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Praxislexikon Lyrik

Akzentverschiebung

Bei der Akzentverschiebung (Anaklasis) werden Hebung und Senkung eines einzigen Versfußes vertauscht.

Akzentverschiebung in der Praxis

Am häufigsten kommt eine Akzentverschiebung zu Beginn eines jambischen Verses vor, wo aus dem metrischen Schema xXxX ein XxxX wird.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
(Eichendorff: Mondnacht)

Der erste Vers (der neunte im Gedicht) ist wie die vorigen jambisch (xXxXxXx), beim zweiten greift jedoch die Akzentverschiebung: XxxXxX. Das „Weit“ wird dadurch besonders weit, was dem Sinn einer Akzentverschiebung entspricht, etwas besonders zu betonen.

Dies zeigt sich auch in einem anderen Eichendorff-Gedicht, wo in der dritten Zeile ausnahmsweise ein Trochäus gedreht wird:

Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
(Eichendorff: Weihnachten)

Der Kontrast zwischen den feiernden Familien und dem einsamen Wanderer wird besonders deutlich, wenn man als metrisches Schema statt „UND ich WANdre“ eine Akzentverschiebung mit „Und ICH WANdre“ annimmt, so dass es zum Hebungsprall kommt. Dieser kann auch entstehen, wenn bei jambischem Versbau die zweite Silbe stark bleibt:

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!
Das Ew’ge regt sich fort in allen,
(Goethe: Vermächtnis)

Dem Sinn des Textes entsprechend muss „Kein“ betont werden [vgl. Hönig 2008: 100]. Da sich aber die erste Silbe des Substantivs „Wesen“ kaum drücken lässt, weil auch dieses Wort für den Sinn wichtig ist, kommt es zum Hebungsprall (XXxXxXxXx).

Auch im ersten Vers eines Gedichts kann der Sinn des Satzes eine Akzentverschiebung verursachen:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
(Rilke: Herbsttag)

Hier muss „der Herr“ natürlich die Betonung tragen. Dass dadurch das Erkennen des Metrums erschwert wird, darauf braucht man als Dichter keine Rücksicht zu nehmen – wenn man weiß, was man tut. Bei Anfängern findet man häufig die Variante, dass betonte und unbetonte Versanfänge wild durchmischt werden. Es wird nicht der erste Versfuß gedreht, sondern gleich das metrische Schema komplett von Jambus auf Trochäus umgestellt. Dies hat natürlich nichts mit einer Akzentverschiebung zu tun, ist auch keine künstlerische Freiheit, sondern unverstandenes Imitieren alter Gedichtformen.

Die Akzentverschiebung kann auch durchaus mehrmals eingesetzt werden, ohne dass das Metrum des Gedichts infrage gestellt würde. Goethe griff im folgenden Gedichtausschnitt in den Zeilen vier bis sechs gleich dreimal zur Drehung des ersten Versfußes:

Doch frisch und fröhlich war mein Mut;
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floss von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
(Goethe: Willkommen und Abschied)

In Karoline von Günderrodes Gedicht „Liebe“ kommt es sogar bei nur zehn jambischen Versen zu vier Akzentverschiebungen. Doch ist dies ganz klar ein Mittel, das wie die verschieden langen Zeilen des Gedichts zum Inhalt passt.

Schließlich ist das völlige Fehlen von Akzentverschiebungen bei jambischen Versen auch eine Möglichkeit die inhaltliche Aussage zu unterstützen, wie das z.B. Georg Heym in „Der Gott der Stadt“ gemacht hat.

Siehe auch: Tipps und Tricks beim Versbau

Verwendete Literatur:
Christoph Hönig (2008): Neue Versschule, Paderborn: Wilhelm Fink
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 12.08.2016