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Claudius: Abendlied

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Interpretation: Abendlied

Bevor ich zur Interpretation komme, möchte ich noch auf einige Anleihen hinweisen, die Matthias Claudius bei anderen Gedichten gemacht hat. Bekannt ist, dass er sich an dem Gedicht Nun ruhen alle Wälder von Paul Gerhardt orientiert hat. Zwei weitere mögliche Inspirationsquellen sind in Annelen Kranefuss, Die Gedichte des Wandsbecker Boten (S. 84f) erwähnt. Und ich habe auch noch eine Entdeckung gemacht.

Zuerst zu Paul Gerhardts Nun ruhen alle Wälder: Das Abendlied folgt der inhaltlichen Struktur von Gerhardts Gedicht. Es wird Abend, das Tagewerk ist vollbracht, die Gedanken gehen zu Gott, eine gedankliche Verbindung von Schlaf und Tod wird hergestellt, und am Schluss legt man sich nieder und empfiehlt sich dem Herrn.

Ganz nahe kommen sich die beiden Gedichte an folgenden Stellen:

...

Der Tag ist nun vergangen,
Die güldnen Sterne prangen
Am blauen Himmelssaal;

...

Nun geht, ihr matten Glieder,
Geht hin und legt euch nieder,
Der Betten ihr begehrt;
Es kommen Stund und Zeiten,
Da man euch wird bereiten
Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

...

Auch euch, ihr meine Lieben,
Soll heute nicht betrüben
Ein Unfall noch Gefahr.
Gott lass euch selig schlafen,
Stell euch die güldnen Waffen
Ums Bett und seiner Engel Schar.

Annelen Kranefuss hat die eigenartige Formulierung „Und in der Dämmrung Hülle“ im Vossischen Musenalmanach von 1771 entdeckt. Dort erschien eine Übersetzung vom Thomas Grays Elegy Written in a Country Churchyard. In der Übersetzung heißt es:

Der Landschaft zitternd Bild sinkt in der Dämmrung Hülle,
Und durch die ganze Luft herrscht feierliche Stille.

Die vierte Strophe „Wir stolze Menschenkinder ...“ könnte nach Annelen Kranefuss von Heinrich Brocke inspiriert sein. In seinem Gedicht Das größte Laster (Vollständig nur in Google-Books) finden sich folgende Zeilen:

Ist auch von allen andern Sünden
Wohl eine größere zu finden
Als Gottes Ordnung zu verlassen
Und sich mit selbsterfundnen Künsten
Mit lächerlichen Hirngespinsten
Und eiteln Grillen zu befassen?

Und schließlich noch mein eigenes Fundstück. In einem alten evangelischen Gesangbuch findet sich ein Abendlied von Johannes Klaj mit den von mir etwas modernisierten Versen:

...

die Welt hat angeleget
ihr düsterschwarzes Kleid,
kein Baum ist, der sich reget,
in Wäldern weit und breit.

...

Jetzt aber zum „Original“: Die sechszeiligen Strophen haben das typische Schweifreimschema „aabccb“ mit Hebungsenden (männliche Kadenz) bei den Versen drei und sechs, während die Paarreime Senkungen am Schluss aufweisen (weibliche Kadenzen). Matthias Claudius nutzt damit die Eigenschaft weiblicher Kadenzen, sanfte Übergänge bei Zeilensprüngen (Enjambements) zu unterstützen, während die männlichen Kadenzen an den Satzenden stehen und damit für mehr Nachdruck und kleine Pausen sorgen.

Bis auf wenige Ausnahmen sind die Verse im Wechselspiel Senkung-Hebung, also als Jambus gebaut. Dabei weist das metrische Schema in allen Strophen eine Besonderheit auf: Die Schlussverse sind vierhebig, während alle anderen Verse drei Hebungen haben. Damit wird der Schweifreim etwas hinausgezögert und erhält noch mehr Gewicht. Es ist ungefähr so, als ob der Prediger von seinem Manuskript jeweils auf- und in die Runde sieht, womit ich beim Inhalt angekommen bin.

Ich war schon ewig nicht mehr in einer Kirche, aber genau so wie dieses Gedicht stelle ich mir die perfekte Predigt vor. Zuerst erzählt der Prediger etwas, es klingt sehr schön, aber keiner weiß, worauf er hinaus will (Strophe eins und zwei). Dann kommt die Wendung zu einer Erkenntnis (Strophe drei) und ein bisschen Kanzeldonner (Strophe vier), damit auch jeder wach wird. Schließlich wendet sich der Prediger mit direkter Ansprache an den Herrn und bittet stellvertretend für alle um den rechten Lebenswandel (Strophe fünf) und einen leichten Tod, der in den Himmel führt (Strophe sechs). Mit einem überraschenden Schlenker zum kranken Nachbarn (Strophe sieben), womit das Thema Nächstenliebe als Schlusspunkt in den Köpfen verankert wird, endet die Predigt.

Dieser Predigtcharakter ist sicher zur Zeit der Veröffentlichung des Gedichts 1779 wesentlich höher geschätzt worden als heutzutage. Jetzt käme man auch ohne die Strophen vier bis sechs aus. Das Gedicht wurde mehrfach vertont, doch das erklärt nicht, warum es über Jahrzehnte und Jahrhunderte so oft in Lyriksammlungen erschien. Was sind also auch heute noch die Qualitäten des Textes?

Das Bild der ersten Strophe hat zweifellos einen großen Anteil am langjährigen Erfolg des Gedichtes. Es spricht das innere Augen des Lesers an und bietet sprachlich einen harmonischen Rahmen. Die a-Laute dominieren und gleiche Wortanfänge bei Hebungssilben (Alliterationen) werden ab Vers drei intensiv genutzt. Vor allem der vierte Vers mit seinen langen Vokalen sorgt für ein betuliches Tempo der Strophe.

Interessant ist das Verhältnis von Gleichem und den Variationen dazu. So beginnen Vers eins und zwei mit der Kombination von bestimmten Artikel und Satzsubjekt, dies wird in Vers vier aufgenommen, aber dann rechtzeitig, bevor es langweilig würde, in Vers fünf durchbrochen. Ebenso liegt die Hauptbetonung in den ersten vier Versen auf der ersten Hebung, Vers fünf variiert wiederum mit der Betonung auf „Wiesen“.

Das angebotene Bild ist jedoch nicht nur harmonisch. Wenn ich mir „Der Wald steht schwarz und schweiget“ als erste Zeile vorstelle, steckt darin etwas Bedrohliches, das nur dadurch nicht zum Ausdruck kommt, weil dieser Satz erst nach dem Himmelsbild folgt. Es bleibt jedoch der Kontrast zwischen dem himmlischen „hell und klar“ und dem irdischen „schwarz“.

Da ich hier bereits über das sinnliche Bild hinaus gehe und himmlische und irdische Sphären gegenüber stelle, erscheint das „wunderbar“ nicht nur als sinnlicher Eindruck vom aufsteigenden Nebel, sondern im Zusammenhang mit dem Gesamtthema des Textes auch als symbolischer Aufstieg in den Himmel.

In der zweiten Strophe wendet sich der Text langsam vom Sinnlichen ab zu einem Vergleich hin. In der Lautstruktur treten nun vermehrt i-Laute auf mit dem Schlusspunkt der direkten Ansprache des Lesers oder Hörers durch „ihr“.

Das Wort „Jammer“ erinnerte den damaligen Leser mit Sicherheit ans „Jammertal“, durch das er im Leben schreiten musste, eine aus der Luther-Bibel bekannte Wendung. Für den heutigen Leser weckt die „stille Kammer“ Erinnerungen an „des Todes Kammer“ aus einem späteren Claudius-Gedicht. Allerdings war auch damals schon die Nähe von Schlaf und Tod im Bewusstsein verankert.

Mit der dritten Strophe bindet die Stimme des Gedichtes den Leser nun vollends mit einer rhetorischen Frage ein. Durch das Beispiel des Halbmonds wird anschaulich erklärt, dass es mehr gibt auf der Welt, als das, was man sieht bzw. was wir sehen, denn die Stimme bezieht sich durch das „wir“ im fünften Vers eindeutig mit ein.

Wenn man die Strophe sehr betont liest, dann fällt eine gewisse Eindringlichkeit auf, weil im Gegensatz zu den Vorstrophen, die Platzierung der Hauptbetonung nicht mehr variiert wird. Sie ist immer auf der zweiten Hebung, und dort herrscht das „o“ vor. Also auch hier wird wieder der Schwerpunkt der Lautstruktur verändert. Dadurch bleibt der Klang lebendig.

Nachdem das „wir“ etabliert wurde, spricht die Stimme des Gedichtes in Strophe vier nun im Namen aller „Menschenkinder“. Was in der Vorstrophe bildlich angedeutet wurde, wird ausgebaut zu einem Angriff auf das menschliche Wissen. Die Einfügung von „eitel arme Sünder“ ist der erste explizite Schritt zum Predigervokabular. Was das „Ziel“ ist, wird in den folgenden Strophen unmissverständlich dargelegt.

Die Strophen fünf und sechs sind endgültig die eines Predigers, der für die Gemeinde Gott anruft bzw. zu ihm betet. Dass hier Wichtiges passiert, lässt sich auch an den Verschiebungen im Metrum ablesen. Matthias Claudius ist bereit, für seine Botschaft die Regelmäßigkeit zu durchbrechen.

Im ersten Vers von Strophe fünf – „Gott, lass uns dein Heil schauen,“ – und im letzten der sechsten Strophe – „Du unser Herr und unser Gott!“ – nutzt der Dichter eine Akzentverschiebung. Aus „xXxX“ wird „XxxX“. Bei der ersten Hebungsumstellung konkurrieren „dein“ und „Heil“ um die Hebung, was dazu führt, dass „dein“ besonders betont werden muss. Im vierten Vers – „Lass uns einfältig werden,“ – lässt sich das metrische Schema nur durch Tonbeugung aufrechterhalten: „einfältig“ muss auf der zweiten Silbe gehoben werden, was ein wenig einfältig klingt.

Vers fünf – „Und vor dir hier auf Erden“ – ist ein wenig rätselhaft. Die vier Einsilber lassen im Prinzip jede Lesart zu, nicht nur die metrisch gebotene. Allerdings wenn Matthias Claudius das „dir“ mit einer Hebung hätte versehen wollen, wäre das durch „Vor dir hier auf der Erden“ einfach möglich gewesen, also muss wohl das übliche Metrum mit Hebungen „vor“ und „hier“ beabsichtigt sein.

Der Wunsch „Lass uns einfältig werden“ ist nicht als Wunsch nach Dummheit zu verstehen. In Grimms Wörterbuch ist zwar diese Deutungsvariante auch enthalten, doch werden als Charakterisierung eher „schlicht, redlich, unschuldig“ angeben und mit einigen Bibelstellen unterlegt. Die Kombination „einfältig“, „fromm und fröhlich“ schließt nicht aus, sich um Wissen zu bemühen. Einfältig ist eher als einseitig im Sinne der ersten drei Verse gemeint: Die Konzentration auf Gott und das Nichtanklammern ans Irdische, denn das Ziel ist der Himmel und das ewige Leben, wie die sechste Strophe darlegt.

Auf diese Strophe hat Matthias Claudius hingearbeitet. Dass der Tod Thema wird, ist bereits in den ersten zwei Strophen wie beschrieben angedeutet. Jetzt bittet die Stimme des Gedichtes stellvertretend für alle um einen „sanften Tod“ und einen Platz im Himmel.

Auffällig ist: Matthias Claudius reimt „Tod“ auf „Gott“, was nicht aufgeht. Zwar stehen Leben und Tod in der Allmacht Gottes, doch wird durch den unreinen Reim angedeutet, dass der Tod auch etwas von Gott Abgetrenntes ist. Seine Überwindung durch das ewige Leben ist letztlich das Ziel der christlichen Religion.

In der letzten Strophe gibt es eine kurze Kehrtwende. Statt eines verbindenden „wir“ oder „uns“ heißt es nun „ihr Brüder“. Aus heutiger Sicht fehlen die Schwestern, doch Claudius lebte noch im Zeitalter des Patriarchats. Noch einmal greift er zu einer Akzentverschiebung in Vers drei, wo das erste Wort gehoben wird: „Kalt ist der Abendhauch.“

Das ist bemerkenswert, lässt es doch die erste Strophe noch mal anklingen, diesmal jedoch überwiegt das Bedrohliche der Umwelt: Kälte kann den Tod bedeuten. Doch dies ist ein willkommener Anlass wieder für alle an Gott zu appellieren. Nachdem in den vergangenen Strophen die große Frage von Leben und Tod abgehandelt wurde, und kurz vorher göttliche Strafen erwähnt werden, wirkt der letzte Vers, der für den „kranken Nachbar“ bittet, auf erleichternde Weise etwas komisch.

Der Ruhm des Gedichtes bis in die heutige Zeit basiert sicher eher auf den ersten Strophen als auf der folgenden deutlichen Predigt. Doch kann kein Zweifel bestehen, dass gerade diese dem Dichter wichtig war, denn der Anfang ist letztlich nur eine Brücke zu den religiösen Fragen, die das Gedicht behandelt. Neben der simplen Möglichkeit, dass gerade dieser wichtige Teil heute ignoriert wird, und so das Gedicht seinen Status behält, ist vielleicht auch die Sehnsucht nach Einfachheit, die das Gedicht thematisiert und die auch unabhängig von der Religion existiert, ein Faktor, der für den lang anhaltenden Erfolg des Textes spricht.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Zwei ausführliche Interpretationen des Abendliedes aus dem Netz scheinen mir empfehlenswert:

Norbert Tholen führt zuerst eine inhaltliche Analyse durch, bevor er auch auf das Formale des Gedichtes eingeht.

Das Referat eines unbekannten Autors bei e-hausaufgaben setzt sich ausschließlich mit inhaltlichen Aspekten auseinander, wobei auch Hintergrundwissen zur damaligen Zeit einfließt.