Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Schema R

Bei gereimten Gedichten gibt es einige Grundschemata, die sich etabliert haben. Die vier am häufigsten verwendeten stelle ich hier mit Beispielen vor. Die Reihenfolge richtet sich nach dem Schwierigkeitsgrad, was aber keine Aussage über die Qualität der Schemata an sich ist. Wie immer kommt es auf die Kombination von Inhalt und Form an.

Das einfachste Reimschema ist der Paarreim, der bei einer vierzeiligen Strophe als „aabb“ angegeben wird. Jedes Kind kann einen kurzen Satz auf den nächsten reimen, trotzdem ist der Paarreim selbst bei der Prominenz vertreten:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
(Aus: Johann Wolfgang von Goethe, Erlkönig)

Dichter und Gedicht sind hochberühmt. Goethe hat hier sogar den einfachen Zeilenstil verwendet, was der Wirkung keinen Abbruch tut. Auffällig ist, dass jeder Vers mit einer Hebung endet (männliche Kadenz). Das geht aber auch anders:

Alles Tun und alles Dichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen.
(Aus: Friedrich von Logau, Heutige Welt-Kunst)

Friedrich von Logau nutzt ausschließlich Senkungen am Ende (weibliche Kadenz). Der Zeilensprung von Vers eins zu Vers zwei fließt sehr schön. Dadurch wirkt der Reim etwas zurückgenommen. Zeilensprünge einzustreuen ist bei Paarreimen sicher ein gutes Mittel, keine Monotonie aufkommen zu lassen.

Das letzte Paarreim-Beispiel zeigt den Wechsel von männlicher zu weiblicher Kadenz:

Im Frühling, als der Märzwind ging,
als jeder Zweig voll Knospen hing,
da fragten sie mit Zagen:
Was wird der Sommer sagen?
(Aus: Gustav Falke, Die Sorglichen)

Gustav Falke hat hier die Kadenz optimal an den Inhalt angepasst. Die eher offen wirkende weibliche Kadenz wird mit einer Frage verbunden. Die männlichen Kadenzen tragen zum erhöhten Tempo der ersten beiden Verse bei.

Der Kreuzreim ist das fortgeschrittenere Standardschema beim Reimen mit der Kennzeichnung „abab“. Er braucht mehr gedankliche Vorausschau, was mit etwas Gewöhnung jedoch leicht zu bewältigen ist. Der große Vorteil liegt in der eingebauten Abwechslung der Versenden:

Gestürzt sind die goldnen Brücken
Und unten und oben so still!
Es will mir nichts mehr glücken,
Ich weiß nicht mehr, was ich will.
(Aus: Joseph von Eichendorff, Abend)

Die häufigste Variante beim Kreuzreim ist der Wechsel von weiblicher zu männlicher Kadenz. Die Hebung der männlichen Kadenz schließt oftmals die beiden Sinneinheiten einer vierzeiligen Strophe ab. Möchte man eher ein offenes Ende, ist meist der Wechsel andersherum die bessere Variante:

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten.
(Aus: Nikolaus Lenau, Winternacht)

Lenau lässt Vers eins und drei mit einer Hebung enden, so dass „fortgeschritten“ im Schlussvers mit dem eher offenen, weiter tragenden Charakter der weiblichen Kadenz zusammenpasst.

Eine durchgehende Verwendung von Versenden mit Hebungen oder Senkungen ist ebenfalls möglich, nutzt aber nicht das ganze Potential des Kreuzreims. Trotzdem wird auch häufig eine ausschließlich männliche Kadenz verwendet, wie z.B. Gottfried Keller in Winternacht, wofür er seine inhaltlichen Gründe hatte. Seltener beim Kreuzreim sind ausschließlich Versenden mit Senkungen, Heinrich Heine hat es bei Lass die heilgen Parabolen probiert.

Einen ähnlichen Charakter wie der Kreuzreim hat der Schweifreim als Standardschema für sechszeilige Strophen mit dem Muster „aabccb“:

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe,
Dank’ ich, Spaden, dir!
Reich' und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!
(Aus: Christoph Heinrich Hölty, Totengräberlied)

Auch hier dominiert das typische Spiel: Die Strophe ist im Prinzip zweigeteilt, die Hebungen an den Enden von Vers drei und sechs verstärken jeweils den Abschluss, die Verschlüsse mit Senkungen unterstützen die Zeilensprünge. Und das Gegenbeispiel:

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.
(Aus: Ludwig Uhland, Frühlingsglaube)

Uhland verwendet den Zeilenstil, also sind die männlichen Kadenzen mit ihren Hebungen am Schluss bestens geeignet, dies zu unterstreichen. Der eher offene Charakter der weiblichen Kadenzen in Vers drei und sechs trägt dem Blick in die Zukunft Rechnung, sie sind also inhaltlich begründet.

Das am schwierigsten zu verwirklichende Schema ist der umarmende Reim mit der Vorgabe „abba“. Zwar sind auch beim Schweifreim schon zwei Zeilen zu überbrücken, aber die Reime wirken recht kräftig, weil sie jeweils am Schluss gleich langer Sinneinheiten stehen. Das ist beim umarmenden Reim des Vierzeilers nicht der Fall.

Lass, o Welt, o lass mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Lasst dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!
(Aus: Eduard Mörike, Verborgenheit)

Mörike teilt die Strophe in eine Einleitung und einen Hauptteil ein. So strebt die Strophe geradewegs auf den Schlussreim zu. Das Problem des umarmenden Reims wird hier angedeutet:

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand
Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen,
Der liebliche Korall der Lippen wird verbleichen;
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand,
(Aus: Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Vergänglichkeit der Schönheit)

Wie im vorigen Beispiel endet der umarmenden Reim auf eine Hebung, der innere auf eine Senkung. Doch die Länge der Verse, ihre Struktur als durchgehender Satzbau lassen das Reimwort des ersten Verses fast vergessen, bevor man zum Ende des letzten Verses kommt. Ich meine, hier geht es noch gerade gut, aber die Gefahr ist beim umarmenden Reim immer, dass die Schlussendung nicht kräftig genug ist, sie in der Luft hängen bleibt. Man sollte also gute inhaltliche Gründe haben und sehr sorgfältig die Strophe aufs Ende hin bauen, wenn man einen umarmenden Reim nutzt. Die männliche Kadenz für Vers eins und vier bietet sich als Struktur an, doch es geht auch mit weiblichen Kadenzen:

Die Straßen leer; es rollen keine Wagen;
Des Marktes Lärm verstummt, als wär’s auf immer,
Und all des Sonntagsstaates bunter Flimmer,
Er ward hinaus in Wald und Flur getragen.
(Aus: Ferdinand von Saar, Sonntag)

Insgesamt ist der umarmenden Reim nicht so eingängig wie die anderen Reimschemata. Das hat seine Vorteile, erzeugt z.B. Spannung, hat aber auch seine Nachteile, weil das Gedicht an Klang verlieren kann.

Für den Anfang schlage ich vor, dass Sie sich vor allem mit der Technik des Kreuzreims vertraut machen. Suchen Sie die passende Jahreszeit aus: Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. Dort finden Sie einige Kreuzreimer. Nehmen Sie sich, was gefällt und probieren Sie ganz nach Laune Unsinnisierung, Parodie oder ernsthafte Umformulierung einzelner Strophen.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).