Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte aus dem Mittelalter 2

2. Teil: Das Unbehagen an der Hohen Minne
Wir kommen nun zum zweiten Teil der Gedichte aus dem Mittelalter, in welchem Lieder vorgestellt werden, die das Unbehagen an der „Hohen Minne“ erkennen lassen. Es gelten auch im Folgenden dieselben Prinzipien wie im ersten Teil. Besonders sei noch einmal das laute Lesen der Gedichte empfohlen sowie die Wiederholung bekannter Texte. Gerade durch Wiederholung verliert die alte Sprache nach und nach ihre Fremdheit und wird allmählich vertraut. Zusätzlich finden Sie im ersten Teil der Mittelaltergedichte noch mal Erläuterungen, insbesondere zu sprachlichen Aspekten, die später nicht immer wiederholt werden.
Die Rechte für die Adaptionen und Anmerkungen zu den Texte liegen weiterhin bei Dieter Effertz.

 

Minne-Klage

Das folgende Lied beginnt mit einer herzzereißenden Klage; besonders intensiv klingt das am Ende des Wortes „wâfen“ angehängte „-â“, das auch noch in „hat“ und besonders in „gelâzen“ nachhallt und der ganzen Zeile den Charakter eines gequälten Stöhnens gibt. Das Lied endet dann mit einer Strophe, die es wirklich in sich hat.

Im Folgenden wird die adaptierte Version gebracht, die nur einige geringfügige Abweichungen vom Original enthält, das über den Button „Textversion“ einsehbar ist. Einige Worterklärungen vorweg:
Wâfen: Ursprünglich Alarmruf („Zu den Waffen!“), dann Weckruf und schließlich Klageruf (siehe auch Slâfst du, friedel ziere);
verwâzen: verfluchen; getortsten: wagen;
jêhen: sagen, sprechen; sêre: vgl. ver-sehren.

Hausen: Wâfenâ, wie hat mich Minne gelâzen ...

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Kommentar:
Friedrich von Hausen (eigentlich Her Friderich von Husen) gehörte zu den ersten, die die neuartige Lyrik der Dichter und Sänger der fin’amor, der südfranzösischen (okzitanischen) Trobadors, aufgriffen (um 1170). Er war es wohl auch, der den Ausdruck „Hohe Minne“ prägte. Aber so sehr ihn auch die anspruchsvolle Form dieser Kunst der Trobadors begeisterte, inhaltlich vermochte ihn die neue Lyrik offenbar nicht so recht zu überzeugen. Diese eigenartige Lust am Leiden kann man doch nicht „Minne“ nennen. Wo bleibt die vröide, wo bleibt die wunne? Mehr Kommentare (zu Wortbedeutungen)

Troubadour

Das von den Trobadors gebrauchte Südfranzösiche (Okzitanische) steht in dieser Zeit eigentlich als eine eigene Sprache (langue d'oc) neben dem Nordfranzösichen (langue d’oïl). Im originalen Okzitanisch heißen die Dichter „trobadors“, was soviel wie (Er-)Finder bedeutet. Auf (Nord-)Französisch wäre das eigentlich der „Trouvère“. Um aber die okzitanischen Dichter von trivialen „Findern“ abzuheben, wurde „trobadors“ nicht einfach übersetzt, sondern (mit leichter klanglicher Anpassung) als „troubadour“ entlehnt.

In der zu Frankreich gehörenden deutschsprachigen Grafschaft Flandern gelangte die neue Lyrik der Troubadours in den „holländischen“ Raum, wo Heinrich von Veldecke um 1170 „das erste Reis (der Hohen Minne) in deutscher Zunge pflanzte“ (Gottfried von Straßburg). Damit ging die frühhöfische Phase des deutschen Minnesangs in die hochhöfische Phase über.

Dass diese neue Form der Lyrik sich so rasch auch unter der deutschen Ritterschaft verbreitete, lag am Vorbildcharakter der französichen Ritter. In Frankreich (also auch im deutschsprachigen Flandern) hatte sich ein kulturelles ritterliches Selbstverständnis schon viel länger/früher ausbilden können. Die französische (und somit auch die flämische) Ritterschaft hatte bereits zu den Panzerreitern Karl Martells (ca. 700) gehört. Sie war älter als die deutsche Ritterschaft, die sich erst mit den Ungarnkriegen (seit ca. 900) ausprägte und galt daher in Fragen ritterlicher Standeskultur als vorbildhaft.

Dass der Ritter nicht einfach „ritaere“ heißt, geht übrigens auch auf das „Flämeln“ der deutschen Ritterschaft zurück. Im Flämischen heißt der Reiter „riddere“, das dann (mit klanglicher Anpassung) als „Ritter“ ins Mittelhochdeutsche übernommen wurde.

 

Minne-Trost

Im folgenden Lied erklärt Albrecht von Johansdorf der höfischen Gesellschaft, was es mit der „Hohen Minne“, die statt Freude und Erfüllung nur immer Leid und unerfülltes Sehnen bringt, eigentlich auf sich hat.

Auch hier wieder wird die adaptierte Version gezeigt, die nur einige geringfügige Abweichungen vom Original enthält, das über den Button „Textversion“ einsehbar ist. Einige Worterklärungen vorweg:
huote: vgl. behüten; eine (all-eine): allein; (ver)jehen: sagen, sprechen;
gewern: ge-währen; vervân: etwa: Effekt haben hôchgemuot: vgl. frohgemut; sâ: sofort

Johansdorf: Ich vant âne huote ...

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Kommentar:
Die Form dieses Gedichts als Streitgespräch ist in der Hohen Minne ein ziemlich einmaliges Phänomen; es war eher typisch für philosophische und theologische Dispute. Möglicherweise klingt aber hier auch noch die Form des Wechsels aus der überkommenen Tradition des Minnesangs an.

Weibliche Sehnsucht und weibliches Begehren hatten in der fin’amor keinen Platz. Wenn die Frauen etwas zu sagen hatten, dann „neinâ neinâ neinâ nein“ (vgl. Morungens „Frouwe, wilt du mich genern“).

Mehr Kommentare (zu Wortbedeutungen)

Domneare und Conflictus

Die eigenartige Lust am Leid und der Entsagung in der hochmittelalterlichen höfischen Liebeslyrik muss von der Entstehung der französischen fin'amor in Okzitanien her verstanden werden. Anders als die frühe deutsche Minnelyrik lässt sich die Troubadourlyrik nicht auf das Volkslied zurückführen.

Es gab zwar in den südfranzösischen (okzitanischen) Adelskreisen eine volkssprachliche, endreimende Liebeslyrik, aber diese war derb und respektlos. Die Ritter, zum Kampf erzogen und ausgebildet, fühlten sich als Krieger; Kultur und Bildung war etwas für Weiber und Pfaffen. Was im übrigen die adeligen Damen angeht, so wurde ihnen tatsächlich durch Hauslehrer aus dem Klerus eine durchaus höhere Bildung vermittelt. (Eine tragische Geschichte in diesem Zusammenhang ist die von Abaelard und Héloïse).
Aus dieser Bildungssituation heraus entwickelte sich eine lebhafte Kommunikation (meist in Form von Briefen) zwischen Frauen und Klerikern, wobei eine explizite Frauenverehrung, das Domneare, gepflegt wurde (Neben der Frauenverehrung bestand allerdings die hierzu im Widerspruch stehende traditionelle Frauenverachtung in der Theologie weiter. Es galt bei Frauen die „Kinder Evas“, die die Sünde in die Welt brachte, von den „Schwestern Marias“, die der Welt das Heil brachte, zu unterscheiden).

Das Domneare hatte sicherlich auch einen erotischen Reiz, doch Frauen waren, abgesehen von ihrer höheren Bildung, insbesondere auch durch ihr Rollenbild (n. b. Mutterschaft) in Fürsorglichkeit und Selbstlosigkeit den grundlegend christlichen Tugenden näher als die Krieger.

Viele gebildete Frauen zogen die Gesellschaft eines subtilen Klerikers der eines rüden Ritters vor. Die „amor“ der adeligen okzitanischen Männer empfanden diese Damen eher als Missachtung und Unterdrückung. So manche adelige Frau erließ ihren Mann, um in eines der (im Zuge der cluniazensischen Reform) neu gegründeten Klöster zu gehen.

Dieser „Conflictus“ zwischen Klerus und männlichem Adel fand auch literarischen Niederschlag. Wilhelm IX von Aquitanien greift das Thema in einem seiner Lieder (Canso V) auf:

Domna fai gran pechat mortal
Que no ama cavalier leal;
Mas s’ama o monge o clergal,

Diejenige Dame begeht eine Todsünde,
welche nicht einen echten Ritter liebt,
sondern einen Mönch oder Kleriker

Nach der Durchsetzung der Treuga Dei (zu Beginn des 12. Jh.) musste der kriegerische Adel seine permanenten Fehden weitgehend einstellen und sich gezwungenermaßen gesellschaftlichen Aktivitäten und der Bildung zuwenden. Nun wurden die Ritter „ritterlich“ und bei Hofe verhielt man sich „höflich“.

Auf diese Weise wurde auch die bisherige rücksichtslos-besitzergreifende grobe Erotik des Adels (als „fals’amor“)zurückgedrängt zugunsten einer am Domneare der Kleriker orientierten respektvollen fin’amor.

Die Verfasser dieser neuartigen, respektvollen Liebeslieder waren die Troubadours.

Als erster Troubadour gilt Wilhelm IX. von Aquitanien (um 1100). Erst nach seinem Tode (1127) fand er in J. Rudel einen Nachfolger, bei dem es um die „amor de longh“ (Sehnsuchts-Liebe) zu einer Dame ging, der er niemals begegnet war und nie begegnen würde.
Bald kam Marcabru hinzu, ein ausgesprochener Moralist, der mit besonderem Nachdruck die neue „fin'amor“ der (alten) „fals'amor“ entgegen stellte.

Da der neuen Liebesdichtung das Domneare der Kleriker (die sich zur Keuschheit verpflichtet hatten) zugrunde lag, wundert es nicht, dass in ihr der Verzicht eine so zentrale Rolle spielt. In der fin'amor galt: Eine Beziehung erweist sich nur dann als wahre Liebe, wenn durch die vorgetragene, letztendliche Entsagung ein jeder Zweifel an ihrer Selbstlosigkeit hinfällig wird.

 

Herzensliebe statt Minne

Über das Ungenügen an der Hohe Minne zu klagen war nicht schwer, galt vielleicht sogar als „schick“. Morungen trifft aber mit seiner lyrischen Kritik die Hohe Minne mitten ins Herz; er entlarvt sie als verlogen, aufgeblasen, unaufrichtig: ein leeres Papagaiengeplapper!
Einige kurze Worterläuterungen vorweg:
danc haben: etwas zuwege bringen; gebrechen: hier so viel wie: entbehren; fuoge: Anstand; gît: Kontraktion von gibet!

Morungen: Sie sol niht allen liuten lachen ...

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Kommentar:
Mehr Worterläuterungen:

Morungen bezieht in diesem Text eindeutig Stellung: Allemal besser als die „gekünstelte“ Hohe Minne ist die Herzeliebe wie sie in den alten Wineliedern ihren Platz hatte. Diese erschien entgegen der Hohen Minne als innig, offen und aufrichtig.

Die künstlerisch anspruchslosen und schlichten Winelieder vertreten mit ihrem Ideal der Herzeliebe eine Liebesvorstellung, die durchaus einer fin'amor entspricht; Was im deutschsprachigen Raum als angemessen schlicht empfunden wurde, wirkte auf die „Latins“ und „Romans“ eher barbarisch und primitiv.

Dass es im deutschsprachigen Raum bereits vor der Verbreitung der Troubadourlyrik mit der Herzeliebe eine fin'amor gegeben hat, lag einerseits daran, dass das ostfränkische Gebiet von kriegerischen Exzessen wie in Okzitanien verschont blieb. Andererseits lebten die beiden Regionen auch in völlig unterschiedlichen sozio-kulturellen Traditionen. Die Okzitanier verstanden sich als Erben der römischen Kultur, die eindeutig patriarchal ausgerichtet war; dagegen war bei den Germanen noch manche mutterrechtliche Eigenart lebendig, was einen deutlichen Unterschied bezüglich des Ansehens und der Stellung der Frau beinhaltete.

Den Minnesängern war die Herzeliebe eigentlich viel wichtiger als die Hohe Minne. So findet sich bei Dietmar von Eist schon im frühhöfischen Minnesang, also vor dem Aufkommen der Hohen Minne, ein Bekenntnis zur Herzeliebe:

ich hân der frouun vil vertân
da ich nicht herzeliebe finden kunde
(Ditmar v. Eist, Lachmann 35,5)

Wo der Minnesänger also keine Herzeliebe bei einer Frau findet, ist sein werbendes Dichten an sie verschwendet. Nun aber beginnt die Hohe Minne die Herzeliebe zu verdrängen. Die Bewunderung für die formale Raffinesse ebnete auch den Inhalten, Motiven und Liebeskonzeptionen der Troubadour-Lyrik den Weg in den deutschen Minnesang.

Mit der kunstlosen Form wurde auch die Herzeliebe, die in ihr besungen wurde, „obsolet“.