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Heine: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...

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Interpretation: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...

Ich glaube, Heine ist es mit diesem Gedicht gegangen wie einem, der zu oft Witze macht. Bald weiß niemand mehr, ob er es ernst oder komisch meint, und Ernstes wird komisch und Komisches ernst genommen. Dabei hat Heine es nicht an Hinweisen fehlen lassen, dass ihm die ganze Geschichte nicht besonders ernst war. Doch spätestens nachdem das Gedicht von Friedrich Silcher völlig ironiefrei vertont wurde, hatte der Ironiker Heine verloren und den Ruhm für einen Klassiker des deutschen Liedguts gewonnen.

Heutzutage ist das Gedicht unter dem Stichwort Loreley bekannt, doch zu Heines Zeiten trug es als Titel nur eine Nummer. Die Betitelung auf dieser Website „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“ dient nur dazu, das Gedicht indexier- und anklickbar zu machen. Das heißt aber auch, dass bis zum Schluss dem Leser gar nicht klar war, um welches „Märchen aus alten Zeiten“ es ging. Und damit fängt es schon an: Das Märchen ist keins. Der Lorelei-Mythos ist eine Erfindung des Vorzeigeromantikers Clemens Brentano. In seinem Roman Godwi veröffentlichte er 1801 ein Gedicht Zu Bacherach am Rheine über eine Zauberin namens Lore Lay, die viele Männer in Liebeswirren „zu schanden“ machte.

Ob Heine wusste, dass es sich bei der Lorelei nicht um „ein Märchen aus alten Zeiten“ handelte, sondern um eine relativ neue romantische Erfindung, ist unklar. Alisa Diering, die die Entstehungsgeschichte des Heine-Gedichtes umfassend erforscht hat, hält sein Wissen um die Brentano-Version für sehr wahrscheinlich.

Der Leser weiß in jedem Fall noch nicht, um welches angebliche Märchen es geht. Ihm wird jedoch durch das am Volkslied orientierte Metrum suggeriert, dass hier tatsächlich eine alte Geschichte erzählt wird. Die Verse beginnen jeweils mit einer Senkung und haben drei Hebungen pro Vers, wobei dazwischen die Zahl der Senkungen variiert (Füllingsfreiheit). Auch der Kreuzreim mit abwechselndem Senkungs- und Hebungsende (weibliche und männliche Kadenz) ist typisch Volkslied.

In der zweiten Strophe geht das Versteckspiel weiter, denn Heine hält das Gedicht in der Schwebe. Erst eine Strophe später wird klar, dass nicht das lyrische Ich am Rhein sitzt, sondern dies schon die Einleitung für das „Märchen“ war.

Die Beschreibung der „Jungfrau“ in den Strophen drei und vier steckt voller „Fehler“ oder Übertreibungen. In drei Versen hintereinander wird „Gold“ produziert („goldnes Geschmeide … goldenes Haar … goldenem Kamme“). Dafür würde man normalerweise ein dickes, fettes, rotes „Wdh.“ kassieren. Unter dem Stichwort künstlerische Freiheit betrachtet würde ich dies als Übertreibung einstufen.

Die Verbformen „sitzet“ und „blitzet“ und ganz besonders „Melodei“ sind ein auf alt getrimmter Sprachgebrauch. Die Wiederholung am Anfäng (Anapher) „Sie kämmt …“ imitiert das Formelhafte alter Märchen. Gegen diese heile Märchenwelt kontrastiert der verunglückte Reim von „Kamme“ auf „wundersame“.

In der fünften Strophe wiederholt Heine Stilmittel aus den Vorstrophen. Der Vers „Den Schiffer im kleinen Schiffe“ klingt nach der Formel „Sie kämmt es mit goldenem Kamme“ und wieder erscheint eine Anapher: „Er schaut …“

Nachdem Heine den Leser sprachlich in die Märchenwelt geführt bzw. verführt hat, kommt in der Schlussstrophe der Bruch: „Ich glaube, die Wellen verschlingen“. Bei der sich anbahnenden Katastrophe heißt es plötzlich „Ich glaube“. War nicht die Rede davon, dass dem lyrischen Ich das Märchen „nicht aus dem Sinn“ kommt? Und dann erinnert es sich beim Höhepunkt der Geschichte nur mit einem „Ich glaube“? Überhaupt: Was macht diese eher umgangssprachliche Formel „Ich glaube, das war soundso“ in einem Gedicht über ein Märchen, wo doch Heine vorher so viel Wert darauf gelegt hat, den Leser sprachlich ins Märchenhafte zu geleiten?

Das Gleiche gilt für „Kahn“ und „Singen“: Aus dem „kleinen Schiffe“ ist ein prosaischer „Kahn“ geworden, die „gewaltige Melodei“ wird statt mit „großem Gesange“ durch bloßes „Singen“ gewürdigt. Und nachdem Heine solchermaßen die Luft aus dem aufgeblasenen Märchen gelassen hat, erfährt der Leser endlich um wen es hier geht: die „Lore-Lei“, den von Brentano erfundenen Mythos.

Dabei ist es für mich schon egal, ob Heine wusste, dass die Lorelei kein altes Märchen ist. Mit den sprachlichen Mitteln, die er angewandt hat, steht für mich fest, dass er nicht ernsthaft eine alte Geschichte neu erzählen, sondern seinen Schabernack mit der Vorliebe der Romantiker für alte Volksmärchen treiben wollte. Das oft zitierte „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / Dass ich so traurig bin“ gehörte somit zur einstimmenden Tarnung und soll nicht wirklich eine traurige Stimmung vermitteln, denn das Ich weiß anscheinend nicht mal genau, wie das Märchen ausging.

Es gibt etwas, das gegen die Interpretation des Komödianten, der die Ernsthaftigkeit nur vorspielt, sprechen könnte: die Einreihung des Gedichtes in zwei Gedichtzyklen. In der ersten Veröffentlichung 1824 als Drei und dreißig Gedichte von Heinrich Heine in einer Zeitung mit dem wunderschönen Titel Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz ist die Loreley der erste Text. Danach folgen einige Liebeskummergedichte. Das lyrische Ich weiß also ganz genau, warum es traurig ist. Ich würde das Einleitungsgedicht deshalb eher als Hinweis darauf sehen, dass der Autor auf die Fiktionalität seiner Trauer um die verlorene Liebe hinweist – ein Märchen halt.

Bei der zweiten Veröffentlichung im Buch der Lieder 1827 heißt der Zyklus Die Heimkehr und die Lorelei ist Nummer zwei. Im Gedicht davor heißt es am Schluss:

Ich, ein tolles Kind, ich singe
Jetzo in der Dunkelheit;
Ist das Lied auch nicht ergötzlich,
Hat’s mich doch von Angst befreit.

Beziehe ich dies auf das folgende Lorelei-Lied, wird es als eine Art Kindergesang angekündigt, der zwar nicht vergnüglich sein soll, aber befreiend wirkt. Nun kann befreiend wirken, dass es dem „Schiffer im kleinen Schiffe“ auch nicht gut ergangen ist mit einer Frau, denn das ist wieder Thema des Zyklus’. Dagegen spricht jedoch der Bruch im Gedicht, dass sich das lyrische Ich nur ungefähr an den Schluss erinnert. Aber es kann auch befreiend wirken, dass das lyrische Ich dem Leser einen Streich spielt, indem er ihm angeblich ein altes Märchen auftischt.

Auch das spricht nicht für ein „Kummergedicht“, wie es die berühmten ersten Verse nahe legen. Von daher bin ich der Meinung, dass sich Heine, der berühmt dafür war, Gedichte ironisch zu unterwandern, in seinem eigenen Netz von Ernsthaftigkeit und Komik verstrickt hat: Was komisch gemeint war, wurde sehr ernst genommen, und falls er es doch ernst meinte, dann wirkt es eher komisch.

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Die Analyse bei noberto42 findet auch viele der hier aufgeführten Eigentümlichkeiten des Gedichtes, bleibt aber bei der ernsthaften Betrachtungsweise, ist also ein hervorragendes Kontrastprogramm zur Interpretation hier. Außerdem werden viele Links zu weiterführenden Seiten angeboten.