Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Vergessene Expressionisten

Die Gedichte dieser Seite stammen mit einer Ausnahme alle aus der Zeitschrift Die Aktion, die vor allem während des Ersten Weltkriegs viele Expressionisten veröffentlichte. Dass Dichter und Gedichte seitdem weitgehend vergessen sind und sie nun zum ersten Mal im Internet veröffentlicht werden, ist mit Sicherheit nicht in der Qualität der Texte begründet. Viele der Dichter hatten schlicht nicht die Zeit, ein umfangreiches Werk zu schaffen, sich weiter zu entwickeln. Der Erste Weltkrieg machte ihren Leben sehr früh ein Ende. Und wer diesen überlebte, starb oft im Exil – auch von eigener Hand – nach der Machtübernahme der Nazis, die sehr gründlich darin waren, nicht genehme Literatur zu verdrängen und zu vernichten. Auch darf man nicht vergessen, dass der Expressionismus in der Lyrik selbst zu seiner besten Zeit zwischen 1910 und 1920 eher eine Randerscheinung war, eine eigene Subkultur junger Dichter. Wer nicht das Glück hatte, in die wenigen Expressionismus-Anthologien aufgenommen zu werden, der wurde bald vergessen. Zum Glück gibt’s nunmehr nicht nur die Wissenschaft, die sich mit dem Expressionismus und seiner Bedeutung für die Literatur auseinandersetzt, sondern auch das Internet, in dem jeder die Möglichkeit hat, seine Interessen auszuleben und mich interessieren gerade die Expressionisten, daher diese Ausgrabungsarbeit.

 

Des Dichters letzte Strophen

Mit diesem Zusatz und einer Todesanzeige wurde das folgende Gedicht in der Aktion 1915 veröffentlicht. Es soll stellvertretend an die vielen jungen Dichter erinnern, die bei dem ersten großen Gemetzel des 20. Jahrhunderts getötet wurden.

Hugo Hinz · 1894-1914

Verse

I
Mit Weh im Herzen durch die fremden Straßen laufen
und ein Glockenläuten lang
nur stillhalten:
Das ist mein Leid
seit so vielen Tagen.

II
Der Sommer kam,
und größere Fülle ward dir, Natur.
Nun reifte langsam die Frucht
der Gebärung entgegen
und wandte sich quillend zum Licht. –
Wir träumten kaum erst unter Blütenbäumen
vom Leichten des Daseins,
da überkam uns schon
schwerdunkle Fülle des Grabes.

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Hass und Spiele

Ludwig Bäumer packt die ganz alltägliche Unterhaltungsmaschinerie in eine etwas unappetitliche Feuchtlandschaft.

Ludwig Bäumer · 1888-1928

Im Varieté

Aus dem leeren Parkett ragen die Stühle
Wie schmutzige Stümpfe vernachlässigter Zähne,
Irgendwo riecht es wie Sägespäne,
Jäh verschluckt von dem dampfigen Gewühle

Der feierabendlichen Menge, die freibillettet
Sich aus Schals und Gestricktem schält,
Sich vollbusig, ellbogenkräftig strählt
Und gegenseitig zum Eingang plättet.

Nun haben die Stümpfe sich plötzlich verlängert,
Der Saal liegt, ein zahnbesäter Rachen,
Und aus den Reihen steigt ein Lachen,
Prophylaktisch-lüstern, verdauungsgeschwängert.

Ein mageres Weib, vom Leben zerfressen,
Speit seinen Hass in die lechzende Menge,
Lautlos labt sich das Fleischgedränge
Vampyrgleich an den blutigen Späßen.

Der Vorhang fällt. – In das schwüle Nochschweigen
Grellt eine Bogenlampe Licht. –
Der Rachen schweißt nach dem fetten Gericht,
Dann lärmt er in das höhnische Neigen

Der nochmals Entblößten sein wieherndes Mehr – – –
Und sie holt aus dem Schlund ihrer Feilheit
Fetzen auf Fetzen johlender Geilheit. – – –
Und glühend atmet der Rachen und schwer.

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Ein Gedicht als Film

Das damals junge Medium des Films hatte unter den Expressionisten einige Freunde, weil es die Möglichkeit bot, eine Wirklichkeit fragmentarisch zu konstruieren. Dieses „Drehbuch“ erinnert mich stark an die Art der Monty Python-Trickfilme von Terry Gilliam.

Hans Leybold · 1892-1914

Konfusion - Ein Film

Plötzlich sprangen in den Straßen Gräber auf wie Erbsenschoten,
und jämmerliche Wesen wälzten sich heraus, die drohten
mit ihren blassgebleichten Knochen ihren Ururenkeln:
Die stoben fort und auseinander, als brennte es in ihren Schenkeln,
Pest oder Cholera im Bauch oder Jüngster Tag am Ende
(man muss doch sehn, ob man Rettung fände,
man hat sein kleines Leben lieb; die Hände,
die sich über alles strecken – –
wer weiß, ob man schlauer ist, versucht, sich zu verstecken).
Sie hopsen, springen ängstlich über Straßenbahngeleise
sie tanzen durcheinander: jeder in seiner Weise,
der eine verkriecht sich im Lokus, um sich zu retten,
der verwälzt sich tief in seine Betten,
viele fallen über die Geländer hoher Brücken,
fallen in hochgeschwollene Ströme, müssen in großen Schlücken
gelbes Wasser saufen, andere aber drücken
voll Furcht vor Unbekanntem sich an ihre Weiber.
Auf einmal greift eine unmäßig große Hand vom Himmel,
schiebt sich langsam durch chaotische Gewimmel,
plättet die Straßen als wären sie Wäsche,
greift aus dem Gewühl sich ein paar besonders fesche
Kokotten und Kavaliere, ein paar dicke Kommerzienräte,
stört in den diversen Salons die Abschiedsfete,
stürzt Börse und Kirche und Rathaus um, als mähte
sie Gras ... hebt sich, verschwindet ... nichts ist passiert.
Ein Gentleman sieht nach, außerordentlich blasiert.

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Das expressionistische Sonett

Das Sonett stand hoch im Kurs bei einigen Expressionisten, es bot sich durch seine Tradition an als Spielwiese für Inhalte, die so ganz anders als das Gewohnte waren.

Alexander Bessmertny · 1888-1943

Unfall

Eingefahren ist mein Kopf. Es fallen
Die vier Wände selbst erschreckt hinein,
Dass die Schädelplatten berstend schrein
Und die Knochennähte platzend knallen.

In die Augen – Ohren – Nasenluken
Wellt kein Strahl von Licht und Schall und Duft,
Um mich wirbelt ringsherum die Luft
Geister, die jetzt heimentlassen spuken.

Herbstlich blättern abwärts meine Häute,
schälen bloß das magere Gestell
Zum Entsetzen der erschreckten Bräute.

Pietätvoll hebt sich Marion ein Stück Fell,
Lo gesteht, dass sie mich immer scheute,
Sybil tritt mich, und ich klapper hell.

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Expressionistische Verslängen

Formal gingen Expressionisten bei der Verslänge in beide Richtungen: Extrem lange Verse, die schon Prosacharakter hatten, und extrem kurze, die den Zeitgeist einer sich stark beschleunigenden Zeit mitnahmen. In diesem Beispiel gleitet die Kürze der Verse nicht zu sehr ins stakkatohafte ab, da besonders im Mittelteil einige melodische Zeilen enthalten sind.

Kurd Adler · 1892-1916

Verheißung

Tage springen auf
mit lichtendem Glanz,
von Verheißungen schwer.
Meine Hände betasten
gierig das Große
und gleiten hinab
und ahnen Geschick
flutender, rauschender Gebärden.
Und greifend spielend
den schweren Ball
aufsteigender Sonnen.
Zitterndes Glück
ahnt sich vorbei.
Farben zerfließen,
werden zum Rahmen
zersinkender Dinge,
verklingender Köpfe,
zerrinnender Wünsche.
Auf breitem Feld
schleicht schweren Schritts
mit brechendem Rücken
müdgraue, fressende
gestaltenlose Einsamkeit.
Ein bitteres Schreien
tief hinten im Hals
zerbricht den Tag,
der weise und lächelnd
sich selbst begräbt.

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Großstadtlyrik

Ein Gedicht zur Großstadt darf auch auf dieser Seite nicht fehlen. Die Expressionisten haben das Thema jedoch nicht für die Lyrik entdeckt, da waren die Naturalisten schneller. Aber gerade die ersten zwei Strophen dieses Gedichtes zeigt, wie anders der expressionistische Umgang mit der Großstadt war. Der Rest des Textes trägt inhaltlich durchaus naturalistische Züge.

Oskar Kanehl · 1888-1929

Die Stadt

I
Wie geile Tiere aneinander gedrängt,
steinerne Kasernen.
Aus einem Dachstuhl
steigt ängstlich und ungehörig
die Sonne.
Aufgespießt von einem Fabrikschornstein
und rußgeschändet
fällt sie zurück.
Maschinenlärmbetäubt
und stauberstickt
starben die Seelen
in Nacht.

II
Menschen wie Madengewimmel.
Ohne Schlaf. Eile! Eile!
Geschäft und Büro und Fabrik.
Hohle höhnende Augen,
brillenverdeckelt.
Fliegende Fleischlappen
an krüppligen Knochengerüsten.
Brustlose Frauen,
in Korsettpanzern hängend.
Schwangere.
Krankheit, Gier und Genuss.
Peststinkendes Elend.
Parfümierte Völlerei.
Verkommende Gotteskinder,
gehätschelte Abraummenschen.
Automobilhupen. Letzter
Schrei eines Überfahrenen.
Auflauf. Polizei.
Radfahrerklingeln.
Schnell vorüber. Ein Toter ist nichts.
Arbeit, Hunger.
Zerpresste Lippen.
Hunger, Arbeit.
Ein Sperling am Pferdekot.
Geld! – Geld! – Geld!

III
Drehorgel.
zweiter Hof.
Frühe Verdorbenheit.
Mädchengesichter, spitz
und wie blaugewordene Milch;
mit dicken gierigen
Lippen, Blutspur im Schnee.
Knaben, noch schulpflichtig,
zu früh zu Arbeit gehetzt
und Verbrechen.
Drehorgel.
Schieber der Minderjährigen.
Pass auf, du – mir wird
– wenn Mutter kommt ...!
Drehorgel
Bettelnder Aufblick.

IV
Auf dem Pflaster, drüber und drunter
eilen geschäftige
Triebwagenwunder.
Brückengewölbe sind wuchtig gespannt
über breite schmutzige Wasser:
eine eroberungskühne menschliche Hand.
Steil in den Himmel
sticht Schlot an Schlot
wie ein Kriegslager gegen Gott.
Zäh und gehärtet in langer Glut
beherrscht ein trotzig Gehirn
Menschenblut.

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Ich-Suche

Das Leben als Mensch, der andere Wege geht, war ein wichtiges Thema bei den Expressionisten. In diesem Gedicht geht die Reise zum Ich durch Zeit und Raum.

Arthur Holitscher · 1869-1941

Scham und Läuterung

In dieser Heimsuchung verfinsterten Tagen,
Blut fließt hinaus, Blut fließt nicht herein,
Heute wenn irgendwann musst du es tragen,
Du selber zu sein.

Wer warst du in all diesen Zeiten,
Wo hat deine Seele geweilt?
Du weißt es, sie war in Weiten,
Endlose Wege weit fortgeeilt.

Vorwärts nicht, wo die Zukunft lacht,
Uns trauernden Menschen ewig die Zukunft lacht,
Sondern zurück in die Zeiten der Nacht,
Undenkliche Vorzeit der Wut und Nacht.

Fellmenschen hausen dort in Grimm, Angst und Hass,
Zeigen Wunden, beraten Tod, weiden sich am Weinen,
Vatermord, Blutschande schwelt im Qualmgelass,
Funke sprüht nur vom geschliffnem Stahl, scharf wetzenden Steinen.

Dorthin hat es dich, Seele, gezogen,
Nacht war’s und Not, wonach dich gelüstet!
Dafür an Lichtbrüsten der Gestirne gesogen,
Dass jetzt der Abgrund den Pfad dir rüstet!

Hör das Fluchen, das Donnern, Winseln –
Kreuz und quer zieht es durch Licht und Schall,
Anrennt und durchschüttert es Festland und Inseln,
Himmel und Meer, das unbegriffene All.

Heut ist der Tag nicht, sich eins zu wissen
Mit diesem lebenden Menschengeschlecht.
Sie werden dich, du wirst sie nicht vermissen,
Fort aus Ihrem Schlecht und Recht!

Lüge die Zukunft und Wüste das Vergangene –
Horch in den Tag und begreife es nur.
Der Herrscher, der Sklave, der Tote, der Gefangene
Weist deinem Ziel die einzige Spur.

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Das Wir im Expressionismus

Relativ häufig kommt das Wir in expressionistischen Gedichten vor, ein Zeichen dafür, dass Expressionisten sich als Gruppe verstanden: Wir gegen die Anderen.

Otto Pick · 1887-1940

Noch immer ...

Noch immer dies nicht zu uns selber kommen!
Tag bröckelt ab. Was denken? Lose Dinge,
Verächtliche und ferne, zu geringe,
Inhalt zu sein, da alles fortgenommen?

Wenn, was wir ohne Augenleuchten sagen,
Nicht Ausflucht ist, dann besser: zu beenden.
Schwärt aus den Aussatz an den müden Händen,
Dass wir einander ihren Druck versagen?

Von Mensch zu Mensch ... Wann redeten wir so?!
Wir kränken uns in jeglicher Sekunde,
Der Geist, das reine Kind, irrt frierend irgendwo,
Uns stirbt das Wort ab im erstarrten Munde,

Und nannte jeder eine Mutter sein,
Und strahlte jedem Heil aus guten Augen.
In welche Hölle stürzten wir hinein,
Die Hirn und Herz zerfrisst mit bösen Laugen?

Wir möchten Liebe denken. Da verschwimmt
Das reine Bild vor unseren Tränenblicken,
O dunkle Hand, die alles trübt und nimmt
Und einsam wacht, bis wir uns selbst zerstücken.

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Erlösungsgedicht

Auch das gehört zum Standardrepertoire im Expressionismus: Der Wunsch nach einem neuen Leben, Revolution und Befreiung.

Richard Oehring · 1889-1940

Die Erlösten

Noch zagten sie. Die kaum gelösten Glieder
verspürten noch den Druck zersprungner Ketten.
Noch senkten sie den Blick zu Boden ...
Doch fühlten sie, wie ihre Herzen blühten,
wie sie die Kunde selig überwölbte,
wie alle Gletscher schmolzen, die sie bannten
in Frost der Einsamkeit, und
wie aus den Ketten Blumenkränze wurden,
die sie zu seligem Verein umwanden –

Nun ragt die Welt.
Der Fremdeste erkennt sich in der Heimat.
Die Kunde glüht im Rauschgesang des Meeres.

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Die expressionistische Generation

Noch mal ein „Wir-Gedicht“, das zur Suche nach Änderung und Befreiung auffordert, wobei der Anfang überraschenderweise kund tut, dass es dieser Generation eigentlich zu gut geht.

Kurd Adler · 1892-1916

Das neue Leben

Einmal müssen wir den Gang in die Qualen der Städte tun,
müssen das schwärende Leid am Quell aufsprudeln sehn,
müssen die sorgsam gepflegten Hände in Widrigkeiten vergraben
und im Rauch der Schlünde die Liebe der Farben verlieren.
Wir tragen immer nur Früchte in Händen,
ausgereifte, geglättete, schöne Früchte,
und das wehende, wilde, verbitternde Werden
ist uns nur Gleichnis dem lichtenden inneren Streit.
Was wissen wir von den Tiefen armseliger Seelen
und von den Schreien werkenden, wirkenden Lebens ...
Einmal dann finden wir nicht mehr das Band,
das wir achtlos verloren in seiner hässlichen Rauheit.
Und von dem fauchenden Wellrad der Welt
trennt uns glasgüldene selbstisch strotzende Mauer.
Die dürftigen Brücken haben wir spielend zerstört,
und der Blick sieht wirklich nur Gärten im Land
und blühende Berge und ausgeruhte Gestalten.
In welchen Formen tasten wir dann nach dem letzten Weh des eignen Erlebens.
(Zerschlagene Knöchel warnten uns längst vor eisernen Toren) ...
Aber der Gang muss einmal, einmal geschehen.
Tiefstürzend mit aufgerissenem Blick, damit wir
im Rasen besser zersinken als im Ermatten verwundeter Sinne.
Der letzten, unendlichsten Schächte kümmerlich Sein,
der Kläglichkeiten arme Monotonie und das wartende Glück
der Geborstenen ist erst rauschend Geschehen.
Vielleicht, dass dann auch das letztliche Leid erscheint,
dass auch wir nicht mehr an uns zerbluten
und in der gewachsenen Härte aufblühen zu der uns bestimmten Verschwendung.
Und errafft uns dann ein Rad und jagt uns, damit wir uns selbst vergessen
und ungekannt mit den hässlichen Gliedern der fremden Menschen uns mengen,
ist dies ein würdiges Ende und aller Gedanken krönende, wissende Bindung.

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Lebenshunger der expressionistischen Generation

Um den Hunger nach Licht und Leben eindringlich, also expressionistisch zu gestalten, greift der Dichter hier zum erblindeten Wir.

Kurt Finkenstein · 1893-1944

Nie aber ...

Wie leergesengt sind unsere armen Augen,
Feuergarben fielen in ihre Pupillen.
Jetzt wollen sie nicht mehr zum Leuchten taugen,
Nichts kann ihren Hunger stillen.
Sie fressen gierig alle Glut des Taggestirns,
Krampfen in alle Strahlen sich fest,
Wühlen in Schlünden offenen Hirns,
Wo Werdendes sich ahnen lässt,
Steigen in dunkele Tiefen,
Wo Erde unter Äxten ächzt,
Tasten in vergilbten Briefen,
Suchen, was nach Freiheit lechzt.

Nie aber werden unsere Augen satt ...

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Mystischer Expressionismus

Der expressionistische Überschwang führt hier in Höhen, die sonst nur Science Fiction- oder esoterische Bücher erreichen.

Hans Leybold · 1892-1914

O über allen Wolkenfahnen ...

O über allen Wolkenfahnen,
die windgetrieben sich in Bläue krallen,
stehen unverrückbar Sonnen, welche niemals fallen.
wir schwingen uns bewegt in ihre Bahnen,

sind selber Nebel und bestrahlte Dämpfe.
Verdrängen wir die nächt’gen Schatten
der Erdendinge! Lassen alle nimmersatten
Begierden. Gelöst sind alle Krämpfe,

die hart die Glieder engten.
Wir werden Äther, Luft und Wellen.
Oh, aus unsern Leibern strömen Quellen,
spritzend in das ungewohnte Licht! Wir schenkten

uns dem All! Es hat uns königlich empfangen.
Mit Sturmtrompeten und mit Regenwehen.
Wie unsre Füße über Sonnenbrücken gehen!
In unsrer Hände Kelch hat sich ein Tropfen Gold gefangen.

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Eine eigene Welt

Vielleicht kann man dies als ein Grundprinzip des Expressionismus ansehen: Die Dichter schufen sich ihre eigene Welt mit einer ihnen eigenen Bildersprache. Damit wurden sie Wegbereiter für die Lyrik kommender Generationen.

Ernst Weiß · 1882-1940

Der bunte Dämon

Sei du der Panther dieser neuen Häuser,
Aus Glas und Eisen, aus Beton und Licht,
In denen keine Tiere hausen.
Sei Katze du, mit langen Hüften, kühn und ohne Tränen.
Sei hartes Tier, das nichts vom Tode weiß, bevor es stirbt.
Sei hold, du holdes Tier, das nichts vom Tode weiß, bevor es stirbt.
In sich verkrümmtes Tier, wie Feuer glänzend,
Vor Freude bebend, blutig und beschwingt in seiner Leidenschaft,
Auf Inseln wohnend, ohne seinesgleichen.
Von Inseln bringe Schmerzensschrei und stärkste Lust, und im gesenkten Hals endloses
Weites Schreiten ohne Müdigkeiten.
Von jenen Inseln, die im Meere starren,
Wo harte Blumen unüberwindlich bunt aus Bitterlauge wachsen,
Und sich in giftigen Meereswogen spiegeln wie am süßen See ...
Sei immer!
Sei Glühfaden, immer zitternd in den leeren Lampenbirnen, immer leuchtend, so lang du lebst,
Mehr Stern als die Sterne.
Bunter Dämon!
Tanze ewigen Frühling, ewiges Licht.
Tanze den ersten Kuss der Geschlechter, die ewige Rechtfertigung Gottes,
Umkreise die Sonne, bunter Dämon, mit der Sonne tanzt du um Gott.

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Expressionistische Frühgeburt

Georg Stolzenberg zählt eigentlich nicht zu den Expressionisten. Er veröffentlichte bereits 1899 mehrere Gedichtbände, die von Arno Holz und seinen Ideen zur Lyrik beeinflusst waren. Trotzdem zeigt dieses Gedicht bereits unverkennbar expressionistischen Spuren. Der Expressionismus lag sozusagen in der Luft.

Georg Stolzenberg · 1857-1941

Über den Müggelsee gleiten Glockenlaute ...

Über den Müggelsee gleiten Glockenlaute.

Aus dem Wald
schrillt ein Schrei.

Ein Hase, den ein Fuchs gefangen.

Voll, feierlich das Läuten in das Todeskreischen.

Ich halte beide Ohren zu, stiere in den purpurnen Himmel.

Aus der roten Sonnenwunde
stürmen sie.

Reißen von den Stirnen, von den zertretenen Herzen den Verband;
schwingen ihn hoch, blutige Fahnen!

Zerlumpte Weiber heben spinnige Kinder.

Dirnen heulen.

Bettler schlagen die Flasche über den Kopf in Scherben.

Alle ballen die Fäuste,
brüllen.

Ich wühle die Stirn ins Moos ...

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Expressionistische Frühgeburt II

Auch dieses Gedicht würde man ohne Kenntnis des Veröffentlichungsjahres des Expressionismus verdächtigen. Doch auch Robert Ress gehörte zum Kreis um Arno Holz, der 1899 eine Veröffentlichungsreihe startete.

Robert Ress · 1871-1935

Unersättliche Kiefer mahlen.

Unersättliche Kiefer mahlen.

Winzige Augen stechen giftgrün ins Dunkel.

Tausende von leichenfahlen Gliedern
setzen immerfort neue an.

Das Schwanzende fault.

Ab und zu, matsch geworden,
klackt ein Stück
runter.

Verpestet den Sternenäther.

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