals früher gesehn,
und doch kenne ich dich so gut.
Auf meinen Füßen trittst du rastlos hin und her,
meine Augen sind es, die in den deinen irren,
meine Angst wartet mit dir an deiner Ecke.
Wartet. Wartet.
Ich möchte schreien vor Weh.
Ich kenne dich nicht. Aber ich möchte zu dir treten
und mit dir beten – Bruder!
Doch Scham fesselt mich, dass du mich nicht kennst.
Uns trennt die kalte Sitte der Erdenleiber.
Und doch kennen wir einander so gut,
durchscheinend im Kerne sichtbar einander –
eine Angst schüttelt und beide,
in einem Seelensturm fahren wir dahin.

 
 

Die Perspektive von unten

Es gibt Menschen, mit denen man nicht gerne in Berührung kommt. Deren Perspektive wird in diesem Gedicht beispielhaft dargestellt.

Albert Sergel · 1876-1946

Laster

Wie ihr nach eurem Kleide greift,
wenn unversehens ihr uns streift,

als hätt’ euch, sonnenlichtverführt,
ein garstiges Insekt berührt.

Ihr habt es leicht, mit Grimm und Grauen
auf unsereins herab zu schauen.

Was kümmert euch, wem ich mich bot!
Ihr saßet warm, ihr hattet Brot,

als ich, fünf Treppen, unterm Dach,
den Hungerlohn zusammenstach.

Und Elternliebe euch umfing,
wenn ich vor Tag zur Arbeit ging,

den Winter durch im dünnen Kleid,
vom Sturm gepeitscht und eingeschneit.

Hungert wie wir und steht allein!
Dann werft auf uns den ersten Stein!

 
 

Gedicht über eine schöne Frau

Man könnte dieses Gedicht auch eine Bildbeschreibung nennen, wobei der Fokus nach und nach erweitert wird, bis man das ganze traurige Bild einer Schönheit im Vorübergehen vor sich hat.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Schönheit im Vorübergehen

Sie ist Anfang 20,
hat blondes,
schulterlanges Haar.
Ihr Gesichtsausdruck
ist freundlich und entspannt.
Sie liegt auf dem Rücken,
die Arme neben dem Körper,
die Hände geöffnet,
mit nach oben gerichteten Handflächen.
Ihr linkes Bein ist ausgestreckt,
der rechte Unterschenkel
nach außen angewinkelt.
Sie schlief
auf der Treppe des Nebeneingangs
zur U-Bahn-Station.
Ihr rechter Fuß
war nackt.

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Im Dienste von Baum und Mensch

Ein Dienst ist ja eigentlich eine gute Sache für den, der bedient wird. Aber wenn sich alles und jeder Dienst nennt, dann könnte man wie in diesem Gedicht aus dem Leben auf Ideen kommen – auf komische Ideen.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Dienst

Als die Frau in ihren Kleinwagen stieg,
musste ich das Fernglas nehmen,
um die Aufschrift zu entziffern.
Ich werd auch nicht jünger.
„Seniorendienst“
stand auf dem Auto.
Also jetzt auch in unserer Straße.
Wahrscheinlich der Schäfer.
Den hab ich lange nicht gesehen.
Schade um ihn,
war ein feiner Kerl.
Bei dem Lastwagen drüben,
wo die Arbeiter endlich
ihren Krachkram zusammenpacken,
hab ich keine Mühe, den Schriftzug zu lesen.
„Baumdienst“
steht drauf.
Vom Baum ist allerdings
kaum was übrig.
Ich weiß nicht wie,
doch irgendwie
bringt mich das
ins Grübeln.

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