Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Großstadtgedichte

Die Großstadt ist mangels Großstädten noch nicht lange Thema in der Lyrik, und da bekanntlich auch früher schon früher alles besser war, ist der Blick der Dichter sehr kritisch und die Sehnsucht nach Natur und Land groß.

 

Rilke über die Städte

Kein gutes Haar lässt erwartungsgemäß Rilke am Leben in der Stadt: Die Städte sind Mordbrenner, die Menschen verlieren ihre Mitte.

Rilke: Die Städte aber wollen nur das Ihre ...

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Millionenstadt persönlich

Mit einer Millionenstadt persönlich unterhält sich das lyrische Ich in diesem Gedicht und nimmt kein Blatt vor den Mund ob der Bösartigkeit dieser Person.

Max Haushofer · 1840-1907

Die Großstadt bei Nacht

Was schreist du mir zu, Millionenstadt,
aus deinen verworrenen Straßen?
Bist hungrig oder bist du satt?
Willst grollen oder spaßen?
Es flimmert elektrische Lichterflut
durch deine Gassen und Plätze.
Millionenstadt, das steht dir gut,
du alte, gefährliche Metze!
Ich kenne dich schon, wie gefräßig du bist!
Deinem Lande entsaugst du sein Bestes!
Ziehst alles an dich mit Gewalt und List
und dem Glanz unaufhörlichen Festes!
Deine Winkel, die sind aller Sünden voll,
und tausend Gesichter vereinst du!
Bald branntweintrunken, bald liebestoll,
bald jauchzest du, bald weinst du!
Verzweiflung durchwandert jede Nacht
deine verfluchtesten Schwellen
und drängt von deinen Brücken sacht
ihre Opfer in Stromeswellen!
Versuchung durchwandert Tag für Tag
deine Höhlen und deine Paläste
und bringt zu deinem Prunkgelag
Diebstahl und Mord als Gäste.
Dein Herz ist grausam und wieder mild –
dein Auge voller Hoheit und Tücke!
Durch deine Adern fiebert wild
die Hetzjagd nach dem Glücke.
Dein Mund ist heiß und nimmersatt,
deine Arme, sie rudern und ringen –
du große, finstre Millionenstadt,
was willst du noch alles verschlingen?

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Expressionistisches Gedicht über die Stadt

Die Entindividualisierung und Vermassung ist einem Dichter eh ein Graus, die Großstadt macht sogar ein Gottesdienst daraus.

Heym: Der Gott der Stadt

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Noch ein expressionistisches Gedicht über die Stadt

In diesem Gedicht wird die Großstadt sozusagen gevierteilt, was einige unschöne Einzelheiten zum Vorschein bringt.

Oskar Kanehl · 1888-1929

Die Stadt

I
Wie geile Tiere aneinander gedrängt,
steinerne Kasernen.
Aus einem Dachstuhl
steigt ängstlich und ungehörig
die Sonne.
Aufgespießt von einem Fabrikschornstein
und rußgeschändet
fällt sie zurück.
Maschinenlärmbetäubt
und stauberstickt
starben die Seelen
in Nacht.

II
Menschen wie Madengewimmel.
Ohne Schlaf. Eile! Eile!
Geschäft und Büro und Fabrik.
Hohle höhnende Augen,
brillenverdeckelt.
Fliegende Fleischlappen
an krüppligen Knochengerüsten.
Brustlose Frauen,
in Korsettpanzern hängend.
Schwangere.
Krankheit, Gier und Genuss.
Peststinkendes Elend.
Parfümierte Völlerei.
Verkommende Gotteskinder,
gehätschelte Abraummenschen.
Automobilhupen. Letzter
Schrei eines Überfahrenen.
Auflauf. Polizei.
Radfahrerklingeln.
Schnell vorüber. Ein Toter ist nichts.
Arbeit, Hunger.
Zerpresste Lippen.
Hunger, Arbeit.
Ein Sperling am Pferdekot.
Geld! – Geld! – Geld!

III
Drehorgel.
zweiter Hof.
Frühe Verdorbenheit.
Mädchengesichter, spitz
und wie blaugewordene Milch;
mit dicken gierigen
Lippen, Blutspur im Schnee.
Knaben, noch schulpflichtig,
zu früh zu Arbeit gehetzt
und Verbrechen.
Drehorgel.
Schieber der Minderjährigen.
Pass auf, du – mir wird
– wenn Mutter kommt ...!
Drehorgel
Bettelnder Aufblick.

IV
Auf dem Pflaster, drüber und drunter
eilen geschäftige
Triebwagenwunder.
Brückengewölbe sind wuchtig gespannt
über breite schmutzige Wasser:
eine eroberungskühne menschliche Hand.
Steil in den Himmel
sticht Schlot an Schlot
wie ein Kriegslager gegen Gott.
Zäh und gehärtet in langer Glut
beherrscht ein trotzig Gehirn
Menschenblut.

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Ein Großstadtgedicht von Morgenstern

Es ist nicht bekannt, wie viel die Berliner Christian Morgenstern für die folgende Hommage gezahlt haben, aber wahrscheinlich waren sie schon damals am Rande der Pleite, sonst wäre das Gedicht länger geworden.

Morgenstern: Berlin

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Zwischenmenschliches in der Großstadt

In der Anonymität der Masse reicht, wenn man diesem Gedicht glauben darf, schon ein Blick, um wieder etwas Himmel zu sehen.

Werfel: Menschenblick

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Flüchtigkeit des Großstadtlebens

Die flüchtige Blickbegegnung ist ein typisches Merkmal des Großstadtlebens. Tausende Augen berühren den Großstadtmenschen, doch der Kontakt reißt sofort wieder ab.

Tucholsky: Augen in der Großstadt

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Romantik in der Großstadt

In zwei Skizzen stellt der Dichter ein Stückchen Romatik dem seelenlosen Großstadtleben gegenüber.

Fritz Droop · 1875-1938

Die Industriestadt

Ketten klirren, Menschen hasten;
Mörderisch ist die Schlacht der Lasten, ...
Keine Seele wird geschont.

Doch ein Licht fällt in den Jammer:
Irgendwo ist eine Kammer,
Wo die Liebe wohnt.

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Feierabend in der Stadt

Impressionen aus der Großstadt am Feierabend von vor über 100 Jahren bietet dieses Gedicht. Dass es seit jener Zeit große Fortschritte gegeben hat, erkennt man an der Ladenschlusszeit. Schluss um sieben, davon können viele Verkäuferinnen heute nur noch träumen.

Stadler: Abendschluss

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Natur in der Großstadt

So ganz lassen kann der Mensch anscheinend nicht vor der Natur und so entstehen seit vielen Jahren auf den Balkonen kleine Naturoasen.

Lissauer: Balkons in der Vorstadt

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Bahnhofsgedicht

Eine sehr genügsame Art, sich das Land in die Stadt zu holen, schildert das lyrische Ich in diesem Stadtgedicht.

Salus: Ausflügler

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Stadtflucht

Die Sehnsucht nach Land und Natur ist in diesem Gedicht ungebrochen. Doch es bleibt zunächst bei der Absichtserklärung.

Lichtenstein: Der Ausflug

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Brief aus der Großstadt

Dass die Stadt psychologisch merkwürdige Folgen für einen Menschen haben kann, zeigt das folgende Briefgedicht an einen guten Freund.

Guido Zernatto · 1903-1943

Liebesbrief an ein Pferd

Ich bin, mein lieber Schimmel,
in einer großen Stadt.
Von jenem blauen Himmel,
der uns geleuchtet hat
auf vielen, vielen Ritten,
ist hier kein Fleck zu sehn
und es ist niemals Erde,
worauf die Menschen gehn.

Sie gehn auf harten Steinen
und auf glattem Asphalt.
Ich möchte manchmal weinen
nach Wiese, Acker, Wald.
Ich möchte wieder einmal
mit dir im Freien sein
und über die Wiesen traben
bis spät in den Abend hinein.

Wie waren wir zusammen!
Gemeinsam Weg und Ziel!
Wir sprangen im Herbst durch Flammen,
wir schwammen Sommers für Spiel,
wir stampften im vorigen Winter
hinauf ins obere Tal,
wir waren am See und im Hochwald,
auf den Almen ein anderes Mal.

Wie soll ich dir das alles sagen?
Ich schreibe – es ist dumm!
Niemanden kannst du tragen,
niemand legt das Saumzeug dir um.
Wer weiß, ob ich noch einmal
zum Pferdestall hingeh
und ob ich dann noch alles
wie einst im Lichte seh.

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Die Hektik der Großstadt bringt das folgende Stück von Claude Chalhoub gut rüber, vergisst aber auch nicht die lauschigen Ecken, die es in einer großen Stadt ebenso gibt: