Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Gedichte aus dem Mittelalter

Die weltlichen Gedichte (Minnesang) des Hohen Mittelalters (ca. 1150-1250) sind dem heutigen Leser so gut wie unbekannt. Die alte Sprache ist oft unverständlich oder missverständlich. Überträgt man jedoch das mittelalterliche Deutsch der Gedichte ins moderne Deutsch, geht der größte Teil ihrer spezifischen Eigenart verloren.

Hier wird nun versucht, das Mittelhochdeutsch soweit als unbedingt notwendig an die heutige Sprache zu adaptieren. Sie klingt uns dann fremdartig, aber doch einigermaßen verständlich und behält etwas von ihrem typischen mittelalterlichen Flair, auch wenn dem Sprachwissenschaftler das als eine Verunstaltung erscheinen mag.

Stellen wir uns also ein ganz entlegenes Tal in den Alpen vor, wo die Menschen den Anschluss an die neuhochdeutsche Sprachentwicklung nur teilweise mitbekommen haben und so sprechen wie in den folgenden Adaptionen. Und man wird sehen, dass mittelalterlichen Gedichte und Lieder, der Minnesang interessanter, persönlicher und lebensnaher erscheinen als mancher Text späterer Jahrhunderte und damit dem heutigen Menschen näher stehen als man erwarten würde.

Im Folgenden steht bei den meisten Texten links die Adaption, rechts daneben der Originaltext, wie er sich bei Karl Lachmann findet in: „Des Minnesangs Frühling“ (1964), „Wolfram von Eschenbach“ (1926/1965), „Walther von der Vogelweide“ (1965).

Alle Rechte für Adaptionen und Anmerkungen liegen bei Dieter Effertz.

 

Mittelalterliche Liebeslyrik

Wenn es um die Darstellung mittelalterlicher Liebeslyrik geht, wird oft ein Liedchen vorgestellt, das sich nach „Volkston“ anhört – der Verfasser ist unbekannt. Aber gerade wegen seiner Schlichtheit soll es hier den Anfang machen. Dieses Liedchen ist hier nur im „originalen“ mittelalterlichen Text abgedruckt. Auch ohne Adaption an das heutige Deutsch dürfte der Text den meisten Lesern auf Anhieb verständlich sein. Vorweg noch zwei Hinweise:

• Die Vokale sind grundsätzlich kurz, sofern sie nicht durch ein ^ (= Längenzeichen) gekennzeichnet sind.
• z steht häufig, wo heute s geschrieben wird; zz entspricht unserem heutigen ss.

Und noch eine Empfehlung, nicht nur für das erste Lied:
Lesen sie den Text gerne laut! Nur so entfalten die Gedichte und Lieder ihre ganze Eigenart.

Unbekannt: Dû bist mîn, ich bin dîn ...

[Lachmann 1964: 3]

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Kommentar:
Das lange î wurde im Hochdeutschen zu ei, das lange û zu au. Im Niederdeutschen ist das lange î sowie das û jedoch erhalten geblieben: „… Wo die Möwen schrîen hell im Sturmgebrûs,/da ist mîne Hemat, da bin ik to Hûs. …“.

Vers 6: muost statt musst; man muss sich darauf einstellen, dass der Vokalismus (also Zwielaute, Umlaute und Längen bzw. Kürzen) im Mittelhochdeutschen ganz anders ist als im heutigen Deutsch.

 

Liebesgedicht aus Frauensicht

Das folgende Lied dürfte kaum Schwierigkeiten machen und wird daher nur in der Originalversion präsentiert. Für alle Fälle aber noch einige Hinweise vorweg:

• Im Mittelhochdeutschen kommen gelegentlich „kontrahierte“ Wörter vor: habe(n) → hân; ergehen → ergân (Vers 7 und 9).
• swenn mit s am Anfang hat verallgemeinernde Wirkung: „wenn immer“ (Vers 7).
• waerez => waere ez mit z=s (Vers 8).
• Wo am Wortende ein b, d, g als stimmloser Verschlusslaut p, t, k, gesprochen wird (Auslautverhärtung), wird im Mittelhochdeutschen meist auch p, t, k (bzw. c) geschrieben, z. B. liep statt lieb; mac statt mag; leit statt Leid.

Man beachte, mit welcher Offenheit sich in dieser „Frauenstrophe“ geäußert wird.

Unbekannt: Mir hât ein ritter sprach ein wîp ...

[Lachmann 1964: 6, V. 5-13]

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Kommentar:
wîp hatte im Mittelalter überhaupt keine abwertende Nebenbedeutung (Konnotation); es entsprach genau dem heutigen Wort „Frau“ (vgl. auch den Kommentar zum nächsten Gedicht zu Vers 1).
• ie in gedienet ist kein langes i! Es wird als echter Zwielaut (Diphthong) ausgesprochen, also „gedi-ënet“.

Die Vorstellung von Dienst und Lohn (gedienet Vers 2; gelônet Vers 4) stammt aus der germanischen Gefolgschaftsethik und waren die Grundlagen der ritterlichen Dienstethik.
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Sehnsucht im Mittelalter

Bei diesem Gedicht ist am Original schon einiges verändert worden. Wiederum einige Hinweise vorweg:

• Der h-Laut wird im Auslaut und vor t im Mittelhochdeutschen „hart“ ausgesprochen als Reibelaut (Frikativ) wie in „Dach“ und teils „ch“, teils aber auch einfach „h“ geschrieben; z. B. wird er sah „er sach“ ausgesprochen. Das h ist hier kein Dehnungszeichen!
iu wird als ü gesprochen (fliugest, mîniu)
• Beachten Sie die Doppellaute beim ie: li-ep

Eist: Es stuont ein frouwe alleine ...

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Kommentar:
fro(u)we bedeutet „Herrin“ und war ursprünglich dem Adel vorbehalten (es ist die weibliche Form von „Fro(n)“ = „Herr“, n. b. „Fron-Arbeit“; „Fron-Leichnam“)
• gesach (Vers 4, nur Originalversion): die Vorsilbe ge- wird im Mittelhochdeutschen oft abweichend vom Neuhochdeutschen benutzt.
• trûtes (nur im Original, letzter Vers) „Liebsten/Trauten.“ ist ein Genitivobjekt (ich begehre seiner; vgl. wir gedenken seiner/des Verstorbenen). Das Genitivobjekt ist im Mittelhochdeutschen noch sehr verbreitet. In der Adaption wurde der Akkusativ benutzt.
• ir dekeiner (Letzter Vers, nur im Original): „keine von ihnen“ (attributiver Genitiv).
• Unreine Reime (z. B. Zeile eins, zwei und dreizehn, vierzehn) wurden im deutschen Mittelalter noch nicht als Fehler empfunden.
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Trennung am Morgen

Das folgende Gedicht ist ein sogenanntes Tagelied (Thematisierung des Abschieds der Liebenden, wenn es tagt). In der Adaption gibt es einige Wörter, die im heutigen Deutsch etwas ungewöhnlich sind, deshalb folgende Hinweise:

• friedel (Vers 1): Liebling
• ziere (Vers 1): schön
• schiere (Vers 2): schon, so früh
• wol getân (Vers 3): schön gestaltet
• Wâfen (Vers 6): „zu den Waffen!“; „Auf, auf!“; „Alarm!“ Man beachte im Italienischen: „all'arme!“: „zu den Waffen!“

Eist: Slâfst du, friedel ziere ...

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Kommentar:
Die (dialogische) Abfolge von Männer- und Frauenstrophe bezeichnet man als „Wechsel“.
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Höfischer Minnesang

In den vorangegangenen Liedern ist das Wort „Minne“, das dem „Minnesang“ seinen Namen gab, noch gar nicht vorgekommen. In den beiden folgenden Strophen („Wechsel“) des von Kürenberg taucht es jetzt endlich auf und zwar gleich in einem echt höfischen Ambiente:
Hier steht eine Frau nicht etwa alleine an der Heide (vgl. drittes Gedicht „Es stuont ein frouwe alleine ...“), sondern an der Zinne einer richtigen Burg! So etwas sollte man vom höfischen Minnesang schließlich auch erwarten. Dennoch enthält dieses Lied am Schluss auch eine inhaltliche Überraschung, etwas, das unseren Vorstellungen vom Minnesang zu widersprechen scheint.

Der von Kürenberg: Ich stuont mir nehtens spâte ...

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Kommentar:
Form und Inhalt der Lieder des von Kürenberg weisen auf eine alte (donauländische) Tradition hin. So wählt er als Form die sogenannte Nibelungenstrophe mit der typischen Langzeile, die sich vom alten germanischen Heldenlied herleitet. Mehr Kommentare

Das Wort Minne hat ursprünglich eigentlich mit Liebe oder Erotik nichts zu tun; Es hängt mit lateinisch „mem-“ (vgl. memoriam) und griechisch „mne-“ (vgl. Mnemotechnik; Amnestie) zusammen und bedeutet ursprünglich so viel wie „Erinnerung“, „Gedenken“, „Danksagung“. Das Fest der Heiligen Gertrud z. B. feierte man, indem man „St. Gertrudens Minne trank“. Es fällt auf, dass „Minne“ eine gewisse Nähe zum Religiösen hat. So begannen die Straßburger Eide im Jahr 842 wie folgt:

Pro deo amur … (Altfranzösich)
In godes minna … (Altdeutsch)

Insgesamt kann man sagen, dass Minne eine „höhere“ Form von Liebe bezeichnet.
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Das Falken-Motiv im Mittelalter

Noch einmal der von Kürenberg mit zwei Frauenstrophen, die diesmal nicht adaptiert wurden, denn es kommt hauptsächlich das vor, was der Leser in den vorhergehenden Gedichten schon kennen gelernt hat (erinnert sei an Auslautverhärtung, Vokalismus, Vorsilbe ge-, Kontrahierung).

Der von Kürenberg: Ich zôch mir einen valken ...

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Kommentar:
• gezamete (Vers 3): Vorsilbe ge- wird oft anders gebraucht als heute.
• hân (Vers 4): Kontrahierung.
• was (Vers 15): war (vgl. das Englische „he was“).

Das Falkenmotiv ist im Mittelalter sehr beliebt; es ist bereits aus Text 3 bekannt. Dennoch gibt es erhebliche (auch inhaltliche) Unterschiede zwischen den beiden Gedichten. Man vergleiche etwa: „so gesach si valken fliegen.“ (gedicht 3, Vers 4) mit: „Ich zôch mir einen valken … mit golde wol bewant“ (hier Vers 1 und 6).
Der von Kürenberg gilt weithin als der erste höfische Minnesänger. Wo die sogenannten „Spielleute“ an den Höfen überkommene volksliedhafte (Liebes-)Lieder zur Unterhaltung sangen, trägt der von Kürenberg, der selber Adeliger ist, bei Hofe seine selbstgeschaffenen, anspruchsvollen „Minne“-Lieder als „Frauen“-Dienst vor. Das dürfte so um 1150 gewesen sein, vielleicht auch schon früher.
Dass es jedenfalls im „Volke“ schon lange vor dem Kürenberg eine Liebeslyrik gab, wird daran deutlich, dass, als die Nonnenklöster aufkamen, man den Mönchen und Nonnen verbat „winileodos scribere vel mittere“, also: Winelieder zu schreiben oder zu schicken (Wine: Freund(in), Geliebte(r); Ehefrau/-mann; vgl. Win-fried).

Eine Generation nach dem Kürenberger gab man im Minnesang allmählich die Langzeile auf und begann in Kurzzeilen mit reinen Endreimen zu schreiben. Daher lässt sich am Kürenberger eine wichtige Unterscheidung festmachen, mit der die Entwicklung des Minnesangs gekennzeichnet wird: Man unterscheidet zwischen vor-höfischen (Wine), früh-höfischen (von Kürenberg) und hoch-höfischen Formen des Gesangs.
Versucht man die Texte 1-4 mit Hilfe dieser Unterscheidung einzuordnen, so stößt man auf manche Schwierigkeit. Wie z. B. sind in Lied 4 (das fast gänzlich reine Reime aufweist) die vertraulichen Anreden zu beurteilen? Es ist hilfreich hier zwischen „Liebe“ und „Minne“ zu unterscheiden.

 

Der hohe Minnesang I

Mit Heinrich von Morungen gehen wir auf das Ende des 12. Jh. zu und begeben uns endgültig in die aristokratischen Gefilde des „hohen“ Minnesangs. Auch in formaler Hinsicht bewegen wir uns nun auf höchstem Niveau.
Das Lied beginnt gleich mit dem zentralen Wort des Minnesangs: frouwe (vgl. hierzu Text 3). Man hätte die Adaption also auch mit der Anrede „Herrin“ beginnen können.
Eine Anmerkung vorweg: ge-nérn bedeutet „gesund machen“.

Morungen: Frouwe, wilt du mich genérn ...

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Kommentar:
Die letzten drei Zeilen sind überzählig. Man muss sich vorstellen, dass die zweite Strophe bei Zeile 14 endet. Die Zuhörer merken aber (leicht verunsichert), dass der Sänger noch nicht aufhören will – und dann kommen als besonderer Effekt die drei letzten Zeilen als Nachsatz.
Die künstlerische Steigerung der Struktur und Sprache im hochhöfischen Minnesang ist eine Reaktion auf den Einfluss der Entwicklung der südfranzösischen Troubadour-Lyrik. Mit reinen Reimen, gleichmäßigem Rhythmus und raffinierten Reim-Schemata erscheint sie elegant und anspruchsvoll, wohingegen die überkommene Form der deutschen Lyrik in Langzeilen mit ihren Assonanzen unbedarft und holprig wirkt und, (wie man früher sagte) „altfränkisch“ daherkommt.

lîp (Vers 3): Lîp war das Nomen zum Verb „leben“.
In archaischen Kulturen waren die Wortinhalte (Semantik) nicht abstrakt, sondern bestenfalls bildhaft (Mythos!), ansonsten aber konkret, materiell bzw. praktisch. So bedeutete das Wort „fromm“ zunächst „nützlich“; und das Wort „tugend“ meinte „Tauglichkeit“. Das Leben manifestierte sich konkret im Körper, als Körperkraft, als Gesundheit und im weiteren Sinne auch als nüchterner, praktischer Verstand. Heute ist lîp in seinem ursprünglichen Sinne so gut wie ausgestorben und nur noch in „Leibrente“ und „beileibe (nicht)“ zu erkennen.
Die Bedeutung von „lîp“ um 1200 herum lässt sich am besten mit „Person“ wiedergeben. So hat die Formulierung „mîn lîp“ meistens einfach die Bedeutung „ich“; „sînen lîp“ meint dann „ihn“ usw. Mehr Kommentare (zu Wortbedeutungen)

 

Der hohe Minnesang II

Ein Tagelied mit einer für den „Möringer“ ganz typischen (eindringlichen, schwebenden) Stimmung, die man fast als „gothic“ bezeichnen könnte. Man fragt sich am Ende, was ist Traum, was ist Wirklichkeit?
Einige Anmerkungen zum besseren Sprachverständnis vorweg: Neben Kontrahierungen gibt es im Mittelhochdeutschen auch Verkürzungen. Im folgenden Text sind bei einigen Wörtern die Endlaute ausgelassen, z. B.:
mê – mêr; dur – durch; lî – li(e)z; ummevî – umbevienc.

Morungen: Owê, sol aber mir iemer mê ...

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Kommentar:
Die letzte Strophe ist eine Frauenstrophe (genau wie die ausgelassene Strophe). Es liegt also ein „Wechsel“ vor.
Das vorliegende Tagelied besingt hier offenbar nicht das Ende eines konkreten Beisammensein, sondern die Sprecher „träumen“ von einer körperlichen Manifestation ihrer Liebe. Man kann auf jeden Fall davon ausgehen, dass die Männerstrophen einen Traum darstellen. Damit die realistischer wirkende Frauenstrophe hierzu nicht in einen gewissen Gegensatz gerät, darf man annehmen, dass sie einen Traum bzw. eine Sehnsucht schildert.

lîp (Vers 4): Hier hat lîp schon eine andere Bedeutung als im vorangegangenen Lied. Es wird bereits im (damals ganz) modernen Sinne als „Leib“ gebraucht. Mehr Kommentare (zu Wortbedeutungen)

Dieses Lied ist jetzt mit allen lyrischen Raffinessen versehen (Rhythmus, Reimschema, Zeilensprung usw.).
Wenn man dieses Gedicht mit den Gedichten 3 und 4 oder auch mit den Texten des Kürenbergers vergleicht, muss man feststellen, dass sich nicht nur formal sondern auch inhaltlich etwas geändert bzw. entwickelt hat: Der Minnesang ist viel zurückhaltender, behutsamer, verdeckter (oder versteckter) geworden. Dies alles weist das Gedicht als einen typischen Vertreter der Hohen Minne aus. Auch dies geht auf den Einfluss der „fin'amor“ der okzitanischen Troubadour-Lyrik zurück.

 

Minne-Klage

Das folgende Lied beginnt mit einer herzzereißenden Klage; besonders intensiv klingt das am Ende des Wortes „wâfen“ angehängte „-â“, das auch noch in „hat“ und besonders in „gelâzen“ nachhallt und der ganzen Zeile den Charakter eines gequälten Stöhnens gibt. Das Lied endet dann mit einer Strophe, die es wirklich in sich hat.

Im Folgenden wird die adaptierte Version gebracht, die nur einige geringfügige Abweichungen vom Original enthält, das über den Button „Textversion“ einsehbar ist. Einige Worterklärungen vorweg:
Wâfen: Ursprünglich Alarmruf („Zu den Waffen!“), dann Weckruf und schließlich Klageruf (siehe auch Slâfst du, friedel ziere);
verwâzen: verfluchen; getortsten: wagen;
jêhen: sagen, sprechen; sêre: vgl. ver-sehren.

Hausen: Wâfenâ, wie hat mich Minne gelâzen ...

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Kommentar:
Friedrich von Hausen (eigentlich Her Friderich von Husen) gehörte zu den ersten, die die neuartige Lyrik der Dichter und Sänger der fin’amor, der südfranzösischen (okzitanischen) Trobadors, aufgriffen (um 1170). Er war es wohl auch, der den Ausdruck „Hohe Minne“ prägte. Aber so sehr ihn auch die anspruchsvolle Form dieser Kunst der Trobadors begeisterte, inhaltlich vermochte ihn die neue Lyrik offenbar nicht so recht zu überzeugen. Diese eigenartige Lust am Leiden kann man doch nicht „Minne“ nennen. Wo bleibt die vröide, wo bleibt die wunne? Mehr Kommentare (zu Wortbedeutungen)

Troubadour

Das von den Trobadors gebrauchte Südfranzösiche (Okzitanische) steht in dieser Zeit eigentlich als eine eigene Sprache (langue d'oc) neben dem Nordfranzösichen (langue d’oïl). Im originalen Okzitanisch heißen die Dichter „trobadors“, was soviel wie (Er-)Finder bedeutet. Auf (Nord-)Französisch wäre das eigentlich der „Trouvère“. Um aber die okzitanischen Dichter von trivialen „Findern“ abzuheben, wurde „trobadors“ nicht einfach übersetzt, sondern (mit leichter klanglicher Anpassung) als „troubadour“ entlehnt.

In der zu Frankreich gehörenden deutschsprachigen Grafschaft Flandern gelangte die neue Lyrik der Troubadours in den „holländischen“ Raum, wo Heinrich von Veldecke um 1170 „das erste Reis (der Hohen Minne) in deutscher Zunge pflanzte“ (Gottfried von Straßburg). Damit ging die frühhöfische Phase des deutschen Minnesangs in die hochhöfische Phase über.

Dass diese neue Form der Lyrik sich so rasch auch unter der deutschen Ritterschaft verbreitete, lag am Vorbildcharakter der französichen Ritter. In Frankreich (also auch im deutschsprachigen Flandern) hatte sich ein kulturelles ritterliches Selbstverständnis schon viel länger/früher ausbilden können. Die französische (und somit auch die flämische) Ritterschaft hatte bereits zu den Panzerreitern Karl Martells (ca. 700) gehört. Sie war älter als die deutsche Ritterschaft, die sich erst mit den Ungarnkriegen (seit ca. 900) ausprägte und galt daher in Fragen ritterlicher Standeskultur als vorbildhaft.

Dass der Ritter nicht einfach „ritaere“ heißt, geht übrigens auch auf das „Flämeln“ der deutschen Ritterschaft zurück. Im Flämischen heißt der Reiter „riddere“, das dann (mit klanglicher Anpassung) als „Ritter“ ins Mittelhochdeutsche übernommen wurde.

 

Minne-Trost

Im folgenden Lied erklärt Albrecht von Johansdorf der höfischen Gesellschaft, was es mit der „Hohen Minne“, die statt Freude und Erfüllung nur immer Leid und unerfülltes Sehnen bringt, eigentlich auf sich hat.

Auch hier wieder wird die adaptierte Version gezeigt, die nur einige geringfügige Abweichungen vom Original enthält, das über den Button „Textversion“ einsehbar ist. Einige Worterklärungen vorweg:
huote: vgl. behüten; eine (all-eine): allein; (ver)jehen: sagen, sprechen;
gewern: ge-währen; vervân: etwa: Effekt haben hôchgemuot: vgl. frohgemut; sâ: sofort

Johansdorf: Ich vant âne huote ...

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Kommentar:
Die Form dieses Gedichts als Streitgespräch ist in der Hohen Minne ein ziemlich einmaliges Phänomen; es war eher typisch für philosophische und theologische Dispute. Möglicherweise klingt aber hier auch noch die Form des Wechsels aus der überkommenen Tradition des Minnesangs an.

Weibliche Sehnsucht und weibliches Begehren hatten in der fin’amor keinen Platz. Wenn die Frauen etwas zu sagen hatten, dann „neinâ neinâ neinâ nein“ (vgl. Morungens „Frouwe, wilt du mich genern“).

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Domneare und Conflictus

Die eigenartige Lust am Leid und der Entsagung in der hochmittelalterlichen höfischen Liebeslyrik muss von der Entstehung der französischen fin'amor in Okzitanien her verstanden werden. Anders als die frühe deutsche Minnelyrik lässt sich die Troubadourlyrik nicht auf das Volkslied zurückführen.

Es gab zwar in den südfranzösischen (okzitanischen) Adelskreisen eine volkssprachliche, endreimende Liebeslyrik, aber diese war derb und respektlos. Die Ritter, zum Kampf erzogen und ausgebildet, fühlten sich als Krieger; Kultur und Bildung war etwas für Weiber und Pfaffen. Was im übrigen die adeligen Damen angeht, so wurde ihnen tatsächlich durch Hauslehrer aus dem Klerus eine durchaus höhere Bildung vermittelt. (Eine tragische Geschichte in diesem Zusammenhang ist die von Abaelard und Héloïse).
Aus dieser Bildungssituation heraus entwickelte sich eine lebhafte Kommunikation (meist in Form von Briefen) zwischen Frauen und Klerikern, wobei eine explizite Frauenverehrung, das Domneare, gepflegt wurde (Neben der Frauenverehrung bestand allerdings die hierzu im Widerspruch stehende traditionelle Frauenverachtung weiter. Es galt bei Frauen die „Kinder Evas“, die die Sünde in die Welt brachte, von den „Schwestern Marias“, die der Welt das Heil brachte, zu unterscheiden).

Das Domneare hatte sicherlich auch einen erotischen Reiz, doch Frauen waren, abgesehen von ihrer höheren Bildung, insbesondere auch durch ihr Rollenbild (n. b. Mutterschaft) in Fürsorglichkeit und Selbstlosigkeit den grundlegend christlichen Tugenden näher als die Krieger.

Viele gebildete Frauen zogen die Gesellschaft eines subtilen Klerikers der eines rüden Ritters vor. Die „amor“ der adeligen okzitanischen Männer empfanden diese Damen eher als Missachtung und Unterdrückung. So manche adelige Frau erließ ihren Mann, um in eines der (im Zuge der luniazensischen Reform) neu gegründeten Klöster zu gehen.

 
Etwas mittelalterliche angehauchte klassische Musik hat Claude Chalhoub mit dem folgenden Stück im Programm: