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Eichendorff: Wünschelrute

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Interpretation: Wünschelrute

Es klingt schön, ist ein bisschen geheimnisvoll und angenehm kurz, doch wenn man gefragt wird, was der Herr von Eichendorff mit diesem Gedicht eigentlich sagen wollte, dann ist selbst die Kürze kein Vorteil mehr, weil jedes Wort zählt. Also schiebe ich die inhaltliche Analyse etwas hinaus und versuche erst mal herauszufinden, warum es so gut klingt. Mit anderen Worten: Es ist Metrumzeit.

Jeder Vers beginnt mit einer Hebungssilbe und dann wechseln Senkungen und Hebungen regelmäßig: ein Trochäus mit vier Hebungen pro Vers. Am Versende wechseln ebenfalls regelmäßig Senkungen und Hebungen, das ergibt weibliche und männliche Kadenzen.

Das Gedicht zerfällt nicht nur inhaltlich, sondern auch formal in zwei Teile. Jeder Teil endet mit einer Hebung (Vers zwei und Vers vier), doch dazwischen führt die Senkung am Versende zusammen mit der Hebungssilbe zu Versbeginn dazu, dass der Wechsel zwischen Hebungen und Senkungen über die Versgrenze hinaus weiterläuft. Man könnte sich das Gedicht auch als eines mit zwei Langversen vorstellen, die mit einer Hebung beginnen und einer enden. Das ist eine Komponente seines Klangs.

Wichtiger sind jedoch Betonungen innerhalb der Verse. Dabei ergibt sich in den Versen eins, zwei und vier jeweils eine leichte Zäsur nach der zweiten Hebung, die besonders betont wird: „Schläft ein Lied“,„Und die Welt“,„Triffst du nur“. Doch entsteht Wohlklang nicht nur durch Wiederholung, sondern auch durch den Wechsel zwischen Gleichem und Ungleichem. Wichtig ist also, dass der zweite Vers durchläuft und auch die weiteren Betonungshöhepunkte sich unterscheiden. In Vers eins ist die letzte Hebung etwas stärker, aber wesentlich deutlicher ist die Betonung am Ende in Vers drei bei „singen“. Im Schlussvers dagegen ist die Mitte stark: Die zweite und dritte Hebung werden besonders betont.

Eine weitere Ebene, die wichtig ist für den Klang eines Gedichtes, sind die Laute (nicht die Buchstaben!). Bei den Konsonanten fällt das t besonders auf. Es ist in jedem Vers mindestens zweimal vertreten und bei Vers eins und drei sogar im Gleichklang jeweils am Wortende: „Schläft ein Lied“,„Und die Welt“. Der Übergang von Vers eins zu Vers zwei ist durch ein dreimaliges weiches d am Wortanfang gekennzeichnet.

Bei den Vokalen gibt es kaum Regelmäßigkeit, sondern eine große Variabilität. Allerdings ist auffällig, dass das o bis Ende des zweiten Verses aufgespart wird und dann gleich doppelt in gehobenen Silben vorkommt, womit Teil eins abgeschlossen wird. Ähnlich ist es am Ende des letzten Verses, wo der Zwielaut (Diphthong) au zum allerersten Mal auftaucht und wiederum das o in der Reimsilbe, das zwischendurch nicht verwendet wurde.

Nachdem ich nun das überraschende Ergebnis feststellen kann, dass sich der Wohlklang dieses Gedichtes aus Metrum, Betonung und Lauten ergibt – man muss nur wissen, wie man’s macht –, ist es an der Zeit, inhaltlich zu werden. Als Hilfsmittel habe ich mich des Deutschen Wörterbuchs der Gebrüder Grimm bedient, dessen erster Band 1852 erschien und das umfangreiche Informationen zur Herkunft und dem Wandel im Gebrauch von Wörtern enthält (Etymologie). So lässt sich in etwa herauszufinden, welche Bedeutungen die im Gedicht verwendeten Worte zu Eichendorffs Zeiten hatten. Und wo fängt man beim Inhalt am besten an? Am Anfang? Nein, beim Titel:

„Wünschelrute“
In Grimms Wörterbuch heißt es zur Wünschelrute: „die von bestimmten sträuchern geschnittene meist gabelförmige rute zum aufspüren von erzen, wasseradern und überhaupt verborgenen dingen.“ Lange bekannt ist aber auch der Gebrauch im übertragenen Sinne für Kräfte aller Art, die verborgene geistige Dinge zu Tage fördern. Ein Beispiel aus Grimms Wörterbuch ist Johann Matthesons Der vollkommene Capellmeister aus dem Jahr 1739: „und wie heilig wäre mir die scene mit dem baum, wenn die wünschelruthe des dichters historische wahrheit entblöszt haben sollte.“ In diesem übertragenen Sinn ist die Wünschelrute auch bei Eichendorff zu verstehen. Woraus sie besteht und was er zu finden hofft, das muss die genaue Textanalyse klären. Also weiter im Text:

„Schläft ein Lied“
„Lied“ ist das Subjekt des ersten Satzes, deshalb fange ich damit an. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird es als etwas Gesungenes bestehend aus Text und Melodie verstanden, doch zu Eichendorffs Zeiten stand eine etwas andere Bedeutung im Vordergrund. In Grimms Wörterbuch ist zu lesen: „im nhd. [Neuhochdeutschen] bezeichnet lied das aus einer oder mehreren strophen bestehende, für das singen bestimmte, vorzugsweise lyrische gedicht“. Deutlich wird das z.B. auch in Titeln wie dem berühmten Abendlied von Matthias Claudius, das zuerst nur ein Gedicht war, aber später auch vertont wurde, oder in Heines Gedichtsammlung Buch der Lieder, das Gedichte enthielt, ohne Rücksicht darauf, ob sie irgendwann mal vertont wurden. Wer also gleich Gesang zu hören meint, liegt sicher nicht ganz falsch, doch eher ist mit „Lied“ das für den Gesang geeignete Gedicht gemeint.

Vom Lied bzw. Gedicht wird gesagt, dass es „schläft“. Mit dem Stichwort Vermenschlichung ist es hier nicht getan. Das Verb „schlafen“ soll dem „Lied“ bestimmte Eigenschaften zuschreiben. Schlafen ist ein vorübergehender Zustand von einem Wesen, das lebt. Hätte Eichendorff „ruht“ oder „liegt“ geschrieben, wäre dieser Zusammenhang nicht so eindeutig. Ein Lied ist demnach lebendig, ohne dass es deshalb aus Fleisch und Blut bestehen muss, es ist eine geistige Lebendigkeit, die geweckt werden kann oder von selbst aufwacht. Im Gesamtzusammenhang des Textes hatte Eichendorff ersteres im Sinn.

„in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort“

Bevor ich zum „in“ komme, möchte ich erst das Objekt „Dingen“ des Satzes behandeln, dem Eichendorff einen ganzen erklärenden Vers widmet. Die Gebrüder Grimm schreiben unter dem Stichwort Ding: „in der weitesten, unbegrenzten bedeutung begreift es ebenso das sinnlich bemerkbare, als das übersinnliche, das gedachte.“ Was heute nicht anders ist: Man denkt über Dinge nach, man erledigt Dinge, gut Ding will immer noch Weile haben, man ist guter Dinge oder man braucht bestimmte Dinge. Die Frage ist: Welche Dinge „träumen fort und fort“? Denn nur in diesen „schläft ein Lied“.

Auch darauf weiß das Grimm-Wörterbuch unter dem Artikel zu „träumen“ eine Antwort: „übertragen als ein eigentümliches verhalten von dingen, eine verwendung, die in einzigartiger reinheit das wesen romantischer naturbeseelung zeigt; mit den bedeutungselementen des halbbewuszten, schweigenden, besonders auch des unbewegten, unbestimmten, verschleierten bietet träumen dem romantischen sinn die möglichkeit, durch seine aussagekraft den dingen geheimnisvolle phantasiewirklichkeit zu verleihen.“

Als Beispiele für Dinge, die im romantischen Sinne träumen, werden angeführt: der Sommer, Rosen, Wolken, ein Teich, der Mondschein, Veilchen und ich hätte noch aus Mörikes Um Mitternacht die Nacht selbst zu bieten. Es sind also nicht unbedingt Gegenstände wie Stühle oder Tische gemeint, obwohl ich diese nicht völlig ausschließen würde, sondern Dinge aus der Natur, die materiell oder immateriell sein können. Das „in“ bei „Schläft ein Lied in allen Dingen“ ist folglich kein Ort in den Dingen, es ist eine dauerhaft enthaltene Möglichkeit, denn das Träumen wird mit „fort und fort“ näher bestimmt. Es ist also nicht flüchtig, sondern eine stabile Eigenschaft dieser Dinge.

„Und die Welt hebt an zu singen“
Da Eichendorff die Formulierung „Und die Welt“ statt die metrisch gleichfalls mögliche „Deine Welt“ wählt, meint er nicht die innere Welt, sondern wirklich die äußere. Bei „hebt an“ statt „beginnt“ klingt erhebend, aufsteigend an, was das „schläft“ aus Vers eins aufnimmt. Das Wort „singen“ ist aber nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint. Grimms Wörterbuch weist auf eine „neuere“ Entwicklung hin: „viel angewandt wird singen in der neueren sprache für dichten“.

Ebenso wie das Lied im damaligen Sprachgebrauch ein Gedicht ohne Gesang oder Musik sein konnte, ist also auch das Singen der Welt nicht unbedingt Hörbares, sondern der Vorgang des Dichtens eines Liedes. Damit wird die erstaunliche These aufgestellt, dass „die Welt“ dichtet und nicht der Dichter. Unterstützt wird diese „Verdrehung“ durch die Umkehrung der Wenn-Dann-Beziehung zwischen den Versen drei und vier. Der logische Zusammenhang ist: Wenn du das Zauberwort triffst, dann beginnt die Welt zu singen. Doch im Gedicht geht das „Dann“ dem „Wenn“ voraus!

„Triffst du nur das Zauberwort“
Subjekt zuerst: Dem „du“ muss keine Vertraulichkeit zu Grunde liegen. Die Grimms weisen in ihrem du-Artikel darauf hin, dass unbekannte Personen (also z.B. der Leser) so angesprochen werden bzw. dass es in Sprüchen oder Lehren ebenfalls gebräuchlich ist. Da in diesem Gedicht noch kein lyrisches Ich auftauchte, kann das „du“ auch eine Selbstansprache sein, die den Leser mit einbezieht.

Bei „triffst“ ist interessant, welche Alternativen Eichendorff nicht verwendet hat: hast, findst, sagst, sprichst. Etwas Abstraktes, Geistiges zu treffen, das kann bedeuten, danach gesucht zu haben, aber genauso gut kann es eine Eingebung im Moment sein, ein Zufallstreffer. Wichtig im Zusammenhang mit dem„Zauberwort“ ist, dass nicht gefordert wird, es auszusprechen, es genügt der Gedanke daran. Was aber ist nun ein Zauberwort?

Ein Zauberwort ist nicht unbedingt ein einzelnes Wort oder grimmig gesagt ist es „meist eine anzahl formelhaft zum zauberspruch gehöriger worte, auch der ganze zauberspruch“. Also ist „Sesam öffne dich“ auch ein Zauberwort. Da es nicht ausgesprochen werden muss, könnte man es auch weiter fassen in bestimmte Assoziationen, Denkweisen, Einstellungen.

Damit sind nun alle Wortbedeutungen abgeklopft und es geht zurück auf „Los“. Was will uns Eichendorff mit dem Gedicht sagen, was ist die Wünschelrute und was wird damit gefunden?

Zwei der zentralen Begriffe des Textes sind „Lied“ und „singen“. Wie gezeigt, sind sie eher als „Gedicht“ und „dichten“ zu verstehen, und so ist die „Wünschelrute“ ein Gedicht übers Dichten oder auf fachchinesisch: ein poetologisches Gedicht. Seine Grundaussage ist im Prinzip zeitlos: Überall in der Umgebung eines Dichters schlummern Gedichte, die er zum Leben erwecken kann. Hinzu kommt ein spezifisch romantischer Ansatz: Nicht der Dichter dichtet das Gedicht, sondern die Welt „singt“ es. Der Dichter kann es hören, weil ihm „das Zauberwort“ Zugang schafft. Heute würde man sagen, er ist auf einer Wellenlänge mit der Natur. Während der „vernünftig“ denkende Mensch meint, der Dichter schafft kreative Werke, schreibt Eichendorff der Natur den kreativen Akt zu und begründet dies auf romantische Weise damit, dass Kreativität in den „Dingen“ dauerhaft enthalten ist, denn sie „träumen fort und fort“. Träume können beängstigend kreativ sein.

Man kann dies als spinnerte Idee eines romantischen Dichters abtun, so wie die Wünschelrute ja auch wissenschaftlich gesehen Hokuspokus sein soll (siehe Wikipedia). Und doch legt Eichendorff den Finger in eine noch heute bestehende Wunde: Selbst der wissenschaftliche Fortschritt als Krönung der menschlichen Vernunft ist gepflastert mit intuitiven Ideen und Geistesblitzen, die scheinbar aus dem Nichts kamen. Wissenschaftler brauchen sie, um die richtigen Fragen in Form von überprüfbaren Thesen zu stellen. Für den Weg, eine These zu überprüfen, gibt es wissenschaftliche Verfahrensweisen, doch nicht dafür, wie man auf die Idee für eine These kommt. Haben die Damen und Herren Wissenschaftler am Ende vielleicht „nur das Zauberwort“ getroffen?

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Beim antikoerperchen gibt es eine Interpretation auf Fachhochschulniveau, die weniger am Text klebt, sondern weiter hinaus zu interpretieren, das Gedicht in größere Zusammenhänge einzuordnen versucht.