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Storm: Meeresstrand

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Interpretation: Meeresstrand

Der Husumer Theodor Storm ist einer der Meeresexperten unter den Dichtern. Mit diesem Gedicht hat er eine beeindruckende Abendstimmung am Meer vorgelegt, die den Leser zum In-sich-gehen einlädt.

Wie immer zuerst etwas zum formalen Rahmen: Storm handhabt bei diesem Gedicht die Form relativ frei. Die Vierzeiler reimen nur jeweils auf Vers zwei und vier mit einer Schlusshebung (männliche Kadenz). Das Versmaß ist unregelmäßig bei drei Hebungen pro Vers. Es dominieren die Versanfänge mit einer Senkung und dann abwechselnd Hebung-Senkung, also jambische Verse, wobei immer wieder auch zwei Senkungssilben zwischen den Hebungen verwendet werden.

Inhaltlich ist das Gedicht zweigeteilt. Erst beschreibt die Stimme des Gedichtes, was es sieht, dann explizit als lyrisches Ich, was es hört. Der dritte Teil – was es fühlt – bleibt dem Leser überlassen.

Die ersten beiden Strophen haben inhaltlich eine ähnliche Struktur. Zuerst wird Bewegung beobachtet, dann eine diffuse statische Landschaft. Über den gesamten ersten Teil hinweg geht der Blick vom Meer in unmittelbare Nähe des Strands (Haff, Watten) hinaus auf die vorgelagerten Inseln. Der gespiegelte Abendschein und der Vergleich der Inseln mit Träumen erzeugen eine besinnliche Stimmung.

Interessant ist, dass Storm die Freiheiten des Metrums zu einer Klammer nutzt, die die beiden ersten Strophen von den folgenden trennen. Vers eins und zwei beginnen mit einer Senkung, Vers drei und vier mit einer Hebung. In der zweiten Strophe wird dieses Schema gespiegelt: Vers fünf und sechs Hebungsanfang, Vers sieben und acht Senkungsanfang. Dass hier ein abgeschlossener Teil steht, wird durch den Reim auf „Meer“ im achten Vers unterstützt, der durch seine Hebung einen abschließenden Charakter hat.

Ebenso eindeutig als Neuanfang ist der erste Vers von Strophe drei gesetzt. Ein „Ich“ wird eingebracht, und nun geht es ums Hören, während die beiden Vorstrophen die stille Natur beschrieben. Auch das Metrum ist zuvor nicht verwendet worden. Das Schema von Vers 9 - xXxxXxxXx – ist ein besonders Musikalisches: ein dreihebiger Amphibrachys (xXx). Hier wirken die Amphibrachen durch die langen Vokalen ö und ä eher getragen.

Die besinnliche Stimmung wird nun melancholisch. Ein dunkler o-Laut dominiert die Strophe. Was das lyrische Ich hört, ist ein „geheimnisvoller Ton“. Er kann vom Ich anscheinend nicht weiter erklärt werden. Dazu ein „einsames Vogelrufen“. Dadurch wird das Alleinsein des Ichs hervorgehoben. Der Schlussvers der dritten Strophe erweitert dies zu einer allgemein gültigen Situation: Die Vereinzelung des Menschen in der Natur, die sich ihm durch ihre Geheimnisse entzieht.

Vertieft wird diese existenzielle Konstellation dadurch, dass nun der Wind zum Erliegen kommt. Es dunkelt und es ist still. Und in dieser Stille, in der das Ich seinen Gedanken nachhängt, hört es nun von draußen auf dem Meer („über der Tiefe“) Stimmen. Man könnte diese Stimmen durch Rufe von Schiffen erklären, die in der Stille hörbar werden. Aber eigentlich ist es gleich, wie man diese Stimmen durch natürliche Erscheinungen erklärt, sie sind geisterhaft, körperlos. Die Wirklichkeit ist unwirklich geworden.

Am Schluss des Gedichtes demonstriert Storm, dass eine männliche Kadenz im Gegensatz zu jener der zweiten Strophe genauso gut als offenes Ende taugt, denn die beiden letzten Verse mit ihrem geisterhaften Inhalt fordern geradezu den Leser heraus, das Gedicht weiter zu spinnen.

Storm ist mit dieser Beschreibung einer Abendstimmung am Strand gelungen, den Leser ganz sacht darüber hinaus zu führen. Sein Abend ist mehr als der Übergang vom Tag zur Nacht, es ist ein existenzieller Abend, der zum Nachdenken über Leben und Tod veranlasst. Auf der einen Seite der vereinzelte Mensch, auf der anderen Seite die dunkle Tiefe. Was ist dort?

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Eine sehr ausführliche Analyse des Gedichtes Meeresstrand bietet die Website anima mundi.

In der Lerntippsammlung findet man Informationen zur Epoche des Realismus, der Storm zugerechnet wird, und eine Untersuchung des Textes unter dem Gesichtspunkt, in wie weit dieser in den Realismus passt.