Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Kadenz

Die Kadenz beschreibt den Versschluss ab der letzten Hebung. Man unterscheidet männliche (stumpfe) Kadenz, bei der ein Vers mit einer Hebung endet, weibliche (klingende) Kadenz, bei der ein Vers mit einer Senkung endet, und reiche (gleitende) Kadenz mit zwei Senkungen am Versschluss.

Kadenz in der Praxis

Die Kadenz ist unabhängig vom Reim, kann also auch bei reimlosen Gedichten bestimmt werden und dort eine wichtige Rolle spielen. Bei gereimten Gedichten ist sie wegen des Zusammenfallens mit dem meist regelmäßigen Reimschema wesentlich auffälliger.

Tendenziell sorgen männliche Kadenzen für deutlichere Pausen zwischen den Versen, was in Enjambements durch den Satzbau überspielt werden kann. Drei Hauptfälle sind zu unterscheiden: der regelmäßige Kadenzwechsel, ausschließlich männliche und ausschließlich weibliche Kadenzen.

Kadenzwechsel

Der häufigste Anwendungsfall ist der Kadenzwechsel von weiblich zu männlich in vierzeiligen kreuzgereimten Strophen, wie z.B. in Rilkes berühmten Panther. Eine witzige Verwendung des Kadenzwechsels von Vers zu Vers zeigt Erich Mühsam in einem Dialog von Mann zu Frau, wobei die Frau mit der männlichen Kadenz das letzte Wort hat.

Ebenfalls ein Standard ist der Kadenzwechsel bei sechszeiligen Schweifreim-Strophen wie beispielsweise in Matthias Claudius’ Abendlied. Auch bei Paarreimen ist ein Kadenzwechsel innerhalb der Strophe möglich:

Im Frühling, als der Märzwind ging,
als jeder Zweig voll Knospen hing,
da fragten sie mit Zagen:
Was wird der Sommer sagen?
(Gustav Falke: Die Sorglichen)

Eine seltene Variante ist der Kadenzwechsel von einer Strophe zur anderen. Hier gibt es mit Jakob van Hoddis’ Weltende ein sehr bekanntes Beispiel.

Nur männliche Kadenzen

Bei trochäischen Versen, die sowohl mit einer Hebung beginnen als auch enden, kann dieses „Eingeschlossensein“ zwischen dem Versbeginn und der männlichen Kadenz zu einer bedrohlichen Stimmung beitragen, wie z.B. Gottfried Keller in Winternacht und Conrad Ferdinand Meyer in Schwüle zeigen.

Wie so oft muss die metrische Struktur nicht diesen Effekt haben. Christian Wagner nutzt das gleiche Metrum für ein komisches Gedicht über den Wochenkalender, wobei die ständigen Zeilensprünge und Zäsuren dazu ihren Teil beitragen.

Eine weitere Möglichkeit ist, die männlichen Kadenzen als Appell zu nutzen, indem man durchgängig den Zeilenstil nutzt:

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.
(Herwegh: Bundeslied für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein)

Den stockenden Charakter männlicher Kadenzen bei Enjambements demonstriert Nikolaus Lenau:

Als ein unergründlich Wonnemeer
Strahlte mir dein tiefer Seelenblick;
Scheiden musst ich ohne Wiederkehr,
Und ich habe scheidend all mein Glück
Still versenkt in dieses tiefe Meer.
(Nikolaus Lenau: Scheideblick)

Obwohl der Satzbau in Vers eins und vier eine Weiterführung verlangt, stockt durch die männliche Kadenz der Lesefluss.

Wird in einem Gedicht mit ausschließlichen männlichen Kadenzen der Jambus genutzt, führt das dazu, dass beim Enjambement der Vers im Jambus weiterfließt, der Übergang ist weicher als bei trochäischen Versen, wo es stets zum zeilenübergreifenden Hebungsprall kommt:

Da ist der allerärmste Mann
Dem Andern viel zu reich,
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt’s beide gleich.
(Ferdinand Raimund: Das Hobellied)

Nur weibliche Kadenzen

Mit ausschließlich weiblichen Kadenzen lassen sich tendenziell wegen des sanfteren Übergangs zum nächsten Vers nicht so starke Akzente setzen wie beim männlichen Gegenstück. Heinrich Heine zeigt jedoch in Lass die heilgen Parabolen … , dass durchaus auch in weiblichen Kadenzen Pfeffer stecken kann.

Heine variiert die Lautung der Schlusssilbe stark. Eine Gefahr ist nämlich, dass man durch immer gleiche Schlusssilben trotz ihrer Nichtbetonung Monotonie erzeugt:

Wer wusste je das Leben recht zu fassen,
Wer hat die Hälfte nicht davon verloren
Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren,
In Liebesqual, im leeren Zeitverprassen?
(August von Platen: Wer wüsste das Leben je zu fassen …)

Das gesamte Sonett besteht nur aus „-en“- und „-e“-Endungen. Wo Risiken sind, sind jedoch auch Chancen, denn hier ist die Monotonie Effekt: der resignative Unterton wird dadurch verstärkt.

Unregelmäßige Kadenzwechsel

Unregelmäßige Kadenzwechsel ermöglichen besondere Hervorhebungen, wenn eine Kadenz stark überwiegt. Bei Novalis ist das im Gedicht Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren … besonders eindeutig, weil nur die beiden Schlussverse männliche Kadenzen enthalten. In Ringelnatz’ witzigem Gedicht Heimatlose muss man schon genauer hingucken, um zu entdecken, dass nur der Meerschweinchen-Reim weibliche Kadenz hat. Solche Hervorhebungen durch Kadenzwechsel sollten in jedem Fall für eine Interpretation fruchtbar sein.

Kadenzen ohne Reime

Der Säemann säet den Samen,
Die Erd empfängt ihn, und über ein kleines
Keimet die Blume herauf –
(Matthias Claudius: An – als ihm die – starb)

Dieses Gedicht ist ohne Reime durch Metrum und Kadenz regelmäßig geformt. Jede Strophe hat zwei weibliche und eine männliche Kadenz, die den Schlusspunkt setzt.

Ist die Verteilung von männlichen und weiblichen Kadenzen in einem ungereimten Gedicht unregelmäßig, wie z.B. in Hölderlins berühmten Hälfte des Lebens, dann sollte man sehr genau hinschauen, inwieweit die Kadenzen an der Formung von Sinn und Rhythmus beteiligt sind. Dass sie nicht zufällig gestreut wurden, davon muss man bei guten Dichtern ausgehen.

Verwendete Literatur:
Christoph Hönig (2008): Neue Versschule, Paderborn: Wilhelm Fink

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016