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Praxislexikon Lyrik

Jambus

Der Jambus (Mehrzahl: Jamben; Adjektiv: jambisch) ist ein zweisilbiger Versfuß, der mit einer Senkung beginnt und einer Hebung schließt, Schema: xX. Er ist der meistgenutzte Versfuß in deutschsprachigen Gedichten [vgl. Hönig 2008: 50]. Der Jambus ist Baustein vieler traditioneller Verse (Alexandriner, Blankvers), Strophen (Stanze, Terzinen) und des Sonetts.

Jambus in der Praxis

Der Jambus entspricht eher der deutschen Satzstruktur als der Trochäus [vgl. Knörrich 2005: 108]. Jambische Verse sind somit leichter zu bauen. Ein weiterer Vorteil gegenüber dem Trochäus beim Schreiben eines Gedichtes ist die höhere Silbenzahl, da der Jambus um eine (alleinstehende) Senkung erweitert werden kann (hyperkatalektischer Vers). Ein dreihebiger jambischer Vers mit weiblicher Kadenz hat sieben Silben (xXxXxXx), der Trochäus nur sechs (XxXxXx), bei männlicher Kadenz ist der Verhältnis sechs (xXxXxX) zu fünf (XxXxX). Auch dies fördert einen eher natürlichen Satzbau.

Verschiedentlich wurde versucht, dem Jambus gewisse Grundeigenschaften zuzuschreiben. So wird seine Wirkung mit „Bewegung beim einfachen Gehen: leicht bewegt“ [Hönig 2008: 14] und als „ausgeglichener“ und „schmiegsamer“ als der Trochäus beschrieben [Kayser 1999: 27]. Das liegt sicher auch daran, dass er nicht wie der Trochäus einen Hebungsprall über die Versgrenze hinweg erzeugen kann. Endet ein jambischer Vers mit einer Hebung (männliche Kadenz), folgt ja zu Beginn des nächsten Verses eine Senkung, während beim Trochäus wieder eine Hebung folgte.

Man kann dem Jambus in der Interpretation keine feste Bedeutung oder Wirkung über alle Gedichte hinweg unterstellen. Wie immer kommt es auf den Inhalt an, der die Versfüße zum Laufen oder Stocken bringt. Eine Bemerkung wert in einer Interpretation wäre seine Verwendung jedoch bei modernen Autoren in freien Versen, was die Anknüpfung an Traditionen mitschwingen lässt, oder seine Nichtverwendung z.B. im Sonett, also in Formen, in denen er traditionell Standard ist.

Zu beachten bei einer Interpretation eines jambischen Gedichtes sind in jedem Fall Akzentverschiebungen, also Verse die ausnahmsweise mit einer Hebung beginnen. Diese dienen im Normalfall dazu, etwas hervorzuheben oder eine inhaltliche Zäsur anzuzeigen.

Verwendete Literatur:
Christoph Hönig (2008): Neue Versschule, Paderborn: Wilhelm Fink
Wolfgang Kayser (1999): Kleine deutsche Versschule (26. Aufl.), Tübingen und Basel: A. Francke Verlag
Otto Knörrich (2005): Lexikon lyrischer Formen (2. überarb. Aufl.), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

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Autor: Hans-Peter Kraus, Version vom 29.12.2016