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Uhland: Der gute Kamerad

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Interpretation: Der gute Kamerad

Dieses Gedicht hat einen zweifelhaften Ruf. 1809 geschrieben, 1825 von Friedrich Silcher vertont, ging es als Lied durch einige Kriege – darunter zwei Weltkriege –, es wurde von vielen Soldaten gesungen – auch von den Nazis –, und es gilt immer noch als von den Rechtsaußen vereinnahmt. Kurt Oesterle hat in einem langen, preisgekrönten Zeitungsartikel die Geschichte von Gedicht und Lied nachgezeichnet, eine historische Postkartensammlung mit dem Titel Ich hatt’ einen Kameraden beim Goethezeitportal kommt mit wesentlich weniger Text aus, spricht aber trotzdem Bände. Die Frage ist jedoch: Was kommt heraus, wenn man die Bauweise des Gedichtes analysiert, den Inhalt bis ins einzelne Wort seziert und ein paar historische Hintergrundinformationen hinzuzieht, kurz gesagt: Was kommt heraus, wenn man dieses Gedicht interpretiert? Ein englisches Sprichwort mahnt „Curiosity killed the cat“, ich bin trotzdem neugierig und will versuchen, eine Antwort auf diese Frage finden:

Rein äußerlich fällt die Fünfzeiligkeit der Strophen auf, die allein von der ungeraden Zeilenzahl her eine besondere Reimstruktur verlangt. Uhland löst dies, indem er einen reimlosen Vers (Waise) einem umarmenden Reim (abba) voranstellt. Der umarmenden Reim endet mit einer Hebung (männliche Kadenz), der inneren Reim mit einer Senkung (weibliche Kadenz). Tendenziell signalisieren Hebungen am Versende eher einen Schlusspunkt, während Senkungen als weicheres Versende eher für Weiterführungen (Enjambements) geeignet sind. Diese Tendenzen nutzt Uhland für eine weitere Auffälligkeit: Der Satzbau ist über alle Strophen gleich. Die ersten beiden Verse bilden den ersten Satz (mit Hebung am Ende), die restlichen drei den zweiten Satz (mit Zeilensprüngen begünstigt durch „weiche“ Versenden). Insgesamt entsteht eine Art Auf- und Abgesang.

Das Metrum ist prinzipiell jambisch – also erst die Senkung, dann die Hebung –, doch Uhland erlaubt sich auch mal zwei Senkungen zwischen den gehobenen Silben, z.B. jeweils in den ersten beiden Versen von Strophe eins und zwei. Nimmt man drei Hebungen pro Vers als gesetzt an, muss man auch die ersten beiden Silben in Vers zwei als gesenkt betrachten, ebenso im ersten Vers der zweiten Strophe. Bei Uhland als Vertreter der romantischen Schule spricht man wegen dieser Füllungsfreiheit, d.h. der unregelmäßigen Auffüllung mit Senkungssilben zwischen den Hebungen, von einer Anlehnung ans Volkslied, wo dies gängige Praxis war. Der Volksliedton ergibt sich auch aus dem mundartlichen Beginn des Gedichtes, womit die Brücke zum Inhalt geschlagen ist.

Die ersten zwei Verse legen die Kommunikationsstruktur fest: Hier erzählt jemand aus der Vergangenheit. Der mundartliche Einschlag, das etwas unregelmäßige Metrum und der ungereimte erste Vers lassen die Künstlichkeit eines Gedichtes in den Hintergrund, die Glaubwürdigkeit der Erzählsituation in den Vordergrund rücken. Und noch etwas gibt dem Sprecher Authentizität. Er sagt: „Einen bessern findst du nit“. Entgegen dem Titel und auch dem Schluss ist es durch die verklärende Brille der Vergangenheit schon der „beste Kamerad“. Auch wird der Zuhörer – in diese Rolle kann der Leser schlüpfen – mit dem vertrauten „du“ gleich einbezogen.

Nach dieser situativen Einführung springt der Sprecher gleich mitten hinein in seine Geschichte und erzeugt ein „Bild für die Ohren“. Der wiederholt eingesetzte Explosivlaut t und ein Binnenreim („Schritt und Tritt“) sorgen für einen strammen Rhythmus. Das Wort „Streite“ statt Kampf oder Krieg ist wieder eine Weichzeichnung der Vergangenheit.

In der zweite Strophe wird unmissverständlich klargestellt, dass der Marsch mitten in einer Kampfhandlung stattfindet: „Eine Kugel kam geflogen“. Der Sprecher ist so erfüllt von der Erinnerung an diese eine Kugel, dass er alles drumherum in seiner Erinnerung ausblendet. Typisch für das freie, mündliche Erzählen: Der Sprecher ändert die Zeitform, springt nun ins Präsens, statt ordentlich in der Vergangenheitsform zu bleiben. Er bringt damit eine Unmittelbarkeit ins Spiel, die den Zuhörer in das Erzählte hineinzieht. Auch die rhetorische Frage, wie in Vers zwei, ist ein beliebter Kunstgriff, um die Aufmerksamkeit zu fesseln.

Interessant ist die Karriere des „es“ in der zweiten Strophe. In Vers zwei ist das „es“ eigentlich die grammatikalisch falsche Fortsetzung, denn es ist „eine Kugel“, die einem der beiden gilt. Von der „Kugel“ wird jedoch abstrahiert. Das „es“ kann als bloßes Pronomen zur Vervollständigung des Satzbaus (Expletiv) gelesen werden, aber auch im Sinne „was da kommt“. Mit dem „es“ verschiebt sich das Aufeinanderschießen in Richtung höhere Gewalt, in Richtung Schicksal. Ein Kniff, mit dem die Erinnerung an das Morden erträglicher wird.

Nachdem im dritten Vers das „Ihn“ noch durch eine Akzentverschiebung zur ersten Silbe betont wurde, zeigt das dritte „es“ im letzten Vers in „Als wär’s“ erste Risse in der Geschichte vom guten Kameraden. Wieder ist es grammatikalisch die falsche Fortsetzung, denn „Er liegt“. Das Pronomen „es“ ersetzt den Menschen durch „das, was da liegt“. Die vordergründig Trennungsschmerz mitteilende Formulierung „ein Stück von mir“ ist zweischneidig, denn „es“ liegt da abgetrennt vom Körper, ein verlorenes Stück, eins, das nicht mehr dazugehört. Der Sprecher distanziert sich also schon vom Kameraden. Er wird ein Hindernis, das „vor den Füßen“ (ein unreiner Reim!) der Truppe liegt, die unter Trommelschlag vorwärts marschierte. Im ersten Vers der letzten Strophe fehlt schließlich das Personalpronomen ganz, der Satz „Will mir die Hand noch reichen“ hat kein Subjekt!

Die Formulierung „die Hand noch reichen“ legt nahe, dass sich der „gute Kamerad“ verabschieden will. So zumindest erinnert sich der Sprecher an die Situation. Sein Szenario ist: Der Kamerad wird getroffen, fällt und akzeptiert sogleich, dass es für ihn aus ist. Führt man sich das Geschehen genauer vor Augen, kann man jedoch zu einem ganz anderen Schluss kommen: Ein Soldat mit einem Stresspegel am Anschlag wird mitten in einer Schlacht mit all ihrem Lärm und Chaos so getroffen, dass es ihn zu Boden reißt. Er dürfte unter Schock stehen, wahrscheinlich nicht mal genau lokalisieren können, wo ihn „der Schlag“ getroffen hat, seine erste instinktive Reaktion ist, Hilfe suchend die Hand auszustrecken, um sich wieder zu erheben.

Akzeptiert man dieses Szenario als das realistischere, ist die Reaktion des Sprechers auf die ausgestreckte Hand auf den ersten Blick schockierend. Er hilft ihm nicht – er lädt statt dessen nach – und teilt seinem Kameraden mit den tröstenden Worten faktisch das Todesurteil mit.

Die Verheißung, sich im Jenseits wiederzusehen und auf alle Ewigkeit der „gute Kamerad“ zu sein, war Anfang des 19. Jahrhunderts kein falscher Trost. Diese Vorstellung entsprach damals dem Glauben an ein Leben nach dem Tod, sie kommt z.B. auch in Eichendorffs Vierzeiler zum Ausdruck: „Trennung ist wohl Tod zu nennen, / Denn wer weiß, wohin wir gehn, / Tod ist nur ein kurzes Trennen / Auf ein baldig Wiedersehn“.

Dennoch stutze ich ein wenig über das Herausschlagen (Elision) des i bei „ewig“. Dem Metrum ist dies nicht geschuldet, denn Uhland hat sich zu Beginn Füllungsfreiheit gesichert. Ob das nun besonders heimelig durch den Rückfall ins Mundartliche sein soll oder ein Zeichen, dass dieser Satz etwas hastig/pflichtschludrig über die Lippen ging? Wie dem auch sei, die letzte Geste, dem Kameraden die Hand zu geben, die verweigert der Sprecher.

Dieses Verweigern dürfte zur damaligen Zeit wesentlich schwerer gewogen haben als heutzutage. Das Ideal war das Sterben zu Hause im Kreise der Familie, bis zuletzt von Angehörigen gepflegt, Verwandte und Bekannte kamen vorbei, sich zu verabschieden, und man wartete gemeinsam auf den Tod. Von diesem Ideal war ein Soldat eh weit entfernt, aber dass ihm von seinem Familienersatz, dem Kameraden, noch nicht mal zum Abschied die Hand gereicht wurde?

Eins sollte inzwischen klar geworden sein: Das lyrische Ich bzw. der Sprecher ist kein Held. Dies ist nicht sein Gedicht. Seine Erinnerungen sind verklärt, er hat nur das geschafft, was sich alle Soldaten wünschen: Er hat überlebt. Kurt Oesterle schreibt über die Entstehungsgeschichte des Gedichtes:

„Uhland schrieb sein Lied während der Befreiungskriege gegen Napoleon. Österreich hatte sich 1809 zuerst erhoben gegen den Imperator. Der junge Poet nahm am Leiden auf beiden Seiten Anteil: Er fühlte mit den Badenern, die unter französischem Befehl gegen die aufständischen Tiroler ziehen mussten, und er trauerte um seinen Förderer Leo von Seckendorf, der als österreichischer Hauptmann gefallen war.“
Kurt Oesterle, Die heimliche deutsche Hymne, Schwäbisches Tagblatt, Nr. 264 vom 15. November 1997.

Uhlands Gedicht ist Ausdruck des Mitleids mit jenen, die es nicht geschafft haben zu überleben. Seine Popularität unter Soldaten dürfte neben einer oberflächlichen Kenntnisnahme des Textes gerade darin liegen, dass es auf sentimentale Weise die Unsentimentalität der Kameradschaft zeigt: Ist einer jenseits von Gut und Böse, zählt er nicht mehr. Die Kameradschaft auf Erden endet abrupt. Der Kamerad nutzt den anderen nicht mehr beim Überleben, jeder stirbt für sich allein. Das Gedicht ist ein Memento Mori für Soldaten. Keiner wünscht sich, getroffen in die geschilderte Situation zu kommen, doch er weiß insgeheim, dass sich die Kameraden so verhalten werden, weil auch sie nur überleben wollen. Das Gedicht ist ehrlicher als es manch einem Kriegs- und Kampfverherrlicher lieb sein kann.

Ludwig Uhland war 22 Jahre alt, als er dieses Gedicht schrieb. Er hatte keine Kampferfahrung, aber dafür die Phantasie und das Einfühlungsvermögen eines Dichters. Dabei blieb Uhland neutral: Egal, auf welcher Seite jemand getötet wird, das Gedicht gilt für alle gleichermaßen, der Feind wird nicht verteufelt. Daher eignet es sich auch nicht zur Propaganda, zum Anstacheln von Kampfeswillen, sondern „nur“ zur Trauer über die Getöteten.

Nachtrag:
Peter Horst Neumann hat in der Frankfurter Anthologie (Band 10, Frankfurt 1986, S. 116ff) zwei Gedichte zum Vergleich herangezogen, um zu zeigen, wie weit entfernt Uhlands Kamerad von jeder Heroisierung des Kriegstods ist. Das erste Gedicht ist Rewelge aus der Volkslieder-Sammlung Des Knaben Wunderhorn. Dort heißte es:

„Ach Bruder jetzt bin ich geschossen,
Die Kugel hat mich schwer getroffen,
Trag mich in mein Quartier,
Tralali, Tralaley, Tralala,
Es ist nicht weit von hier.

Ach Bruder ich kann dich nicht tragen,
Die Feinde haben uns geschlagen,
Helf dir der liebe Gott;
Tralali, Tralaley, Tralala,
Ich muss marschieren in Tod.“

Hier dominiert der Kampfwille bis in den Tod und – liest man den Text weiter – sogar darüber hinaus, wobei die „Tralali“-Verse das Ganze etwas surrealistisch erscheinen lassen. Da die Sammlung Des Knaben Wunderhorn drei Jahre vor der Entstehung des Uhland-Gedichtes veröffentlicht wurde, könnte es als Inspirationsquelle gedient haben.

Das zweite Gedicht ist von Clemens Brentano und enthält wirklich unappetitliche Zeilen:

„Wir richten mit dem Schwerte,
Der Leib gehört der Erde,
Die Seel dem Himmelszelt,
Der Rock bleibt in der Welt.

Wer fällt, der bleibet liegen,
Wer steht, der kann noch siegen,
Der übrig bleibt, hat Recht,
Und wer entflieht, ist schlecht.

Zum Hassen oder Lieben
Ist alle Welt getrieben,
Es bleibet keine Wahl,
Der Teufel ist neutral.“

Das ist Verherrlichung des Krieges und Soldatendaseins und lässt als Kontrastprogramm die Leistung Uhlands in einem ganz anderen Licht erscheinen. Wie Brentano aus dieser Nummer als Vorlagengeber für Kriegspropaganda herauskommen will, ist mir allerdings schleierhaft.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

In einem Artikel von Harm-Peer Zimmermann, Professor an der Uni Zürich, in der Zeitschrift für Volkskunde wird das Gedicht ebenfalls ausführlich interpretiert. Die Herangehensweise ist jedoch eine andere. Professor Zimmermann ordnet den Text in die geistesgeschichtlichen Strömungen der Zeit ein. Er beurteilt manchen Vers etwas anders und kommt sogar zu dem Schluss, dass das Gedicht zeigt, wie das Kameradschaftsideal im Angesicht der Realität scheitert.