Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Schluss und Sprung: Kadenzen

Die amerikanische Dichterin Emily Dickenson schrieb einmal „Hope is the thing with feathers“. Nun, ein Gedicht ist das Ding mit Pausen. Jedes Versende, im Fachjargon Kadenz genannt, ist eine Einladung zu einer Lesepause. Wie im richtigen Leben gibt es auch bei den Kadenzen das Gegensatzpaar männlich und weiblich.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
(Aus: Joseph von Eichendorff, Mondnacht)

„Felder“ und „Wälder“ haben eine Hebung auf der vorletzten und eine Senkung auf der letzten Silbe, das ergibt eine weibliche oder klingende Kadenz.. „sacht“ und „Nacht“ haben eine Hebung auf der letzten Silbe, macht eine männliche oder stumpfe Kadenz. Die Unterscheidung ist aus dem Französischen importiert, wo weibliche Endungen noch deutlich hörbar sind, während die männlichen vorzeitig absterben, z.B. grande und grand. Bei ersterem ist das „d“ noch zu hören, bei letzterem verschwindet es im typisch französischen Nasalton.

Eichendorff hat in dieser Strophe den Zeilenstil verwendet: Jeder Vers ist im Prinzip ein vollständiger Satz. Somit fallen die Pausen von Satz- und Versbau zusammen. Der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Kadenz erscheint rein akademisch. Doch es geht auch anders:

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
(Aus: Matthias Claudius, Abendlied)

Eine Hebung am Schluss (männliche Kadenz, einsilbiger Reim) verursacht tendenziell eine längere Pause als eine Senkung am Ende (weibliche Kadenz, zweisilbiger Reim). Matthias Claudius bekräftigt diese Tendenz, indem er Verse mit einer Hebung am Ende jeweils an den Schluss eines Strophenabschnitts stellt, während die Senkungen zum Teil eine Fortführung eines Satzes über das Versende hinaus unterstützen. Am deutlichsten macht sich das am Übergang von Vers fünf zum Schlussvers bemerkbar, der fast ohne Pause auskommt.

Dieses Übergreifen eines Satzes von einem Vers zum nächsten heißt Zeilensprung oder auf nasalisch Enjambement. Das Claudius-Gedicht zeigt die Abstufungen, die es beim Zeilensprung gibt. Der Sprung von Vers eins zu Vers zwei ist trotz des Kommas keiner, denn beide Verse können eigenständig als Sätze existieren. Beim Sprung von Vers zwei zu Vers drei handelt sich um ein „glattes Enjambement“, denn Vers zwei braucht für den Satzbau den Folgevers eigentlich nicht. Ein „hartes Enjambement“ zeigt der Sprung zwischen den beiden letzten Versen, hier muss der Satz weitergeführt werden.

Die Zeilensprungtechnik ist etwas schwieriger als der reine Zeilenstil, aber daran lassen sich gut die unterschiedliche Wirkungen der Versschlüsse zeigen.

Schließ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.
(Aus: Joseph von Eichendorff, Die Nachtblume)

Eigentlich ist die übliche Reihenfolge beim Kadenzwechsel zwischen den Versen: erst weiblich mit Senkung, dann männlich mit Hebung. Das hat wie bei Claudius gezeigt eine innere Logik, weil dadurch vom Metrum unterstützt ein Schlusspunkt gesetzt wird. In diesem Gedicht, woraus ich die Schlussstrophe genommen habe, macht es Eichendorff andersherum. Dadurch erzeugt er beim Zeilensprung nach „Herzensgrund“ durch die Schlusshebung eine „Stauung“ bzw. eine die Spannung erhöhende Pause, doch am Ende plätschert das Gedicht mit der Senkung aus. Es ist eine Art „…“-Schluss. Eine Hebung am Ende des Gedichtes eignet sich eher für Pointen oder kräftige Schlusspunkte, während der Schluss mit Senkung offener ist.

Wie bei allen anderen Aussagen zum Metrum ist das nur eine Tendenz, eine Daumenregel, es muss nicht so sein. Man kann auch eine Pointe mit weiblicher Kadenz setzen, wie z.B. Wilhelm Busch in Niemals, oder mit männlicher Kadenz ein Gedicht ausklingen lassen:

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.
(Aus: Friedrich Hebbel, Sommerbild)

Dieses Gedicht hat nur Schlusshebungen, was durch die Tendenz zu Pausen den gemächlichen Charakter des Textes unterstützt. Der Zeilensprung von Vers drei zu vier ist sehr kunstvoll. Die Hebung am Ende vor Vers drei ist kräftig, entsprechend lang der Stillstand, der ausgerechnet durch das Wort „bewegte“ aufgelöst wird. Besonders eindrucksvoll ist auch der Schluss: Trotz des männlichen Endes mit Hebung, klingt das Wort „verging“ noch lange nach. Was einerseits daran liegt, dass es einen Prozess beschreibt, andrerseits am Klang des der Schlusssilbe selbst.

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.
(Aus: Theodor Storm, Abseits)

Theodor Storm zeigt, dass Zeilensprünge selbst mit einer Hebung am Schluss einen verbindenden Charakter haben können, die Verse fließen ineinander über. Storm nutzt „harte“ Enjambements, d.h. eine Fortsetzung im nächsten Vers ist für den Satzbau erforderlich. Durch diese von ihm geweckte Erwartung liest der Leser weiter, die Pausentendenz der männlichen Versschlüsse in Zeile eins und drei wird ausgehebelt. Hilfreich ist auch, dass es jeweils im nächsten Vers mit einer Senkung weitergeht. Das Wechselspiel Senkung-Hebung (Jambus) wird über die Versgrenze hinaus fortgesetzt.

Des Sonntags in der Morgenstund'
Wie wandert’s sich so schön
Am Rhein, wenn rings in weiter Rund’
Die Morgenglocken gehn.
(Aus: Robert Reinick, Sonntags am Rhein)

Robert Reinick verwendet die selbe Strategie wie Storm: Überall Hebungen am Ende und Zeilensprünge. Doch wenn ich den Text lese, habe ich den Eindruck, dass am Ende von Vers zwei ein Abschluss erreicht ist, das „Am Rhein“ hoppelt überraschend hinterher. Da inhaltlich kein Grund für diese Überraschung zu sehen ist, denn der Rhein wird bereits im Titel genannt, zeigt dieses Beispiel einen misslungenen Übergang von einem zum nächsten Vers: Die Hebung staut den Fluss des Gedichtes, wo nichts zu stauen ist, es stolpert.

Was Sie aus diesem Artikel mitnehmen sollten, ist ein geschärftes Bewusstsein für den Schluss der Verse. In Gedichtanalysen wird oft die Metrumfrage in den Vordergrund gestellt, die sich am Anfang des Gedichtes entscheidet: Ist das Schema Senkung-Hebung oder andersherum? Wichtiger für den Gesamtrhythmus des Gedichtes sind jedoch die Kadenzen. Sie können sie einheitlich gestalten oder regelmäßig wechseln lassen, doch sollten Sie vor allem die Hebungen am Schluss im Augen haben, die ein Gedicht richtig zur Geltung bringen, aber auch stolpern lassen können. In diesem Sinne sehen Sie über den Reim hinweg und schauen sich an, ob die Kadenzen für oder gegen ein Gedicht arbeiten. Beim Zeilenstil ist das nicht ganz so wichtig, aber sobald Zeilensprünge eingesetzt werden, sollten Sie Kadenzen sehr bewusst gestalten.

Als Übung schlage ich vor, dass Sie die Seite mit den Gedichten der Romantiker nur auf ihre Kadenzen hin untersuchen. Es sind dort sowohl sehr regelmäßige als auch etwas experimentierfreudige Beispiele dabei.

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Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt).