Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Waise

Waise nennt man einen Vers, der keinen Reimpartner innerhalb eines Reimgedichts hat, im Reimschema meist mit x gekennzeichnet. Beim halben Kreuzreim sind Waisen Teil des Reimschemas (xaxa).

Waise in der Praxis

Zunächst ein Beispiel für Waisen als Standard im halben Kreuzreim:

Weit gerückt in unbewegter Ruhe
Steht der Wald wie eine rote Stadt.
Und des Herbstes goldne Flaggen hängen
Von den höchsten Türmen schwer und matt.
(Georg Heym: Der Herbst)

So wie die Verse hier gebaut sind mit Trochäus und weiblicher Kadenz bei den ungeraden Zeilennummern könnte man sie auch durchlaufen lassen und hätte einen Zweizeiler mit Paarreim, allerdings auch Verse mit zehn Hebungen, was etwas prosaisch wirken würde. Zumindest ist dies aber ein Hinweis, wie man solche halben Kreuzreime konstruieren kann.

Bei einer fünfzeiligen Strophe löst eine Waise das Problem der Reimverteilung, wenn man nicht einen dreifachen Reim einbauen möchte. Besonders interessant ist die Konstruktionsweise mit einem umarmenden Reim:

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad!
(Uhland: Der gute Kamerad)

Durch die vorangestellte Waise ergibt sich innerhalb der ersten drei Zeilen kein Reim. Die Reime schleichen sich sozusagen verspätet ein. Das kann dazu führen, dass die Redeweise natürlicher wirkt.

Ein weiterer interessanter Aspekt einer Waise ist die Reimverweigerung im Sinne einer enttäuschten Erwartung.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.
(Karl Kraus: Nächtliche Stunde)

Hier hätte man im Sinne des umarmenden Reims einen Reim auf „vergeht“ erwartet. Der Leser wird so aus der gewohnten Bahn geworfen. Nicht nur das lyrische Ich in diesem Gedicht wacht auf.

Zum Schluss noch ein Hinweis auf eine andere spektakuläre Möglichkeit, eine Waise in ein Gedicht einzubinden. Schauen Sie sich Eduard Mörikes Er ist’s an. Hier reimt die Waise definitionsgemäß nicht innerhalb des Gedichts, aber sie reimt mit dem Titel! Was eine ganz besondere Art der Hervorhebung eines Verses ist.

Waisen in Reimgedichte einzubauen muss also keine Mangelerscheinung sein im Sinne von „dem Dichter fiel kein Reim ein“, sondern kann dazu dienen, die ewig gleiche Leier zu unterbrechen, um so Dinge hervorzuheben oder die Tonlage des Gedichts natürlicher im Sinne gesprochener Rede zu gestalten.

Verwendete Literatur:
Erwin Arndt (1996): Deutsche Verslehre. Ein Abriß (13. bearb. Auflage), Berlin: Volk und Wissen Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016