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Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren ...

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Interpretation: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren ...

Zum formalen Aufbau des Gedichts: Die Verse sind paargereimt mit Senkung am Schluss (weibliche, klingende Kadenz). Ausnahme: Die beiden letzten Verse, die mit einer Hebung enden (männliche, stumpfe Kadenz). Diese Trennung zeigt sich auch in den Schlusskonsonanten: Die weiblichen Schlüsse enden alle auf dem weichen n, die männlichen auf das harte t. Bei den weiblichen Endungen sorgen die Wechsel der Vokale der vorletzten Silbe, die betont ist, mitsamt der folgenden Variationen bei den Konsonanten für Abwechslung. Das Versmaß ist jambisch, also steter Wechsel zwischen Senkungen und Hebungen beginnend mit einer gesenkten Silbe. Auch hier bilden die letzten beiden Zeilen wieder eine Ausnahme, da sie jeweils eine zweisilbige Senkung zulassen. Schema der Schlusszeilen: xXxXxxXxX / xXxxXxXxX. Die formale Abtrennung der beiden Schlusszeilen korrespondiert mit der inhaltlichen, denn hier wird die Schlussfolgerung mit „Dann“ gezogen.

Man könnte dieses Gedicht als Glaubensbekenntnis der Romantiker bezeichnen. Romantiker waren nicht in dem Sinne romantisch, wie wir das Wort heute verstehen, obwohl sie natürlich auf diese Art der Romantik nicht verzichten haben. Romantik als eine Strömung in der Literatur Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts basierte auf dem Gedanken, dass es mehr auf der Welt gibt als als Rationalität und Vernunft, mehr als „Zahlen und Figuren“. Wahrheit ist nicht nur durch Forschung der „Tiefgelehrten“ zu entdecken, sondern auch in „Märchen und Gedichten“. „Licht und Schatten“ bedingen einander wie Tag und Nacht. Ausführlich hat dies August Wilhelm Schlegel dargestellt:

„Auch unser Gemüt teilt sich wie die äußere Welt zwischen Licht und Dunkel, und der Wechsel von Tag und Nacht ist ein sehr treffendes Bild unseres geistigen Daseins. [...] Der Sonnenschein ist die Vernunft als Sittlichkeit auf das tätige Leben angewandt, wo wir an die Bedingungen der Wirklichkeit gebunden sind. Die Nacht aber umhüllt diese mit einem wohltätigen Schleier und eröffnet uns dagegen durch die Gestirne die Aussicht in die Räume der Möglichkeit; sie ist die Zeit der Träume.

Einige Dichter haben den gestirnten Himmel so vorgestellt, als ob die Sonne nach Endigung ihrer Laufbahn in alle jene unzähligen leuchtenden Funken zerstöbe: Dies ist ein vortreffliches Bild für das Verhältnis der Vernunft und Phantasie: In den verlorensten Ahnungen dieser ist noch Vernunft; beide sind gleich schaffend und allmächtig, und ob sie sich wohl unendlich entgegengesetzt scheinen, indem die Vernunft unbedingt auf Einheit dringt, die Phantasie in grenzenloser Mannigfaltigkeit ihr Spiel treibt, sind sie doch die gemeinschaftliche Grundkraft unseres Wesens.“

August Wilhelm Schlegel, Allgemeine Übersicht des gegenwärtigen Zustandes der deutschen Literatur, zitiert nach Lothar Pikulik: Frühromantik. Epoche – Werke – Wirkung, C. H. Beck, München 1992

Autor: Hans-Peter Kraus (Kontakt)
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Interpretationen im Web:

Bei der digitalen Schule Bayern (PDF) findet man das Gedicht nach allen Regeln der Wissenschaft zerlegt. Novalis würde sich im Grabe umdrehen, weil doch gerade das nicht seiner Intention entspricht.