Unterm Lyrikmond

Gedichte lesen und hören, schreiben und interpretieren

Praxislexikon Lyrik

Lyrisches Ich

Das lyrische Ich ist die unmittelbare Stimme des Gedichts, die keine Rolle einnimmt und nicht identisch ist mit dem Autor.

Lyrisches Ich in der Praxis

Jeder sagt „Ich“, Ich sind also alle, doch Ich kann immer nur einer sein. Wer es ist, hängt von der Sprechsituation ab. Das ist im richtigen Leben so und eben auch im Gedicht. Das Besondere im Gedicht besteht darin, dass es zumeist fiktional und das sprechende Subjekt im Normalfall nur eine Stimme im Kopf des Lesers ist. Deshalb nimmt man das Subjekt so, wie es sich im Text präsentiert, es lebt so lange wie das Gedicht, es ist ein lyrisches Ich.

Das lyrische Ich funktioniert für beide Seiten des Gedichts. Der Autor kann sich auf eine Art ausdrücken, die auch Teil seiner Persönlichkeit ist, aber darüber hinausgeht, variiert und fiktionalisiert. Der Leser wiederum kann ein Gedicht interpretieren und verstehen, ohne den Autor kennen oder überhaupt auf die reale Person des Autors Rücksicht nehmen zu müssen.

Ein Beispiel dafür ist An den Tod von Matthias Claudius, wo in einer scharfen Form die Zustände der Zeit kritisiert werden. Diese Schärfe, Anderen den Tod zu wünschen, ist für den Dichter sehr ungewöhnlich. Es mag ein Charakterzug von ihm sein, der nicht oft zum Vorschein kam oder eben nur ein Phantasie-Ich. Das ist für den Leser unerheblich, wenn er das Ich als lyrisches Ich annimmt und es somit nur nach dessen Worten beurteilt.

Es ist nicht notwendig, dass tatsächlich das Wörtchen „Ich“ im Text auftaucht [vgl. Reallexikon 2007-2: 509]. Das Subjekt des Textes kann auch durch „Wir“ (Beispiel: Hart stoßen sich die Wände in den Straßen … von Wilhelm Lotz)  oder „du“ (als Selbstanrede oder Anrede eines Anderen, siehe Beherzigung von Goethe) gesetzt werden oder eben einfach dadurch, dass das Gedicht eine individuelle Stimme hat, durch die man auf das Subjekt schließen kann (Das Jahr endet von Georgi Kratochwil). Das kann mal mehr, mal weniger ergiebig sein. Im letzteren Falle (z.B. in Der römische Brunnen von Conrad Ferdinand Meyer) ist die Konstruktion eines lyrischen Ichs keine Hilfe für eine Interpretation, muss also auch nicht explizit abgehandelt werden.

Andrerseits kann ein „Ich“ im Text platziert sein, es sich aber trotzdem nicht um ein lyrisches Ich handeln. Am einfachsten zu sehen in Dialoggedichten, wo es zwei „Ichs“ gibt, aber auch in Rollengedichten, bei denen entweder eine Person genannt wird (Die Mutter bei der Wiege von Matthias Claudius) oder aus dem Text zu schließen ist, dass der Autor in eine Rolle schlüpft (Monstershow von Samson Cvetkovic).

Ein Spezialfall ist das Ich in Gelegenheitsgedichten, die tatsächlich eine persönliche Botschaft des Dichters an jemanden darstellen, wie z.B. in einem Geburtstagsgedicht (An Frau Rebekkas Geburtstag von Matthias Claudius, wo das Ich durch ein „Wir“ festgelegt wird).

Historisch gesehen ist das lyrische Ich mit dem Aufkommen der Erlebnisdichtung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbunden. Bei Gedichten, die etwa dem Barock zuzuordnen sind, ist eher davon auszugehen, dass ein Ich keine subjektive, sondern eine allgemeingültige Position sein soll. Hier wäre der Begriff des lyrischen Ichs also fehl am Platze.

Zusammengefasst: Das lyrische Ich bot und bietet sowohl dem Dichter als auch dem Leser Chancen, durch das Schreiben oder Interpretieren ein Subjekt zu erschaffen, das unabhängig von der Person des Autors ist. Dabei darf man sich nicht von tatsächlich im Text vorhandenen oder nicht vorhandenen Personalpronomen verwirren lassen. Entscheidend dafür, ob ein lyrisches Ich, eine Rolle oder der Autor selbst spricht, ist – wie im richtigen Leben – die durch den Text zu erschließende Sprechsituation

Verwendete Literatur:
Klaus Weimar (Hrsg.) (2007): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 2 (3.Auflage), Berlin: Walter de Gruyter
Uwe Spörl (2004): Basislexikon Literaturwissenschaft, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 12.01.2017