Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Zäsur

Zäsur nennt man einen sinn- oder satzbaubedingten Einschnitt innerhalb eines Verses. Bei einigen Versmaßen ist die Zäsur auch Teil des Versbauprinzips, so beim Alexandriner, beim Hexameter und beim Pentameter.

Zäsur in der Praxis

Eine Zäsur im Vers hat eigentlich nur Sinn, wenn das Gedicht einem festen Versschema folgt, bei frei wählbaren Verslängen könnte man ja schlicht einen neuen Vers einsetzen lassen.

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.
(Goethe: Nähe des Geliebten)

In diesem Goethegedicht wird in den Langversen einerseits durch die Wiederholung am Anfang (Anapher), andrerseits durch die Zäsur die Intensität des Gefühlten gesteigert. Der Dichter hätte den ersten Vers auch auf zwei aufteilen können, aber das wäre eine ganz andere Lesart geworden, die Eile, mit der man den ersten langen Vers lesen muss, um dann beim kurzen etwas innehalten zu halten, trägt ebenfalls zur Intensität bei.

Es schlug mein Herz; geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
(Goethe: Willkommen und Abschied)

Diese Eingangsverse des bekannten Sturm-und-Drang-Liebesgedichts erhalten durch die Zäsuren nach der jeweils zweiten Hebung, etwas Atemloses, dass wiederum dem Inhalt entspricht. Statt in einem ruhigen vierhebigen Jambus wie in Vers drei und vier dahinzufließen, bekommen die Verse durch die Zäsur einen ganz anderen Charakter.

Wir holen sie ein auf jenen Höhn
Im Sonnenschein, der Tag ist schön.
(Rückert: Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen ... )

Ein noch stärkere Möglichkeit, den Verscharakter zu ändern, ist das Einsetzen eines Zäsurreims, der zu den Binnenreimen gehört. Hier soll offensichtlich etwas besonders herausgehoben werden.

Zu weiteren Praxisbeispielen der Zäsur, siehe die Artikel unter Alexandriner, Hexameter und Distichon.

Verwendete Literatur:
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016