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Praxislexikon Lyrik

Füllungsfreiheit

Füllungsfreiheit ist gegeben bei variabler Anzahl der Senkungen zwischen den Hebungen oder vor der ersten Hebung. Beim Hexameter gehört die teilweise und beim Knittel die vollständige Füllungsfreiheit zur Defintion des Verses.

Füllungsfreiheit in der Praxis

Seit den Sturm-und-Drang-Dichtern ist die Füllungsfreiheit ein akzeptiertes Mittel der Versgestaltung [vgl. Knörrich 2005: 72]. Was auf den ersten Blick wie Nachlässigkeit aussieht, erfordert tatsächlich größeres Können als die strikte Befolgung eines regelmäßigen Auf-und-Ab, wie z.B. beim Jambus. Denn die Hebungen und Senkungen müssen aufgrund der Unregelmäßigkeit des Versbaus klar erkennbar sein. Wenn die Füllungsfreiheit jedoch souverän gehandhabt wird, ergeben sich für Dichter neue Chancen, wie die folgende Beispiele zeigen:

In Ludwig Uhlands Der gute Kamerad ergibt sich ein volksmundlicher Tonfall, etwas, das die Romantiker sehr geschätzt haben. Beim Stichwort Romantik darf ein Beispiel von Eichendorff nicht fehlen, obwohl in seinem Gedicht Frühlingsfahrt die genutzte Füllungsfreiheit auch Fragen aufwirft. Heine suchte bei einem seiner berühmtesten Gedichte Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ... durch die freie Handhabung von ein- und zweisilbigen Senkungen die Nähe zum Volkslied, allerdings nicht ohne ironische Hintergedanken. Hugo von Hofmannsthal schließlich nutzt in Vorfrühling die Füllungsfreiheit sehr bewusst zu Hervorhebungen und Rhythmuswechseln.

Verwendete Literatur:
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016