Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte über Dichter und Gedichte 1

Ein Dichter im Gedicht ist in etwa so etwas wie ein Regisseur im Film; das kann im eigenen Film oder in einem von einem anderen Regisseur oder in einem über einen Regisseur sein. Und so ist es auch mit Gedichten über Dichter, die entweder über sich selbst schreiben oder über jemanden, der dichtet. Doch wie immer gilt auch hier das ironische Spiel, dass ein „Ich“ im Gedicht nicht notwendigerweise der Dichter selbst sein muss, sondern ein fiktives oder, wie man in der Lyrik sagt, lyrisches Ich sein kann.

 

Rilke über einen Dichter

Das Wesen des Dichters sucht Rilke in einem kurzen Gedicht festzuhalten. Der Schluss ist sehr treffend.

Rilke: Der Dichter

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Expressionistisches Dichterbild

Eine hohe Meinung vom Dichter vertritt die expressionistische Generation und dachte dabei sicher auch an sich selbst, denn die Lyrik war das beste Spielfeld für expressionistische Ideen.

Kurd Adler · 1892-1916

Die Dichter

Sie werden stets allein und einsam sein,
und wie ein Teppich werden Leid und Lust
vor ihnen liegen. Nichts wird klein,
nichts neu in ihnen sein. Denn ganz bewusst
war in dem Blute lange schon der Klang,
der dies gekündet. So sind sie das Licht,
das in den Straßen wacht nach Sonnenuntergang,
und sind der Schrei des Lebens, das zerbricht.
Sie sind die Fingerspitzen der geweihten Hand
des Hirten, der die große Herde segnet,
und sind die Sehnsucht, die ein Knabe fand,
schreiend im dunklen Zimmer. Wenn es regnet,
sind sie das Klagen im befleckten Glas.
Sie schauen Liebende, die sich zerreißen,
und trinken ungestillt die Nöte und den Hass
und das Geschrei der Frauen, welche kreißen.

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Der Dichter als Schöpfer

Der Dichter bzw. der Künstler allgemein als Gott seiner eigenen von ihm geschaffenen Welt, das ist das Thema des folgenden Gedichts.

Ernst Lissauer · 1882-1927

Lied des Künstlers

Noch immer ist Schöpfungstag.
Werdende Luft kreist warm.
Gottheit mit meinem Arm
Holt aus in bildendem Schlag.


Die begonnene Welt harrt still,
Winde des Anfangs wehn.
Ich habe gesprochen: ich will,
Und so soll es geschehn.

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Gedicht über Dichter und Leser

Um das angespannte Verhältnis zwischen Dichter und Leser geht es in diesem Gedicht – oder auch nicht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Lieber Leser!

Du
liest meine Gedanken.
Du veränderst sie,
du verfälschst sie,
du verrätst sie,
du verwendest sie
– gegen mich.
Du
bist der Feind.

Jesus soll gelehrt haben:
Liebe deine Feinde.
Doch was wurde aus ihm
und seinen Gedanken?

Lieber Leser,
nun wirst du Verständnis haben,
dass ich hier
keine Gedanken verbreiten kann,
sondern nur
Unsinn.

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Abgebrochenes Dichter-Sonett

Ein abgebrochenes Sonett schildert den Zwiespalt, dass ein Dichter nie der unvoreingenommene Leser seiner Gedichte sein kann.

Herrmann-Neiße: Der Zauberkünstler

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Das Fremdheitsgefühl eines Dichters

Gedichte zu schreiben hat auch etwas damit zu tun, sich eine eigene Welt zu bauen, da die reale nicht immer gastfreundlich oder sogar oft fremd und manchmal gar irreal wirkt.

Michael Maicher · geb. 1954

In der Fremde

Mein Himmel
aus Worten gebaut
der mir Schutz geben möge
vom Feuer der Erde

Meine Buchstaben
zu Zeilen gereiht
die mir erklären sollen
den Sinn im Sinnlosen

Meine Gedanken
verlorene Funken
sie verglühen im All
und hinterlassen mich dunkel

Als sei ich etwas nie Gewesenes
das sich zur Erde verirrte
um in Träumen Gesponnenes
zwischen Bäume zu hängen

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Kommentar:
Mehr von und über Michael Maicher bietet seine eigene Website, wobei sein kreativer Schwerpunkt mittlerweile auf der Malerei liegt.

 

Schmerz und Liebe eines Dichters

In diesem Gedicht stecken die beiden Seiten drin, die einen Dichter – vornehm ausgedrückt – klassischerweise ausmachen, weniger vornehm könnte man von Klischees sprechen: Der einsame Dichter, der sich seine Seele aus dem Leib dichtet und der romantisch Liebende, der in der Liebe vergehen will.

Victor Hadwiger · 1878-1911

An stillen Nachmittagen

An stillen Nachmittagen sang ich’s in die blauen Lichter,
Wenn meine Mutter murrte, weil ich müßig war,
Ich sang es in den Hohn der Bösewichter
Und blieb ein Dichter und ein Narr.
Es gingen viele stille Nachmittage
An meinem großen Schmerz vorbei,
Da wurde es zu einer frommen Frage,
Ein braver Spruch und bald ein stolzer Schrei.
Ich lernte es von einem Spielmann rasch und froh,
Wie man es singt und nimmermehr vergisst,
Von einem Spielmann, der in einem alten Volkslied wo
An einem Frühlingstraum gestorben ist.
Du lege deinen Kopf in meine Hände,
Es dämmert die Dezembernacht,
Und sing es in der Dunkelheit zu Ende,
Was ich im Lichte mir erdacht.
Ich will mit dir in deine Länder fahren
Und deine leisen Engel sehn;
Dir meine Seele offenbaren,
In deiner Seele untergehn.

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Der Dichter als Seher

Das folgende Gedicht ist eine Art Werbesendung fürs Dichten. Wer dichtet, hat den Durchblick, könnte man die Werbebotschaft zusammenfassen.

Otto zur Linde · 1873-1938

Nach Mitternacht

Des Dichters einsame Lampe glüht
Noch spät nach Mitternacht –
Die Welt liegt längst in Kissen müd,
Wenn er am Schreibtisch wacht.

Der Tag schloss seine Tore zu,
Die Nacht ist aufgetan.
Nun alles Laute sank zur Ruh,
Hebt Leises lieblich an.

Verborgnes Spinnrad summt und singt –
Des Dichters Seele lauscht,
Was aus dem Innen zu ihm dringt,
Was aus dem Unten rauscht.

Und seines Zimmers Wände rolln
Weit auseinander; fern
Ist nah nun; aus dem Wundervolln
Ergießt sich Strom und Stern.

Des Dichters Welt ist voll umstellt
Von Bildern wahr und groß.
Geheimstes ist nun ganz erhellt
Und jede Hülle bloß.

Was ihn aus Augen angeschaut
Am Tag so rätselblind,
Das ist ihm offen anvertraut
Und schuldlos wie ein Kind.

Die überirdsche Blume blüht,
Die Herzen trunken macht.
Des Dichters einsame Lampe glüht
Noch spät mach Mitternacht.

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Warum Dichter dichten

So lange geht das schon und geht immer weiter: Dichter dichten. Warum? Es ist der Glaube, der sie am Schreiben hält, behauptet zumindest das folgende Gedicht.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Dichterglaube

Ein Gedicht ist der kürzeste Weg
zur Unsterblichkeit.
Der kleine Haken ist:
Es gibt keine
Unsterblichkeit.
Alles Leben auf diesem Planeten
ist endlich.
Der Planet selbst ist endlich,
das Sonnensystem ist endlich,
das ganze Universum
ist endlich.
Ein Gedicht ist
der kürzeste Weg zur Unsterblichkeit.

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Zukunftspläne eines Dichters

Hier spekuliert der Dichter über das Gelesenwerden nach dem Tode. Im eigenen Fall war der Dichter etwas zu optimistisch, viele seiner Gedichte sind bisher nicht im Internet, wie auch dieses eine Erstveröffentlichung im Web ist.

Ernst Lissauer · 1882-1927

Vermächtnis

Es werden Menschen sitzen und lesen,
Von meiner Seele beschienen,
Was ich gesonnen, was ich gewesen, –
Da ich dies schreibe, bin ich bei ihnen.

Sie werden essen von meinem Leide,
Mit meinem Glücke werd’ ich sie tränken.
Ich bin gesäet, Gottes Getreide,
Und noch im Grabe will ich mich schenken.

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Wahrheit und Lüge im Gedicht

Viele glauben vom Gedicht, dass ein Reim stets Wahrheit spricht. Da das folgende Gedicht nicht gereimt ist, muss es wohl gelogen sein und damit wahr, wie der Text behauptet.

Georgi Kratochwil · geb. 1979

Trivial

Jedes Gedicht
ist in Wahrheit Lüge.

Jede Lüge
ist gedichtete Wahrheit.

Jede Wahrheit
ist ein gelogenes Gedicht.

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Kein Reim parat?

Mit dem Reimen ist das so eine Sache, es kann sich beflügelnd oder hemmend auswirken. In diesem Gedicht jedoch werden Hemmungen zu Flügeln.

Anna Magdalena Opitz · geb. 1993

Parat

Parat, parat, parat,
genau das, was ich mag,
Nur leider reimt „parat“ sich schlecht
auf „mag“. Nur wenn ihr’s schlecht aussprecht,
ist es am Ende doch ein Reim ...
Doch leider darf das hier nicht sein!

Was mach ich da?
Ich weiß es nicht ...
Kein Wort ist da,
keins sich verpflicht’
mir beizustehn in diesem Kampf ...
Da wird das Reimen gleich zum Krampf!
Parat, parat, parat:
Jetzt hab ich den Salat!

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Dichter und Bäume

Das nicht unkomplizierte Verhältnis zwischen Dichtern und Bäumen veranschaulicht dieses Gedicht am Beispiel eines Altenheims. Wenn das in der Zusammenfang etwas unsinnig klingt, könnte es daran liegen, dass es unsinnig ist.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Nun sterben sie wieder

Nun sterben sie wieder,
die Blätter an den Bäumen
und sterben in Schönheit
in einem Meer von Farben.

Nun sterben sie wieder,
die Alten in den Betten
und sterben in Pflege
in kalten, weißen Räumen.

Ach ja.
So sind die Dichter.
Ästhetisch am Teetisch
und jammern und maulen,
doch fragte man einen,
wie wär es zu leben,
am Baume zu hängen
nur einen Sommer lang?

Dann säh’ man sie laufen,
dann säh’ man sie drängen
ins kalte, weiße Zimmer
mit saubrem, warmen Bette
und machten sich’s dort nette
bis dass der Tod sie schnippe
mit seiner rostig Hippe.

Doch noch beim Sterben
würden sie werben
für mehr Farbe
kurz vorm Grabe.

Recht hamse.

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Lustig ist das Dichterleben

Den ganzen Spaß eines Dichterlebens zeigt Hans Bethge in diesem Gedicht, „erbärmliche Spitäler“ inklusive.

Hans Bethge · 1876-1946

Die lyrischen Dichter

Ach, wir taumeln durch die Zeiten,
Ganz verschwärmt vor Seligkeiten,
Keiner glaubt an unsre Not.

Unter Rosenbüschen liegen,
Sich in Frauenarmen schmiegen,
Das ist unsrer Kunst Gebot.

Und wir spielen unsre Leier,
Heute dumpfer, morgen freier,
Und wir hungern auch einmal.

Unser Leben ist ein Schwanken
Zwischen Glut und Nachtgedanken,
Höchste Lust und tiefste Qual.

Aber sind wir alt, so schleichen
Wir als halbvergessne Leichen
Durch erbärmliche Spitäler.

Unterdessen blüht der Flieder,
Zärtlich ziehen unsre Lieder
Abends durch die Wiesentäler.

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Warnung vor dem Dichten

Über die Folgen übermäßigen Dichtens kann sich der Dichternachwuchs hier informieren: Ein Gedicht über einen Dichter, der nicht mehr ganz dicht ist.

Lichtenstein: Man hat mich glücklich eingesperrt ...

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Warnung vor Kuscheldichtern

Das folgende Gedicht ist nur leicht übertrieben. Es gibt sie wirklich, die Dichter-Kuschelgruppen im Netz, die allergisch auf jede andere Form der Betrachtung von Gedichten reagieren, und allergische Reaktionen können ziemlich heftig sein.

Hans-Peter Kraus · geb. 1965

Dichter und Denker

Ein schönes Gedicht,
ich hab dich lieb.
Ich danke dir,
ich habe dich lieb.
Auch ich find’s schön,
ich liebe euch.
Wir lieben uns!
Und er?
Ich denke nach.
Was gibt es nachzudenken?
Es ist ein schönes Gedicht.
Liebt er uns nicht?
Das Schwein!
Fasst ihn!
Hängt ihn!
So ist es recht!
Da hängt er nun
Und denkt nicht mehr.
Er hat es so gewollt.
Wir sind die Liebe!
Lasst sie uns preisen
In schönen Versen!

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