Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

10 Tipps für bessere Gedichtinterpretationen

 

Die Tipps auf dieser Seiten sollen vor allem Möglichkeiten zeigen, wie man den manchmal sperrigen Gedichten näher kommt. Schwerpunkt dabei sind Tipps zur formalen Analyse von gereimten Gedichten oder solchen in freien Versen. Hilfreich könnte auch die Artikelserie zum Gedichteschreiben sowie das Praxislexikon Lyrik sein, wo die formalen Mittel aus Sicht des Dichters behandelt werden.

1. Abschreiben

Im Allgemeinen wird bei schulischen oder universitären Gedichtinterpretationen vom Abschreiben abgeraten. Das ist auch völlig in Ordnung, doch ich empfehle nicht eine Interpretationen abzuschreiben, sondern das Gedicht selbst. Warum?

Zuerst erscheint ein Gedicht oft sehr fremd, vor allem wenn es aus einer weit entfernten Epoche wie z.B. dem Barock stammt oder moderne Verdunkelungsmethoden nutzt. Durchs Abschreiben entsteht eine andere Lesesituation, die Blockade, unbedingt Sinn im Text finden zu müssen, entfällt. Man kann sich ganz auf den Text selbst konzentrieren. Dabei lassen sich einige einfache Dinge registrieren: Wo fangen Sätze und wo hören sie auf? Stichwort Zeilensprung (Enjambement). Gibt es zusätzliche durch den Satzbau bedingte Lesepausen innerhalb von Versen? Stichwort Zäsuren. Wie sieht es mit merkwürdigen Satzbauten aus? Stichwort Inversion. Welche Wörter sind ungewöhnlich oder Kandidaten für eine zweite Bedeutungsebene? Stichwort Neologismen und Metaphern.

Am besten schreibt man den Text mit großem Zeilenabstand, dann kann man gleich richtig darin arbeiten.

2. Singen

Ok, ich übertreibe etwas, obwohl man viele der alten Gedichte mit Metrum und Reim ohne Probleme singen kann. Das ist aber nur eine Vortragsvariante. Andere wären z.B. ein lautes Lesen mit viel Pathos oder ganz schnodderig. Auch hier geht es darum, sich dem Gedicht zu nähern, ohne sich besonders um den Sinn zu kümmern. Wenn man verschiedene Arten des betonten Vortrags probiert, entdeckt man beim spielerischen Umgang mit dem Text vielleicht nebenbei Wörter, die besondere Betonung verlangen oder Lautstrukturen, die besonders eingängig, schräg oder sogar dissonant sind.

3. Erst die Form, dann der Inhalt

Wenn man die formale Analyse zuerst und sehr ausgiebig macht, dann taucht man wesentlich tiefer in ein Gedicht ein, als wenn man erst versucht den Inhalt zu beschreiben und dann pflichtgemäß die formalen Merkmale abklappert. Durch die formale Analyse nimmt man den Inhalt nebenbei wahr. Oft genug zeigen formale Merkmale, was wichtig ist in einem Gedicht. In jedem Fall entgeht man der Gefahr „ über dem Gedicht zu schweben“, oberflächlich zu interpretieren. Das gilt auch für ziemlich „formlose“ moderne Gedichte. Ich werde bei den nächsten Punkten immer wieder darauf eingehen, was in der formalen Analyse für solche Gedichte herauszuholen ist.

4. Strophenstruktur bestimmen

Damit sollte die formale Analyse beginnen. Selbst wenn ein Gedicht keine Strophen hat, ist das eine feststellungswürdige Tatsache. Am anderen Ende der Skala stehen vierzeilige Strophen: sie sind die am häufigsten genutzte Strophenform.

Es gibt eine besondere Strophenstruktur, die man kennen sollte: zwei Vierzeiler gefolgt von zwei Dreizeiler. Das ergibt das berühmte Sonett. Hier fügt sich der Dichter in eine Tradition ein. Das ist vor allem eine Bemerkung wert, wenn der Dichter aus dem 20. Jahrhundert stammt, weil er sich damit einem besonders strengen Schema beugt, obwohl seit Anfang des 20. Jahrhunderts Gedichte viel freier geschrieben werden können.

Besonders interessant wird es, wenn es entweder verschiedenlange Strophen gibt oder solche mit ungerader Zeilenzahl. Ersteres müsste sich eigentlich in der inhaltlichen Struktur widerspiegeln, letzteres erfordert ein etwas unregelmäßiges Reimschema und auch das sollte nicht zweckfrei sein, sondern Wirkungen im Inhalt haben.

5. Reimstruktur festhalten

Auch hier gilt wieder: Wird auf Reime verzichtet, kann man darauf als Abkehr von der Tradition hinweisen. Ansonsten sind zwei Dinge wichtig: Einmal das Reimschema (siehe auch: Schema R), also welcher Vers reimt sich mit welchem? Und: Wie viele Silben haben die Reime?

Beim Reimschema gibt es vor allem seit den Romantikern eine Besonderheit. Nicht reimende und reimende Zeilen wechseln sich ab, ein sogenannter heterogener oder halber Kreuzreim. Das lockert die Zwangsjacke des Reims etwas, es muss darüber hinaus nicht unbedingt eine inhaltliche Bedeutung haben. Anders liegt der Fall, wenn nur einzelne Verse nicht reimen. Hier hat man es mit „Waisen“ zu tun und da sollte man genau hinschauen, warum der Dichter diese Verse vom Reim ausgenommen hat. Das sollte eigentlich mit dem Inhalt zusammenpassen.

Bei der Silbenzahl von Reimen sind Ein- und Zweisilber Standard, wobei nicht die Silben des ganzen Wortes gezählt werden, sondern wirklich nur die Silben der lautgleichen Bestandteile (unterschiedliche Schreibweisen spielen keine Rolle). Damit ist gleichzeitig die Betonung am Schluss festgelegt. Einsilbige Reime müssen betont sein, bei zweisilbigen Reimen muss die vorletzte Silbe betont sein.

Abklopfen sollte man auch die Reinheit der Reime (siehe auch: Richtig Reimen). Dabei muss man allerdings aufpassen, dass man das nicht überinterpretiert. Reime zwischen den Vokalen i und ü z. B. gelten durchaus als zu akzeptierende Unreinheit. Auch bei den Romantikern findet man oft etwas schräge Reime, die aber in Anlehnung an den Volksliedton gesetzt sind, wo das häufig vorkam, und nicht unbedingt inhaltliche Hervorhebungen sein sollen.

6. Vers-Enden

Die Vers-Enden sind sowohl bei reimenden als auch bei nichtreimenden Gedichten äußerst wichtig, genauer gesagt die Betonungen dort, Stichwort Kadenz. Bei Reimgedichten liegt die Kadenz bereits durch den Reim fest. Einsilbige Reime sind männliche, zweisilbige weibliche Kadenzen. Bei Gedichten, die sich nicht reimen, muss man also erstmal die Betonung am Ende bestimmen.

In beiden Fällen ist dann die Frage, wie die Betonungen am Ende mit dem Satzbau zusammenpassen. Tendenziell haben männliche Kadenzen (letzte Silbe betont) eher eine stoppende, weibliche (vorletzte Silbe betont) eine weiterführende Wirkung. Das kann also heißen, dass eine männliche Kadenz optimal zu einem Satzende oder zu einer Pointe passt, während sie beim Zeilensprung (Enjambement) eine stauende, spannungsaufbauende Wirkung hat.

Überhaupt verdienen die Zeilensprünge besondere Beachtung. Wenn der Satz in der Zeile unvollständig ist und eine Fortführung verlangt, spricht man von einem harten Zeilensprung. Kommt jedoch noch etwas nach, obwohl der Satz grammatikalisch auch so schon vollständig wäre, ist das ein glatter Zeilensprung. Harte Zeilensprünge haben meist eine treibende Wirkung, d.h. die Lesepause am Ende des Verses wird verkürzt oder sogar fast ganz aufgehoben. Das kann sogar dazu führen, dass eine Betonung am Ende, die ja eigentlich pausenverlängernde Wirkung hat, sozusagen überrannt wird.

Wenn ein Dichter sein Handwerk versteht, dann kann man aus der Verbindung von Inhalt mit Betonungen am Versende und Zeilensprüngen einiges herauslesen. Z.B. kann das erste Wort eines Verses, nach einer Staupause durch eine Betonung der letzten Silbe im Vers davor, besonders wichtig sein.

7. Ein einfacher Trick, das Metrum zu erkennen

Bei gereimten Gedichten gibt es eine Methode, die bei 90 % der im Schulunterricht behandelten Gedichte funktionieren kann: Man fängt hinten an! Durch die Reime ist bereits festgelegt, ob die letzte oder vorletzte Silbe betont ist. Wenn man das einfache Schema, dass betonte und unbetonte Silben sich abwechseln, bis zum Versanfang weiterführt, hat man entweder einen Trochäus (die allererste Silbe ist betont) oder einen Jambus (die allererste Silbe ist unbetont).

Verdächtig ist, wenn nicht alle Zeilen gleich mit Betonung oder Nichtbetonung anfangen. Vor allem die Romantiker haben sich die Freiheit erlaubt, auch mal zwei unbetonte Silben zwischen den betonten stehen zu lassen. Wenn man jedoch die betreffende Zeile skandiert, also im "betont-unbetonten Stechschritt" durchgeht, dann sollte auffallen, wo es hakt.

Ein weiterer Ausnahmefall ist die Akzentverschiebung zu Beginn eines jambischen Verses. Dabei wird von den ersten beiden Takten, die eigentlich nach dem Schema xXxX betont würden, der erste umgedreht: XxxX. Der Betonungsanfang sollte aber normalerweise ziemlich auffällig sein, denn er hat auch inhaltlich eine Zeigefunktion, indem er einen Einschnitt oder etwas Wichtiges anzeigt.

8. Das Metrum bei modernen Gedichten

Eigentlich spielt das Metrum bei modernen Gedichten kaum noch eine Rolle, trotzdem sollte man es abklopfen. Erstens finden sich manchmal doch einige klassische metrische Strukturen, zweitens kann man gar nicht texten ohne Silben zu betonen oder nicht zu betonen und drittens ist es für die Interpretation gut zu wissen, wo besonderes starke Betonungen liegen oder anders herum, wo der Text eher prosaisch, also flach betont angeboten wird.

Der Haken ist, man muss den Bogen, das Metrum zu erkennen, wirklich heraus haben, weil die metrische Struktur meist sehr unregelmäßig ist. Eine Hilfe könnte der Metricalizer sein, auch wenn er nicht 100-prozentig zuverlässig ist. Außerdem gibt es ein paar Daumenregeln für die Silbenbetonung im Deutschen:

Bei einer Kette von einsilbigen Wörtern ziehen meist die Verben und Substantive die Betonungen an sich. Bei zweisilbigen Worten bevorzugt die deutsche Sprache die erste Silbe, es sei denn diese ist nur eine Vorsilbe wie be-, ge-, er-, ver-, ent-, zer-. Silben, die eigenständige Wörter sein können oder die Bedeutung eines Wortes maßgeblich beeinflussen, haben jedoch eine Betonung, wie z.B. vor-, aus-, auf-, un-, miss-. Bei drei- und mehrsilbigen Wörter ist die vorletzte Silbe ein heißer Kandidat auf die Betonung.

Schließlich kann man bei mehrsilbigen Wörtern noch versuchen, Betonungsvarianten durch Extrembetonung auszuprobieren, z.B. WEIHnachten, WeihNACHten oder WeihnachTEN. So kann man falsche Betonungen ausschließen.

9. Lautstrukturen

Wenn man sich die Lautstruktur näher anschaut, sind die betonten Silben entscheidend (siehe auch: Die Magie von Laut und Klang). Die unbetonten kann man weitgehend vernachlässigen, es sei denn, es gibt Häufungen an markanten Verspositionen, z.B. häufiges -en als Endungssilbe, was ein bisschen Monotonie erzeugt. Neben der Frage, ob sich in Gedichtteilen bestimmte Vokale oder Konsonanten häufen, gibt es zwei Sonderformen, die man kennen sollte: Alliteration und Assonanz.

Den Gleichklang von Betonungssilbenanfängen nennt man Alliteration. Dabei ist es gleichgültig, ob die betonte Silbe am Wortanfang oder inmitten des Wortes platziert ist. "Weißes Gewand" ist ebenso eine Alliteration wie "Welke Wangen". Auch die Schreibweise ist nicht entscheidend, nur der Klang: "Der frühe Vogel".

Assonanzen ähneln Reimen. Bei Reimen sind Vokale und Konsonanten ab einer betonten Silbe gleich, bei einer Assonanz nur die Vokale, die Konsonanten sind unterschiedlich. "Regen" und "Segen" reimen, "Regen" und "Leben" sind eine Assonanz, auch "Regen" und "Wege" oder "Zehe" sind Assonanzen. Wie die Reime können Assonanzen am Versende, aber auch innerhalb eines Verses auftreten. Das Auftreten innerhalb des Verses erzeugt einen harmonischen Klang. Das sollte sich im Inhalt widerspiegeln.

10. Form und Inhalt

Geht man die inhaltliche Interpretation von einer ausführlichen formalen Analyse aus an, ist die implizite Annahme, dass der Dichter sich bei der Form etwas gedacht hat. Das muss nicht immer so sein. Manches ist vielleicht gewohnheitsmäßig eingeflossen, manches hat sich quasi von selbst ergeben, aber letztlich hat er es so stehen gelassen. Das ist entscheidend. Selbst wenn er die Bauweise des Gedichts nicht in allen Einzelheiten so analysiert hat, wie jemand, der es interpretiert, schien ihm die Form zum Inhalt zu passen. Er muss es sich gefallen lassen, auf eine Absicht festgenagelt zu werden.

Ein bisschen berücksichtigen sollte man jedoch die Zeit, in der das Gedicht geschrieben wurde. Für einen Barocker war ein Sonett nichts Besonderes, bei einem Romantiker sind Unreinheiten bei Reimen oder im Metrum nichts Ungewöhnliches, bei modernen Dichtern ist wiederum die freie Form und damit eine weitgehende Missachtung des Metrums eine Selbstverständlichkeit. Formen, die zu ihren Zeiten besonders populär sind, haben also eher weniger Aussagekraft.

Die richtige Balance zu finden zwischen dem, was das Gedicht einem heute sagt und dem, was es vermutlich zu seiner Zeit sagen wollte, ist eh immer einer schwieriger Akt. Wichtig ist nur, dass man sich nah am Text hält. Und genau das sollten die Tipps hier ermöglichen. Was der Leser dann aus dem Gedicht für sich herauszieht, ist eine individuelle Sache, der Dichter hat dabei nichts mehr mitzureden.

Sämtliche Interpretationen beim Lyrikmond