Unterm Lyrikmond

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Praxislexikon Lyrik

Kreuzreim

Beim Kreuzreim reimen der erste und der dritte Vers sowie der zweite und vierte. Das Reimschema ist abab. Ein halber Kreuzreim liegt vor, wenn zwei der Verse nicht reimen. Das Reimschema ist dann xaxa (x=Waise).

Kreuzreim in der Praxis

Nach einer Erhebung von Horst J. Frank beruhen die drei beliebtesten Strophenformen nach 1770 auf einem Kreuzreim und sind allesamt vierzeilig. An der Spitze steht der jambische Dreiheber [vgl. Frank 1993: 106], gefolgt vom trochäischen Vierheber [vgl. Frank 1993: 180] und seinem jambischen Gegenstück [vgl. Frank 1993: 148]. Gemeinsam ist ihnen, dass der Kreuzreimwechsel jeweils von weiblicher zu männlicher Kadenz erfolgt, am Schluss der Strophe also eine betonte Silbe steht.

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum;
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.
(Wilhelm Müller: Der Lindenbaum)

Diese bekannten Verse zeigen, warum der Wechsel von weiblicher zu männlicher Kadenz beim Kreuzreim bevorzugt wird oder er sich sogar ganz automatisch aus dem Inhalt heraus ergibt. Die Schlussbetonung der männlichen Kadenz verstärkt durch ihre stärkere Tendenz zur Pause die Teilung in zwei Sinnabschnitte bzw. die Kennzeichnung des Abschlusses der Strophe, während die weiblich Kadenz mit unbetontem Schluss eher „weiche“ Übergänge zum nächsten Vers schafft.

Schließ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.
(Eichendorff: Die Nachtblume)

Eichendorff macht es genau anderes herum. Er lässt sein Gedicht im Kreuzreim mit einer weiblichen Kadenz ausklingen und nutzt die männliche Kadenz in der vorletzten Zeile zum Spannungsaufbau. Zu beachten fürs Schreiben und Interpretieren von Gedichten ist, dass die Kadenzen stark abhängig davon sind, was inhaltlich geboten wird.

Lass die heilgen Parabolen,
Lass die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.
(Heine: Lass die heilgen Parabolen ...)

Heine nutzt hier den halben Kreuzreim – Vers eins und reimen nicht – und ausschließlich weibliche Kadenzen, aber von weichen Übergängen keine Spur. Stattdessen hilft die immer gleiche unbetonte Schlusssilbe dabei, Monotonie zu erzeugen, das Stakkato zu verstärken.

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.
(Gottfried Keller Winternacht)

Bei dieser Kreuzreimstrophe werden nur männliche Kadenzen genutzt. Zusammen mit dem Zeilenstil und der Hebung zu Beginn eines jenes Verses ergibt sich eine starre, in sich abgeschlossene Welt. 

Zusammengefasst: Der Kreuzreim allein schafft keine Bedeutung, selbst die genutzte Kadenzenstruktur sagt noch nichts über die Wirkung aus. Erst das Wortmaterial und der Sinn erzeugen im Zusammenspiel mit den formalen Merkmalen Interpretationsansätze, in denen der stete Wechsel des Keuzreims eine Rolle spielen kann.

Verwendete Literatur:
Horst J. Frank (1993): Handbuch der deutschen Strophenformen, Stuttgart: Francke Verlag 1993
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 13.08.2016